Marcel Dabo wechselte zur ersten Saison der European League of Football zu den Stuttgart Surge, wo er einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Marcel Dabo wechselte zur ersten Saison der European League of Football zu den Stuttgart Surge, wo er einen bleibenden Eindruck hinterließ. Bild: Eibner-Pressefoto / Eibner Pressefoto
Interview

Vor NFL-Draft: Deutscher Spieler Marcel Dabo macht sich Hoffnung auf Vertrag: "Bin überzeugt, dass ich die Chance bekomme"

In seiner ersten Saison in der European League of Football (ELF) wurde Marcel Dabo als Defensive Rookie of the Year ausgezeichnet und außerdem auch ins All Star Team der ELF berufen. Nun macht er sich Hoffnung, beim NFL-Draft ausgewählt zu werden und Football-Profi in den USA zu werden.
28.04.2022, 11:2529.04.2022, 10:48
Kay Köppen
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In seiner Jugend spielte Marcel Dabo bei den Stuttgarter Kickers Fußball. Doch als er 2015 einen Schüleraustausch in den USA machte, änderte sich sein Leben grundlegend. Der damals 15-Jährige lernte American Football kennen und blieb auch nach seiner Rückkehr dem US-Sport treu.

Dabo spielte Football in Deutschland nicht nur als Hobby, sondern hatte einen Traum: die NFL. Und genau dieser Traum von einem Vertrag in der besten Football-Liga der Welt könnte für den 22-Jährigen in den kommenden fünf Tagen wahr werden.

Nach einigen Trainingscamps in den USA vor NFL-Scouts hofft er, einen guten Eindruck hinterlassen zu haben und beim am Donnerstag beginnenden Draft – der jährlichen Talenteauswahl der Liga – von einem Team gewählt zu werden.

"Für mich ist sowohl die NFL als auch der Lehrerberuf ein Plan A. Wichtig ist, dass ich später zufrieden bin mit dem, was ich mache."

Im watson-Interview spricht er über den Sprung europäischer Football-Spieler in die USA, den Alternativplan zur Profi-Karriere und für welches Team er in der NFL Sympathien hatte.

Watson: Herr Dabo, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag beginnt der dreitägige NFL-Draft. Wird es in den folgenden Tagen auch nur einen Moment geben, in dem Sie das Handy aus der Hand legen können?

Marcel Dabo: Ich denke nicht, dass ich das Handy zur Seite lege. Den Teams ist es wichtig, dass man erreichbar ist. Klar ist aber auch: Der Draft ist für mich eine riesige Option. Durch das International Player Pathway Program (IPP, d. Red.: Förderprogramm für nichtamerikanische Football-Spieler) konnte ich mich in den USA zeigen. Dadurch bin ich auch erst auf die Idee gekommen, beim Draft dabei zu sein.

Beim ProDay in Arizona hatten Sie ja schon die Gelegenheit, mit Scouts zu sprechen. Sind sie darüber hinaus von NFL Teams kontaktiert worden?

Die Scouts wollten erstmal viel über mich herausfinden. Ich habe kein College-Football gespielt und war deshalb bei ihnen überhaupt nicht auf dem Zettel. Deshalb haben sie ein paar Grundinformationen abgefragt: Woher komme ich? Wo spiele ich? Was ist meine Geschichte?

Das heißt: Sie können jetzt noch gar nicht so richtig einschätzen, was die NFL Teams von Ihnen halten?

Richtig. Es gab schon Fälle, bei denen Spieler gedraftet wurden und noch nie zuvor mit dem Team gesprochen haben.

Selbst für College-Spieler ist es ungewiss, ob sie den Sprung in die NFL schaffen. Für Europäer ist es noch schwerer. Wie schätzen Sie den Sprung von Europa in die NFL ein?​

Das Niveau in der NFL kann man nicht wirklich einschätzen. Jeder, mit dem ich spreche, sagt, dass es nochmal ein ganz anderes Niveau ist. Aber bis zum Saisonstart absolviert man mehrere Trainingscamps und ich glaube, dass die Teams einen Spieler dadurch sehr gut vorbereiten.

"Es kann sein, dass du in einem Jahr wieder draußen bist und zurückkommst. Es kann aber auch sein, dass du eine zehnjährige Karriere hast und nie wieder arbeiten musst."

Moritz Böhringer kam auch über das IPP und ohne College-Erfahrung in die NFL und stand bei den Minnesota Vikings und Cincinnati Bengals unter Vertrag. Er hat im watson-Interview gesagt, dass sich die fehlende College-Erfahrung bemerkbar gemacht hat.

Das mag auf jeden Fall sein. Der College-Football ist sehr professionell. Aber ich mache mir überhaupt keinen Kopf. Ich mache mein Ding. Ich weiß, was ich kann.

Wie schlimm wäre es, wenn Sie am Montag aufwachen und feststellen: 'Okay, ich bin nicht ausgewählt worden?'

Das wäre kein Problem für mich. Ich habe in den letzten zehn Wochen beim Trainingsprogramm vom IPP alles gegeben und jeden Faktor beeinflusst, den ich konnte. Jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand. Ich bin davon überzeugt, dass ich irgendwo die Chance bekommen werde.

