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Champions-League-Halbfinale in Anfield: DAZN-Moderator Alex Schlüter (l.) und Experte Jonas Hummels. foto: lukas mengeler

Reportage

"Fußball ist schon geil, ne?" – ein Champions-League-Tag mit DAZN-Moderator Alex Schlüter

Es ist der 7. Mai, kurz vor Mitternacht. Liverpool flippt aus. Die Pubs sind brechend voll. Am River Mersey kann noch keiner glauben, was da eben im Stadion an der Anfield Road passiert ist. Es schien nach der 0:3-Pleite im Hinspiel aussichtslos, doch der FC Liverpool hat sein Halbfinal-Rückspiel in der Champions League gegen den FC Barcelona mit 4:0 gewonnen. Die Elf von Jürgen Klopp steht damit zum zweiten Mal in Folge im Finale der Königsklasse.

Für das Team von DAZN ist es das erste Mal. Der Streamingdienst, auch gerne als "das Netflix für Sport" bezeichnet, hat, seitdem er im August 2016 an den Start ging, massiv in Sportrechte investiert. Seit der aktuellen Saison teilt sich DAZN mit dem Pay-TV-Sender Sky in Deutschland die Übertragungsrechte für das exklusivste Vereinsturnier des Weltfußballs, die Champions League.

14 Leute, alle um die 30 Jahre alt, mit Ausreißern nach oben und unten, sitzen in der Lobby des Hotels zusammen, das heute Nacht in Liverpool ihr Zuhause ist. Auch hier rafft noch keiner, dass man vor nicht einmal zwei Stunden Zeuge eines der denkwürdigsten Fußballspiele der jüngeren Vergangenheit geworden ist.

Die Mägen knurren, es war ein langer Tag. Die Hotelküche hat schon Feierabend, es gibt Lieferpizza. Ein Smartphone kreist wie eine kleine Trophäe durch die Runde, auf dem Display ein Instagrambeitrag mit einem Zitat: "Fußball ist schon geil, 'ne?"

So lautete Alex Schlüters lakonische Zusammenfassung des Liverpooler 4:0-Sieges. Der 34-Jährige, der aus einem Dorf nahe Wolfsburg stammt, ist seit der ersten Stunde Moderator und Kommentator beim jungen Sport-Streamingdienst, "Homegrown Talent" nennen sie das dort.

"Stefan Effenberg hing als Poster in meinem Kinderzimmer. Heute streite ich mich mit ihm im 'Doppelpass' über die Auslegung der Handregel"

Er ist 1,90 Meter groß, hat blondes welliges Haar und blaue Augen. Er vereint alles, wofür auch DAZN stehen will. Alex Schlüter gilt als das Gesicht des Senders, repräsentiert ihn auch im "Doppelpass" – für einen Sportjournalisten so etwas wie ein Ritterschlag: "Beim ersten Mal saß ich neben Stefan Effenberg. Der hing damals als Bravo-Sport-Poster mit Tigerfrisur in meinem Kinderzimmer. Heute streite ich mich mit ihm im TV-Fußballstammtisch, den mein Vater seit 20 Jahren schaut, über die Auslegung der Handregel", erklärt er und kann es selbst nicht so richtig fassen.

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Alex Schlüter während der Redaktionskonferenz am Morgen des Champions-League-Halbfinals. foto: Lukas mengeler

DAZN ist ein Sender, der sich aufgemacht hat, den etablierten Sportkanälen das Fürchten zu lehren, ein Sender, der sich bei den Zuschauern, die er duzt und nicht siezt, rasant etabliert hat.

DAZN ist Teil der Perform Group, einer weltweit tätigen Mediengruppe im Bereich digitaler Sportinhalte, zu der zum Beispiel auch der Sportdatenanbieter Opta gehört. Der Streamingdienst zeigt über 8.000 Live-Übertragungen pro Jahr: Top-Ligen im Fußball, NBA, NHL, NFL, MLB, Kampfsport, Darts usw.

quelle: dazn

Das Zitat von Alex Schlüter, das in der Lobby herumgereicht wird, und kurz nach Abpfiff schon Tausende Likes hat, steht stellvertretend dafür, dass DAZN bei den meisten Leuten gut ankommt. Klar gibt’s in Sozialen Medien immer viel Kritik, aber viele Zuschauer loben Moderatoren, Experten und Kommentatoren für ihre Berichterstattung und die Herangehensweise. Das weiß auch Alex Schlüter:

"Das wollen die Zuschauer, die schätzen das auch."

