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Joko und Klaas zeigten in ihrer Doku am Mittwochabend auf ProSieben Missstände in der Pflege auf. Bild: screenshot prosieben

Analyse

Medienexperte sieht ProSieben als großen Gewinner und glaubt: Sendung von Joko und Klaas wird Konsequenzen haben

Am Mittwochabend gelang Joko und Klaas ein riesiger TV-Coup. Zum Staffelauftakt ihrer Show "Joko und Klaas gegen ProSieben" hatten sie sich am Vorabend die begehrten 15 Minuten Sendezeit erspielt. Doch aus den 15 Minuten wurden letztendlich 7 Stunden. In diesen machten sie auf die Situation der Pflegekräfte in Deutschland aufmerksam und zeigten eindrucksvoll Missstände auf. Für den Beitrag wurde die Gesundheits- und Krankenpflegerin Meike Ista im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster in Echtzeit per kleiner Kamera bei ihrer Arbeit begleitet. So nah dran war man als Außenstehender wohl noch nie.

Im Netz wurde die Aktion gefeiert. Der einhellige Tenor: Joko und Klaas haben mit diesem Beitrag Fernsehgeschichte geschrieben. Aber ist das tatsächlich so? Und was kann solch eine Aktion auch langfristig bewirken?

Watson sprach dazu mit dem PR- und Medienexperten Ferris Bühler. Er sieht ProSieben als den großen Gewinner und ist sich sicher: Die Sendung wird nicht ohne Konsequenzen bleiben.

ProSieben ist der größte Gewinner des Abends

Für ihn steht eins bereits außer Frage: Einer der größten Gewinner des Abends dürfte ProSieben sein – und das, obwohl der Sender stundenlang komplett auf Werbung verzichtete. "ProSieben hat in diesen sieben Stunden Sendezeit so viel gewonnen wie schon lange nicht mehr. Alleine die positive Berichterstattung im deutschen Sprachraum über die Aktion hat einen Wert im siebenstelligen Bereich. Hinzu kommt die riesige Präsenz in den sozialen Medien und die Interaktionen vieler User. Und wenn dann noch Erzrivale RTL von einer 'starken Aktion' spricht, so ist dies schlichtweg unbezahlbar", sagt Bühler gegenüber watson.

Novum für

Joko und Klaas erspielten sich 15 Minuten Sendezeit – daraus wurden sieben Stunden. Bild: dpa / Stefan Gregorowius

"Zusätzlich ist zu beachten, dass die Produktionskosten dieser XXL-Sendung durch die zwei großen Sponsoren getragen wurden. ProSieben ist daher überhaupt kein Schaden entstanden, sondern ist der Sieger des Abends", stellt er klar.

Joko und Klaas schreiben mit #nichtselbstverständlich Fernsehgeschichte

In seinen Augen kann man bei der Aktion auch durchaus von einem geschichtsträchtigen Moment reden. "Eine Sendung gab es auf diese Art und Weise noch nie, weshalb wir hier durchaus von einem neuen Kapitel Fernsehgeschichte sprechen können. Zwar mag es bereits mehrstündige Charity-Formate im linearen Fernsehen gegeben haben, aber nicht in dieser Art", sagt er und verweist auf den speziellen "Überraschungsfaktor, als aus 15 Minuten Sendezeit plötzlich sieben Stunden wurden". Hinzu käme, so Bühler, "die unglaubliche Resonanz in den sozialen Medien, welche parallel zur Live-Sendung zunahmen und bis heute 'nachbeben'".

Ferris Bühler

PR- und Medienexperte Ferris Bühler. Bild: Thomas Buchwalder

Im Netz reagierten zahlreiche Pflegekräfte auf den Beitrag, aber auch unzählige Personen, die mit der Branche nichts zu tun haben. Besonders bemerkenswert war aber wohl die schnelle Reaktion von Vizekanzler Olaf Scholz, der mit seinem Tweet zu Jokos und Klaas' Aktion jedoch auch viel Kritik einstecken musste. Denn die Missstände sind nicht erst seit Mittwochabend Thema. Immerhin griff Jens Spahn am Donnerstagmorgen die Doku auch in einer Pressekonferenz auf und erklärte: "Pfleger und Pflegerinnen verdienen unseren Respekt aber auch bessere Arbeitsbedingungen."

Experte: ProSieben-Sendung wird Konsequenzen haben

Doch abgesehen von Spahns Bekenntnissen, kann solch eine Aktion überhaupt wirklich etwas ausrichten – auch nachhaltig? Bühler ist sich sicher: Die Sendung wird Konsequenzen haben, die Auswirkungen werden schon jetzt deutlich:

"Die Aktion hat eine breite öffentliche Diskussion über den Pflegenotstand im Netz wie auch in den klassischen Offline-Medien ausgelöst. Damit konnte die Bevölkerung auf das Thema sensibilisiert werden, und der Druck auf die Politik dürfte steigen."

Was bei dem ganzen Thema aber nicht vergessen werden sollte: Joko und Klaas sind eigentlich Moderatoren und Entertainer. Dennoch nutzen sie ihre immense Reichweite immer wieder für wichtige Themen – und wirken dabei niemals unglaubwürdig. Ihnen gelingt einfach immer wieder der Spagat zwischen schrill und laut sowie ernsthaft und zurückgenommen. Wie kann man sowas überhaupt in einer Person vereinen – und das auch noch so glaubhaft rüberbringen? Für Ferris Bühler sind Joko und Klaas einfach eine "Ausnahmeerscheinung des deutschen Privatfernsehens".

Sie würden die Freiheiten, die ihnen ProSieben bei der Gestaltung ihrer Formate gewährt, zwar einerseits "für die krasse, grenzüberschreitende Unterhaltung ihrer Zuschauer ausnutzen, andererseits machen sie dies mit sympathischen Aktionen wie dem Besuch in einem Flüchtlingslager mit vielen emotionalen Gänsehaut-Momenten wieder wett", so Bühler. "Am Ende stimmt die Karma-Bilanz und die beiden Ausnahmetalente sind glaubwürdig."

watson-Story

"Hätte Spahn seinen Job richtig gemacht, hätten die Menschen weiter Serien gucken können": Pflegerin spricht über Doku von Joko und Klaas

Ein Stück Fernsehgeschichte, wie manche meinen: Für viel Furore sorgen die Moderatoren Joko Windterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die in ihrer ProSieben-Sendung "Nicht selbstverständlich" den gesamten Arbeitsalltag einer Pflegekraft zeigten. Fast die ganze Nacht lang konnten Zuschauer beobachten, was es wirklich bedeutet, als Pflegekraft in Deutschland zu arbeiten.

Nina Böhmer hat die ganze Sendung nicht gesehen. Das muss sie vielleicht auch nicht, schließlich arbeitet die 29-Jährige selbst …

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