Sie sind 22 Jahre alt, setzen jetzt auf den NFL-Draft. Was ist ihre Alternative zur Football-Karriere?​

Ich studiere in Tübingen, Lehramt Sport und Englisch. Ich bin jetzt im fünften Semester und werde, sofern es klappen sollte, wahrscheinlich erstmal ein Urlaubssemester machen.

Also lassen Sie sich nicht gleich exmatrikulieren?

Ich möchte erstmal schauen, wie es weitergeht. NFL steht auch für "not for long". Es kann sein, dass du in einem Jahr wieder draußen bist und zurückkommst. Es kann aber auch sein, dass du eine zehnjährige Karriere hast und nie wieder arbeiten musst.

Der Lehrerberuf wäre also ein guter Plan B?

Ja, absolut. Ich hatte Lehrer, die mich in meiner Schulzeit sehr geprägt haben. Da habe ich gemerkt: Als Person in so einer Rolle kann man extrem viel bewirken. Nicht unbedingt nur als Lehrer, sondern auch als Coach. Für mich ist sowohl die NFL als auch der Lehrerberuf ein Plan A. Wichtig ist, dass ich später zufrieden bin mit dem, was ich mache.

"Du schaust nicht danach, bei welchem Team coole Spieler sind. Sondern: Was für eine Defense spielt Team A? Pass ich da rein?"

Sie wurden zum "Defensive Rookie of the Year" in der European Football League ausgezeichnet. Muss man Sie da nicht eigentlich einladen?

Das ist eigentlich eine Frage für die Manager und die Scouts. Der ProDay und die Trainingsprogramme bilden aber nicht die Realität im Football ab. Wichtig wird es, wenn die Preseason losgeht, Gegenspieler auf dich zulaufen und du ein Tackle machen musst. Andererseits ist der ProDay natürlich eine Möglichkeit, sich den Scouts zu präsentieren.

Es ist also nicht so wie im Computerspiel Madden, wo die Agenten in den Trainingscamps die Spieler bedrängen und versuchen, die Visiten-Karten unterzuschieben?

(lacht) Ich werde nicht als möglicher erster Pick angesehen, deshalb ist es ein bisschen anders. Für mich war es wichtig, dass die Scouts der 32 NFL-Teams mal meinen Namen gehört haben. Als europäischer Spieler musst du auf dich aufmerksam machen, vor allem, wenn du der Meinung bist, dass du ein guter NFL-Spieler werden kannst – dieser Meinung bin ich.

Marcel Dabo beim "International Player Combine" in London.
Marcel Dabo beim "International Player Combine" in London.Bild: www.imago-images.de / Dave Shopland/Shutterstock

Sie haben bei den Red Knights Tübingen als Wide Receiver angefangen. Eine Position, bei der man die Bälle bekommt und Touchdowns erzielen soll. Dann sind sie in die Defense als Corner Back gewechselt. Ist das nicht eine relativ undankbare Position?

In meinen Augen ist es mit dem Quarterback die schwierigste Position auf dem Feld. Wenn ich meinen Job in der Absicherung nicht mache und den Gegenspieler durchlasse, kassiert mein Team einen Touchdown. Wenn der Cornerback gut spielt, interessiert es niemanden, weil er seinen Job macht.

Wäre es Ihnen lieber, in einem Team zu landen, das den Fokus auf die Defense legt?

Ich als Defensivspieler schaue mir gerne den Superbowl 2019 zwischen den New England Patriots und den LA Rams an (13:3). Die Defensive hinter der Patriots-Offense war einfach unfassbar gut. Das freut mich extrem. Aber die Fans wollen natürlich Touchdowns und möglichst viele Punkte sehen.

"Man darf auf keinen Fall Angst haben und muss mit Selbstvertrauen in jede Trainings- oder Spielform gehen."

Gibt es ein Traumteam, von dem Sie gern gedraftet werden wollten?

Ja, ich war früher ein Sympathisant der Green Bay Packers, weil ich dort mal während eines Schüleraustauschs war. Aber jetzt, wo du die NFL aus ganz anderen Augen siehst, dann ändert sich das natürlich. Dann schaust du eher, wo pass ich am besten rein.

Es hängt also eher vom Spielsystem ab.

Richtig. Da schaust du nicht danach, welches Team die schönsten Farben hat oder welche Spieler cool sind. Sondern: Was für eine Defense spielt Team A? Pass ich da rein? Wie kann ich meine Talente einbringen?

Sollten Sie in einen Kader eines NFL-Teams kommen, könnten Gegenspieler wie der amtierende Super-Bowl-Sieger Cooper Kupp, DeAndre Hopkins oder Davante Adams auf Sie warten. Schlottern einem da nicht die Knie?

Dabo: Man darf auf keinen Fall Angst haben und muss mit Selbstvertrauen in jede Trainings- oder Spielform gehen. Klar ist, dass man geschlagen wird. Aber ich messe mich selbst an den Duellen, die ich gewinne. Wenn man immer weiterarbeitet, werden die schlechten Tage weniger und du wirst besser.

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