Hendrik Streeck appelliert in der Sendung für eine Booster-Impfung.
Hendrik Streeck appelliert in der Sendung für eine Booster-Impfung.zdf

Streeck warnt bei "Markus Lanz": "Wir müssen mit einer enormen Welle rechnen – auch bei zweifach Geimpften"

08.01.2022, 16:44
katharina holzinger

Vor der Bund-Länder-Runde am Freitag, bei der über weitere Corona-Maßnahmen beraten wird, gibt es bei Markus Lanz nochmal geballten Talk über die derzeitige Pandemielage. Gregor Gysi und Hendrik Streeck sprechen sich am Donnerstagabend in der Sendung gegen eine allgemeine Impfpflicht aus, die Runde diskutiert außerdem über potenziell mildere Verläufe bei der Omikron-Variante, den Weg in die endemische Phase und über die Personalie Hans-Georg Maaßen. Zu Gast waren:

  • Gregor Gysi, Politiker (Die Linke)
  • Eva Quadbeck, stellvertretende Chefredakteurin vom "RedaktionsNetzwerk Deutschland"
  • Hendrik Streeck, Virologe
  • Karin Prien, schleswig-holsteinische Bildungsministerin (CDU) und Präsidentin der Kultusministerkonferenz

Die Lage an den Schulen

Die Schulen sollen weiterhin auf alle Fälle offen bleiben – das bestätigt Karin Prien von der CDU gleich zu Beginn der Sendung und wiederholt damit die Ergebnisse aus der Konferenz der Kultusministerinnen und -minister vom Mittwoch, bei der sie die bisherige Strategie an den Schulen bekräftigt haben. Gut bewertet Prien die neu geplante Regelung zur Quarantäne, diese soll zukünftig von 14 Tagen auf 10 Tage verkürzt werden. Auch mit der Omikron-Variante habe der Präsenzunterricht Priorität. Wenn eine Lehrkraft außerdem enge Kontaktperson einer mit Omikron infizierten Person sei, müsse diese nicht in Quarantäne, wenn sie geboostert ist und keine Symptome hat, ergänzt Prien.

Die neue Variante ist ansteckender, sagt Virologe Hendrik Streeck. Gleichzeitig spricht er sich dagegen aus, ganze Schulklassen in Quarantäne zu schicken, was bei Lanz Verwunderung auslöst, wie passe das zusammen? Streeck kommt leicht ins Schleudern bei der Antwort, beruft sich dann aber auf funktionierende Hygienemaßnahmen in den Schulen, bestehend aus Masken und Testen – wenn man gesamte Klassen heimschicken würde, könne man die Schulen auch gleich ganz schließen, was nicht Sinn der Sache wäre. Lanz äußert Bedenken, ob die beschlossenen Punkte aus der Konferenz bundesweit durchgesetzt werden, oft sei das nicht der Fall gewesen. Journalistin Eva Quadbeck sieht das Problem bei der Auslegung, man sehe am Beispiel der Ministerpäsidentenkonferenzen, dass Leitplanken bestimmt werden, diese dann aber in jedem Bundesland anders interpretiert werden. Die Folge ist ein Coronaregelungen-Flickenteppich.

Diskussion um die Luftfilter

Quadbeck kritisiert außerdem, dass wichtige politische Maßnahmen für die Schulen bis heute fehlen, so sei zum Beispiel kein hybrides Schulkonzept eingeführt worden. Das sei "immer nur als Krücke" benutzt worden, zu Zeiten, in denen Unterricht ausschließlich online stattfinden konnte. Ihr Idealkonzept: Schülerinnen und Schüler, die wegen einer Quarantäne Zuhause bleiben, können sich digital aufschalten, während parallel Präsenzunterricht stattfindet. Ein weiteres Versäumnis ihrer Meinung nach: Das Geld für Luftfilter sei nicht abgerufen worden. Da hält Politikerin Karin Prien vehement dagegen. Sie halte es für einen Irrglaube, dass Luftfilter das Fensteraufmachen ersetzen könnten. Das sei eine Maßnahme für Räume, in denen das nicht möglich ist, und diese seien auch damit ausgestattet worden.

