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Daniel Wolfson und Kawus Kalantar bild: Yannick Lampert

Interview

Warum Comedians Kalantar und Wolfson nicht "den Ausländer für die Deutschen" spielen

Der Entertainment-Markt für Lacher ist hart umkämpft. In der Selbstbedienungs- und Selbstverwirklichungs-Anstalt Internet zeigt das auch jeder. Das deutsche Web ist voll von Gags, Memes und bissigen Tweets. Daneben mischt immer noch die Kölner Comedy-Industrie erfolgreich mit, Formate und Gesichter hochzuzüchten und zu konservieren.

Daneben aber gibt es noch eine alternative Comedy-Szene, und zwar in Berlin. In der Hauptstadt hat sich mittlerweile eine sehr große Stand-Up-Szene etabliert, die auch Talente wie Osan Yaran oder Erika Ratcliffe hervorbrachte.

Zwei dieser künftigen Comedy-Stars aus der Hauptstadt sind Daniel Wolfson und Kawus Kalantar. Die Beiden orientieren sich eher am amerikanischen Stand-Up der Marke Bill Burr: Sie mixen Politisches mit Plumpen, Weltliches mit Persönlichem, sie haben Migrationshintergrund, machen ihn aber nicht zum zentralen Gegenstand ihrer Comedy.

Die beiden haben ihren eigenen Podcast "Chips und Kaviar" und eine gleichnamige Comedy-Show in Berlin-Neukölln. Dort treten jeden Sonntag Stand-Up-Neulinge und etablierte Comedians auf und testen ihr Material.

Wir trafen die beiden zum Interview und sprachen zunächst über das sensibelste aller Comedy-Themen.

watson.de: Als wir uns eben hingesetzt haben, sprachen wir über Gag-Klau in der Comedy. Wie merkt man, dass ein Comedian geklaut hat?
Kawus Kalantar: Das spricht sich ja rum und dann achtet man darauf. Manche klauen so dreist-dumm, sie übersetzen einfach die Jokes eins zu eins aus dem Englischen. Oder sie übernehmen Witze aus der Internet-Kultur, von Memes oder Twitter.

Kann es nicht passieren, dass zwei Comedians zufällig auf die gleiche Idee kommen?
Kawus: Auf jeden Fall. Wenn aber jemand wiederholt mit verschiedenen Nummern viel zu nah dran an dem Kram von berühmten Comedians ist, wird es auffällig.

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Kawus Kalantar bei seiner Show "Chips und Kaviar". bild: yannick lampert

Kawus, du hast die Stand-Up-Show "Chips und Joghurt" gegründet, weil du Chips mit Joghurt magst. Kannst du eine Kombination empfehlen?
Kawus: Für die Chips den Klassiker "Chipsfrisch Ungarisch", alternativ die salzig Geriffelten. Dazu Ömür-Joghurt im Eimer. Wenn man nicht so auf den türkischen sauren steht, dann den cremigen "Weihenstephan" oder "Onken Bi-Ghurt". Der ist stichfest.
Daniel Wolfson: Wir sollten langsam mal von Ömür gesponsort werden.

Daniel, mit dir ist dann der Kaviar dazugekommen?
Daniel: Die Show lief weiter über den Namen "Chips und Joghurt". Wir hatten das Gefühl, dass die Leute sich den Namen nicht gemerkt haben. Irgendwann haben wir "Chips und Kaviar" draus gemacht, auch weil es unsere Show am besten repräsentiert: Chips ist dieser billige, Kaviar der tatsächlich nährstoffreiche und extrem teure Snack. Beides kommt in unserer Show vor: Anfänger treten neben den Besten der Besten auf.
Kawus: Noch eine Bedeutungsebene wäre: Es kann plump sein und schlau, aber beides ist cool. Und es steht selbstverständlich nebeneinander.

"Chips und Kaviar"

Jeden Sonntag veranstalten Daniel Wolfson und Kawus Kalantar im Oblomov in Berlin-Neukölln eine Mixed-Comedy-Show. Sechs bis acht Comedians treten für fünf bis sieben Minuten auf und spielen ihr Material. Neben absoluten Neulingen treten auch etablierte Comedians wie Felix Lobrecht auf und testen neue Gags. Die Show ist spendenbasiert.

Ihr fahrt den amerikanischen Stand-Up-Ansatz. Wie unterscheidet sich das zur deutschen Comedy?
Kawus: In der deutschen Comedy kommen häufiger klassische Gags nach Schema F mit absehbarer Punchline. Bei den Amis läuft es subtiler ab, da werden bei vielen die Jokes im Sprachfluss verpackt und es gibt auch ohne "Toröö" die großen Lacher.
Daniel: In Deutschland wird gerne zwischen meist politisch, belehrendem Kabarett und eher plumper, direkter Comedy unterschieden. In den USA funktioniert beides in einem. Hier war es eine Zeit lang vielleicht auch nicht so ehrlich. Deutsche Comedians haben sich vielleicht nur getraut, das zu bringen, was man witzig findet und nicht, was sie selber witzig finden.
Kawus: Ich habe das Gefühl, dass viele deutsche Comedians im Schreibprozess das Publikum direkt mitdenken.

