Journalistin Kaja Klapsa fragt sich, welches Ziel die politische Kommunikation in der Omikron-Welle überhaupt noch verfolgt.
Journalistin Kaja Klapsa fragt sich, welches Ziel die politische Kommunikation in der Omikron-Welle überhaupt noch verfolgt.Bild: ZDF

"Markus Lanz": Journalistin kritisiert "Vertrauensbruch" bei Impfpflicht – "ganz andere Nummer"

12.01.2022, 06:3012.01.2022, 06:31

Noch nie war die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen in Europa so hoch wie derzeit – Omikron hat Großbritannien, Dänemark und Frankreich voll im Griff, auch in Deutschland wird die regelrechte Wand immer größer. Ist diese Variante der Schritt in die Endemie? Es gebe den sicheren Weg – die Durchimpfung – und den unsicheren – die Durchseuchung – sagt Epidemiologe Timo Ulrichs bei "Markus Lanz".

Mit diesen Gästen spricht Markus Lanz am Dienstagabend:

  • Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern (SPD)
  • Kaja Klapsa, Journalistin von der "Welt"
  • Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamts
  • Timo Ulrichs, Epidemiologe

Bundesweit starten Menschen mit neuen Regelungen in die neue Woche. Mecklenburg-Vorpommern hat die neue Quarantäneverordung heute verabschiedet, zudem die 2G-Plus-Regelung in der Gastronomie, freut sich Ministerpräsident Manuela Schwesig sichtlich zu Beginn der Sendung. Bayern wird diese Maßnahme nicht umsetzen, es gebe bereits starke Einschränkungen wie die Sperrstunde, erklärte das Kabinett am Dienstag.

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, kritisiert die Entscheidung von Markus Söder, 2G-Plus in der Gastronomie nicht umzusetzen.
Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, kritisiert die Entscheidung von Markus Söder, 2G-Plus in der Gastronomie nicht umzusetzen.bild: zdf

"Das ist natürlich schwierig, wenn wir gemeinsam Beschlüsse fassen, und sie dann nicht umgesetzt werden", kritisiert Schwesigs Ministerpräsidenten-Kollege Markus Söder. "Ich bin überrascht, dass die Ministerpräsidenten, die für die erneute Festlegung der epidemischen Notlage sind, jetzt plötzlich Beschlüsse nicht umsetzen", teilt sie weiter aus. Doch 2G-Plus in der Gastronomie werde kein "Wellenbrecher" sein, glaubt die politische Beobachterin Kaja Klapsa, Journalistin der "Welt".

Fehlendes Personal und falsche Inzidenzen

Wie überlastet sind die Gesundheitsämter in Deutschland, will Lanz von Johannes Nießen, Leiter des größten deutschen Gesundheitsamts in Köln, wissen. Der rückt nicht wirklich mit der Sprache raus, betont nur, dass man immer mehr an die Vorsicht der Menschen appellieren müsse. Dann übernimmt Journalistin Klapsa: Es gebe erheblichen Personalmangel, Quarantäne-Bescheide würden zum Teil erst eine Woche nach Ende der Isolation ankommen. Das Problem steht im Raum, da muss auch Nießen zustimmen.

"Die Omikron-Welle geht derzeit wie eine Wand nach oben und momentan fehlt uns Personal dafür."
Johannes Nießen, Leiter Gesundheitsamt Köln

Sowohl in Bayern als auch in Hamburg wurden Inzidenzen der Ungeimpften und Geimpften falsch wiedergegeben, Menschen mit unbekannten Impfstatus wurden der Gruppe der Ungeimpften zugeteilt. Das ist "doch ein Unding", stellt Lanz fest. "Ein Impfregister wäre in diesem Fall schon ganz hilfreich", sagt Epidemiologe Timo Ulrichs. "Das haben wir nur leider nicht."

Nur einer von fünf Omikron-Patienten landet auf Intensivstation

Die Hospitalisierung spiele derzeit nicht mehr so eine große Rolle, die Inzidenz werde in der Omikron-Welle immer wichtiger, sagt Nießen. Was ist jetzt das Ziel, fragt sich Klapsa: Die kritische Infrastruktur aufrechtzuerhalten, die Intensivstationen nicht volllaufen zu lassen, oder die Normalbetten nicht? Durch Omikron werde die Hospitalisierung eben doch eine Rolle spielen, so Ulrichs, wenn die Neuninfektionen "durch die Decke gehen werden", wie bereits in Großbritannien und Dänemark zu sehen sei.

Epidemiologe Timo Ulrichs spricht sich besonders mit Blick auf die nächsten Saisons für eine Impfpflicht aus.
Epidemiologe Timo Ulrichs spricht sich besonders mit Blick auf die nächsten Saisons für eine Impfpflicht aus.Bild: ZDF

"Bei Omikron rechnen wir damit, dass wir mehr Patienten auf den Normalstationen bekommen", sagt Schwesig. Nur einer von fünf Patienten lande auf der Intensivstation, bestätigt auch Nießen. Doch warum dann immer der "alarmistische Ton", fragt Lanz und leitet zum Thema Impfpflicht, über die Politiker monatelang gesagt haben, dass diese nicht in Erwägung gezogen wird.

