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Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci wartet auf die Herdenimmunität. bild: screenshot ard

"Hart aber fair": SPD-Politikerin weicht Frage aus: "Irgendwann wieder möglich"

dirk Krampitz

Beim Impfgipfel traf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Chefs der Bundesländer. Ergebnis: Im Juni soll die Priorisierung bei den Corona-Impfungen aufgehoben werden, dann kann sich jeder seine Immunisierung abholen. Außerdem sollen Geimpfte und nach einer Infektion Genesene künftig wieder mehr Freiheiten genießen. Frank Plasberg diskutiert das Thema "Lichtblick Impfen: Was man jetzt wissen muss!" mit folgenden Gästen:

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Immunologe Carsten Watzl will noch an der Priorisierung festhalten. bild: screenshot ard

Auch wenn schon über Entspannung und Lockerungen gesprochen wird, sieht der Immunologe Carsten Watzl die Zeit dafür eindeutig noch nicht gekommen. "Wir haben noch nicht genug Impfstoff, um uns aus der dritten Welle heraus zu impfen" – darum will er auch weiter an der Priorisierung festhalten. Die 60-Jährigen mit Vorerkrankungen sei eben noch immer gefährdeter als beispielsweise eine jüngere Kassiererin, auch wenn diese viele Kundenkontakte habe. Ziel sei es doch "möglichst viele Leben noch zu retten" und jemand über 60 habe ein 60 mal höheres Risiko. Die Herdenimmunität sei erst mit etwa 70 Prozent Impfquote erreicht.

Davon ist Deutschland noch weit entfernt, obwohl die Impfgeschwindigkeit im April deutlich zugenommen hat. Momentan hat knapp ein Viertel der Deutschen die Erstimpfung erhalten. Gut 7 Prozent sind vollständig geimpft.

"Wir müssen jetzt durchimpfen mit Vollgas, auch im Sommer. Jeden Tag. Wir brauchen das Tempo jetzt und wir müssen es auch aufrechterhalten. Sonst droht im Herbst die vierte Welle."

Carsten Watzl

Obwohl SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nicht dabei ist, weht etwas von seinem mahnenden Geist durch Frank Plasbergs Studio, wenn Watzl spricht. Im Mai müssten jeden Tag 800000 Dosen verabreicht werden, im Juni, wenn mehr Impfstoff da ist, sogar 1 Million pro Tag.

Einige Bundesländer, etwa Berlin, haben bereits die Priorisierung für den Impfstoff von Astrazeneca aufgehoben, weil die Nachfrage seit den Berichten um Nebenwirkungen geringer geworden war. Nun darf sich jeder damit impfen lassen, auf eigenes Risiko, auch junge Frauen, obwohl für sie das Risiko deutlich höher erscheint. "Impfen als Mutprobe kann nicht die Lösung sein", sagt Plasberg.

Virologe Christian Drosten hatte in seinem Podcast gesagt, dass jeder Ältere, der jetzt auf Biontech bestehe, einem Jüngeren seine Dosis wegnehme. Und auch Watzl mahnt: Für Ältere sei Astrazeneca genauso sicher wie Biontech. Gute Nachrichten: Dessen Zulassung für Kinder über 12 Jahren sei in Amerika bereits getestet und beantragt, und alle Impfungen würden auch gegen die Mutanten wirken, selbst gegen die südafrikanische, nur dort etwa zehn Prozent schwächer.

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Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hofft auf genügend Impfstoff. null / screenshot ard

Insgesamt also gar nicht so schlecht die Lage? Das findet Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Sie ist als Politik-Vertreterin eingeladen. Offenbar hat sich auf Bundesregierungsebene niemand dafür erwärmen können, sich beim Impfthema als Aushängeschild zu profilieren.

Kalayci ist dafür, die Priorisierung aufzugeben ab Juni, "dann muss aber auch genug Impfstoff da sein – damit keine Konkurrenzsituation entsteht". Zu den möglichen Sommerurlaubsaussichten will sie nichts Konkretes sagen. Sie verweist aber indirekt auf die Herdenimmunität. "Dann wird auch das Reisen irgendwann wieder möglich sein." Das klingt nicht nach einen halbwegs normalen Sommerurlaub. Sie selbst hat auch nichts geplant, will in Berlin bleiben. Und auch Arzt Carsten Wetzl wirft ein, dass im Sommer ja viele erst "halbgeimpft" seien.

