Nils PETERSEN (GER) im Duell gegen ZECA l. (BRA), Aktion, Zweikampf, Fussball Maenner Finale, Brasilien (BRA) - Deutschland (GER) 5:4 i.E. am 20.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016, vom 05.08. - 21.08.2016 in Rio de Janeiro/ Brasilien.

Nils Petersen (r.) kam im Olympischen Finale nach 76. Minuten für Davie Selke ins Spiel. Bild: SVEN SIMON / Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Interview

"Ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber den anderen Athleten": Bundesliga-Profi Nils Petersen über das Fußballturnier bei Olympia und seine Erfahrungen in Rio 2016

Ein besseres Auftaktspiel hätte man sich wohl nicht ausdenken können. Bereits einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio startet die deutsche Nationalmannschaft am Donnerstagmittag um 13.30 Uhr in das olympische Fußballturnier der Männer – im Kracher-Duell gegen Brasilien.

Die beiden Teams bestritten bereits das letzte Finale vor fünf Jahren bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Damals siegte Brasilien im Elfmeterschießen und holte im eigenen Land Gold. Für das DFB-Team verschoss damals ausgerechnet der erfahrene Bundesliga-Profi Nils Petersen.

"Ich war sehr wehmütig, als wir wieder in Frankfurt gelandet sind und jeder seinen Weg gegangen ist."

Bundesliga-Profi Nils Petersen

Im Interview mit watson erinnert sich der heute 32-Jährige an die Zeit bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 – und daran, wie es war, im Finale den entscheidenden Elfmeter zu verschießen. Zudem verrät er, wieso er ein schlechtes Gewissen gegenüber Athleten aus anderen Sportarten hatte.

watson: Nils, U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz hat erzählt, dass er für das Olympische Fußballturnier eine Liste von 100 Spielern abtelefoniert hat. Klingelte auch dein Telefon?

Nils Petersen: Wir hatten im Januar kurz Kontakt, da hat er mir gesagt, dass ich auf der Liste stehe. Danach habe ich aber nichts mehr von ihm gehört. Da war ich in der Rückrunde wohl einfach nicht erfolgreich genug.

Du warst bereits 2016 bei den Spielen in Rio dabei. Hättest du wieder zugesagt?

Als er mich im Januar angerufen hat, war ich kurzzeitig ziemlich euphorisch. Vielleicht ein bisschen zu euphorisch, weil der Weg von der Liste bis zur Teilnahme am Turnier natürlich sehr weit ist. Ich hätte es aber wahnsinnig gern gemacht.

"Eine Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft ist im Fußball vom Stellenwert natürlich höher, aber das Turnier zu erleben, war schon der Wahnsinn."

Das DFB-Team ist nur mit 18 statt der 23 erlaubten Spieler angereist. Kannst du die Vielzahl an Absagen verstehen?

Nein, ich kann das nicht nachvollziehen. Es ist immer eine Ehre, für Deutschland aufzulaufen und Olympia ist nochmal etwas ganz Besonderes. Eine Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft ist im Fußball vom Stellenwert natürlich höher, aber das Turnier zu erleben, war schon der Wahnsinn.

Neben verletzungsbedingten Absagen wollen einige Akteure lieber die Vorbereitung bei ihren Vereinen absolvieren. Hattest du bei deiner Zusage 2016 Zweifel, ob es die richtige Entscheidung ist?

Als ich den Anruf von Horst Hrubesch (damaliger U-21-Nationaltrainer, Anm. d. Red.), Hansi Flick (damaliger DFB-Sportdirektor, Anm. d. Red.) und Christian Streich (Trainer SC Freiburg, Anm. d. Red.) erhalten habe, dass ich mit nach Rio fahren soll, habe ich auch kurz überlegt: "Was sind die Nachteile und wie passt das mit der Vorbereitung?" Aber trotzdem stand es für mich nie zur Debatte, abzusagen.

Ein Spieler, für den eine Absage auch nicht zur Debatte stand, war Verteidiger Jordan Torunarigha. Er wurde kürzlich bei einem Testspiel des DFB-Olympia-Teams gegen Honduras rassistisch beleidigt. Das Team hat anschließend geschlossen den Platz verlassen und das Spiel wurde abgebrochen. War das die einzige richtige Reaktion?

Ich finde die solidarische Reaktion sehr wichtig. Vom Platz zu gehen war das richtige Signal, denn so zeigt man, dass man sich dagegen wehrt. Außerdem wird die Aktion erst durch den Abbruch in der Öffentlichkeit bewusst wahrgenommen und dem Spieler wird signalisiert, dass er nicht allein ist und man geschlossen hinter ihm steht.

Zur DFB-Olympia-Auswahl gehören auch dein Vereinskollege Keven Schlotterbeck – und Florian Müller, mit dem du vergangene Saison in Freiburg gespielt hast. Haben sich die beiden noch Tipps abgeholt?

Ich habe echt gestaunt, wie cool sie mit der Situation umgegangen sind, weil sie gar keine Nachfragen hatten. Es war eher so, dass ich einfach von meinen Erfahrungen in Rio 2016 erzählt habe, aber eigentlich hat es die Jungs gar nicht so interessiert (lacht).