In der Impfpflicht-Debatte wurde Vertrauen gebrochen

Klapsa erzählt von ihrer Wahlkampf-Beobachtung des damaligen Gesundheitsministers Jens Spahn. "Irgendwann musste er lachen, als er zum zweihundertsten Mal gesagt hat, dass die Impfpflicht auf keinen Fall kommen wird", sagt sie. "Dieser Vertrauensbruch ist eine ganz andere Nummer."

Nun ist es aber doch so weit, zumindest die Debatte wurde entfacht. Die Entscheidung im Bundestag werde ohne Fraktionszwang getroffen werden, sagt Schwesig. Sie halte das für den richtigen Weg, doch Vorschläge müssten zügig kommen. "Ich bin persönlich für eine allgemeine Impfpflicht, sage aber auch, dass sie eine bestimmte Ausgestaltung benötigt", sagt Schwesig. Und die steht noch immer in den Sternen.

"Ich habe mir am Anfang der Pandemie nicht vorgestellt, dass wir eine Impfpflicht brauchen."
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig

Radikale Bürger würden diese "hochemotionale Debatte benutzen", verurteilt Schwesig die Gewalt gegen Politiker und Polizisten. Auch Schwesig steht unter Polizeischutz, erhält Morddrohungen, erst kürzlich wurden Protestierende davon abgehalten, vor ihr Haus zu ziehen.

Würden Stichprobenkontrollen ausreichen?

Doch spiele bei den "Montagsspaziergängen" nicht nur die Impfpflicht eine Rolle, so Nießen. "Meine Einschätzung ist, dass da ein Misstrauen gegenüber dem Staat dahintersteckt." 12,5 Millionen Erwachsen sind derzeit noch ungeimpft, mit den Jugendlichen sind es 17,5. Ein Impfregister scheint unrealistisch und dauere zu lange, vermutet Nießen. Gesundheitsminister Lauterbach hat sich bereits ähnlich geäußert. Doch werden Stichprobenkontrollen reichen, um eine Pflicht wirklich durchzusetzen?

In seinem Gesundheitsamt in Köln fehle Personal für intensive Kontaktnachverfolgung, sagt Amtsleiter Johannes Nießen.
In seinem Gesundheitsamt in Köln fehle Personal für intensive Kontaktnachverfolgung, sagt Amtsleiter Johannes Nießen.Bild: ZDF
"Dass sich diese Menschen von einem möglichen Bußgeld überzeugen lassen, wage ich zu bezweifeln."
Journalistin Kaja Klapsa

"Da ist noch lange nicht alles ausgedacht", sagt Ulrichs. Doch die Frage sei, was in den nächsten Herbst- und Wintermonaten der kommenden Jahre passiere, wenn die Impfpflicht nicht komme. Fakt ist: Eine Impfpflicht würde die derzeitige Omikron-Welle nicht brechen. Könnte man sie wirklich präventiv auf Verdacht einer weiteren Variante umsetzen? Staatsrechtler würden das laut Klapsa bezweifeln. Ulrichs gebe ihr Recht, glaubt aber, dass es sich wenigstens einmal lohnen würde, vorausschauend zu handeln: "Wir waren meistens zu spät, die ganzen Lockdowns kamen zu spät."

Endemie durch Durchimpfung oder Durchseuchung

Das Ziel müsse sein, die Welle flacher zu halten als in anderen Ländern, betont Ulrichs erneut und lobt in diesem Zusammenhang, dass Maßnahmen aufrechterhalten und nicht wie in Großbritannien fallen gelassen wurden. "Dass, was der Premierminister in England macht, würde ich kritisieren", so Ulrichs. Doch eine hohe Impfquote und eine zuvor bereits stattgefundene "Durchseuchung" in anderen Ländern würde zeigen, dass die Zahlen auch wieder abnehmen. Die WHO prognostiziert derzeit, dass Ende März jeder zweite Europäer infiziert gewesen sein wird.

"Es überrascht nicht, dass eine Wand wieder abfällt, wenn das Virus weniger Menschen trifft, die es überhaupt noch kriegen können."
Epidemiologe Timo Ulrichs

Die endemische Phase "kann man mit der Durchimpfung oder mit der Durchseuchung erreichen". Es sei denn, betont der Epidemiologe, eine Variante trete auf, bei der der Immunschutz viel geringer sei. Dieses Risiko könne man reduzieren, wenn global mehr geimpft werde. "Ich habe die große Hoffnung, dass wir keine griechischen Buchstaben mehr kennenlernen müssen", resümiert Nießen. Doch eine jährliche Impfung und ein Hygienesystem müssten beibehalten werden.

Themen
Australier drehen Dschungelcamp schon immer in Südafrika – eine Prüfung wird wohl für die Deutschen übernommen

Seit Freitagabend dschungelt es endlich wieder. Nachdem wegen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr das Dschungelcamp auf RTL nicht wie gewohnt in Australien stattfinden konnte, entschied man sich beim Sender für eine Ersatzshow in Deutschland. Dieses Jahr ging es dann für zunächst elf Promis wieder auf die Reise in einen richtigen Dschungel. Das Pritschenlager befindet sich 2022 erstmals in Südafrika, in der Nähe des Kruger-Nationalparks.

Zur Story