Matthias Distel alias Ikke Hüftgold macht Sat.1 und der Produktionsfirma Imago TV schwere Vorwürfe.
Matthias Distel alias Ikke Hüftgold macht Sat.1 und der Produktionsfirma Imago TV schwere Vorwürfe.
Bild: www.imago-images.de / Christoph Hardt
Analyse

"Druck auf Sender wird wachsen": Medienexperte sieht Sat.1 nach schweren Vorwürfen von Ikke Hüftgold in der Pflicht

26.05.2021, 09:1231.05.2021, 10:33

Es sind schwere Vorwürfe, die Mallorca-Sänger Ikke Hüftgold, der bürgerlich Matthias Distel heißt, dem Sender Sat.1 und der Produktionsfirma Imago TV macht. Der Musiker erklärte am Montag in einem Video auf Instagram und in einem langen Text auf seiner Homepage, was er Schockierendes bei den Dreharbeiten zu "Plötzlich arm, plötzlich reich" erlebt hat.

Bei den Vorwürfen geht es um Missachtung des Kindeswohls und darum, "Quotenjagd auf dem Rücken missbrauchter Kinder" zu betreiben. Es ist der zweite Skandal innerhalb kürzester Zeit, der den Sender Sat.1 heimsucht.

Erst vor wenigen Wochen sorgte die Ausstrahlung der Auftaktfolge zur zweiten Staffel "Promis unter Palmen", in der ungefiltert homophobe Aussagen von Prinz Marcus von Anhalt gezeigt wurden, für einen Shitstorm. Sat.1 entschuldigte sich zwar, räumte Fehler ein und wollte die weiteren Folgen überarbeiten, doch nach dem überraschenden Tod von Willi Herren, der ebenfalls Kandidat der Show war, entschied man sich, die Staffel gänzlich abzusetzen.

Nun also der nächste Tiefpunkt. Könnte der Skandal um "Plötzlich arm, plötzlich reich" dem Sender tatsächlich gefährlich werden oder gar den Knockout für so manches Trash-TV-Format bedeuten? watson sprach mit einem Medienexperten darüber.

Vorwürfe von Ikke Hüftgold sind schwer

Die neuen Vorwürfe setzen den Sender definitiv erneut unter Druck, meint PR- und Medienexperte Ferris Bühler. "Dass im wiederholten Fall eine Sendung nicht ausgestrahlt wird und darüber in den sozialen wie auch klassischen Medien diskutiert wird, wirft kein gutes Licht auf den Sender", sagt er. Dennoch glaubt er, dass Sat.1 die Vorwürfe verkraften wird. Allerdings muss der Sender, um keinen Imageschaden zu erleiden, "jetzt alles an die lückenlose Aufarbeitung der Geschehnisse setzen und der Öffentlichkeit aufzeigen, welche Konsequenzen getroffen werden".

Dem Experten zufolge sollte Sat.1 "irgendeine Form von Konsequenzen ergreifen", falls sich die schweren Vorwürfe bewahrheiten:

"Das könnte beispielsweise dazu führen, dass man sich von der Produktionsfirma trennt oder es ein rechtliches Nachspiel gibt. Dazu ist aber zuerst eine lückenlose Untersuchung nötig."

Außerdem rät Bühler dem Sender, falls noch nicht geschehen, "die Verträge mit all seinen Produktionsfirmen zu überarbeiten und ihnen einen gewissen Verhaltenskodex vorzugeben". "Darin könnte beispielsweise definiert sein, dass die Produktionsfirmen minderjährige Protagonisten im Zweifelsfalle erst nach psychologischen Abklärungen durch Fachpersonen vor die Kamera lassen dürfen", so der Medienexperte.

Zudem schlägt Bühler vor, der Sender könnte in einem weiteren Schritt "eine spezielle Corporate-Social-Responsibility-Abteilung ins Leben rufen, welche die Produktionen und Formate künftig auf ihre gesellschaftliche Verantwortung überprüft". Allerdings könnte das einen entscheidenden Haken haben, wie er sagt: "Ob dann noch Trash-Formate durchkommen, könnte fraglich sein."

Trash-TV-Formate durch Skandal vor dem Aus?

Da Trash-TV-Formate aber noch immer wahnsinnig gefragt sind und gute Quoten bringen, dürfte sich der Sender einen solchen Schritt sehr genau überlegen. Dass die Vorwürfe und die aktuelle Diskussion den generellen K.O.-Schlag für einige Trash-TV-Sendungen bedeuten könnte, glaubt Bühler übrigens nicht. "Vielmehr wird der Druck auf die Sender und schließlich die ausführenden Produktionsfirmen wachsen, künftig noch sorgfältiger beim Casting ihrer Protagonisten vorzugehen", sagt er.

Dies könnte beispielsweise zu intensiveren und vor allem gründlicheren Hintergrundrecherchen über die Protagonisten durch die Redaktion im Vorfeld des Drehs führen. Auch den Einbezug von Psychologen hält er für denkbar. "So können Risiken minimiert werden oder die Sender kennen zumindest die Worst-Case-Szenarien ihrer Formate", meint der Medienexperte.

Ferris Bühler ist Medienexperte und Host des Medien-Podcast "<a target="_blank" rel="nofollow" href="https://storyradar.simplecast.com/">StoryRadar</a>".
Ferris Bühler ist Medienexperte und Host des Medien-Podcast "StoryRadar".
Bild: Thomas Buchwalder

Generell sind die Vorwürfe nicht ganz neu. Bereits 2016 hatte Jan Böhmermann es geschafft, für seine Sendung "Neo Magazin Royale" zwei Protagonisten in die RTL-Show "Schwiegertochter gesucht" einzuschleusen. Der sogenannte #Verafake war den Verantwortlichen nicht aufgefallen, die Folge wurde sogar ausgestrahlt. RTLs Produktionsfirma Warner Bros. gerieten damals gehörig in Erklärungsnot. Vor allem zeigte die Aktion bereits damals, wie wenig tiefgreifend und sorgfältig die Recherchen zu den Protagonisten für die Trash-TV-Formate offenbar sind. Es galt offenbar eher die Devise: Je skurriler oder skandalöser, desto besser.

Produktionsfirmen bewegen sich auf dünnem Eis

Auch 2021 scheint sich in dieser Hinsicht wenig getan zu haben, wie die Vorwürfe von Matthias Distel nun zeigen. Deshalb bewegen sich die Produktionsfirmen stets auf dünnem Eis, meint Ferris Bühler.

"Wer Trash-TV-Sendungen produziert, steht unter ständigem Druck, bei den Zuschauern die erwarteten Emotionen auszulösen, also für jede Menge Lacher, Tränen oder Schockmomente zu sorgen. Dies gelingt natürlich nur mit den passenden Protagonisten vor der Kamera, weshalb das Casting der Erfolgsfaktor solcher Sendungen ist", erklärt er. Die Produktionsfirmen "müssen den Zuschauern einerseits möglichst trashige und schräge Figuren liefern, andererseits sollten diese aber doch noch irgendwie normal sein oder zumindest einen gesunden Menschenverstand haben – eine schwer auffindbare Spezies", meint der Experte.

In erster Linie scheinen also die Produktionsfirmen nun in der Pflicht zu sein, ihre Methoden zu überdenken. Allerdings wird dies sicherlich nur geschehen, wenn auch genügend Druck auf sie ausgewirkt wird – und da sind wiederum die TV-Sender gefragt.

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