Die Bundesliga bewegt sich hinsichtlich ihres Spannungs- und Unterhaltungswertes in eine unsichere Zukunft. Die Liga benötigt deshalb tragfähige Visionen und sinnvolle Reformen. Wer glaubt, dass wirklich guter, unterhaltsamer und dramatischer Fußball nur mit einem international konkurrenzfähigen Verein möglich sei, dem sei geraten, sich in die Leidenschaft und Dramatik von Klubs wie Eintracht Frankfurt oder Union Berlin, zu vertiefen.
Welchen Fußball wollen wir? Wie muss die Bundesliga aufgestellt sein? Als Ligasystem, dessen Sinn letztlich auf den Erfolg der Bayern in der Champions League hinausläuft? Oder eine Fußballkultur, die ihre Spannungsmomente aus der bewegenden Vielfalt aller Profiklubs zieht?
Wenn der FC Bayern in den letzten drei Spieltagen noch gegen Mainz, Stuttgart und Wolfsburg spielt, dann geht es für den Verein um nichts mehr. Vielleicht schaffen sie noch den Rekord im Toreschießen. Bislang haben sie 92 Treffer erzielt und die 101 Tore aus der Saison 1971/72 wären noch drin. Aber wen interessiert das? Schließlich zählen im Sport andere Werte: Leistung, Dramatik, Spannung, Fairplay, Solidarität, Teamgeist, Gewinnen, Verlieren, Respekt, Chancengleichheit.
Der zehnte Meistertitel in Serie ist sowohl für die Bayern, wie auch für alle anderen Fans etwas ganz Besonderes.
Entweder: Eine erdrückende Demonstration fußballerischer Überlegenheit. Oder: Ein beängstigendes Indiz aufkommender Langeweile im Ligabetrieb der Bundesliga. Die erste These verlangt danach, dass sich Bayernfans wohl oder übel ein anderes Spielfeld suchen müssen, wenn Sie Spannung und Drama erleben möchten.
Neben dem Pokal bietet sich da vor allem die Champions League an. Nur dort finden die Bayern Gegner, die über ähnliche Finanzkraft verfügen und den besten Spielern der Welt ebenbürtige Gehälter zahlen können. Zudem sichert die im vergangenen Jahr beschlossene Reform der Champions League mit einem neu geschaffenen Punktesystem den ohnehin schon überlegenen Vereinen so etwas wie zwei Wildcard Startplätze zu. Für den Fall, dass sie sich im nationalen Titelkampf einmal nicht qualifizieren sollten, steht also ein doppelter Boden bereit.
Sehen wir in solchen Strukturen die Zukunft des professionellen Fußballs? Oder handelt es sich hier bereits um die ersten Sargnägel von Spannung, Dramatik und Chancengleichheit? Wollen wir uns mit dieser Entwicklung abfinden? Sind wir bereit, den Fußball in dieser Einseitigkeit zu akzeptieren?
Was bringt es den erfolgsverwöhnten Bayern-Fans, wenn ihr Team die Bundesliga beherrscht und sie auf nationaler Ebene keine ebenbürtigen Gegner mehr findet. Wie gehen die Fans der konkurrierenden 17 Mannschaften damit um, dass ihre Top-Talente immer in Gefahr stehen, von den Bayern weggekauft zu werden? Sollte die Liga nochmal ernsthaft über die Verteilung ihrer Einnahmen (auch aus den internationalen Wettbewerben) verhandeln und eine Gleichverteilung der Einnahmen anstreben?
Oder warten wir einfach mal ab und hoffen darauf, dass sich auch diese Entwicklung irgendwann von selbst lösen wird. Ist die Entwicklung, die wir seit mindestens 10 Jahren beobachten, vielleicht doch einfach nur "gut"?
Seit ihrer Einführung in der Saison 1963/64 spielten bislang 56 verschiedene Vereine in der Fußball-Bundesliga. Nur 12 von denen konnten in dieser knapp 60 Jahre andauernden Geschichte Meister werden. In den zurückliegenden 10 Jahren nur der FC Bayern. Und die scheinen derart viele Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu haben, sodass wir hoffen oder fürchten müssen, dass auch die Meistertitel der kommenden Jahre eine halbwegs sichere Bank für die Münchner sein werden.
Eines ist sicher: Der Fußball verändert sich. Das hat er übrigens auch seit seiner Erfindung immer wieder getan. Gleichzeitig sind Romantiker und Traditionalisten immer auch kritisch mit den Veränderungen und wollen Facetten der "guten alten Zeit" und die Ursprünglichkeit der Spielidee bewahren.
So gesehen fällt es schwer, die nun anstehende Zukunftsperspektive einfach so hinzunehmen. Wenn die Liga und DFL keinen ernstzunehmenden Reformvorschlag entwickeln kann, dann wird die Dominanz des FC Bayern zu einem Werteverlust führen.
Nicht in allen Wertedimensionen. Möglicherweise wird weiterhin viel Geld verdient. Aber Werte wie Chancengleichheit oder Solidarität bleiben ebenso auf der Strecke wie die Grundlagen, die den Unterhaltungswert des Fußballs ausmachen: Spannung und Dramatik. Eine Vision, in der diese beiden Elemente keinen Platz haben, ist für mich jedenfalls nichts wert!