Die Wahlkreise des Schreckens: Über Maaßens Nominierung zur Bundestagswahl scherzte die "heute-show" ausgiebig. Zu #allesdichtmachten schwieg sie.
Die Wahlkreise des Schreckens: Über Maaßens Nominierung zur Bundestagswahl scherzte die "heute-show" ausgiebig. Zu #allesdichtmachten schwieg sie. Bild: zdf/screenshot / heute show

"heute-show" gratuliert zur Maaßen-Nominierung: "Glückwunsch, CDU, jetzt habt ihr selber euren Sarrazin"

01.05.2021, 12:54
jürgen winzer

Eine Partei vor der Spaltung, ihr Vorsitzender auf dem "Weg der Leiden" – in der "heute-show" (ZDF) ging es wieder um die CDU und Armin Laschet. Und um das Lieferkettengesetz. Nicht aber um #allesdichtmachen. Mit keinem einzigen Wort. Peinlich!

"Die CDU ist nach 16 Jahren Angela völlig ausgemerkelt", wurde in der "heute-show" konstatiert. Dietmar Wischmeyer sah den Partei-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Armin Laschet auf dem "Weg der Leiden", weil er ständig vom "siegreichen Verlierer Markus Söder gepiesackt" werde. Dass sich "der arme Armin" sogar Friedrich Merz, den "kommenden Superminister" ins Team geholt habe, spreche, so Oliver Welke, für Verzweiflung. Die herrsche in der ganzen Partei. Die Umfragen seien zwar laut Welke "nur Momentaufnahmen". Aber für die CDU böten sie schreckliche Momente: "Es riecht sehr nach schwarzer Juniorpartner."

"Die wollten erst Merz, dann Söder, jetzt haben sie Laschet": Die Probleme der CDU.
"Die wollten erst Merz, dann Söder, jetzt haben sie Laschet": Die Probleme der CDU. Bild: zdf/screenshot / heute-show

Die ganze Partei befinde sich in einer Sinnkrise und diese treibe besondere Blüten. Vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden sei die Basis "unglücklich. Die wollten erst Merz, dann Söder und jetzt haben sie Laschet." Viele träumten von der "Verbotenen Liebe", von Kooperationen zwischen CDU und AfD. "Die wünschen sich die 'CDU classic' mit Werten wie Familie, mit Mutter, Vater, Kind und mindestens einem heterosexuellen Hund."

In Thüringen wird die "CDU classic hardcore" wahr. Dort tritt Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen als Kandidat für den Bundestag an – obwohl er mit Thüringen in seiner persönlichen Vergangenheit null am Hut hatte. Immerhin, so Welke, "Er ist von der Straße – ein Arbeitsloser weniger." Außerdem: "Glückwunsch, CDU, jetzt habt ihr selber euren Sarrazin."

Geimpfte feiern im Biergarten krass ab, Ungeimpfte gucken durstig über den Zaun

Natürlich wurde auch wieder über Corona geredet. Kaum gebe es auf der einen Seite Positives – "Das Impftempo zieht an!" –, wüchsen neue Ängste – vor allem in der Politik. Dass bei der Ministerpräsidentenkonferenz nichts beschlossen worden sei, sah Welke als "Zeitspiel". "Klar, sie haben Angst vor der Zwei-Klassengesellschaft der Geimpften und Ungeimpften und vor dem großen Impfneid." Vor einer Welt, "in der doppelt Geimpfte im Biergarten krass abfeiern, während der Ungeimpfte durstig und böse über den Zaun guckt, weil in drei Minuten die Ausgangssperre beginnt."

Die Impfthematik sei auch noch nicht ausgestanden: "Wenn sich im Juni alle gleichzeitig um einen Termin bemühen, wird's auch sehr interessant." Wie auch jetzt, da sich in der Priorisierungskategorie 3 neben über 60-Jährigen und Krebskranken auch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer befänden. Welke: "Warum nicht auch Einradfahrer, Piemontkirschentester oder gleich Querdenker?" Olaf Schubert vom Ethikrat sah indes keinen Impfneid. "Bisher war's tragisch, dass Menschen ungeimpft zu Hause rumsitzen mussten. Der Fortschritt ist doch: Jetzt können sie geimpft zu Hause rumsitzen, da sitzt es sich doch viel schöner."

