Julian Ryerson (l.) und Suat Serdar kämpfen beim letzten Berlin-Derby im Januar im DFB-Pokal um den Ball.
Julian Ryerson (l.) und Suat Serdar kämpfen beim letzten Berlin-Derby im Januar im DFB-Pokal um den Ball.Bild: www.imago-images.de / Julius Frick
watson-Kolumne

Hauptstadt-Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC: "Werden Klassenkampf miterleben"

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
08.04.2022, 16:1716.05.2022, 15:01
Harald Lange

Samstag treffen Herta BSC und Union Berlin in ihrem 11. Hauptstadtderby aufeinander. Mit bislang vier Zweitliga- einer Pokal- und fünf Bundesligabegegnungen liegt eine überschaubare Tradition zugrunde. Die Bilanz ist ausgeglichen: Neben drei Unentschieden stehen drei Siege für Hertha und vier für Union zu Buche.

Auch wenn sich beide Clubs in unterschiedlichen Tabellensituation befinden, ist Hochspannung garantiert. Die Chancen stehen "50 zu 50".

"Die erste, aber nicht entscheidende Voraussetzung (für ein Derby) ist die geographische Nähe"
Fan-Forscher Harald Lange über den Ursprung von Derbys

Alles ist möglich und zwar aus einem Grund: Wir haben ein Derby! Ich nehme die Spannung sehr gern auf und frage nach: Was genau ist ein Derby? Weshalb durchkreuzt die Derbystimmung jedes fußballerische Kräfteverhältnis? Weshalb ist das Spielergebnis in Derbys immer offen? Weshalb geschehen genau dort Überraschungen? Wer gewinnt die Derbys? Aus welchen Gründen? Wie wird der Spannungsbogen aufgebaut? Und welche Themen, Hintergründe und Geschichten eignen sich, um noch mehr Brisanz in diese Spiele hineinzubringen?

Die erste, aber nicht entscheidende Voraussetzung ist die geographische Nähe. So belegt es zumindest die Geschichte, denn das erste aller Derbys fand bereits im Mittelalter als Spiel zweier benachbarter Dörfer in der englischen Grafschaft Derbyshire statt. Daher kommt also der Name.

Kolumnist Harald Lange
Kolumnist Harald Langenull / Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 53-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Die Dorfbewohner spielten ein fußballähnliches Spiel, in dem es darum ging, den Ball an den fünf Kilometer entfernten Mühlstein (Tor) des Gegners zu bringen. Das erste echte Fußballspiel wurde ebenfalls in England und dann auch als Derby ausgetragen. Im Jahre 1866 standen sich – unweit der Stadt Derby – die Fußballclubs von Nottingham Forest und Notts County gegenüber.

Seither haben sich in allen Fußballligen weltweit Derbys etablieren können. In der Bundesliga war bis zur letzten Saison das Revier-Derby zwischen Schalke und Dortmund am populärsten. Hier spielen die beiden Teams allerdings nur die fußballerische Machtfrage im Ruhrgebiet aus. Anders beim Hamburger Derby zwischen St. Pauli und dem HSV, denn dort geht es neben dem Fußball immer auch um weltanschauliche und politische Differenzen.

Fußball und erhitzte Stimmung gehören zu Derbys dazu. So wie hier in Hamburg zwischen dem HSV und St. Pauli im Februar 2020.
Fußball und erhitzte Stimmung gehören zu Derbys dazu. So wie hier in Hamburg zwischen dem HSV und St. Pauli im Februar 2020.Bild: www.imago-images.de / Philipp Szyza

In Österreich kommen beim Wiener Städtederby zwischen Rapid und Austria auch ideologisch gefärbte Klassenunterschiede mit ins Spiel, denn Rapid Wien ist – historisch gesehen – ein Arbeitersportverein, während Austria Wien als Verein des bürgerlichen Milieus gilt.

Schließlich muss beim Herausarbeiten der Gründe für die Derbyatmosphäre unbedingt noch auf das aus religiösen Gründen aufgeladene schottische Derby zwischen den katholischen Anhängern von Celtic Glasgow und den protestantischen Fans der Glasgow Rangers hingewiesen werden.

Das Derby zwischen den Rangers und Celtics wird in Glasgow auch "Old Firm" genannt und elektrisiert die gesamte Stadt.
Das Derby zwischen den Rangers und Celtics wird in Glasgow auch "Old Firm" genannt und elektrisiert die gesamte Stadt.Bild: www.imago-images.de / imago images

Im Berliner Städtederby zwischen Hertha und Union spielen Religion und Politik keine Rolle. Im Gegenteil. Bis weit nach der deutschen Wiedervereinigung waren beide Clubs sogar über eine tiefe Fanfreundschaft eng miteinander verbunden. Die weltanschaulich-politischen Gegenspieler sah man im Union Lager beim BFC Dynamo und für die Hertha Fans wurde diese Rolle durch Tennis Borussia besetzt.

"Die eisernen Arbeiter von Union kämpfen gegen die Truppe des Fußball-Investors"

Trotzdem werden wir in Berlin ein spektakuläres Derby erleben. Neben der geographischen Nähe und der Frage, wer den besten Fußball in der Hauptstadt spielt, steht seit dem Investoreneinstieg bei Hertha die Kommerz-Orientierung als Anker für das Festmachen von Unterschieden an. Demgegenüber wirken die Bodenständigkeit und das Arbeiterimage von Union als Gegenpol.

Wir werden also im Berliner Stadtderby einen Klassenkampf miterleben können. Die eisernen Arbeiter von Union kämpfen gegen die Truppe des Fußball-Investors. Welch ein wunderbarer Stoff für ein echtes Fußballdrama! Auf welcher Seite wir morgen auch immer stehen werden: Es geht um weitaus mehr als nur um das "1 zu 0". Bei den allermeisten Fans und Zuschauern nur auf der symbolischen Ebene und auch nicht viel länger als für 90 Minuten.

Trotzdem: Genau das ist der Stoff, der aus einem gewöhnlichen Ligaspiel ein echtes Derby machen kann. Ich freue mich darauf!

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Eintracht Frankfurt: SGE-Trainer kritisiert Bundesliga – "nicht so angenehm"

Das erste offizielle Finale der Saison hat Eintracht Frankfurt am Mittwoch in Helsinki beim europäischen Supercup gegen Real Madrid (0:2) verloren. Weil das Spiel zwischen dem Champions-League- und dem Europa-League-Sieger aber meist als Schaulaufen angesehen wird, wird sich der Frankfurter Frust aufgrund der Niederlage wohl in Grenzen halten.

Zur Story