Ann-Katrin Berger absolvierte bisher drei Spiele für die deutsche Nationalmannschaft.
Ann-Katrin Berger absolvierte bisher drei Spiele für die deutsche Nationalmannschaft.Bild: imago images / IMAGO/Charlotte Wilson
Interview

"Dann liegt der Ball beim DFB": Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger über Equal Pay vor der Frauen-EM

Noch vor fünf Jahren bekam Ann-Katrin Berger die Diagnose Schilddrüsenkrebs. Jetzt bereitet sie sich die Nationaltorhüterin mit dem DFB-Team auf die EM in England vor.
24.06.2022, 15:3224.06.2022, 19:29

Das heutige Testspiel gegen die Schweiz ist der letzte Härtetest für die deutsche Nationalmannschaft der Frauen bevor es ab dem 8. Juli bei der Europameisterschaft in England losgeht.

Favoriten auf den EM-Titel sind die DFB-Frauen aber keinesfalls. Nachdem bei den letzten beiden großen Turnieren bereits im Viertelfinale Schluss war, gilt es, den Anschluss an die europäische Spitze nicht zu verpassen und den aktuellen europaweiten Hype um Frauenfußball in ganz Europa optimal für sich zu nutzen.

Doch neben dem sportlichen Erfolg dreht sich alles um die Equal-Pay-Debatte - denn mittlerweile zahlen mehr als die Hälfte aller EM-Teilnehmerländer dem Männer- und Frauenteam gleiche Erfolgsprämien: der DFB hingegen nicht.

Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger erzählt im Gespräch mit watson, wie über das Thema innerhalb des DFB-Teams gesprochen wird und warum die EM in England für die 31-Jährige vom FC Chelsea ein ganz spezielles Turnier ist.

watson: Frau Berger, als die Männer-Nationalmannschaft vor zwei Wochen im Vorbereitungscamp in Herzogenaurach war, versicherte Thomas Müller, dass er und seine Kollegen aufräumen werden. Wie sauber war es denn tatsächlich?

Ann-Katrin Berger: Wir haben uns gewundert, wie sauber es nach den Männern eigentlich sein kann. (lacht) Aber im Ernst: Sie haben es sehr schön hinterlassen, sich viel Mühe gegeben und noch ein Trikot für uns dagelassen.

Obwohl Sie bei der Wahl zur Welttorhüterin 2021 unter den Top-Dreien waren, teilen sie sich im Nationalteam mit Almuth Schult die Nummer 2 hinter Merle Frohms. Mit was für einem Gefühl starten Sie in die Turnier-Vorbereitung?

Ich bin eine Teamplayerin, aber freue mich auch über den individuellen Stellenwert der Auszeichnung und natürlich möchte ich auch irgendwann auf Platz 1 landen. Aber aktuell konzentriere ich mich nur darauf, der Mannschaft vor und während des Turniers in jeglicher Hinsicht zu helfen.

Die Frauen-EM
Das Turnier findet vom 6. Juli bis 31. Juli in England statt. Deutschland trifft in der anspruchsvollen Gruppe B am 8. Juli auf Vize-Europameister Dänemark, am 12. Juli auf Mit-Favorit Spanien und am 16. Juli auf Finnland (alle 21 Uhr).

Welchen Einfluss können Sie denn auf das Team nehmen?

Durch meine Auslandserfahrungen in verschiedenen Ländern kann ich den Spielerinnen und auch dem Trainerteam sagen, wie gewisse Dinge in Frankreich oder England ablaufen. Ich glaube, das kann für die Vorbereitung enorm hilfreich sein.

Was erwartet Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg von Ihnen konkret?

Einfach meine Erfahrungen einbringen und die Mädels so zu unterstützen, wie sie es brauchen. Aber das zählt für jede, ob man spielt oder nicht.

Vor dem Turnier dominiert rund um das DFB-Team vor allem die Equal-Pay-Debatte. Die Hälfte aller EM-Teilnehmer zahlt dem Frauen- und Männerteam gleiche Turnierprämieren, der DFB hingegen nicht. Können Sie sich erklären, woran das liegt?

Der Frauenfußball wird gerade in verschiedenen Ländern größer und größer und zieht immer mehr Zuschauer an. Wir sind in Deutschland aber noch nicht so weit, dass wir die gleiche Anzahl an Zuschauern begeistern und die gleiche Aufmerksamkeit erhalten.

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff verwies vor allem darauf, dass es dafür die gleichen Betreuerstäbe und die gleiche Ausstattung für die Männer- und Frauenteams gäbe.

Es macht natürlich einen großen Unterschied und für uns ist es schön, wie die Männer zum Beispiel in der Adidas Base in Herzogenaurach zu trainieren. Aber das ist auch ein Grundbaustein, den wir uns in der Vergangenheit erarbeitet haben.

