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Physiotherapeut Oliver Schmidtlein im Jahr 2008 bei der Nationalelf. Der Verletzungsexperte hat mit watson über Fußball nach der virusbedingten Bundesligapause gesprochen. bild: imago sportfotodienst/sportnah

Interview

Ex-FCB-Physio über Fußball nach der Corona-Pause: "Er wird weniger intensiv sein"

Die Bundesliga pausiert aktuell aufgrund der Corona-Pandemie. Wann es wieder losgeht mit dem Spielbetrieb, das weiß niemand so richtig. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) peilt an, dass Anfang Mai wieder Fußball gespielt werden soll, ohne Zuschauer. Irgendwie und irgendwann muss die Saison ja zu Ende gebracht werden. Ansonsten droht ein riesiges organisatorisches und finanzielles Chaos.

Am Montag durften die Bundesligisten zumindest schon mal wieder auf den Trainingsplatz zurückkehren, nachdem sie sich wochenlang mit Einheiten per Videokonferenz daheim fit gehalten haben. Doch bei den Übungen auf dem Rasen gilt zurzeit: Nur in kleinen Gruppen arbeiten, Abstand halten, Körperkontakt vermeiden. Reguläres Training sieht anders aus.

Union Berlins Trainer Urs Fischer bemängelte bereits den aktuellen Fitnesszustand seiner Spieler. Die Ergebnisse beim Leistungstest nach der Corona-Zwangspause seien nicht so gewesen, "wie wir uns das vorgestellt haben. Die Spieler haben in den drei Wochen schon einiges verloren", sagte der 54-Jährige.

Können Fußballprofis unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen einfach so wieder in den Wettbewerb starten? Sind sie fußballfit genug, um nach mehreren Wochen Pause in die heiße Phase der Saison zurückzukehren? Steigt da nicht auch das Verletzungsrisiko?

All das und mehr haben wir jemanden gefragt, der es wissen muss: Oliver Schmidtlein.

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Hürdenträger: Oliver Schmidtlein im Trainingsdress des FC Bayern im Jahr 2008. bild: imago images/picturepoint

Oliver Schmidtlein ist Physiotherapeut und ausgewiesener Fachmann was Fitness, Athletik, Reha sowie Verletzungen im Fußballbereich angeht. Der 54-Jährige war lange beim FC Bayern München tätig und betreute auch die Nationalelf, unter anderem bei den Weltmeisterschaften 1998 und 2006.

Ein Gespräch über "unlogisches" kontaktloses Training, Nichtangriffspakte und alte Aerobic-DVDs

Herr Schmidtlein, der Profi Kevin de Bruyne von Manchester City hat neulich die Vermutung geäußert, wenn jetzt nach der Corona-Pause der Spielbetrieb wieder losgehe, fielen reihenweise Spieler verletzt aus. Sie sind zwar kein Hellseher, aber Sie sind Verletzungsexperte. Glauben Sie, de Bruyne hat recht?

Oliver Schmidtlein:
Würde man aus dem aktuellen Trainingszustand der Fußballprofis, den man natürlich nur annehmen kann, starten, wäre die Verletzungsgefahr sicherlich sehr groß, ja. Der Grund dafür ist relativ einfach: Man kann zu Hause in einer Umgebung, wie sie die meisten Profis haben, mit Kleingeräten, Gewichten, Gummibändern oder Fahrrad-Ergometern, die Basiseigenschaften wie Stabilität, Beweglichkeit und Grundausdauer hervorragend erhalten und trainieren.

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Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 1998: Oliver Schmidtlein (4.v.l.) gibt der Nationalmannschaft das Tempo vor. bild: imago images/alfred harder

Aber?

Was das Fußballspielen ausmacht, sind Richtungswechsel, Abstoppen, Ausweichen, Reagieren, Sprünge. All das hat viel höhere und ganz andere Anforderungen an den Bewegungsapparat. Das muss ein Sportler regelmäßig üben – hat aber in den vergangenen Wochen der Spielpause natürlich nicht oder höchstens minimal stattgefunden. Von Trainings- oder Testspielen ganz zu schweigen. Von daher dürfte man von einem höheren Verletzungsrisiko ausgehen, wenn die Spieler nur mit ihren trainierten Basiseigenschaften wieder in den Wettbewerb gehen würden. Aber es muss ja nicht so kommen.

Über Oliver Schmidtlein

Oliver Schmidtlein ist Gründer und Inhaber der Praxis OSPhysio Training und Therapie in München.

Der 54-Jährige hat als Physiotherapeut und Rehatrainer beim FC Bayern München (2002 bis 2009), der deutschen Fußballnationalmannschaft (u.a. WM 1998 und 2006) und beim TSV 1860 München gearbeitet.

Zwischen 1999 und 2001 lebte der gebürtige Bamberger in den USA, arbeitete dort als Therapeut und machte Fortbildungen im Bereich funktionelles Training.

Am Montag sind die Bundesligisten auf den Trainingsplatz zurückgekehrt, trainieren in Klein- oder sogar Kleinstgruppen zu zweit. Teilweise sind keine Zweikämpfe erlaubt und die Spieler müssen ausreichend Abstand bei den Übungen einhalten. Es hat mit dem Kontaktsport Fußball eigentlich nichts zu tun… Macht das Sinn?

