Markus Lanz sprach mit seinen Gästen über das Hochwasser und Corona.
Markus Lanz sprach mit seinen Gästen über das Hochwasser und Corona.
Bild: screenshot zdf

Moderator Markus Lanz fordert FDP-Politikerin zu kritischen Anrufen bei Parteikollegen auf

28.07.2021, 07:52
alina lackerbauer

Die Debatte um mehr Freiheitsrechte für Geimpfte kommt zu früh, waren sich am Dienstagabend alle bei "Markus Lanz" einig. Trotzdem diskutierte der Talkshow-Moderator den Großteil der Sendungen mit den geladenen Gästen genau darüber. Dagegen komme die Debatte, wie man sich am besten für den Herbst wappne, zu spät, sagt Theologin Petra Bahr. Allgemein führe man die falschen Debatten, ergänzt Aerosolforscher Gerhard Scheuch. Nicht Verschwörungstheorien auf einem Nena-Konzert seien wichtig, sondern Luftfilter in jedem Klassenraum.

Zum Schluss sagt Förster Peter Wohlleben, Politik und Forstwirtschaft hätten die Flutkatastrophe abmildern können und FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus wird von Lanz dazu beauftragt, morgen gewisse Parteikollegen anzurufen.

Diese Gäste sind am Dienstagabend bei Markus Lanz zu Gast:

  • Peter Wohlleben, Förster
  • Petra Bahr, Theologin
  • Christine Aschenberg-Dugnus, Politikerin (FDP)
  • Gerhard Scheuch, Biophysiker

"Geimpfte werden definitiv mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte", sagte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) am Wochenende. Das könne bei einem hohen Infektionsgeschehen auch bedeuten, dass gewisse Angebote wie Restaurant-, Kino- und Stadionbesuche auch für getestete Ungeimpfte nicht mehr möglich wären, so Braun. Ist das wirklich die Lösung: Menschen, die sich nicht impfen können oder wollen, nicht mehr in ein Restaurant zu lassen, will Markus Lanz von seinen Gästen wissen?

Langfristig können Tests nicht mehr kostenlos bleiben, findet FDP-Politikerin

"Das ist eine Impfpflicht durch die Hintertür", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus. Negativ getestete und Geimpfte sollen gleichbehandelt werden – man könne niemandem Grundrechte wegnehmen. Aber die Menschen hätten die Möglichkeit sich impfen zu lassen, das sei das Entscheidende. Deswegen findet sie, dass man langfristig überlegen müsse, Tests für Ungeimpfte nicht mehr unbestimmt kostenlos anzubieten.

"Ich möchte nicht, dass sich mit Steuergeldern derjenige, der sich impfen lassen könnte, täglich auf Kosten der Allgemeinheit testen lässt, damit er abends ins Restaurant geht."
FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus

Ein kostenloser Test pro Woche wäre ihrer Meinung nach ein realistischer Vorschlag. Die Frage von Moderator Lanz, was das für Menschen bedeute, die sich das nicht leisten können, lässt die Politikerin unkommentiert.

FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus ist der Meinung, dass Geimpfte und negativ Getestete gleich behandelt werden sollten.
FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus ist der Meinung, dass Geimpfte und negativ Getestete gleich behandelt werden sollten.

Für Theologin Petra Bahr, Mitglied des Deutschen Ethikrats, gehöre es zum Gemeinschaftsschutz, dass diejenigen, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, auch an der Gesellschaft teilhaben. "Deswegen finde ich diese Debatte zu früh, und die Debatte, wie wir uns auf den Herbst vorbereiten, zu spät", so Bahr.

Kinder werden weiter benachteiligt

"Völlig vergessen werden doch gerade die unter 12-Jährigen", wirft Förster Peter Wohlleben ein. Für diese Gruppe gibt es derzeit keinen zugelassenen Impfstoff. Was passiert denn bei einem Szenario, in dem geimpfte Eltern mit ihren ungeimpften Kindern in ein Restaurant gehen wollen, das einen Impf-, Test- oder Genesenennachweis fordert? "Natürlich müssen diese Menschen dann ein kostenloses Testangebot bekommen", sagt Bahr sofort. Wenn nicht, würde das die Kinder weiter benachteiligen, wie es in der Pandemie schon seit Beginn der Fall ist, kritisiert die Theologin deutlich.

Kindern und Jugendlichen sei mittlerweile sehr bewusst, dass sie in der Diskussion kaum eine Rolle spielen. "Dieses Signal an die nächste Generation ist verheerend", so Bahr.

