Moderator Frank Plasberg musste sich belehren lassen.
Moderator Frank Plasberg musste sich belehren lassen. bild: screenshot ard

Förster Wohlleben belehrt Plasberg – der gesteht: "Ich bin frustriert"

02.11.2021, 16:46

Die Klimakrise stellt die die Politik vor eine riesige Herausforderung. Die Flut-Katastrophe an der Ahr hat das Umwelt-Thema mitten im Wahlkampf genauso erschreckend wie nachdrücklich auf die Agenda gebracht. Bei Frank Plasberg lautete nun die Frage: "Kranke Wälder, überflutete Täler – wird jetzt ernst gemacht beim Klimaschutz?". Dass es dabei keine einfachen Antworten gibt, bekommt auch Plasberg selbst im Gespräch mit folgenden Gästen zu spüren:

  • Peter Wohlleben, Förster und Buchautor
  • Carla Reemtsma, Klima-Aktivistin; Mitorganisatorin der "Fridays for Future"-Demos
  • Anne Spiegel, B‘90/Grüne, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität des Landes Rheinland-Pfalz
  • Sebastian Lachmann, Industriekaufmann beim Bergbau- und Kraftwerksbetreiber LEAG in Cottbus
  • Dorothea Siems, Wirtschaftsjournalistin; Chefökonomin der WELT
Förster Peter Wohlleben und Ahr-Anwohnerin Dagmar Hoffmann (Hintergrund)
Förster Peter Wohlleben und Ahr-Anwohnerin Dagmar Hoffmann (Hintergrund)bild: screenshot ard

Der Förster und Buch-Autor Peter Wohlleben ("Das geheime Leben der Bäume") hat seinen Wald in der Nähe der Gemeinde Schuld, die bei der Flutkatastrophe an der Ahr verwüstet wurde. Er selbst sei nicht direkt betroffen gewesen, weil er auf einem Berg wohne, aber Strom und Wasser habe er einige Tage lang auch nicht gehabt.

Ahr-Anwohnerin macht weiter wie zuvor

In einem Einspielfilm sieht man erst Wohlleben in seinem Wald, dann geht es weiter zur Ahr-Anwohnerin Dagmar Hoffmann, die ihr in der Flutkatastrophe beschädigtes Haus dort wieder aufbauen will. "Ich möchte gern im Sommer wieder auf meiner Terrasse sitzen", hofft sie.

Die Flutkatastrophe hat die Gefahren von Extremwetterlagen, wie sie die Klimakrise vermehrt bringen wird, drastisch ins Bewusstsein der Deutschen gebracht. Theoretisch ist allen klar: Wir müssen etwas ändern, und zwar schnell. Und doch wird auch die unmittelbar betroffene Ahr-Anwohnerin Hoffmann weiter mit ihrem Verbrenner-PKW zur Arbeit fahren. Solarzellen passen nicht auf ihr Dach, sagt sie.

Plasberg schmeißt den Stift weg

"Diese Frau hat keine Alternative", sagt Förster Wohlleben und bezieht sich damit in erster Linie auf das Grundstück, das direkt an der Ahr liegt, aber auch die Lebensumstände. In der Folge hält er – wie es nicht anders zu erwarten war – ein Loblied auf den Wald: Ein intakter Laubwald könne die Umgebung um 10 Grad herunterkühlen und sich selbst überlassener Wald würde enorm viel CO2 speichern. Wer nun aber denkt, dass man einfach viele Bäume pflanzen müsse, liegt auch wieder falsch. Das merkt auch Plasberg selbst. Als der Moderator ein bisschen stolz erzählt, dass er mit seiner Familie zu einem Geburtstag 104 Bäume gepflanzt habe, weist ihn der Förster zurecht:

"Aufforsten bringt erstmal nichts. Das ist reines Greenwashing."
Peter Wohlleben

In den ersten Jahren würden Bäume mehr CO2 freisetzen als sie binden. Es sei also – zumindest vorerst – kontraproduktiv. "Damit kann man momentan nichts kompensieren." Plasberg wirft ein bisschen dramatisch seinen Kugelschreiber auf sein Pult und sagt: "Ich bin frustriert."

Tja, für die Klimakrise gibt es keine einfachen Lösungen. Das sieht man auch daran, dass Wohlleben sich gegen den Trend, Holz als ökologischen Baustoff zu nutzen, wehrt.

Holz sei ein guter Rohstoff, "aber kein Ökorohstoff", so Wohllehben. "Wir müssen Wald schützen, wir müssen den Holzverbrauch reduzieren." Am hilfreichsten gegen CO2 ist Holz laut Wohlleben im Wald.