 27.09.2020, xblx, Fussball 1.Bundesliga, SC Freiburg - VfL Wolfsburg emspor, v.l. Florian Mueller SC Freiburg, Felix Klaus VfL Wolfsburg, Nils Petersen SC Freiburg DFL/DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and/or QUASI-VIDEO Freiburg *** 27 09 2020, xblx, Fussball 1 Bundesliga, SC Freiburg VfL Wolfsburg emspor, l Florian Mueller SC Freiburg , Felix Klaus VfL Wolfsburg , Nils Petersen SC Freiburg DFL DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and or QUASI VIDEO Freiburg

Nils Petersen (Nummer 18) stand mit Torhüter Florian Müller (hinten) in der vergangenen Saison gemeinsam auf dem Platz. Bild: www.imago-images.de / Blatterspiel

Wovon hast du ihnen berichtet?

Dass es einfach vier unfassbar emotionale Wochen waren. Das Zusammenleben im olympischen Dorf und wie schnell wir als Team gewachsen sind, hat unfassbar Spaß gemacht. Wir hatten zu sechst ein Zimmer und vor dem Finale fand die Besprechung bei uns im Wohnzimmer statt. Da haben eigentlich keine 20 Leute reingepasst (lacht). Da ist ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden. Jetzt im Nachhinein realisiert man erst, wie besonders das alles war.

Du schwärmst enorm von deinen Erfahrungen bei Olympia.

Ich meine das jetzt nicht als Floskel, aber: Olympia gehört im sportlichen Bereich zu den vier schönsten Wochen, die ich erlebt habe. Es war auch einfach toll, ein anderes Land und eine andere Kultur kennenzulernen. Ich war sehr wehmütig, als wir wieder in Frankfurt gelandet sind und jeder seinen Weg gegangen ist. Daher freue ich mich auch so für die Jungs, dass sie für die Spiele nicht nach Madrid oder Barcelona reisen, sondern in Tokio einen anderen Kontinent kennenlernen können.

Und dennoch verweigerten einige Vereine ihren Spielern sogar die Abstellung. Warum hat das olympische Fußballturnier bei den Klubs in Deutschland nur so einen geringen Stellenwert?

Wenn ein Spieler für eine WM oder EM nominiert wird, dann erhöht das natürlich auch den Marktwert des Spielers und das muss man als Verein mittragen. Aber allein die Vielzahl an Absagen und, dass nur zwei Spieler bei pro Verein nominiert werden durften, zeigt, dass die Vereine nicht den großen Stellenwert dahinter sehen.

Kannst du dir erklären, woran das liegt?

Ich weiß es nicht. Deutschland war 2016 das erste Mal seit 1988 wieder dabei und wir konnten erleben, wie gut das Turnier ist. Spieler wie Serge Gnabry, Leon Goretzka oder Max Meyer haben das Turnier genutzt, um sich ins Rampenlicht zu spielen,…

…und auch du hast dich mit deinen fünf Toren gegen Fidschi und insgesamt sechs Toren in sechs Spielen in den Vordergrund gespielt. Am Ende wurdest du gemeinsam mit Serge Gnabry Torschützenkönig des Turniers.

Ja, natürlich. Die Leute haben das wahrgenommen und auf einmal warst du enorm im Fokus der Öffentlichkeit und wurdest für die A-Mannschaft gehandelt. Obwohl – ohne despektierlich zu klingen – die fünf Tore gegen Fidschi hätte jeder gemacht.

Die A-Nationalmannschaft hat kürzlich die EM vor Zuschauern gespielt. Bei Olympia werden die Stadien leer sein. Verstehst du das?

Es ist gerade für die Athleten abseits des Fußballs schade. Wir Fußballer haben oft genug volle Stadien.

Kannst du es nachvollziehen, dass die Olympischen Spiele nun mit aller Macht durchgezogen werden?

Es wurde letztes Jahr schon verschoben und hätten sie es dieses Jahr wieder verschoben, hätte es keinen Sinn mehr gemacht. Ich glaube, es musste jetzt einfach durchgeboxt werden, weil hinter diesem Event wahnsinnige Summen stecken. Am Ende ist es leider oft so, dass Geld die Welt regiert.

zur Person

Nils Petersen wurde in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) geboren und gab im Februar 2007 sein Debüt für den FC Carl-Zeiss Jena in der 2. Bundesliga. In der Winterpause zur Saison 2008/09 wechselte er zu Energie Cottbus, für die er in zwei Jahren in 56 Spielen 35 Tore erzielte. Als Torschützenkönig der 2. Liga ging er im Sommer 2011 zum FC Bayern, kam aufgrund der enormen Konkurrenz aber nur zu neun Einsätzen (zwei Tore). Nach zwei Jahren bei Werder Bremen wechselte Petersen im Januar 2015 zum SC Freiburg. Petersen absolvierte bisher 199 Partien für die Breisgauer und ist mit 84 Toren Rekordtorschütze des Vereins. Er absolvierte zwei Spiele für die deutsche A-Nationalmannschaft.

Und wie siehst du es aus Sportler-Sicht?

