Der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Kevin Kühnert, gerät bei "Anne Will" mit Paul Ziemiak (CDU) aneinander.
Der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Kevin Kühnert, gerät bei "Anne Will" mit Paul Ziemiak (CDU) aneinander.
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Kühnert und Ziemiak im Wortgefecht bei "Anne Will": "Grandioser Quatsch, den Du vorgetragen hast!"

30.08.2021, 07:01
Deana Mrkaja
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Wählen in Krisenzeiten – wem trauen die Deutschen das Kanzleramt zu? So lautete das Thema der Sendung von "Anne Will" am Sonntagabend. Zuerst kam Corona, dann die Flut und nun auch noch die Afghanistan-Katastrophe – dabei bot die Bundesregierung viele Angriffspunkte. Und ausgerechnet jetzt geht der Bundestagswahlkampf in die heiße Phase.

Während die Union und die Grünen an Zustimmung verlieren, sammelt der Kanzlerkandidat der SPD, Olaf Scholz, derzeit Sympathiepunkte. Trotzdem ist das Rennen noch offen. Dabei zeigten sich hochrangige Parteimitglieder der einzelnen Parteien bei "Anne Will" nicht von ihrer besten Seite. Anstatt über Ideen und Argumente zu debattieren, stritten sich Kevin Kühnert (SPD), Paul Ziemiak (CDU) und Cem Özdemir (Die Grünen) über Worthülsen und warfen sich gegenseitig die Fehler ihrer Parteien vor.

Die drei Streithähne bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Paul Ziemiak, Kevin Kühnert und Cem Özdemir.
Die drei Streithähne bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Paul Ziemiak, Kevin Kühnert und Cem Özdemir.
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Die Umfragewerte für die Union und somit auch für ihren Kanzlerkandidaten Armin Laschet sinken. Ob er nun nachgewiesen hätte, dass er es nicht schafft, will Moderatorin Anne Will vom Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, wissen. "Das heißt jetzt, dass wir kämpfen müssen", meint er darauf. "Warum haben Sie das nicht gleicht gemacht?", fragt Will hinterher, doch das hört Ziemiak schon gar nicht mehr und redet einfach an der Nachfrage vorbei. Er erklärt, bei Olaf Scholz würde nur "heiße Luft" verbreitet werden und die nächsten Wochen seien entscheidend. Es gehe um eine "Richtungswahl" – ein Ausdruck, den Ziemiak an diesem Abend noch einige Male verwendet.

Will kritisiert CDU für inhaltslose Wahlplakate

Will versucht es erneut: "Ich höre das immer wieder von Ihnen, dass sie noch kämpfen müssen. Die Frage ist doch, warum haben sie das nicht schon gemacht?" "Wir haben vieles diskutiert, aber wenig über Inhalte." "Ja, warum denn nicht?" Dann verwundert Ziemiak mit einer überraschenden These: Er argumentiert, die Berichterstattung hätte sich nicht mit den Themen seiner Partei auseinandergesetzt, sondern andere Prioritäten gehabt. "Wir haben den richtigen Kandidaten, wir haben das beste Programm für dieses Land. Wir sollten mehr darüber reden als über Umfragewerte."

Das möchte die Moderatorin jedoch nicht so stehen lassen: "Jetzt mal ganz ehrlich. Die Verantwortung für den Wahlkampf liegt bei Ihnen! Das ist nicht die Aufgabe der Berichterstattung. Sonst müssten Dinge konstruiert werden, weil sie noch nicht mal Inhalte auf Ihren Plakaten haben. 'Damit Deutschland stark bleibt.' Das sind doch keine Inhalte." Doch anstatt auf die Kritik von Will einzugehen, macht der CDU-Politiker fortan auf die Fehler der anderen Parteien aufmerksam.

Dann knüpft sich Anne Will Grünen-Politiker Cem Özdemir vor und fragt ihn direkt, ob die Kanzlerkandidatin seiner Partei, Annalena Baerbock, noch "da ist". Doch auch er weicht der direkten Frage etwas aus, spricht über Umfragewerte und zieht einen Vergleich zur Vergangenheit, als die Grünen bei acht Prozent der Zustimmungen lagen, während sie jetzt bei rund 20 Prozent liegen.

