Marco Bode war von 2012 bis 2021 im Aufsichtsrat von Werder Bremen.
Marco Bode war von 2012 bis 2021 im Aufsichtsrat von Werder Bremen.Bild: imago sportfotodienst / foto2press
Interview

"Es ist der härteste Job im Fußball": Ex-Bremen-Chef Bode über die Probleme der Schiedsrichter

Neun Jahre war Marco Bode im Aufsichtsrat von Werder Bremen, 13 Jahre spielte er für die Profis. Im Interview mit watson spricht der ehemalige Stürmer nun ausführlich über mögliche Verbesserungen im Schiedsrichterwesen mit Schwerpunkt auf den Videoassistenten.
12.06.2022, 10:12

Seit Oktober 2021 hat Marco Bode kein offizielles Amt mehr bei Werder Bremen. Seinem langjährigen Klub ist er dennoch weiter eng verbunden. Deshalb nutzte er die Zeit seit seinem Aus beim Bundesliga-Aufsteiger und schrieb ein Buch.

Gemeinsam mit Dietrich Schulze-Marmeling brachte er nun den Titel "Tradition schießt keine Tore – Werder Bremen und die Herausforderungen des modernen Fußballs" heraus. Ein Buch, in dem es um die Entwicklung von Werder Bremen, aber auch um die des gesamten Fußballs geht. Darunter fällt auch der Videoassistent und die Schiedsrichterei. Genau darüber hat watson nun mit Bode gesprochen.

Watson: Herr Bode, wären Sie gerne Schiedsrichter?

Marco Bode (lacht): Nein.

Warum nicht?

Es ist der härteste Job im Fußball – nicht nur in der Bundesliga, sondern vermutlich noch mehr im Amateurfußball. Wir verlangen von den Schiedsrichtern analytische, wohl überlegte Entscheidungen in Bruchteilen einer Sekunde. Das führt zu Fehlern, was völlig menschlich und auch nicht zu ändern ist.

Sie hatten in den vergangenen Wochen ein längeres Gespräch mit Dr. Jochen Drees, dem Leiter des Projekts Videoassistent. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Ich habe noch mehr Verständnis für die Herausforderungen der Schiedsrichter. Sie müssen sich an die internationalen Regeln halten und können nicht einfach gewisse Szenen in der Bundesliga anders auslegen.

Marco Bode schrieb gemeinsam mit Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch über Werder Bremen und den modernen Fußball.
Marco Bode schrieb gemeinsam mit Dietrich Schulze-Marmeling ein Buch über Werder Bremen und den modernen Fußball.

Im Fußball gibt es auf dem Spielfeld und nach Abpfiff immer wieder Diskussionen um einzelne Schiedsrichter-Entscheidungen. Wie kann man das verbessern?

Grundsätzlich müssen wir die Kultur und das Verhältnis zueinander verbessern. Dazu zählen Trainer, Spieler, Vereine und auch die Schiedsrichter. Die Spieler müssen auf die wahnsinnige Theatralik verzichten und die Schiedsrichter nicht nach jeder Entscheidung bedrängen.

Wie ist das umzusetzen? Im aktuellen Profi-Fußball ist das Lamentieren verbreitet, junge Spieler schauen es sich oft ab und nehmen das Verhalten der Profis auf…

Deswegen muss das Verhalten oben in der Spitze, also in der Bundesliga geändert werden. Dafür braucht es aber auch einen Konsens. Alle müssen sich einig sein, dass sich das ändern muss. Danach müsste man ab einem gewissen Zeitpunkt festlegen, dass solches Verhalten rigoros bestraft wird. Grundsätzlich geht es mir darum, dass sich die Atmosphäre zwischen Spielern und Schiedsrichtern auf dem Platz verbessert.

"Ich bin kein Freund davon, Ex-Spieler zu Videoassistenten zu machen."
Ex-Werder-Bremen-Profi Marco Bode

Würden dazu regelmäßige Gespräche zwischen Spielern und Unparteiischen helfen?

Regelmäßige Runden mit Spielern und Schiedsrichtern würden da sicherlich helfen. Aber es ist auch keine Einbahnstraße. Auch Schiedsrichter müssen lernen, mit den Spielern richtig umzugehen. Es muss gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden, aber dafür muss man miteinander reden.

In Ihrem Buch schreiben Sie explizit über den Videoassistenten (VAR). Immer wieder kommt der Vorschlag auf, ehemalige Profis neben dem VAR in Köln einzusetzen. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Freund davon, Ex-Spieler zu Videoassistenten zu machen. Man kann diesen Job nicht machen, wenn man nicht eine gesonderte Schiedsrichter-Ausbildung absolviert hat und die Regeln exakt kennt. Trotzdem glaube ich, dass die Unparteiischen von ehemaligen Profis lernen können.