Die Experten bekommen viel Redeanteil: "Wir wollen Fußball und Sport generell vermitteln, dabei über die Expertise kommen. Selbst ein 0:0 kann spannend sein. Dann reden wir darüber, was die Viererkette oder die Doppelsechs gut macht", erklärt er.

Es ist 9 Uhr. Noch keiner weiß, dass am Abend ein Fußballwunder geschehen wird. Schon am Frühstückstisch, vor der Redaktionskonferenz, wird eifrig übers Spiel und die anstehende Sendung diskutiert. Alex Schlüter schlurft herein. Sein blondes Haar ist verstrubbelt, er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, auf dessen Brust vier große, weiße Buchstaben gestickt sind: das Logo des Senders.

Er setzt sich an den Tisch, sieht noch ein bisschen verschlafen aus. Das Buffet ist luxuriös, er schmiert sich ein Käsebrot. Ein Stück Zuhause?

Heute Abend wird er zum zehnten oder elften Mal ein Spiel der Champions League moderieren, so ganz genau weiß er das gar nicht mehr. Die erste Königsklassen-Saison verging für ihn bisher wie im Flug: "Es fühlt sich an wie ein wilder Ritt mit ner ziemlich geilen Crew."

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Immer noch aufregend: Alex Schlüter in Anfield. foto: lukas mengeler

Manchmal wisse er nicht einmal, in welcher Stadt er sich gerade befindet, wenn er wieder in irgendeinem Hotelbett aufwacht, und schon einen Monat nicht mehr in der eigenen Wohnung geschlafen hat.

"Mir hat das Sprechen über den Sport immer mehr gelegen als der Sport an sich"

Eine Kehrseite seines Berufs, den er als Kindheitstraum bezeichnet: "Mir hat das Sprechen über den Sport immer mehr gelegen als der Sport an sich. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend schon den Ruf gehabt, dass ich auf dem Sportplatz sehr gut darüber sprechen konnte, wo jemand freisteht, welche Räume man zustellen muss – ich war allerdings weniger der Typ, der das dann ausgeführt hat", sagt er und lacht.

Fußball, Basketball, Tennis. Zu Schulzeiten habe er vieles parallel gemacht: "Meine Mutter hat mich von einem Sportplatz in die nächste Turnhalle gefahren. Die Hausaufgaben haben ein bisschen gelitten. Heute kann ich meiner Mutter sagen, es hat sich ausgezahlt, ich kann mein Geld mit dem verdienen, was ich liebe. Ein großes Glück."

Jan Platte hat Halsweh, Jonas Hummels muss Pastillen besorgen

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Jan Platte, Kommentator bei DAZN. foto: lukas mengeler

Am Frühstückstisch sitzt mittlerweile auch Jan Platte, der das Spiel zwischen Barca und den "Reds" heute Abend kommentieren wird. Er räuspert sich, der Hals kratzt. Er habe zwar keine Schmerzen, aber vielleicht bald keine Stimme mehr. Muss Alex Schlüter spontan einspringen? Mal sehen. Noch bleiben ja ein paar Stunden, um die Stimme zu ölen. Platte bekommt erstmal Halspastillen verschrieben, denn Tee und Honig helfen partout nicht.

Die Pastillen soll Jonas Hummels, 28, aus der Apotheke mitbringen. Der Ex-Unterhaching-Profi ist DAZN-Experte, moderiert heute zusammen mit Alex Schlüter. Der Bruder des Weltmeisters Mats Hummels wird erst gegen Mittag im Hotel sein, er musste am Vortag noch eine Klausur schreiben, morgen steht schon die nächste an. Hummels ist Student.

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Alex Schlüter studiert ein Handout zum Ablauf der Sendung. foto: lukas mengeler

11.10 Uhr. Das DAZN-Team trudelt in der Hotellobby ein. Besprechung. Auf einem kleinen Tisch drängen sich Macbooks, Zigaretten, Festplatten. Der Sendungsleiter eröffnet die Konferenz: "Herzlich Willkommen zur Ablaufbesprechung." Alle bringen Ideen für die Sendung ein: Das Motto ist Hoffnung an der Anfield Road, Liverpool ist selbstbewusst, aber skeptisch, dass es reicht. Gewinnen, aber wie? Fokus auf Messi?