"Höre ich da bei Ihnen raus, es geht Ihnen um Platz zwei oder drei, weil es schon so besonders ist, dass Sie dabei sind?" Özdemir argumentiert, seine Kandidatin habe beim Kanzler-Triell bewiesen, dass seine Partei auf alle möglichen Fragen Antworten liefert: "Sie hat gezeigt, dass sie es kann." "Wäre Robert Habeck der bessere Kandidat gewesen?", fragt Will nach. Beide Kandidatin seien tolle Spitzenkandidaten, sagt Özdemir und geht zunächst nicht direkt auf die Frage ein. Erst am Ende seiner Antwort kriegt er noch einmal die Kurve: "Sie hat bewiesen, dass sie die Richtige ist."

Cem Özdemir hält Habeck und Baerbock für gute Kandidaten.
Cem Özdemir hält Habeck und Baerbock für gute Kandidaten.
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Jana Hensel, Autorin bei "Zeit Online", sieht das ganz anders und glaubt, dass die Grünen sich schon "längst von der Illusion der Kanzlerschaft" verabschiedet hätten. Für sie wäre Habeck "ganz eindeutig" die bessere Wahl gewesen. Die Plagiatsaffäre Baerbocks wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Kandidaten noch einmal auszutauschen, sagt die Journalistin. Die Affäre sei als "Fehler im Wahlkampf nicht mehr einzuholen".

Jana Hensel hält Robert Habeck für den besseren Kanzlerkandidaten.
Jana Hensel hält Robert Habeck für den besseren Kanzlerkandidaten.
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An diesem Sonntagabend geht es bei "Anne Will" Schlag auf Schlag weiter. Jetzt widmet sich die Moderatorin dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD, Kevin Kühnert. Sie will von ihm wissen, wie viel "Opportunismus in ihm" stecke - schließlich habe er Olaf Scholz nicht als Parteivorsitzenden gewählt, gleichzeitig würde er ihn jetzt aber in der Rolle als Kanzlerkandidaten unterstützen.

Doch der 32-Jährige lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, argumentiert ruhig, er habe damals bei der Wahl des Parteivorsitz deshalb gegen Scholz gestimmt, weil er jemanden an der Spitze der Partei haben wollte, der kein Mitglied der jetzigen Regierung ist. Die Partei sollte sich neu aufstellen und sortieren. Dennoch sei Scholz der "erfahrenste Minister", den die Partei hat und deshalb auch ein guter Kanzlerkandidat.

Paul Ziemiak hat "Angst" vor einer rot-roten Regierung

"Wer Scholz wählt, bekommt Kühnert", sagt Will in Richtung von Paul Ziemiak, der diesen Satz einmal geäußert hatte. "Was macht Ihnen da Angst?" "Kevin Kühnert sagt es selbst, dass sich das System, in dem wir leben, grundlegend verändern muss", antwortet der Generalsekretär hastig. Dann spricht er von Verstaatlichungen und anderen linken Gedanken. "Es gibt den Wunsch, mit den Linken zu regieren", sagt er schließlich. Scholz hat "nichts zu melden", findet Ziemiak. Sobald es auch nur eine Stimme mehr gebe, die sich für eine solche Regierung ausspreche, würde sie auch gebildet. Dann redet sich der 35-Jährige in Rage:

"Dann wird es eine Linksregierung in diesem Land geben. Dann verspielen wir alles. Dann verlieren wir alles. Dann verlieren wir unseren Wirtschaftsstandort, wir werden uns international isolieren, die Zukunftsthemen werden nicht mehr angegangen."

Und es geht noch weiter: "Das ist eine Richtungswahl. Die Menschen müssen sich entscheiden, wollen sie ein starkes Team mit CDU und CSU oder Saskia Esken und Kühnert mit dem Vehikel Scholz."

Paul ZIemiaks schlimmste Vorstellung wäre eine rot-rote Regierung.
Paul ZIemiaks schlimmste Vorstellung wäre eine rot-rote Regierung.
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Er habe einen "Argumentationsfehler", macht ihn Will aufmerksam. Esken sei bereits Teil des Koalitionsausschusses und somit auch Teil der Regierung. Zudem halte Kanzlerin Angela Merkel große Stücke auf. Von Letzterem habe er noch nichts gehört, äußert Ziemiak und schießt sich dann darauf ein, dass die SPD verhindert habe, dass mehr Geld für die Bundeswehr ausgegeben werde. Er spricht von Drohnen und anderem Material, das nur durch die CDU möglich gemacht wurde, und kommt zu dem Schluss: "Wenn diese Truppe alleine das sagen hätte, wäre das katastrophal!"

