Fans wie hier beim SC Freiburg fordern einen Boykott der Fußball-WM in Katar.
Fans wie hier beim SC Freiburg fordern einen Boykott der Fußball-WM in Katar. Bild: www.imago-images.de / imago images
watson-Kolumne

"Vorfreude? Fehlanzeige!": Warum Fußball-Fans weiterhin keinen Bock auf die WM in Katar haben

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
22.04.2022, 16:3116.05.2022, 15:02
harald lange

Noch 213 Tage bis zum Eröffnungsspiel in Katar: Neue Stadien, deren Namen niemand kennt. Ein Wüstenstaat ohne Fußballkultur, aber mit einer international verwurzelten Nationalmannschaft, die in der ersten belgischen Liga spielt. Wo auch sonst, denn im Sommer ist es in Katar zu heiß, um Fußball spielen zu können.

Wir warten also auf die Vorweihnachtszeit und fragen heute: Wo ist die Vorfreude auf diese Fußball-Weltmeisterschaft? Wer freut sich auf dieses Ereignis? Was muss gegebenenfalls noch geschehen, damit wenigstens etwas Ähnliches wie WM-Atmosphäre aufkommen kann? Oder haben wir alle längst einen dicken Haken an diese WM gemacht?

"Oder werden einige von uns die WM heimlich schauen und gar nicht darüber sprechen?"

Ich weiß, die Voraussetzungen könnten nicht schlechter sein. Trotzdem möchte ich das Thema "Vorfreude" aufgreifen und mich auf Spurensuche begeben. Wie stehen die Chancen das vielleicht doch so etwas wie WM-Stimmung aufkommen mag? Oder werden solche atmosphärischen Aspekte überschätzt? Schauen wir die Spiele vielleicht aus ganz anderen Gründen im Fernsehen an? Wäre es noch möglich, die nötige Spannung erst im Spätherbst, also kurz vor dem Start zu entwickeln? Oder werden einige von uns die WM heimlich schauen und gar nicht darüber sprechen?

Fanforscher Harald Lange
Fanforscher Harald Langenull / Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 53-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Lieber Weihnachtsmarkt, statt WM vor dem Fernseher

Wir haben solche Fragen – gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut FanQ – in einen Fragebogen übersetzt und 4190 Fußballfans in einer repräsentativen Studie zum Thema WM-Vorfreude befragt. Die Studie wird nächste Woche veröffentlicht und ich kann heute bereits verraten, dass die Winter-WM im Wüstenstaat aktuell kaum jemanden interessiert. Die vorliegenden Daten zeigen ein enorm zurückhaltendes Stimmungsbild. Nicht einmal ein Drittel der Fußballfans will im November und Dezember Live-Spiele im Fernsehen anschauen. Demgegenüber wissen lediglich 2,4 % jetzt schon, dass sie alle Spiele im Fernsehen verfolgen werden.

"Nicht einmal ein Drittel der Fußballfans will im November und Dezember Live-Spiele im Fernsehen anschauen."

Vorfreude schaut anders aus, denn von allen Befragten sagten lediglich 10,3 Prozent, dass sie sich auf die WM freuen und 82,4 Prozent der Fußballfans vermelden beim Thema "Vorfreude" tatsächlich: Fehlanzeige! Wir werden also während der WM unsere Freizeit nicht vor dem Fernseher, sondern auf den Weihnachtsmärkten verbringen. Vielleicht suchen wir aber auch andere Formen sportbezogener Unterhaltung, weil ja die Bundesliga wegen der WM wochenlang pausieren muss.

Die Zahlen überraschen nicht, denn die öffentliche Debatte wird seit vielen Jahren kritisch geführt und alle Versprechungen, dass diese WM doch noch irgendetwas Positives bewirken würde, sind im Sande verlaufen. Die WM wird zu einem Problem für den professionellen Fußball, denn je näher dieses Ereignis rückt, desto schärfer werden die Konturen der kritischen Diskussion. Das färbt auf das Image des professionellen Fußballs ab.

FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) und Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani, der Emir von Katar
FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) und Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani, der Emir von KatarBild: www.imago-images.de / imago images

Menschenrechtsverletzungen trüben besonders Vorfreude auf die WM

Bei den Ursachen für die fehlende Vorfreude werden von den Fans durchgängig Gründe angeführt, die im Zusammenhang mit den Menschen- und Arbeitsrechten sowie den vielen Toten auf den WM-Baustellen stehen. In dieser Hinsicht hat die Fifa in der Wahrnehmung von Fußballfans versagt und ihre Mitgliedsverbände, einschließlich des DFB, wären gut beraten, wenigstens einzugestehen, dass sowohl die Vergabe wie auch die Vorbereitung der WM falsch waren.

In den zurückliegenden zwölf Jahren wäre sicherlich Zeit gewesen, ernsthafte gesellschaftspolitische Reformen umzusetzen – wenn man es denn tatsächlich gewollt hätte.

Ich bin gespannt, zu erfahren, was sich in den kommenden Monaten tut. Dieses Kapitel der internationalen Fußballgeschichte ist ausgesprochen schwach. Neben der Kritik brauchen wir Visionen für die Zukunft. Was lernen wir aus diesen Erfahrungen? Was wird sich zukünftig ändern? Und wie werden Reformen im internationalen Fußball auf den Weg gebracht? Nicht vage und irgendwie, sondern glaubwürdig!

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