Die Immunologin Christine Falk betont, dass die Corona-Impfung gut wirkt und sicher ist.
Die Immunologin Christine Falk betont, dass die Corona-Impfung gut wirkt und sicher ist.Bild: ZDF screenshot

Immunologin gesteht bei "Lanz" zur Impfpflicht: "Weiß im Moment nicht mehr weiter"

08.12.2021, 06:30
katharina holzinger

Die Frage, ob es eine allgemeine Impfpflicht geben soll, wird mit Blick auf die hohen Inzidenzen in Deutschland immer drängender – bei Markus Lanz wirbt Winfried Kretschmann von den Grünen vehement dafür und auch SPD-Politiker Georg Maier sieht dies als geeignete Maßnahme. Die Immunologin Christine Falk zeigt sich besorgt im Hinblick auf die zu niedrige Impfquote, der Journalist Robin Alexander fordert klare politische Führung.

Ein Aspekt, der Besorgnis bei der Runde erregt: wie stark sich Impfverweigerer und -skeptiker radikalisieren können, vor allem auf die Proteste in Sachsen und Thüringen bezogen. Folgende Gäste diskutierten bei Markus Lanz am Dienstagabend:

  • Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident Baden-Württemberg
  • Robin Alexander, Journalist, stellvertretender Chefredakteur der "Welt"
  • Georg Maier (SPD), Innenminister Thüringen
  • Olaf Sundermeyer, Investigativreporter mit Schwerpunkt Rechtsextremismus
  • Prof. Christine Falk, Immunologin

Kretschmann für allgemeine Impfpflicht

In einem Beitrag für die "FAZ" sprach sich Winfried Kretschmann zusammen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder für eine allgemeine Impfpflicht aus – diesen Appell weiter nach außen zu tragen, nahm er sich wohl auch für die Talkshow vor. "Warum?", will Lanz von ihm wissen und Kretschmann spricht über die Überbelastung der Intensivstationen. "Das geht unter die Haut." Seine Glaubwürdigkeit will er nochmal betonen, anders als Jens Spahn und Angela Merkel habe er eine Impfpflicht noch nie ausgeschlossen.

Das bestimmende Thema bei der Lanz-Runde ist eine mögliche Impfpflicht.
Das bestimmende Thema bei der Lanz-Runde ist eine mögliche Impfpflicht.Bild: zdf screenshot

Lanz geht auf einen Aspekt ein, zu dem er im Laufe des Abends noch öfter bohrend nachfragen wird: Warum wurde denn keine Impfpflicht für Baden-Württemberg eingeführt? Rechtlich sei das möglich. Kretschmann verweist auf die Verantwortung des Bundestags und Bundesrats, so etwas wäre nicht unbedingt etwas für einen Alleingang der Bundesländer. Für die nahe Zukunft will er aber nichts ausschließen, "was im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung möglich ist".

Die Immunologin Christine Falk fungiert in der Runde als Vertreterin der Wissenschaft. Ihre Einschätzung der derzeitigen Lage: "Ich würde gerne ohne Impfpflicht auskommen, aber ich weiß im Moment ehrlicherweise nicht mehr weiter." Allein die Debatte darüber könne aber vielleicht Leute zur Impfung motivieren. Lanz fragt gleich bei Kretschmann nach, ob das der Plan hinter seinen lautstarken Forderungen sei, aber diese Strategie hält er für unrealistisch. Erst bei einer Quote von "weit über 90 Prozent", die es brauche, sei das Thema Impfpflicht für ihn vom Tisch.

Wurde die Impfpflicht zu früh ausgeschlossen?

Der Journalist Robin Alexander sieht es als politischen Fehler, dass die Impfpflicht von vielen Politikerinnen und Politikern zu früh ausgeschlossen wurde, vor allem von Angela Merkel. Für andere Krankheiten, wie beispielsweise Masern, gebe es sie auch. Man hätte beispielsweise Frankreich im Sommer folgen können, wo eine partielle Impfpflicht eingeführt wurde, aber "da war der Wahlkampf im Weg".

Georg Maier von der SPD stimmt ihm zu: "Es ist immer ein Problem, Dinge völlig auszuschließen." In seinem Bundesland Thüringen liegt die Inzidenz derzeit bei weit über 1000. Impfen sei inzwischen kein medizinisches Thema mehr, sondern ein politisches, bei dem es manchen nur um den reinen Widerstand gehe – "da endet auch Aufklärung". Er betont aber, dass die Mehrheit in Thüringen eine Impfpflicht gut fände und spricht sich ebenfalls dafür aus.