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Anke Richter-Scheer spricht mit Patienten, wenn sie Astrazeneca nicht wollen. bild: screenshot ard

Umso ärgerlicher ist es, wenn Anke Richter-Scheer, Fachärztin für Innere Medizin und Leiterin des Impfzentrums Minden-Lübbecke von Hausärzten berichtet, die nicht so viele Patienten zu impfen schaffen, wie sie eigentlich könnten. Ihr hätten Ärzte geklagt: "Wir kriegen die Patienten nicht zusammen." Zum Teil müssten sie sechs Stunden herumtelefonieren um zehn Patienten zu finden.

Grund seien die Priorisierungsvorgaben. Sie selbst gehe pragmatisch vor, wenn jemand aus einer Gruppe komme, die eigentlich noch nicht dran sei und erkunde im Gespräch, ob es nicht vielleicht auch Vorerkrankungen gebe. "Viele Kassierer haben Bluthochdruck oder Diabetes." Somit rutschen sie in der Priorität nach oben. Richter-Scheer hat übrigens öfter ältere Patienten, die sich zuerst nicht mit Astrazeneca impfen lassen wollen, verunsichert von den Berichten über Nebenwirkungen. Und die meisten nehmen dann am Ende doch noch den eher unbeliebten Impfstoff. Nach medizinischer Aufklärung und auch, weil sie sonst noch wochenlang warten müssten.

Dazu passt, was Psychologe Stephan Grünewald sagt: Er sieht die Priorisierung nicht nur als notwendiges Übel, sondern auch als Mittel, um die Impfquote auch bei Unentschiedenen hochzutreiben. "Im Moment hilft die Verknappung."

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FDP-Bundestagsabgeordneter Johannes Vogel vertraut auf die Hausärzte. bild: screenshot ard

FDP-Bundestagsabgeordneter Johannes Vogel hilft in einem Berliner Impfzentrum aus und er wünscht sich mehr Eigenverantwortung bei den Hausärzten, zu denen er "volles Vertrauen" habe bei der richtigen Auswahl der zu Impfenden. Zu viele komplizierte Regelungen schwebten wie ein "rechtliches Damoklesschwert" über den Ärzten. Er setzt auf Patienten, die sich impfen lassen wollen, um nicht zu erkranken und auch wieder alltägliche Erleichterungen zu haben. Eine Diskussion über Impfzwang sei jetzt "toxisch".

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ARD-Korrespondentin Susanne Glass genießt die Normalität in Israel. bild: screenshot ard

Lust auf die positiven Folgen einer Impfung macht dann im Einzelgespräch sehr ausführlich Susanne Glass. Die Leiterin des ARD-Fernsehstudios in Tel Aviv berichtet über die Rückkehr zum normalen Leben im Impf-Musterstaat Israel.

"Ich war an den letzten Abenden fast jeden Abend aus mit Freunden. Und es fühlt sich wunderbar an. Als ich das erste Mal wieder rausgegangen bin, das war so ein Aufatmen, da ist mir erst bewusst geworden, wie wichtig das für die seelische Gesundheit ist."

Susanne Glass

Ihr Rat: "Hier herrscht der Pragmatismus und ich finde das in diesen Zeiten sehr, sehr gut. Ihr in Deutschland diskutiert mir viel zu viel."

Und dafür war dieser Abend ohne wirkliche Erkenntnis wohl auch das beste Beispiel.

ARD schneidet Szenen mit Jan Josef Liefers aus "Tatort" – nun reagiert der WDR

Am Sonntag zeigte die ARD eine neue "Tatort"-Episode aus Münster. Wie immer mit von der Partie war auch Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Prof. Boerne. Dass die ARD so kurz nach dem Eklat um die Aktion #allesdichtmachen, an der auch Jan Josef Liefers beteiligt war, ausgerechnet einen "Tatort" mit ihm zeigt, war vielleicht nicht die cleverste Idee. Auf Twitter häuften sich zumindest die Kommentare derer, die Filme mit Liefers nicht weiter unterstützen wollen.

Die ARD ließ sich davon aber …

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