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Das DFB-Team wollte ursprünglich mit der "One Love"-Kapitänsbinde auflaufen.Bild: imago/ sportfoto rudel
Fußball-Kolumne

WM 2022: Deutschland knickt bei Kapitänsbinde ein – der peinlichste aller Kniefälle

In seiner Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
21.11.2022, 19:25
Harald Lange

Die Fifa verbietet das Anlegen der sogenannten "One Love"– Kapitänsbinde und die Bosse der sieben europäischen Fußballverbände, die mit diesem Symbol ein Zeichen in Richtung Menschenrechte setzen wollten, knicken ein und gehorchen. Genauso brav, wie wir es von ihnen seit Jahren kennen.

Neu an dem Gehorsam der Topfunktionäre ist allein die Randnotiz, dass sie ihren Kniefall jeweils mit einer vorsichtig dosierten rhetorischen Kritik an der Fifa garnieren. So auch in der Stellungnahme des DFB und der Uefa "One Love"-Arbeitsgruppe.

Sportwissenschaftler und watson-Kolumnist Harald Lange.
Sportwissenschaftler und watson-Kolumnist Harald Lange.bild: uni würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 53-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

DFB verpasst klare Positionierung

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hätte eine Geldstrafe für das Tragen dieser Kapitänsbinde in Kauf genommen und tut nun so, als müsse der Kapitän der Nationalmannschaft vor der Fifa und deren angedrohten Sanktionen in Schutz genommen werden. Neuendorf:

"Wir erleben einen beispiellosen Vorgang in der WM Geschichte. Die von der Fifa herbeigeführte Konfrontation werden wir nicht auf dem Rücken von Manuel Neuer austragen."

Mit anderen Worten: Auch der DFB verzichtet auf das Tragen dieser Kapitänsbinde und das sichtbare Senden eines Zeichens in Richtung Menschenrechte. Dabei war bereits die Erfindung des "One Love"-Slogans ein peinlicher Kniefall gegenüber der Fifa, denn dieses Kunstprodukt löst die Regenbogenbinde ab, die Manuel Neuer noch während der Europameisterschaft im vergangenen Jahr getragen hatte.

Fußball: EM, Portugal - Deutschland, Vorrunde, Gruppe F, 2. Spieltag in der EM-Arena München. Deutschlands Torhüter Manuel Neuer ärgert sich nach dem Gegentor.
Bei der letztjährigen EM hat Manuel Neuer eine Regenbogenbinde getragen.Bild: dpa / Christian Charisius

Damit hatte Neuer sich der etablierten Symbolik bedient, die im Feld der Homosexuellenszene weltweit etabliert ist und deshalb eine glasklare Botschaft in sich trägt.

Das aktuelle wehleidige Jammern des DFB-Präsidenten ist einfach nur peinlich. Genauso wie der bunt bemalte Diversity Flieger, mit dem der DFB von Frankfurt aus zur WM startete und uns vorgegaukelt hatte, damit nach Katar zu fliegen, um ein Zeichen zu setzen. Fakt ist auch hier: Der DFB ist im Oman in einen Linienflug umgestiegen und im neutral lackierten Flugzeug in Katar gelandet.

Wahrhaftiger Protest ist mit Konsequenzen verbunden

Während zurzeit in vielen Teilen der Welt Menschen ihre Freiheit und ihr Leben riskieren, um gesellschaftliche Statements abzugeben und Protest zu üben, machen sich die DFB-Oberen wegen der Androhung einer Gelben Karte in die Hosen. Schaut euch doch mal die mutigen Frauen im Iran an, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie sich symbolträchtig ihres Kopftuches entledigen.

In diesem Licht wirkt der "als ob"-Protest des DFB und anderer einfach nur peinlich. Die buckeln sich von einem Kniefall zum nächsten, weil sie nicht in Kauf nehmen wollen, dass aufrichtiger Protest eben auch mit Konsequenzen verbunden ist. So behaglich wie unsere Spieler und deren Funktionäre vom Fußball leben fehlt mir mit Blick auf diesen bedingungslosen Fifa-Gehorsam jegliches Verständnis. Ich empfinde das als schäbig.

ARCHIV - 19.09.2022, Baden-Württemberg, Stuttgart: Bernd Neuendorf, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), nimmt an einer Podiumsdiskussion beim Stuttgarter Sportgespräch 2022 teil. (zu dpa: «D ...
DFB-Präsident Bernd Neuendorf verpasst die Gelegenheit auf ein authentisches Zeichen. Bild: dpa / Tom Weller

Fifa hätte keine Strafe verhängt

Zumal die jetzt in Rede stehenden europäischen Verbände – wenn sie denn wirklich wollten – enorm viel Macht gehabt hätten. Diese WM wäre bereits heute auch zu einer sportlichen Seifenoper verkommen, würde sich die Fifa trauen, auch nur eine Gelbe Karte gegen einen der beteiligten Kapitäne zu verhängen. Auch jede andere sportliche Benachteiligung derjenigen, die ein nicht genehmigtes Symbol tragen, um auf Menschenrechte hinzuweisen, würde der Fifa selbst schmerzvoll auf die Füße fallen.

Geht doch endlich auch mal dort hin, wo es weh tut! Hört auf mit dieser flachen Fifa- und WM-Kritik, die bei unserem DFB-Präsidenten und anderen bislang nur auf einer rhetorischen Ebene stattfindet, und setzt endlich authentische Zeichen. Lächelt über diese Gelben Karten und zieht euch beim nächsten Spiel jeder eine Regenbogenbinde an! Ich gehe jede Wette ein, dass die Fifa nicht eine sportliche Strafe aussprechen würde, wenn sich alle daran beteiligen würden.

WM 2022: Nach Debakel in Katar – Bundesliga-Legende verspottet DFB-Star

Mit einem 9:2 (oder 8:1) hätte die DFB-Elf das WM-Achtelfinale aus eigener Kraft noch erreichen können. "Es wäre sehr vermessen und respektlos Costa Rica gegenüber, davon auszugehen, dass wir acht Tore schießen", hatte Bundestrainer Hansi Flick dieses Szenario im Vorfeld abgetan. Letztendlich standen für Deutschland ganze 32 Torschüsse zu Protokoll, eine effektivere Offensive hätte also die nötigen Tore erzielen können.

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