"Da kommt der Messi aus Unterhaching"

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Schlüter und Jonas Hummels tauschen während der Redaktionskonferenz Ideen mit dem Team aus. foto: lukas mengeler

Apropos: "Da kommt der Messi aus Unterhaching", ruft jemand aus der Runde. Jonas Hummels und drei weitere Kollegen checken ein. Hummels ist einen Kopf kleiner als Schlüter, trägt einen Mehrtagebart. Er legt die Halspastillen auf den Tisch. "Moinsen!" "Was geht?" "Grüß Gott!" Umarmungen, High-Fives und Schulterklopfer. Man merkt, die Leute haben Spaß. Die nötige Konzentration und Ernsthaftigkeit fehlen natürlich nicht. "Die Reisen schweißen zusammen", sagt Alex Schlüter: "Wir verstehen uns alle sehr gut, können deswegen auch knallhart unsere Meinungen austauschen."

12.03 Uhr. Die Konferenz ist zu Ende. Alex Schlüter, hat zwar schon zehn (oder elf) Champions-League-Spiele moderiert, aufgeregt ist er trotzdem wegen des Spiels heute Abend. "Hundertprozentig. Soll auch so sein, muss auch so sein", sagt er.

Die Auftritte Lionel Messis, Barcelonas Superstar, begeistern ihn ohnehin. Er erinnert sich an eins der beeindruckendsten Spiele seiner bisherigen Moderatorenkarriere: "Barcelona gegen Sevilla. Barca hatte einen schlechten Tag, lag hinten. Aber dann hat dieser kleine Typ beschlossen, dieses Fußballspiel zu gewinnen. Das war so ein Moment, in dem man gemerkt hat, Messi ist was Besonderes."

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Messi betritt den Rasen. Ahnt er schon Böses? foto: lukas mengeler

"Lass mal Liverpool hier früh in Führung gehen, lass den Funken überspringen..."

Wird das heute getoppt? "Champions-League-Halbfinale, die Konstellation... Das Spiel heute ist schon eine Art Karrierehighlight für mich. Die Ausgangsituation ist sehr eindeutig, andererseits ist sie immer noch so, dass das Wunder drin ist und wir etwas Besonderes erleben können", sagt er: "Wenn Messi nix dagegen hat… Aber lass mal Liverpool hier früh in Führung gehen, lass den Funken überspringen, dann werde ich in der Halbzeit mit Jonas da unten stehen und sagen, dass es eine besondere Nacht wird."

Wenn Alex Schlüter wüsste, was nachher auf dem Fußballplatz passieren wird…

16 Uhr. Abfahrt nach Anfield. Im gleichnamigen Bezirk herrscht großes Gewusel. Fans futtern Fish'n'Chips, löschen ihren Durst mit Bier. Die Fans strömen langsam zum Stadion, einige empfangen den Mannschaftsbus dort mit Pyros und Gesängen. Bald geht das Spiel los.

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Der Mannschaftsbus kommt in Anfield an. foto: lukas mengeler

Alex Schlüter tritt frisch gepudert an den Spielfeldrand. Die Durchlaufproben beginnen. Volle Konzentration. Eine halbe Stunde bevor die Moderation losgeht, zieht sich er zurück: "Das ist für mich die wichtigste Phase vor der Sendung. Ich gehe alleine durch, wie ich welche Themen anspreche, was wann kommt, überlege mir schöne Worte zum Einstieg."

"So komisch es klingt: Zum Einschlafen guckt Alex Schlüter Alex Schlüter."

Seine TV-Auftritte analysiert er übrigens penibel, eine Angewohnheit: "Nachts, wenn ich nach Hause komme, sehe ich mir die Sendung immer nochmal an. So komisch es klingt: Zum Einschlafen guckt Alex Schlüter Alex Schlüter."

Da muss er selbst ein bisschen lachen, und ergänzt in der dritten Person: "Im besten Fall sieht er dann, wo er unsicher oder wacklig war, wo er was vergessen hat." Ob er sich das irgendwann abgewöhne? "Mal gucken."

