ARCHIV - 23.11.2022, Katar, Al-Rajjan: Fu
Deutsche Fans beim Auftaktspiel des DFB-Teams gegen Japan.Bild: dpa / Tom Weller
WM 2022

WM 2022: Begeisterung, Zweifel und Begegnung mit einem schwulen Pärchen – ein Fan berichtet aus Katar

12.12.2022, 16:0312.12.2022, 16:14

Ein händchenhaltendes, homosexuelles Paar in Katar. Klingt zunächst schwer vorstellbar – vor allem nach den vielen Berichten über die Menschenrechtslage im WM-Gastgeberland Katar. Gerald Franzer (Name geändert) hat aber exakt das gesehen und sich mit den beiden Männern unterhalten. Denn: Franzer ist Fußball-Fan und war trotz der Kritik bei der Weltmeisterschaft in Katar. Im Gespräch mit watson spricht der Student über die Erfahrungen, die er dort gesammelt hat.

In Deutschland wird das Turnier aufgrund der Menschenrechtsverletzungen kritisch gesehen. Viele Fans hatten vor dem Turnierbeginn angekündigt, die Weltmeisterschaft nicht zu schauen. Auch die verkauften Tickets nach Deutschland hatten sich im Vergleich zur vorhergehenden WM in Russland fast halbiert.

Das Lusail Stadion in Katar wird auch das Finalstadion am 18. Dezember sein.
Das Lusail Stadion in Katar wird auch das Finalstadion am 18. Dezember sein.Bild: privat / privat

2018 wurden laut Fußball-Weltverband Fifa 62.000 Tickets nach Deutschland verkauft, 2014 waren es mehr als 58.000 für das Turnier in Brasilien. In diesem Jahr gingen allerdings nur 35.000 Eintrittskarten nach Deutschland. Franzer ist einer der Menschen, der sich Tickets kaufte. Insgesamt besuchte der Student in Katar fünf Spiele, darunter auch die Partie zwischen Spanien und Japan, bei dem der japanische Sieg für das deutsche Aus in der Gruppe sorgte – jetzt ist er wieder zurück in Deutschland.

Er selbst studiert Sport & Event Management, weshalb er fasziniert ist von der Organisation des Turniers: "Es ist unfassbar, dass vor Ort die Abläufe so reibungslos liefen, obwohl Fans aus aller Welt nach Katar gereist sind." Er hebt auch die Infrastruktur vor, die die An- und Abreise zu den Stadien sehr angenehm machte. Gleichzeitig ist auch ihm bewusst, dass bei dem Bau dieser Infrastruktur mehrere tausend Menschen gestorben sind.

Franzer selbst war vor dem Turnier sehr skeptisch. Einige Monate vor WM-Beginn hatte er bereits seine Tickets gekauft. Den weiteren Gefühlsverlauf erklärt er so: "Als ich die Zusage für die Tickets bekommen habe, habe ich mich extrem gefreut. Umso näher die WM allerdings kam, habe ich auch aufgrund der vielen kritischen Berichte Zweifel bekommen, dorthin zu fliegen. Manchmal hat man sich kaum getraut zu sagen, dass man Tickets hat." Er zog es trotzdem durch.

"Ich habe mit so vielen Menschen von allen Kontinenten gesprochen. Es war eine gute und friedliche Stimmung."
Gerald Franzer über die Stimmung während der WM in Katar

"Als ich dann in Katar war, war das schlechte Gefühl allerdings weg, weil es vor Ort ein Fußball-Fest ist", erklärt er. Das Besondere vor Ort sei gewesen, dass Fußballinteressierte aus aller Welt zusammengefunden hätten, man schnell ins Gespräch gekommen sei und es ein großes Fest gewesen sei. "Ich habe mit so vielen Menschen von allen Kontinenten gesprochen. Es war eine gute und friedliche Stimmung", ergänzt Franzer.

Beim Spiel zwischen Spanien und Japan unterhielt er sich lange mit einem Thailänder, der Japan die Daumen drückte, er traf per Zufall einen Fan-Klub seines englischen Lieblingsvereins, den Wolverhampton Wanderers und spielte mit Brasilianern Fußball. "Nur einmal habe ich eine gewisse Aggressivität gespürt", sagt Franzer gegenüber watson.

Aggressivität beim Spiel zwischen Schweiz und Serbien

Als die Schweiz gegen Serbien gespielt hat. Schon bei der Aufstellung hatten die serbischen Fans die Schweizer Profis durchgehend ausgepfiffen, haben danach aggressive Gesänge angestimmt. Als Reaktion darauf zeigte eine junge Frau auf der Tribüne mit den Händen den Doppeladler: eine Provokation für Serben, die den Kosovo bis heute nicht als eigenständigen Staat anerkennen. Der Doppeladler ist das Wappentier Albaniens und viele Schweizer Spieler haben kosovarischen oder albanischen Familien-Background.

"Ich war etwas weiter weg, habe gesehen, dass es Tumulte gab rund um die Frau, die das Zeichen gemacht hat. Da lag schon ein bisschen Aggressivität in der Luft. Allerdings wurde die Dame dann von Ordnern von der Tribüne geführt", führt Franzer aus – die serbischen Fans durften bleiben, obwohl auch sie provoziert hatten.

