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Oscar-Favorit "Im Westen nichts Neues": Kritik an Netflix greift zu kurz

"Im Westen nichts Neues" hat gute Chancen bei den Oscars.
"Im Westen nichts Neues" hat gute Chancen bei den Oscars.Bild: Netflix
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"Im Westen nichts Neues" bei den Oscars – warum die Kritik am Netflix-Film zu kurz greift

12.03.2023, 13:54
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Mit "Im Westen nichts Neues" hat dieses Jahr eine deutsche Produktion die Chance, bei den Oscars in der Hauptkategorie zu triumphieren. Insgesamt stehen sogar neun Nominierungen für Edward Bergers Kriegsdrama zu Buche. Gefeiert wird der Netflix-Film in Deutschland trotz seiner historischen Chance aber nicht durchweg. Zum Verhängnis wird dem Film seine Vorlage, meinen viele. Dieses Problem ist letztlich aber konstruiert – und wird in den USA glücklicherweise kaum so empfunden.

"Im Westen nichts Neues" trifft auf engstirnige Kritiker

Der gleichnamige Roman von Erich Maria Remarque gilt als unantastbarer Klassiker der Anti-Kriegsliteratur, 1930 wurde die Geschichte um den jungen Soldaten Paul Bäumer auch schon einmal erfolgreich verfilmt. Diesen geradezu antiken Stoff jetzt erneut in die Hand zu nehmen, zeugt von vornherein und aus mehreren Gründen von Mut. Am Ende steht vor allem die Frage: Was könnte Edward Berger der eindringlichen Story noch hinzufügen?

Überraschenderweise lautet die Antwort: eine ganze Menge – und ironischerweise zieht ausgerechnet das hierzulande die meiste Kritik auf sich. Im Vergleich zur Vorlage wurden nämlich zahlreiche Änderungen vorgenommen und sogar neue Figuren hinzugefügt.

Wohl am meisten diskutiert wird das neue Ende, welches dazu führt, dass der Titel streng genommen gar nicht mehr passt. Dem Film-Team dies pauschal zu verübeln, ist ein leichter Schritt, doch wer das tut, macht es sich ein wenig zu einfach.

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Dabei steht die Gattung Literaturverfilmung ohnehin stets vor dem Dilemma, es nie allen recht machen zu können. Hält sich eine Adaption zu streng an ihre Vorlage, wird ihre Existenzberechtigung wegen mangelnder Eigenständigkeit angezweifelt. Weicht sie dagegen zu sehr vom Original ab, sieht sie sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Quelle zu "verschandeln" oder ihr zumindest nicht genug Respekt zu erweisen. Bei der neuen "Im Westen nichts Neues"-Verfilmung lässt sich sehr stark Zweiteres beobachten.

Felix Kammerer spielt Paul Bäumer in der Netflix-Neuverfilmung.
Felix Kammerer spielt Paul Bäumer in der Netflix-Neuverfilmung.bild: Netflix

Doch die Netflix-Produktion ist nicht automatisch schlecht, weil sie eigene Wege geht. Im Gegenteil: Es lässt sich sogar mit guten Argumenten vertreten, dass die Anti-Kriegsbotschaft durch die letzten Minuten des Films (genauer gesagt: den militärischen Angriff kurz vor dem offiziellen Eintritt des Waffenstillstands) noch einmal verstärkt wird. Im Grunde bringen sie den Wahnwitz des Ganzen perfekt auf den Punkt.

Wenn der Autor der "Süddeutschen Zeitung" also fragt, ob "der Regisseur die Romanvorlage überhaupt gelesen hat", lautet die ebenso provokante Gegenfrage dazu: Welches Gesetz verbietet künstlerische Freiheiten?

"Im Westen nichts Neues": Die Vorlage als Fluch für Netflix

Jedoch wird das Kriegsdrama in Deutschland automatisch am Original gemessen. Der Remarque-Roman ist hier nach wie vor Gegenstand des Schulunterrichts, viele kennen auch die filmische Umsetzung von Lewis Milestone. Laut Angaben der Deutschen Presse-Agentur ist die Nachfrage nach dem Buch seit Veröffentlichung des Netflix-Films wieder gestiegen.

In den USA dagegen ist das literarische Werk nicht ganz so präsent – und das führt dazu, dass die Menschen dort der Neuverfilmung von Grund auf offener gegenüberstehen.

Was die Oscar-Academy vor allem sieht: starke schauspielerische Leistungen, eine beeindruckende Inszenierung, authentische Kulissen und Bilder des Grauens, die nachwirken. Ebenfalls eine Rolle spielen dürfte die Tatsache, dass der ohnehin zeitlose Stoff aufgrund des Ukraine-Kriegs gerade auf traurige Weise wieder aktuell ist.

Warum der Netflix-Film auch zwiespältig ist

Ein innerer Widerspruch, von dem "Im Westen nichts Neues" wie die meisten anderen Vertreter seines Genres nicht verschont bleibt, macht den Film möglicherweise noch interessanter.

Auf der einen Seite steht die Erkenntnis sinnlosen Sterbens, auf der anderen Seite bedienen die Verantwortlichen einen gewissen Voyeurismus, indem sie explizit die verschiedensten Todesarten im Krieg aufzeigen – Beteiligte werden verbrannt, erstochen, durchlöchert oder lebendig begraben. Eigentlich sollte sich niemand so etwas gerne und freiwillig anschauen, sagt der gesunde Menschenverstand. Dennoch gibt es einen Markt dafür. Und potenziell sogar Oscars.

"Im Westen nichts Neues" wartet mit einigen Änderungen der bekannten Geschichte auf.
"Im Westen nichts Neues" wartet mit einigen Änderungen der bekannten Geschichte auf.bild: netflix

Ein Erfolg des Films bei der Verleihung wäre nicht zuletzt der konsequente Höhepunkt einer Entwicklung, die sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat. Bei den Oscars mischen nicht mehr nur reine Kino-Produktionen mit, auch Streaming-Dienste haben einen Fuß in die Tür gesetzt.

Ein Triumph in der Hauptkategorie blieb Netflix bislang noch verwehrt, "The Power of the Dog" beispielsweise kratzte 2022 allerdings schon an der Schwelle und heimste immerhin den Preis in der wichtigen Rubrik "Beste Regie" ein. Jetzt könnte "Im Westen nichts Neues" das nochmal übertreffen.

Netflix räumt seinen millionenschweren Blockbuster-Friedhof auf – fünf Jahre zu spät

Anfang März stellte der Regisseur Zack Snyder eine lustige Rechnung auf. Im Gespräch mit dem Podcaster Joe Rogan kalkulierte er, dass sein Netflix-Blockbuster "Rebel Moon" erfolgreicher gewesen sei als der Kino-Hit "Barbie". 90 Millionen Menschen hätten "Rebel Moon" bei Netflix geschaut. In Kinozahlen übertragen, würde das ein Einspielergebnis von 1,6 Milliarden US-Dollar ergeben – 200 Millionen mehr als "Barbie".

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