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WM 2022

WM in Katar: Deutsche Politik zeigt skurrilen diplomatischen Seiltanz

31.10.2022, Katar, Doha: Nancy Faeser (SPD), Bundesministerin des Innern und Heimat, wird am Flughafen von Doha empfangen. Faeser reist in ihrer Funktion als Sportministerin im Vorfeld der Fußball-Wel ...
Sportministerin Nancy Faeser reiste knapp drei Wochen vor WM-Beginn nach Katar.Bild: dpa / Britta Pedersen
WM 2022

Wenige Wochen vor WM in Katar: Deutsche Politik zeigt skurrilen diplomatischen Seiltanz

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
03.11.2022, 14:5828.01.2023, 09:24
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In zweieinhalb Wochen beginnt in Katar die Fußball-Weltmeisterschaft. Während sich Fans und Fußballer hierzulande die Frage stellen, ob sie sich die Spiele dieses umstrittenen Turniers anschauen werden, jettete der DFB Präsident Bernd Neuendorf gemeinsam mit der Bundesinnenministerin Nancy Faeser nochmal eilig in das Emirat.

Sie machten sich am vergangenen Montag und Dienstag vor Ort ein Bild zur Lage der Menschenrechte. Ein zweifelhafter sportpolitischer Seiltanz, denn die problematische Lage ist seit Jahren bestens bekannt.

Für solche Erkundungen wären seit der Vergabe des Turniers durch die Fifa Exekutive im Jahr 2010 sage und schreibe zwölf Jahre Zeit gewesen. Deshalb interessiert der Erkenntnisgewinn dieser politischen Exkursion zum Thema Menschenrechte nur am Rande.

Fanforscher Harald Lange.
Sportwissenschaftler und watson-Kolumnist Harald Langenull / Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 55-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Viel wichtiger ist eine ganz andere Funktion: In den letzten Tagen vor Turnierbeginn muss entschieden werden, ob die führenden politischen Repräsentanten der teilnehmenden Nationen das Turnier besuchen und diese WM-Endrunde durch ihre Präsenz würdigen und damit zur Legitimation beitragen.

Die fußballinteressierte Öffentlichkeit hat sich in großen Teilen von diesem zweifelhaften Event abgewendet und die allseits vermutete Strategie des verdeckten Sportswashing, mit dem Länder wie Katar ihr Image aufpolieren, ist seit langem enttarnt. Aus diesen Gründen liegt es nahe, dass die WM nicht nur von den Fans boykottiert wird, sondern dass sich auch die politische Führung der teilnehmenden Nationen unmissverständlich positioniert.

Nancy Faesers Reise erfüllt wichtigen Zweck

Für diesen Zweck war die Katar-Reise der Bundesinnenministerin Nancy Faeser wichtig. Auch, weil die Ministerin bereits im Vorfeld in Sachen Kritik und Menschenrechte klare Kante gezeigt und damit für Irritationen und Diskussionen gesorgt hatte.

"Würde Nancy Faeser nicht anreisen und den Ausrichtern ihre Aufwartung machen, wäre das ein symbolisch schwerwiegendes Zeichen im Sinne eines Affronts gewesen."
Fan-Forscher Harald Lange

Gegenüber dem ARD-Magazin Monitor äußerte sich Nancy Faeser kritisch: "Für uns als Bundesregierung ist das eine total schwierige Vergabe." Denn die Vergabe solcher Turniere müsse an Kriterien gebunden werden, "an die Einhaltung der Menschenrechte, an Nachhaltigkeits-Prinzipien". Mit Blick auf die Entscheidung, dass Katar diese WM dennoch ausrichten dürfe, wurde die Ministerin deutlich: "Es gibt Kriterien, an die sich gehalten werden muss und dann wäre es besser, dass das nicht in solche Staaten vergeben wird."

Unangemessener Arroganz-Vorwurf

Dieses Statement hatte gesessen. Die Machthaber in Katar bestellten den Deutschen Botschafter ein und übergaben ihm eine Protestnote. Zeitgleich sprang der ehemalige SPD-Boss, Sigmar Gabriel, den Herrschern im Wüstenstaat zur Seite und zog in mehreren Tweets auf Twitter haarsträubende Vergleiche, um die Kritiker der WM zu diskreditieren und das umstrittene Endrundenturnier trotz aller Menschenrechtsverletzungen und Toten dennoch zu rechtfertigen:

"Die deutsche Arroganz gegenüber Qatar ist 'zum Ko…'! Wie vergesslich sind wir eigentlich? Homosexualität war bis 1994 in Deutschland strafbar. Meine Mutter brauchte noch die Erlaubnis des Ehemanns, um zu arbeiten. 'Gastarbeiter' haben wir beschissen behandelt und miserabel untergebracht."

Welch ein unreflektierter und offen heraus posaunter Lobbyismus! Und welch eine diplomatische Zwickmühle: Schließlich bereiste Faesers Kollege aus dem Kabinett, Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck, erst vor wenigen Monaten nach Qatar und musste den Emir demütig um Erdgaslieferungen bitten.

Aus diesem Grund überrascht es nicht, dass auch Frau Faeser zum Abschluss ihrer Katar-Reise umgekippt ist und ihren Besuch zum ersten Spiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen Japan zugesagt hat. Würde sie nicht anreisen und den Ausrichtern ihre Aufwartung machen, wäre das ein symbolisch schwerwiegendes Zeichen im Sinne eines Affronts gewesen.

Das gute Gewissen wird in dieser Sache dadurch gewahrt, dass man brav dem Narrativ folgt, dass sich trotz der vielen toten Bauarbeiter auf den WM-Baustellen und der Schieflage in Sachen Menschenrechte dennoch in den letzten Monaten einiges in diesem Land bewegt habe. Dass die Bundesinnenministerin diese Entwicklung begleiten will, ist gut. Ob ihre Präsenz bei der WM tatsächlich dabei hilft, ist fraglich und das Zurückrudern in der Kritik am WM Gastgeber wird für die erhofften Gaslieferungen aus dem Emirat nützlich sein. Ich staune über diesen skurrilen diplomatischen Seiltanz!

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