"Corona-Protestierer werden nicht mehr, aber radikaler."
Olaf Sundermeyer
Thüringens Innenminister Georg Maier hat gerade mit hohen Inzidenzen in seinem Bundesland zu kämpfen.
Thüringens Innenminister Georg Maier hat gerade mit hohen Inzidenzen in seinem Bundesland zu kämpfen.Bild: ZDF screenshot

Lanz stellt die große Frage, ob eine Impfpflicht das Land spalten würde. Kretschmann widerspricht, es gebe bereits eine Polarisierung, von Spaltung könne aber nicht die Rede sein – es sei lediglich eine laute Minderheit. Seine Strategie mit der Impfpflicht: Der Staat zieht die Konflikte an sich, die Bürgerinnen und Bürger müssten sich dann nicht mehr untereinander streiten und auf lange Sicht würde das die Gesellschaft "befrieden".

Der Journalist Sundermeyer sieht zumindest Spaltungstendenzen. Die Minderheit würde sich außerdem zunehmend radikalisieren. "Dieses politische Versagen verstärkt die Radikalisierung", sagt er, und spielt auf eine mangelhafte politische Kommunikation an.

Die Radikalisierung der Impfgegner

Videos von Protesten aus Thüringen und Sachsen werden eingeblendet, bei denen über 1000 Personen zusammen mit Rechtsextremisten durch die Straßen zogen. Sundermeyer zieht Parallelen zu flüchtlingsfeindlichen Demonstrationen in der Vergangenheit. "Das sind keine besorgten Bürger mehr." Vor allem der Fackelmarsch vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping zeige diese gewaltbereite Radikalisierung.

"Mit Fackeln vor Privatwohnungen von Politikern aufzumarschieren, das hat die SA erfunden."
Winfried Kretschmann

Man solle aber nicht alle in einen Topf werfen, sagt Sundermeyer. "Nicht jeder, der sich nicht impfen lässt, ist ein Rechtsextremist – überhaupt nicht." Bei den Skeptikern könne man auch weiterhin durchdringen. Alexander sagt: "Es ist politische Führung gefragt", es werde ihm zu viel "weggeduckt". Eine Impfpflicht müsse klar von Scholz gefordert und innerhalb der Ampel-Koalition durchgesetzt werden. Lanz macht einen Ländervergleich und sagt, dass andere auch ohne Impfpflicht auskommen würden, was vielleicht an einer besseren Organisation und Aufklärung liegen könnte: "Haben wir wirklich alles getan?"

Sundermeyer analysiert bei "Lanz" die Radikalisierung von Impfgegnern.
Sundermeyer analysiert bei "Lanz" die Radikalisierung von Impfgegnern.Bild: ZDF screenshot

Maier räumt ein: "Die Impfkampagne ist keine große Erfolgsgeschichte gewesen." Eine Impfpflicht als staatliche Maßgabe könne jetzt aber für viele erleichternd sein. Kretschmann stimmt dem zu, aber will klarstellen, dass ihm das Einführen von Pflichten und Maßnahmen keinen Spaß mache: "Ich bin froh, wenn ich das hinter mir habe und wieder ganz normal regieren kann." Bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag werden die jetzigen Maßnahmen überprüft. Kretschmann fordert schon einmal vorausschauend: "Nicht monatelang wieder debattieren."

Karl Lauterbach als Gesundheitsminister ist für manche überraschend

Gegen Ende wird noch über die neu verkündete Personalie Karl Lauterbach diskutiert. Falk ist von der Entscheidung angetan, ihn als Gesundheitsminister einzusetzen, und hebt die Expertise von Lauterbach hervor. Alexander war überrascht und prophezeit: "Das birgt noch großen Zündstoff." Er spielt darauf an, dass der Kurs von Lauterbach während der Corona-Pandemie sehr konträr zu dem des Koalitionspartners FDP steht, außerdem sei Lauterbach für Olaf Scholz nicht so einfach zu kontrollieren. Maier von der SPD sagt: "Ich hab's bisschen kommen sehen", verrennt sich dann aber in Begründungen und bekommt von Lanz und Alexander Kontra – so beliebt, wie Maier das nun darstellen wolle, sei Lauterbach in der Vergangenheit innerhalb der SPD nicht gewesen.

Zum Schluss geht Falk nochmal auf viel diskutierte Aspekte der Impfung ein: Sie sei auch für Kinder gut geeignet und auch gegen neue Varianten ist wahrscheinlich mit einer Grundimmunität zu rechnen. Ängste versuche sie den Leuten zu nehmen. Da die Thematik Impfstoff ansonsten recht kurz kommt, kündigt Lanz bereits an, eine weitere Sendung mit Falk zu planen.

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