Klimaaktivistin Carla Reemtsma fordert konsequente Maßnahmen der Politik.
Klimaaktivistin Carla Reemtsma fordert konsequente Maßnahmen der Politik.bild: screenshot ard

Auf gar keinen Fall den einzelnen Menschen überlassen dürfe man hingegen den Klimaschutz, findet Klimaaktivistin Carla Reemtsma. "Wir brauchen konsequente politische Maßnahmen." Damit meint sie zum Beispiel einen Stopp des Baus von Autobahnen, einen früheren Kohleausstieg, ein Verhindern des Gaseinstiegs und die Abschaffung der Subventionen für die fossile Energiewirtschaft.

Deutschlands historische Klima-Verantwortung

Deutschland sei "besonders in der Pflicht", auch historisch gesehen, weil das Land in der historischen CO2-Bilanz seit der Industrialisierung auf Platz 6 weltweit liege. Deutschland müsse bis 2035 klimaneutral sein, nur so sei es möglich, auch im globalen Vergleich "einen gerechten Beitrag" zu leisten. "Das ist eine extreme Herausforderung, dabei können wir uns nicht alleine auf technologische Entwicklungen verlassen", sagt Reemtsma.

"Wir müssen wegkommen von der Illusion des grünen Wachstums, das es nicht gibt."
Carla Reemtsma

Sebastian Lachmann, Mitarbeiter bei einem Bergbau- und Kraftwerkbetreiber, wirft sie schließlich vor, dass er "mit Schauermärchen Klimaschutz verhindern" wolle.

Sebastian Lachmann hat einen schwierigen Start.
Sebastian Lachmann hat einen schwierigen Start.bild: screenshot ard

In der Tat hat der Industriekaufmann bei der LEAG in Cottbus einen schwierigen Einstieg in die Sendung. Er beginnt mit einem bemühten Schreckensszenario: Wenn man jetzt auf Kohle verzichte, bliebe wohl der TV dunkel, weil es gar nicht genug ökologischen Strom gebe. Und dann hangelt er sich an der Argumentation entlang, die allen Klimaschützern die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte: Die Flut an der Ahr sei erstmal ein "einzelnes Wetterereignis".

"Man schiebt immer alles aufs Klima. Wir konzentrieren uns auf den Klimaschutz. Aber wir müssen auch schauen, was machen wir für die Klimaanpassung."
Sebatian Lachmann

Doch der Mann entpuppt sich im Laufe der Sendung als vielschichtiger als zunächst gedacht. Er beklagt die Versiegelung von Flächen als Umweltsünde, sieht selbst die Notwendigkeit der Transformation des Energiesektors und beklagt die Richtungslosigkeit der Politik. "Wir stehen in den Startlöchern, wir wollen loslegen." In Richtung Reemtsma kontert er: "Wir können auch nicht nur emotional aufgeladen das Thema diskutieren, wir müssen uns auch mal die Realität halten, an die Physik." Vor Corona hatte er in Cottbus einen Austausch mit Fridays for Future organisiert.

"Eine teure Angelegenheit"

Journalistin Dorothea Siems sieht hohe Kosten für jeden Einzelnen.
Journalistin Dorothea Siems sieht hohe Kosten für jeden Einzelnen. bild: screenshot ard

Viel positiver als ihre Vorredner sieht die Welt-Wirtschaftsjournalistin Dorothea Siems die Lage in Deutschland. "Es ist ja nicht so, dass Deutschland nichts gemacht hätte. Wir haben den Kohleausstieg schneller als die meisten Länder der Welt." Das Problem-Bewusstsein fürs Klima sei bei der Bevölkerung hierzulande viel größer als in vielen anderen Ländern. "Ich bin gar nicht so pessimistisch, dass wir das nicht hinbekommen." Allerdings müsse man auch die Bevölkerung auf die Folgen einstimmen.

"Für die nächsten 20 Jahre wird das erstmal kosten. Für die gesamte Bevölkerung wird es eine teure Angelegenheit – aber das sollte es uns auch wert sein."
Dorothea Siems

Ähnlich versöhnlich sieht es auch Anne Spiegel, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz. Die Grünen-Politikerin hat erstaunlich wenig beizutragen zur Diskussion um ihre Themen. "Mir ist das hier zu düster", sagt sie einmal. "Die nächste Bundesregierung hat sich sehr viel vorgenommen, sie will da richtig was anschieben." Man darf gespannt sein, was das sein wird.

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