Kevin Kühnert und Paul Ziemiak geraten aneinander

"Das ist wirklich grandioser Quatsch, den du hier vorgetragen hast", fasst Kühnert zusammen und man merkt ihm an, wie sehr er sich zurückhalten muss. "Aber du musst das machen, ich verstehe das. Wenn das eure Verteidigungsstrategie sein soll, dann gute Nacht, Marie." Kühnert hält es für absoluten Unsinn, dass es mit der SPD eine "kommunistische Gewaltherrschaft" geben soll, bei der Olaf Scholz mit "roten Fahnen durch den Bundestag läuft".

Mit dem Programm der SPD könne man sich auseinandersetzen. Doch genau davor würde sich die CDU drücken, weil sie Angst habe, sich dann erklären zu müssen. Als Will Ziemiak fragt, wo er denn Belege im Programm der SPD finde, die das untermalen, was er sagt, kann er keine richtige Antwort finden und verweist erneut auf die Inhaltsleere in Bezug auf die Bundeswehr und das Nato-Ausgabenziel von zwei Prozent des BIP.

Die Gäste bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Cem Özdemir, Paul Ziemiak, Kevin Kühnert, Christiane Hoffmann und Jana Hensel.
Die Gäste bei "Anne Will" (v.l.n.r.): Cem Özdemir, Paul Ziemiak, Kevin Kühnert, Christiane Hoffmann und Jana Hensel.
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Ob die Grünen eine Zusammenarbeit mit den Linken ausschließen, möchte Will dann auch von Özdemir wissen. Eine Partei, die die Unterstützung der Bundeswehr – gerade jetzt in Afghanistan – ablehne, sei für ihn "nicht regierungsfähig". "Also, schließen Sie die Zusammenarbeit aus?" "Das habe ich schon häufig so in die Richtung gesagt. So wie Habeck auch und Bearbock ebenso." "Nein, das sagen die nicht", erwidert Will.

Doch bevor Özdemir weiter reden kann, mischt sich auch Ziemiak von der Seite ein, was den Grünen-Politiker sauer macht: "Ich halte mich daran, was meine Eltern mir beigebracht haben. Es gehört zum Anstand, Menschen ausreden zu lassen, auch wenn das bedeutet, dass ich dann weniger rede", gibt Özdemir Ziemiak deutlich zu verstehen. Dann lässt er sich aber auch nicht die Chance durch die Lappen gehen, auf seinen Konkurrenten herumzuhaken: "Die Show, die Ziemiak und Kühnert hier abliefern, da muss man ja Mitleid haben für das Land. Kein Wort zum Klimaschutz."

Journalistin wirft Özdemir Unsachlichkeit vor - er kontert: "Machen Sie doch selbst Politik!"

Gegen Ende der Sendung verrät Kühnert noch, welches sein Wunsch-Szenario wäre. Er hofft darauf, dass eine rot-grüne Zukunft in "greifbare Nähe" kommt. Viele Menschen in Deutschland hätten erkannt, dass diese Koalition gemeinsam stärker wäre. Die Journalistin Hensel empfindet die ganze Diskussion der drei Herren als "ermüdend". Sie ist der Meinung, es gäbe genügend Inhalte, bloß keine Kandidaten, denen die Menschen die Themen auch zutrauten.

Damit triggert sie etwas bei Özdemir: "Ja, Sie können jetzt die ganze Zeit sagen, dass sie Baerbock nicht mögen. Ich habe es verstanden." Die Autorin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und erwidert, man könne Kandidaten auch immer noch austauschen. "Ich habe das verstanden, dass Sie sie nicht mögen. Die ganze Nation hat es verstanden", sprudelt es aus Özdemir raus. "Das ist sehr unsachlich, Herr Özdemir. Sehr unsachlich." "Ja, man darf ja eine Meinung haben. Aber dann machen Sie doch einfach selbst Politik!"

Am Ende bleibt nur sicher, dass die Bundestagswahl in ihrem Ausgang noch vollkommen offen ist. Bisher wurde viel über die Persönlichkeiten gesprochen, wenig über Inhalte. Diese könnten aber am Ende die Wahl entscheiden.

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