"heute-show" enttarnt "Doppelagent der Kinderausbeuter"

Aber wenn man da so sitzt, so ließ Welke verlauten, kann man ja nicht einmal gut gelaunt Schokolade verzehren, weil keiner der Marktführer garantieren könne, dass seine Schokolade fair und ohne Kinderarbeit, Armut und Umweltschäden hergestellt wird. Das war der Aufhänger zum Umstand, dass die GroKo auf Druck der Wirtschaftsverbände das lange Jahre umstrittene Lieferkettengesetz zu einem faulen Kompromiss aufgeweicht habe. Birte Schneider (Christine Prayon) meinte, das Gesetz höre sich noch ein bisschen nach Menschenrecht an, tue der Wirtschaft aber nicht mehr weh.

"Doppelagent der Kinderausbeuter": Oliver Welke hält nichts vom Lieferkettengesetz – ein fauler Kompromiss sei es.
"Doppelagent der Kinderausbeuter": Oliver Welke hält nichts vom Lieferkettengesetz – ein fauler Kompromiss sei es.Bild: zdf/screenshot / heute-show

Das Lieferkettengesetz in der jetzigen Version falle nicht nur beschämenderweise hinter die Standards der UN-Kinderrechtskonvention zurück, so Welke, sondern sichere deutsche Profite durch billigende Inkaufnahme von Ausbeutung. Wie man so was bewerkstelligen könne, beschrieb Schneider in der "Lobbythek". Wichtig sei vor allem ein "Doppelagent der Kinderausbeuter", wie Hans Michelbach. Der sei nämlich nicht nur in der CSU, sondern auch im Präsidium des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Das sei praktisch, so Schneider: "So konnte der Hansi als Wirtschaftslobbyist direkt bei sich selbst als Politiker gegen das Lieferkettengesetz protestieren."

Peinlich: "heute-show" schweigt zum Thema #allesdichtmachen

Weil es zu viele dieser Art von Politiker gibt, dürfte der Abschied von Gerd Müller (CSU) schwerfallen. Der Entwicklungsminister wird im Herbst aufhören – nach jahrelangem engagierten Kampf für die Menschenrechte und gegen Ausbeutung, wie Welke ausdrücklich lobte. "Der passt gar nicht zu seinem Verein, der sagt im Bundestag Sätze wie '80 Millionen Kinder arbeiten für uns als Arbeitssklaven.' Der ist für seine Partei brandgefährlich." Dann ging's noch darum, dass die Deutschen in Corona-Zeiten "wie blöde Haustiere kaufen" (Welke). Und dann war Schluss. Aber da fehlte doch was!

Wenn Kulturschaffende Kultur schaffen, muss doch dieser Tage eigentlich der Wirbel um #allesdichtmachen thematisiert werden. Wenn nicht von der "heute-show", von wem dann? Aber es kam nichts. Niente, nada, nothing. Schon vergangenen Freitag, als das Thema ganz neu aufgebrandet war, verlor Welke dazu nur zwei Sätze. Diesmal sind die Diskussionen um die "coronapolitikkritischen" Videos von 53 Kulturschaffenden den "heute-show"-Autoren nicht ein einziges Wort wert. Fehleinschätzung der Redaktion? Gagblockade bei den Schreibern? Zu enges Verhältnis zu den Schauspielern? Schließlich sind viele "heute-show"-Protagonisten deren Arbeitskollegen. Dieses Schweigen hinterlässt Fragen. Für eine Satire-Sendung, die vorgibt, am gesellschaftlichen Puls der Zeit zu sein, ist es eigentlich peinlich.

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