Das Training im Moment, so wie ich es mitbekommen habe, beinhaltet zumindest einen Teil der Dinge, die das Fußballspielen im Speziellen ausmachen, die ich eben angesprochen habe. Agilität oder Finten könnten die Spieler mit Hütchen oder Stangen auf dem Platz ohne Körperkontakt zwar trainieren. Aber Spielformen wie drei gegen drei oder zwei gegen zwei sind nicht möglich. Man müsste auf jeden Fall, bevor es zurück in den Spielbetrieb geht, noch zum normalen Fußballtraining zurückkehren können. Sonst ergibt es keinen Sinn. Es wäre ja auch unlogisch, Kontakt beim Training zu vermeiden, ihn aber im Spiel dann zu haben.

Sollte die Bundesliga Anfang Mai wieder starten, wie die DFL angekündigt hat, werden wir aus Ihrer Sicht einen anderen Fußball sehen? Wird man den Profis die lange Pause ansehen können?

Wir haben so etwas ja alle noch nicht erlebt. Rein hypothetisch: Ich kann mir gut vorstellen, dass der Fußball etwas weniger intensiv sein wird, weil man mit den Kräften haushalten will. Aufgrund der körperlich-konditionellen Zustände der Profis könnte es sein, dass wir eine hochintensive erste Halbzeit erleben und eine ganz gegenteilige zweite Hälfte. Es wird auch sehr von den Paarungen abhängen: Wenn zwei Teams aus dem Tabellenmittelfeld gegeneinander spielen, für die es nicht mehr um viel geht, könnte es eine Art Nichtangriffspakt geben. Die werden kein Risiko eingehen, nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Zweikämpfe gehen.

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Auch Jogi Löw (r.) vertraute auf die Expertise von Oliver Schmidtlein. bild: contrast / imago sportfotodienst

Plädieren Sie für bestimmte Vorsichtsmaßnahmen? Dreimal 30 Minuten statt zweimal 45 Minuten, oder mehr Auswechselspieler, um die Belastung geringer zu halten?

Mehr Auswechselspieler wären absolut begrüßenswert. Aus meiner Sicht wäre es jetzt sinnvoll, wenn man statt drei Spielern fünf oder sogar sechs wechseln könnte. Das kennt man ja auch aus Vorbereitungsspielen, um die Belastung auf möglichst viele Spieler zu verteilen.

Trainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig glaubt, dass seine Spieler im Falle des Wiederbeginns in der Bundesliga rasch auf Betriebstemperatur kommen: "Sie haben nicht so viel Substanz verloren." Glauben Sie das? Sind die voll im Saft und fußballfit, weil sie zuvor voll in der Saison waren?

Ja, da weiß er natürlich mehr als Sie und ich. Wenn die Intensität des Trainings der vergangenen und kommenden Wochen stimmt, dann kann das durchaus sein, dass die Spieler vom normalen Trainingszustand nicht so weit weg sind. Und wenn man dann im koordinativen Bereich auf dem Platz zwei, drei Wochen trainiert, hat man relativ schnell wieder eine gute Form.

Ist die Situation bei den Profis gerade vergleichbar mit der, wenn sich der Sommerurlaub zu Ende neigt?

Das ist eine ganz andere Situation. Die Spieler hatten seit Tag eins der Pause ihre Aufgaben, haben regelmäßig per Videoschalte trainiert – und wurden dabei quasi live kontrolliert. Wenn sie sonst im Sommer nach dem Saisonende in den Urlaub gehen, bekommen sie Laufpläne und einen Basisgymnastikplan mit – was aber schwerer überprüfbar ist.

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Im Jahr 2007 präsentierten Oliver Schmidtlein und Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (r.), der langjährige Arzt der Nationalelf und des FC Bayern München, ihr gemeinsames Buch "Besser trainieren!". bild: imago images/mis

Wenn man das Video-Training der Bundesliga-Profis betrachtet: Wie lange muss man da als Spieler pro Tag investieren?

Ich denke, so ein bis zwei Stunden am Tag. Die Spieler haben sicherlich auch noch Aufgaben darüber hinaus bekommen. Beim Videotraining geht es vermutlich auch um eine gewisse Struktur. Um einen Tagesablauf zu bekommen, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, dass alle in der gleichen Situation sind.

Und wie kann Otto Normal in den eigenen vier Wänden fit bleiben? Muss der auch ein bis zwei Stunden investieren?

Es gibt da ja etliche Möglichkeiten. Das wichtigste und schwierigste an der Sache ist eine gewisse Regelmäßigkeit. Den Zeitpunkt festlegen. Den Rhythmus behalten. Mindestens 20 Minuten Sport pro Tag muss man sich jetzt in den Kalender eintragen. Es geht darum, gesund zu bleiben. Dafür braucht es nicht viel. Ein bisschen Yoga, Fitnessvideos auf Youtube oder mal die alte Kommode aufmachen, ob da noch Aerobic-DVDs drin sind… Das ist alles besser als nichts.

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