Ist deutscher Humor weniger ehrlich?
Kawus: Ich kenne einen Kabarettisten, der abseits der Bühne gar nicht das ist, was er propagiert. Der verdient mit seiner Kapitalismuskritik so viel Kohle, er selbst muss darüber schon lachen.
Daniel: Bei Louis CK hast du das Gefühl, dass du ihn kennst. Selbst bei Dave Chapelle ist das so, obwohl er eigentlich nicht viel Privates erzählt – beziehungsweise ist man sich bei ihm nicht sicher. Aber auch wenn Mario Barth mir andauernd von seiner Freundin erzählt, glaube ich nicht, ihn zu kennen. Bei Felix Lobrecht etwa hast du aber das Gefühl, ihn besser zu kennen, obwohl er auch nicht so viel Privates erzählt. Aber wir können bestätigen: Er trägt privat genauso viel Gucci wie auf der Bühne.

Daniel Wolfson über falsche Prioritäten

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Video: YouTube/Späti Comedy

Wie ehrlich seid ihr denn auf der Bühne?
Kawus: Ich glaube nicht, dass es über uns große Geheimnisse gibt. Wir erzählen wahrscheinlich keine peinlichen Dinge, die andere involvieren.
Daniel: Ich finde aber auch den amerikanischen "Burn the boats"-Ansatz etwas fremd, wirklich alles zu erzählen. Inwiefern ist eine Prostata-Entzündung relevant? Das muss schon einen Killer-Joke liefern.

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Daniel Wolfson bild: yannick lampert

Wie weit seid ihr und wie weit ist schon das Publikum bei eurem amerikanischen Stand-Up-Ansatz?
Daniel: Bei jeder von unseren Shows sind mehr als die Hälfte unserer Gäste zum allerersten Mal bei einer Comedy-Show. Dass sie sich auf Netflix amerikanischen Stand Up anschauen, hilft uns sehr. Noch ein Punkt ist: In anderen Ländern sind Comedians selbst-ironisch. Ein jüngeres Publikum versteht das hier auch. Doch Älteren tust du eher leid, wenn du dich über dich selbst lustig machst. Die wollen dich dann nach dem Set in den Arm nehmen. Oder auch absolut nicht.

Ihr habt Migrationshintergrund, den ihr behandelt, aber ihr macht keine klassische Ethno-Comedy. War euch das wichtig?
Kawus: Die ersten anderthalb Jahre meines Stand-Ups habe ich nichts zum Ausländer-Thema gemacht, weil ich nicht "der Ausländer" auf der Bühne sein wollte. Dann sind mir zufällig Gedanken gekommen zum Thema, mit denen ich mich wohl gefühlt habe. Ich dachte mir auch, dass es bescheuert wäre, nicht darüber zu sprechen. Ich denke, es ist nur wichtig darauf zu achten, irgendwie ehrlich zu sein und nicht die immer gleichen Bahnen auf die altbekannte Art zu bespielen. Also kein Hack-Comedian zu sein.

Kawus Kalantar roastet Felix Lobrecht und andere Leute, die er networken sollte:

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Video: YouTube/MDR SPASSZONE

Was ist ein Hack-Comedian?
Kawus: Jemand, der nicht originell ist. Es ist nicht schwer, die Prämisse zu vermeiden: "Ich bin Südländer, habe einen Bart und ihr denkt wahrscheinlich, dass ich ein Terrorist bin." Niemand im Publikum hat wirklich im Kopf, dass du dich in die Luft sprengst. Wenn du trotzdem drüber sprechen willst, dann finde einen neuen Dreh.
Daniel: Eigentlich macht Dave Chapelle Ethno-Comedy über Schwarze und Weiße. Aber niemand würde sagen, dass er ein Hack ist, weil er immer neue Blickwinkel findet.
Kawus: Dann heißt es in den Pressetexten dieser Comedians: "Er/sie spielt mit den Klischees". Nein, du spielst nicht, du bist das Klischee. Du spielst für die Deutschen den Ausländer. Und hinter der Bühne distanzierst du dich in einer intellektuellen Rede noch davon. Mach es einfach nicht.

Man spricht in Berlin von einer großen Underground-Comedy-Szene. Wie weit ist die Szene bisher?
Daniel: Sehr weit, aber trotzdem noch in den Kinderschuhen. Anfang 2015 gab es monatlich eine Show. Ende des Jahres waren es schon vier pro Woche. Heute hast du in Berlin zwei bis drei Shows täglich.

Die Szene bleibt allerdings noch im Untergrund, oder ist die Kölner Comedy-Industrie schon aufmerksam geworden?
Kawus: Früher gab es bei Comedians die Überlegung: Wie komme ich nach Köln? Wie komme ich in diese und jene Fernsehsendung? Doch wie viel bringt dir ein Prime-Time-Spot im Fernsehen, um bei einer jüngeren Generation Reichweite zu erhöhen? Ich glaube, die Leute müssen mit Podcasts oder Social Media einfach ihre eigene Reichweite schaffen, und das machen sie teilweise schon sehr gut.

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