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Die Spannung steigt, gleich ist Anpfiff. foto: lukas mengeler

20 Uhr. Anpfiff. Von der ersten Minute an supporten die Fans ihren Club bedingungslos. "Liiiiiiiverpooooool! Liiiiiiiverpooooool!" Immer wieder breiten sich Gesänge wie ein Lauffeuer aus.

"Wenn ich meinen Job verlieren sollte, dann weil ich mich einem Stadion komplett verlaufen habe"

Alex Schlüter sitzt neben Jonas Hummels und Kommentator Jan Platte auf einem der Reporterplätze. "Es ist super da oben mit den beiden zu sitzen, aber man muss in der Halbzeit und nach Anpfiff schnell sein, um pünktlich zur Moderation wieder unten am Spielfeldrand zu sein. Das ist schon eine Challenge, weil ich einen unglaublich miesen Orientierungssinn habe", gesteht er.

Er nimmt es aber mit Humor: "Wenn ich den Job irgendwann mal verlieren sollte, dann weil meine Chefs sauer sind, weil ich mich in einem Stadion komplett verlaufe." Bis jetzt sei aber immer alles gut gegangen.

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Jubel bei den Liverpool-Profis... foto: lukas mengeler

Nach dem frühen Treffer von Divock Origi zum 1:0 spürt man im Stadion: Das Wunder ist möglich. Der Funke springt über. Nach der Halbzeitpause folgt eine dramatische Aufholjagd: 2:0, 3:0. Zwei schnelle Tore von Georginio Wijnaldum versetzen das Stadion in Ekstase. 79. Spielminute. Origi trifft zum 4:0. Alex Schlüter hatte ja schon am Mittag so eine leichte Ahnung.

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... und bei den Fans. foto: lukas mengeler

21.50 Uhr. Anfield bebt. Abpfiff. Alex Schlüter ist, wie immer, pünktlich zur Moderation. Jonas Hummels kommt auch noch rechtzeitig, nachdem er im Aufzug stecken geblieben war.

Die Moderation wird zur Nebensache. Die Regie zeigt die Fans, gibt den Emotionen im Stadion Raum, lässt die Zuschauer die Vereinshymne "You’ll never walk alone" an den Fernseh- und Laptopbildschirmen genießen. "In den richtigen Momenten die Klappe halten", nennt Alex Schlüter es nachher.

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Trent Alexander-Arnold, Liverpools Außenverteidiger. foto: lukas mengeler

"Ich habe neben Ordnern gestanden, die geweint haben"

Er resümiert: "Das war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Fußballabend. Was auf dem Platz passiert ist, was an taktischen Kniffen passiert ist, was ringsherum passiert ist. Ich habe neben Ordnern gestanden, die geweint haben. Die Barca-Fans haben sich total fair verhalten, Trikots ausgetauscht mit Liverpool-Fans."

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Daniel Sturridge und Alisson Becker nach dem Abpfiff. foto: lukas mengeler

Kurz vor Mitternacht. Zurück in der Lobby. Alex Schlüter sieht glücklich aus. Zur Pizza gibt's ein Feierabendbier. Jan Plattes Stimme hat die 90 Minuten mit leichten Kratzern überstanden, der Kommentator trägt mittlerweile einen Schal. Alex Schlüter musste nicht einspringen. Er trinkt sein Bier aus. Dann geht’s ins Hotelbett, und auch heute gilt: Zum Einschlafen guckt Alex Schlüter Alex Schlüter.

"Fußball ist schon geil, ne?"

Nach knapp 15 Stunden geht ein langer Tag zu Ende. Morgen geht's weiter nach London zum Europa-League-Halbfinale zwischen Chelsea und Eintracht Frankfurt. Ein Wahnsinnsaufwand für alle Beteiligten. Und das alles nur für 90 Minuten Fußball. – Aber, wie war das: "Fußball ist schon geil, ne?"

Das Champions-League-Finale zwischen Tottenham Hotspur und FC Liverpool könnt ihr live auf DAZN sehen.

Samstag, 1. Juni, ab 20.30 Uhr.

Moderation: Alex Schlüter
Experte: Per Mertesacker
Kommentator: Jan Platte

Die Reise nach Liverpool fand mit freundlicher Unterstützung von DAZN statt.

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