"Ich kann mir kein Gesetz vorstellen, dass Menschen in Deutschland dazu gezwungen werden, geimpft zu werden."
Theologin Petra Bahr
Kinder werden spüren sehr deutlich, wie sehr sie vergessen werden, sagt Theologin Petra Bahr. Aerosolforscher: Aerosolforscher Gerhard Scheuch sieht die Infektionsgefahr vor allem in Innenräumen - und nicht in Fußballstadien.
Kinder werden spüren sehr deutlich, wie sehr sie vergessen werden, sagt Theologin Petra Bahr. Aerosolforscher: Aerosolforscher Gerhard Scheuch sieht die Infektionsgefahr vor allem in Innenräumen - und nicht in Fußballstadien.

Man werde sich schwertun künftig Maßnahmen für Geimpfte zu verhängen, zitiert Lanz Staatsrechtler Josef Franz Lindner von der Universität Augsburg. "Völlig richtig", sagt Aschenberg-Dugnus. Doch wird das in Zukunft nicht vor allem der Markt bestimmen, will Lanz wissen. Schließlich können Restaurants, Veranstaltungsbetreiber, Fluggesellschaften und Kinos selbst entscheiden, wen sie willkommen heißen und wen nicht. Das sei in der Privatautonomie auch kein Problem, findet die FDP-Politikerin. Doch politisch mehr Freiheitsrechte für Geimpfte als für negativ Getestete zu verordnen, sollte man nicht.

Aufzug-Beispiel zeigt gefährliches Ausmaß der Aerosole

Für die meisten Menschen ein viel dringlicheres Thema: Wie wird das nächste Schuljahr ablaufen und was muss aus infektiologischer Sicht unternommen werden? Aerosolforscher Gerhard Scheuch betont, dass sich die Debatte um Schulklassen und Innenräume drehen müsse, nicht um Fußballstadien oder Outdoor-Partys.

Am Beispiel eines Fahrstuhls erklärt er die rasante Verbreitung über Aerosole. Ein Mensch kann mehrere hunderttausend Viren pro Minute ausatmen. In einem Aufzug mit 2 Kubikmeter Fassungsvermögen sind innerhalb weniger Minuten rund 400.000 Viren – 200 Viren sind in jedem Liter Luft. Zwei große Atemzüge sind in etwa zwei Liter, das wären also 400 Viren. 400 Viren würden für eine Infektion reichen. "Man kann sich anstecken, obwohl niemand anderes im Aufzug ist", resümiert der Biophysiker.

Die Innenräume seien das Problem, und das betreffe vor allem die Schulkinder. Luftfilter können das Lüften in Klassenräumen nicht ersetzen, sagt Scheuch. Ein guter Luftfilter koste zwischen 250 und 500 Euro. Pro Klasse bräuchte man ungefähr zwei, schätzt er.

"Man kann nicht diskutieren, Maske oder Lüften oder Luftfilter oder kürzere Schulzeiten, sondern es muss heißen: und, und, und."
Aerosolforscher Gerhard Scheuch

Lanz wirft ein, dass es im Landtag in Nordrhein-Westfalen mittlerweile Luftfilter gibt, Privatinitiativen von Schulen oder Elternbeiräten aber von der Regierung teilweise abgeblockt wurden. Die zuständige Schul- und Bildungsministerin ist Yvonne Gebauer von der FDP. "Haben Sie Frau Gebauer diesbezüglich schon angerufen", will Lanz von Aschenberg-Dugnus wissen. "Nein, aber werde ich morgen machen", antwortet diese.

Union und FDP sind beim Waldgipfel nicht vertreten, sagt Förster

Zum Schluss geht es um das Hochwasser-Drama in Deutschland: Hat die Politik auch mit Bezug auf die Flutkatastrophe aus wissenschaftlicher Sicht Fehler gemacht? Man hätte es deutlich abmildern können, sagt Wohlleben. "Die industrielle Forstwirtschaft hat das Hochwasser sehr befeuert", kritisiert er. Maschinen würden den Boden immer weiter zusammendrücken, dadurch verliere er 95 Prozent seiner Aufnahmefähigkeit. Der deutsche Nadelwald sei sehr anfällig für Schädlinge wie Borkenkäfer, die Bäume sind instabiler als im Laubwald und werden abgehackt, Plantagen schnell wieder angelegt. "Weil er durchgängig staatlich subventioniert wird", erklärt er den Teufelskreis.

Förster Peter Wohlleben ist der Meinung, dass die Flutkatastrophe von der Politik hätte abgemildert werden können.
Förster Peter Wohlleben ist der Meinung, dass die Flutkatastrophe von der Politik hätte abgemildert werden können.
Bild: screenshot zdf

Kommende Woche leitet Wohlleben deswegen einen Waldgipfel. Kommt jemand von der Union, fragt Lanz. Fehlanzeige. Von der FDP? "Ja, wer kommt denn von uns", will Aschenberg-Dugnus wissen. "Keiner. Es hat nicht mal jemand geantwortet, glaube ich", antwortet Wohlleben. Die FDP-Politikerin schnauft empört und Lanz resümiert: "Sie haben wirklich viel zu telefonieren morgen."

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