"Luftfilter ersetzen nicht das Lüften."
(Karin Prien)
Karin Pien (CDU) hält daran fest, dass die Schulen offen bleiben.
Karin Pien (CDU) hält daran fest, dass die Schulen offen bleiben.zdf

Lücken in der Datenerfassung

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Corona-Datenerfassung. Gysi fordert mehrmals eine stärkere Sichtbarkeit der Hospitalisierungsrate, die anderen in der Runde weisen ihn darauf hin, dass es diese Zahlen gibt und sie auch öffentlich einsehbar sind. Streeck wiederum kritisiert, dass in Deutschland nicht früh angefangen wurde systematisch zu testen. Sein Fazit: "Die guten Daten kriegen wir leider aus dem Ausland." Vor allem das zentralisierte Erfassungssystem in England lobt er. Prien stimmt ihm in vielen Punkten zu, aber sieht ein großes Problem dabei: den Datenschutz.

Der Omikron-Effekt

Bei dem Thema Omikron spricht Streeck zwar davon, dass die neue Variante wohl potenziell zu weniger schweren Verläufen führen würde, aber warnt davor, dass die Normalstationen in den Krankenhäusern überlastet werden. "Wir müssen uns auf einen Anstieg vorbereiten", sagt er als Appell und betont, wie wichtig die Booster-Impfung ist. Dass die Quarantäne-Zeit verkürzt wird, begrüßt er, damit könne wichtiges Personal wieder früher eingesetzt werden. Gysi fordert, dass PCR-Tests für alle Personen kostenlos zugänglich sein sollen, auch ohne Symptome. "Das wäre gut für alle." Leute hätten so weniger Angst. Den herbeigesehnten endemischen Zustand hält Streeck für schwierig beschreibbar. "Wir haben kein Ziel, wie wir in die Endemie reinkommen", ist sein nüchternes Fazit, es sei schwierig diesen Punkt festzulegen. Er gehe aber davon aus, dass es ein schleichender Prozess sein werde.

Gregor Gysi spricht sich gegen eine allgemeine Impfpflicht aus, das sei nicht durchsetzbar.
Gregor Gysi spricht sich gegen eine allgemeine Impfpflicht aus, das sei nicht durchsetzbar.zdf

Impfpflichtdebatte

Bei der Debatte um die Impfpflicht sind Gysi und Streeck einer Meinung. Sie argumentieren, dass sich diese nicht durchsetzen lasse, weil es immer wieder Auffrischungsimpfungen brauche, das sei dann nicht umsetzbar.

"Ich bin Impf-Fan, aber gegen eine Impfpflicht."
(Hendrik Streeck)

Gysi spricht sich stattdessen für den Versuch aus, Vertrauen von Teilen der Bevölkerung zurückzugewinnen, das sei vor allem im Osten bei vielen verloren gegangen. Er sieht dabei vor allem die Politik in Verantwortung, es brauche eine transparentere Kommunikation. Quadbeck formuliert ihre Meinung zum Thema Impfpflicht drastisch:

"Die Impfpflichtdebatte ist die verlogenste Debatte, die ich in 20 Jahren Politikberichterstattung erlebt habe."
(Eva Quadbeck)

Das Vertrauen von Teilen der Bevölkerung gehe verloren, wenn falsche Versprechungen gemacht werden, wie zum Beispiel, wenn eine Impfpflicht zuerst kategorisch ausgeschlossen wird und dann wieder eine Option ist.

Journalistin Eva Quadbeck findet die Impfpflichtdebatte verlogen.
Journalistin Eva Quadbeck findet die Impfpflichtdebatte verlogen.zdf

Zum Ende hin spricht Lanz die Politikerin Prien auf CDU-Mitglied Hans-Georg Maaßen an – sie hatte sich im Vorfeld klar von ihm distanziert und seinen Ausschluss aus der Partei gefordert, nachdem er ein Video geteilt hatte, in dem Mikrobiologe und Impfgegener Sucharit Bhakdi, ein "Covid-Impfverbot" propagiert. Auch in der Sendung spricht sich Prien klar für einen Ausschluss Maaßens aus der Partei aus und sagt, dass viele das in der Partei so sehen würden: "Man darf die Ikone der Verschwörungstheoretiker nicht unterstützen." Gysi findet auch scharfe Worte: "Maaßen hat sich von einem Rechten zu einem Rechtsextremisten entwickelt." Auch außerhalb der Talkshowrunde erfuhr Bildungsministerin Prien für ihre Forderung nach einem Parteiausschluss bisher Unterstützung, Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sprach sich ebenfalls dafür aus.

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