Inwiefern?

Besonders in der Saisonvorbereitung macht es Sinn, sich gemeinsam mit Szenen auseinanderzusetzen und Spieler sie erklären können. Man kann gemeinsam Elfmetersituationen durchgehen, über das Handspiel sprechen und Spieler können erklären, wie sie bestimmte Situationen wahrnehmen und bewerten.

Marco Bode (l.) während seiner Spieler-Karriere im Gespräch mit dem damaligen Schiedsrichter Helmut Krug.
Marco Bode (l.) während seiner Spieler-Karriere im Gespräch mit dem damaligen Schiedsrichter Helmut Krug.

Welche Änderungen beim VAR schlagen Sie noch vor?

Keine Änderung, aber ein Experiment. Das Problem beim VAR ist, dass wir nur klare Fehlentscheidungen korrigieren wollten. Der Vorschlag wäre daher, dass drei oder vier Experten unabhängig voneinander und ohne Kommunikation entscheiden, ob eine Situation richtig bewertet wurde.

Wann würden dann Pfiffe des Schiedsrichters zurückgenommen werden?

Nur, wenn sich alle Experten einig sind, sollte die Entscheidung geändert werden. Wie umsetzbar dieses Vorgehen wäre, ist ein anderes Thema. Aber man könnte zumindest über solche Prinzipien nachdenken.

Ursprünglich sollte der VAR aber auch nur über faktische Dinge wie Abseits, Tor oder Spielerverwechslungen entscheiden…

Nein, das stimmt so nicht ganz. Elfmeter nach Foul oder Handspiel, das war von Anfang an auch eine Spielsituation, die hinterfragt werden kann. Bei den faktischen Entscheidungen funktioniert alles auch recht gut. Aber die nicht faktischen Entscheidungen sind das Problem. Es geht darum, ob ein Elfmeter gegeben wird oder nicht. Bei diesen Entscheidungen kommt der menschliche Wunsch nach Gerechtigkeit ins Spiel. Bei einer 60:40-Entscheidung wirst du immer Menschen finden, die es anders sehen. Da braucht es noch Optimierungen.

"Es muss das Verständnis wachsen, dass Schiedsrichter nicht fehlerfrei sein können."
Marco Bode, ehemaliger Profi von Werder Bremen

Wie könnten die aussehen?

Eine einfache und perfekte Lösung gibt es nicht. Aber zwei Dinge könnten dazu beitragen. Einerseits muss es eine klare Definition geben, wann eine krasse Fehlentscheidung vorliegt und sich der VAR einschalten darf.

Und andererseits?

Es muss das Verständnis wachsen, dass Schiedsrichter nicht fehlerfrei sein können. Jeder von uns trifft beim ersten Sehen immer automatisch eine Entscheidung, ob es ein Elfmeter war oder nicht. Das machen auch die Videoassistenten. Es ist quasi unmöglich, das auszuschalten. Deshalb müsste man vielleicht die Kommunikation zwischen dem 'Video-Keller‘ und dem Platz ändern, da sich Schiedsrichter und Videoassistent dadurch auch beeinflussen.

Bevor der VAR eingeführt wurde, wurde darüber diskutiert, dass der Schiedsrichter im Stadion über Lautsprecher erklären soll, was genau untersucht wird. Mittlerweile wird über die Videowände genau mitgeteilt, um welche Situationen es geht. Finden Sie das gut geregelt?

Ich finde, das ist in Ordnung. Irgendwann könnte man überlegen, die Szene auch per Video zu zeigen, aber ob das einen riesigen Effekt hätte, weiß ich nicht. Trotzdem hat sich durch den VAR das Stadionerlebnis der Zuschauer verändert.

Bild: www.imago-images.de / imago images

Im Bezug auf die Tore?

Ja, wir haben jetzt eine völlig andere Situation als vor Einführung des Videoassistenten. Das ganze Stadion wartet gespannt, ob der Treffer zählt, aber diese spontane Freude und Emotionalität ist eigentlich weg. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt.

Hätten Sie als Spieler denn gerne schon mit VAR gespielt oder waren Sie ohne ihn zufrieden?

Ich habe gerne ohne ihn gespielt. Aber nochmal: Anfangs war ich skeptisch, jetzt bin ich aber kein absoluter Gegner. Wir sollten versuchen, ihn aber noch hier und da zu optimieren.

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