Neben dieser politischen Geste hat der Fußball-Tourist in Katar aber keine weiteren politischen Aktionen mitbekommen. Der italienische Flitzer Mario Ferri, der beim Spiel zwischen Portugal und Uruguay mit der italienischen Peace-Flagge das Feld gestürmt hatte, setzte sein Zeichen, bevor Franzer in Katar war.

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Mario Ferri setzte bei der WM in Katar ein politisches Zeichen mit der Peace-Flagge.Bild: www.imago-images.de / imago images

"In Doha selbst haben sich die Fußball-Fans, die ich kennengelernt habe, hauptsächlich auf die Spiele gefreut und sich damit beschäftigt. Wenn man mit Menschen aus anderen Nationen ins Gespräch gekommen ist und erzählt hat, dass man Deutschland unterstützt, haben viele zwar kurz die 'Mund-zu-Geste' angesprochen, aber sie waren auch oft der Meinung, dass sich die DFB-Elf besser auf den Sport hätte konzentrieren sollen", berichtet der Fußball-Fan.

Dass die Fans, die nach Katar fahren, sich größtenteils vor Ort nicht mit der schlechten Menschenrechtslage auseinandersetzen, ist vermutlich nicht so überraschend – damit geht Katars Taktik allerdings voll auf. Die Zuschauenden sollen die Menschenrechtsverletzungen im besten Fall gar nicht wahrnehmen und ein positives Bild durch die WM-Organisation soll sich festsetzen. Dieses Phänomen nennt sich Sportswashing.

Gleichzeitig zeigt der katarische Staat, dass er sich der Menschenrechtsverletzungen nicht annimmt. Denn die Fifa und das Emirat weigern sich noch immer, einen Entschädigungsfonds für gestorbene oder verletzte Gastarbeiter:innen einzurichten.

Begegnung mit homosexuellem Paar

Gerade, weil Franzer sich aber auch der schlechten Menschenrechtslage bewusst war, überraschte ihn eine Begegnung in Katar besonders. Als er tagsüber auf einem der traditionellen Märkte unterwegs war und sich wegen der Hitze auf eine Bank setzte, beobachtete er zwei händchenhaltende Männer. Zufällig nahmen sie neben ihm Platz. Er kam mit beiden ins Gespräch.

Die beiden sind ein Paar. Einer aus Katar, der andere aus Saudi-Arabien. Gemeinsam wohnen sie in Doha. "Sie waren gut gelaunt und sagten, dass sie jetzt erstmals während der WM in der Öffentlichkeit ihre Beziehung zeigen können, weil es zugesichert wurde, dass der queeren Community während der WM nichts passieren wird", sagt Franzer.

Wandzeichnungen zieren manche Häuserwände während der Fußball-WM in Doha.
Wandzeichnungen zieren manche Häuserwände während der Fußball-WM in Doha.Bild: privat / privat

Normalerweise steht Homosexualität im Emirat unter Strafe. Das können Stockhiebe oder harte Gefängnisstrafen sein. Das Pärchen erklärte, dass es hoffe, auch nach der WM von dieser Regelung zu profitieren. Ob das passiert, sei offen. Die Hoffnung würden die beiden allerdings haben. Falls die gesellschaftlichen Regeln nach dem Turnier allerdings wieder konservativer werden, so sagten sie, könnten sie ihre Beziehungen dennoch in der eigenen Wohnung, nicht aber in der Öffentlichkeit ausleben.

Abgesehen von dieser unerwarteten Begegnung hatte Franzer noch ein zweites Schlüsselerlebnis, was allerdings nicht die gleiche gesellschaftliche Relevanz hat: Er hatte Glück und durfte auf dem Fan-Fest bei der Fifa Fan-Weltmeisterschaft mitspielen.

Fünf gegen fünf mit der Schweiz-Legende Alain Sutter und gegen beispielsweise Portugals ehemaligen Top-Star Nuno Gomes. Das Spiel verlor er zwar mit seinem Team. Was er aber nicht wusste: Alle Teilnehmer erhielten noch Tickets für das Achtelfinale am selben Abend zwischen der Schweiz und Portugal – das wurde sein fünftes WM-Spiel.

Inmitten von Portugal-Fans sah Harald Hörmann das 6:1 im Achtelfinale gegen die Schweiz.
Inmitten von Portugal-Fans sah Gerald Franzer das 6:1 im Achtelfinale gegen die Schweiz.Bild: privat / privat

Allerdings brachte ihn das Zusatzticket in eine unerwartete Stresssituation. Er hatte auch für das Achtelfinale zwischen Spanien und Marokko (3:0 n.E.) Karten. Das Spiel sollte nur vier Stunden vor der Partie zwischen Portugal und der Schweiz starten. Das entscheidende Elfmeterschießen der Marokkaner sah Franzer deshalb nicht mehr im Stadion.

Er musste schon los, um pünktlich zum Anpfiff für das zweite Spiel zu sein. Eine Situation, die es wegen der kurzen Wege wohl nur bei der Weltmeisterschaft in Katar geben kann.

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