Aus sportlicher Sicht ist es schön, dass Olympia stattfindet. Die Existenzen einiger Sportler hängen von den Spielen ab. Sie sind auf Sponsoren und die Wettkämpfe angewiesen. Es ist gut, dass sie ihren Wettbewerb und die Plattform mit den Live-Übertragungen im Fernsehen bekommen.

Doch als ihr 2016 im Halbfinale standet und auch noch ins Finale eingezogen seid, lag der Fokus wieder nur auf dem Fußball.

Ich muss ehrlich sagen, ich hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil der Fußball bei Olympia wahnsinnige Einschaltquoten hatte. Und dann haben wir den anderen Sportlern irgendwie die Show gestohlen, weil wir ins Finale kamen. Ich denke bei Olympia auch nicht direkt an Fußball, sondern eher an Leichtathletik oder Einzelsportarten, die auch mal im Rampenlicht stehen sollten.

"Es hat schon wehgetan, dafür verantwortlich zu sein, dass die anderen Jungs kein Gold, sondern nur Silber bekommen."

v.l. Torwart Eric OELSCHLAEGEL (Ölschläger), Nils PETERSEN, Serge GNABRY (GER) bei der Siegerehrung, sehen sich die Medaille, Silbermedaille, Silber, Fussball Maenner Finale, Brasilien (BRA) - Deutschland (GER) 5:4 i.E. am 20.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016, vom 05.08. - 21.08.2016 in Rio de Janeiro/ Brasilien.

Nils Petersen (Mitte) betrachtet während der Siegerehrung seine Medaille mit Eric Ölschläger (l.) und Serge Gnabry (r.). Bild: SVEN SIMON / Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Am 20. August 2016 traft ihr im Finale ausgerechnet auf Gastgeber Brasilien. Hast du noch Erinnerungen an das Spiel?

An das Spiel kann ich mich wenig erinnern. Zwar hat Brasilien während des Turniers nicht gut gespielt, aber auch als die Aufstellung kam, habe ich gedacht: "Wir haben keine Chance." Doch dann haben wir es gut gemacht.

Neymar brachte Brasilien in Führung, Max Meyer erzielte den Ausgleich und das Finale ging ins Elfmeterschießen.

Und dort hat jeder getroffen. Ich habe mir nur gedacht, dass statistisch gesehen doch mal irgendjemand verschießen muss. Das war dann ausgerechnet ich. Ich war der insgesamt neunte Schütze und habe den fünften Elfmeter unseres Teams verschossen.

Brasilien holt im eigenen Land Gold, ihr Silber. Was hast du in diesem Moment gedacht?

Es hat schon wehgetan, dafür verantwortlich zu sein, dass die anderen Jungs kein Gold, sondern nur Silber bekommen.

Du warst einer der drei Spieler über 23 Jahre, die nominiert werden durften. War es für dich klar, dass du den wichtigen fünften Elfmeter schießt?

Ich war sogar ein wenig beruhigt, dass ich verschossen habe und nicht einer der jüngeren Spieler. Ihn hätte es vielleicht noch mehr getroffen und er hätte die Schuld noch mehr bei sich gesucht. Ich habe es relativ schnell abgeschüttelt bekommen. Auch direkt danach in der Kabine und als wir abends im deutschen Haus noch ein bisschen gefeiert haben, hegte niemand irgendeinen Groll oder hat dumme Kommentare gebracht.

Nils Petersen (GER) rechts enttaeuscht nach seinem verschossenem Elfmeter. Links hinten jubelt Torwart WEVERTON (BRA). GES/ Olympia 2016/ Fussball: Brasilien - Deutschland, 21.08.2016 Olympics 2016: Football / Soccer: Brazil - Germany, Rio de Janeiro, Brazil, August 21, 2016

Nils Petersen ärgert sich über seinen verschossenen Elfmeter. Im Hintergrund jubelt Brasiliens Torhüter Weverton. Bild: GES-Sportfoto / Marvin Ibo Güngör

Hast du als einer der älteren Spieler eine besondere Rolle eingenommen?

Das hatte ich gedacht, aber das war gar nicht der Fall. Im Endeffekt sind die jungen Profis auch schon 22, 23 Jahre alt und haben 100 Bundesligaspiele auf dem Buckel. Sie sind mittlerweile schon so weit im Kopf, da muss man nicht mehr viel erzählen.

Auch in der aktuellen Mannschaft wurde ein Großteil der Spieler im Sommer U-21-Europameister. Das Team wird nun durch Nadiem Amiri (Leverkusen), Maximilian Arnold (Wolfsburg) und Max Kruse (Union Berlin) mit reichlich Bundesliga-Erfahrung unterstützt. Traust du der Mannschaft wieder eine Medaille zu?

An sich traue ich das einer deutschen Mannschaft immer zu. Ich bin auch weiterhin der Überzeugung, dass wir eine Turniermannschaft bleiben werden, egal wie schlecht es zuletzt für die A-Nationalmannschaft lief. Und ich glaube, Stefan Kuntz ist ein cooler Trainer, der die Jungs bei Laune hält und für eine gute Leistung auf dem Platz sorgt.

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