"Ich habe ihnen vertraut und wortwörtlich mein Leben in ihre Hände gelegt. Schlussendlich hat es funktioniert."
Ann-Katrin Berger über die Bedeutung des Arztes und ihrer Torwarttrainerin während ihrer Krebserkrankung

Kann diese aktuelle Debatte während der EM-Vorbereitung auch ablenken?

Nein, das glaube ich nicht. Klar unterhalten wir uns auch mal darüber, aber der absolute Fokus liegt auf der EM und dort können wir nur Taten sprechen lassen. Wenn wir gute Leistungen zeigen, liegt der Ball wieder beim DFB und deswegen konzentrieren wir uns nur auf Dinge, die wir beeinflussen können.

Das Turnier findet in Ihrer sportlichen Heimat England statt. Die Entwicklung der dortigen Women's Super League mit seinen rundum professionellen Bedingungen gilt auch als Vorbild für Deutschland.

Darauf freue ich mich riesig und es fühlt sich für mich fast wie ein Heimspiel an. Ich habe die Entwicklung des Frauenfußballs in den letzten Jahren dort hautnah miterlebt und es ist schön, dass es in diesem fußballverrückten Land auch immer mehr Leute gibt, die den Frauenfußball unterstützen.

Ann-Katrin Berger ist seit 2019 Torhüterin beim FC Chelsea.
Ann-Katrin Berger ist seit 2019 Torhüterin beim FC Chelsea.Bild: www.imago-images.de / imago images

Bereits Ende März teilte die Uefa mit, dass über die Hälfte der 700.000 Eintrittskarten bereits verkauft seien.

Es ist wirklich schön, dass man in der Hinsicht die Preise auch erschwinglich gestaltet hat. Denn wir leben noch nicht in der Fußballwelt der Männer, in der die Stadien immer voll sind. Aber wenn jedes Land seinen besten Fußball zeigt, wird die EM eine enorme Wirkung auf den Frauenfußball haben.

Sind Sie eigentlich auch ein wenig froh, dass die WM der Männer erst im Winter stattfindet und so die ungeteilte Aufmerksamkeit auf der EM liegt?

Das könnte gut für uns sein. So können wir in den Fokus rücken, den wir eigentlich auch verdient haben. Ich glaube, wir können das richtig ausnutzen.

Gerade vor dem Hinblick, dass man wieder junge Mädchen für Fußball begeistern kann? Denn laut DFB ist Anzahl der registrierten Spielerinnen seit der Saison 2016/17 von rund 280.000 auf 187.000 gesunken.

Der Frauenfußball in Deutschland war über Jahre, wahrscheinlich sogar Jahrzehnte einer der besten. Aber mittlerweile merkt man, dass im Ausland viel mehr junge Spielerinnen nachkommen. Jetzt gilt es, das aufzuarbeiten, um attraktiv für junge Mädels zu sein und den Nachwuchs zu fördern. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine gute EM ein Anschub wäre.

Das Gastgeberland ist jedoch nicht Ihre sportliche Heimat, sondern auch der Ort, an dem Sie ihren wohl größten Schicksalsschlag hinnehmen mussten. Ist es für Sie manchmal noch schwer zu realisieren, dass bei Ihnen vor fünf Jahren Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde und Sie jetzt Deutschland bei der EM vertreten?

Es gibt Tage, wo ich überhaupt nicht mehr daran denke und Tage, wo ich mich selbst frage: Wie hab ich das eigentlich geschafft? Vor allem, weil mein Englisch zu der Zeit nicht gut war.

Und wie haben Sie es geschafft?

Ich habe einfach nur funktioniert und das gemacht, was mir der Arzt und meine damalige Torwarttrainerin gesagt haben. Ich habe ihnen vertraut und wortwörtlich mein Leben in ihre Hände gelegt. Schlussendlich hat es funktioniert.

Sie haben die Diagnose 2017 zu Ihrer Zeit in Birmingham erhalten. Hätten Sie sich vielleicht in Ihrer Persönlichkeit anders entwickelt, wenn es noch in Deutschland passiert wäre?

Natürlich möchte man sowas lieber in der Heimat hören und sich danach nur noch zu Hause verkriechen, aber das konnte ich nicht. Ich glaube, dass war auch gut für mich, dass aufgeben keine Option war und das hat mich stärker gemacht. Ich bin teilweise auch froh, dass es im Ausland passiert ist.

Warum?

Weil ich mochte es noch nie, von allen Seiten zu hören, wie leid es jemandem tut. Und natürlich waren die Menschen in England um mich herum auch sehr einfühlsam, aber in einem Maße, mit dem ich umgehen konnte.

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