Die ukrainische Band "Kalush Orchestra" bejubelt ihren ESC-Sieg.
Die ukrainische Band "Kalush Orchestra" bejubelt ihren ESC-Sieg.Bild: Jens Büttner/dpa

ESC: Ukraine bricht die Regeln – und Deutschland landet auf dem letzten Platz

15.05.2022, 13:10

Am Samstagabend wurde zum 66. Mal der Eurovision Song Contest ausgetragen. Als großer Favorit ging die Ukraine ins Rennen, die Buchmacher hingegen sahen Deutschland von Anfang an auf den hinteren Plätzen. Und so kam es auch: Das Kalush Orchestra hat in Turin mit dem Song "Stefania" gewonnen, Deutschland erhielt von den Jurys null Punkte und vom Publikum lediglich sechs. Damit bildete Malik Harris und sein Lied "Rockstars" das Schlusslicht des Abends – fast schon traurige deutsche Tradition.

Mit besonderer Spannung war aber der Auftritt des Kalush Orchestras erwartet worden – wie sollte es gehen, in ihrer Situation unpolitisch zu bleiben, wie es die ESC-Regeln erfordern? Und richtig: Als die Ukraine performte, setzte die Gruppe am Ende des Auftritts ein politisches Statement ab und brach damit die Regeln.

Das Kalush Orchestra aus der Ukraine holte sich den Sieg.
Das Kalush Orchestra aus der Ukraine holte sich den Sieg.Bild: Jens Büttner/dpa

Die Ukraine sendet nach Performance politische Botschaft

Schnell kristallisierte sich heraus, dass der diesjährige ESC politisch werden sollte. Dem Kalush Orchestra wurden von Anfang an wegen einer erwarteten Solidarisierung der Teilnehmerländer beim ESC eine hohe Punktzahl vorausgesagt. Ihren Auftritt nutzten sie auch, um auf die Lage in ihrem Land aufmerksam zu machen. Dies ist eigentlich nicht erlaubt. Sänger Oleh Psjuk meinte nach ihrer Performance schließlich: "Ich bitte euch alle: Helft der Ukraine, Mariupol und den Menschen im Asow-Stahlwerk."

Hier trat die Ukraine auf.
Hier trat die Ukraine auf.Bild: Jens Büttner/dpa

Das Stahlwerk in Mariupol steht derzeit unter russischem Beschuss, hunderte ukrainische Soldaten sind dort eingeschlossen. Am Ende des ESC-Auftritts schlug Oleh in einer kämpferischen Geste mit der Faust seiner rechten Hand auf seine Brust. Im Regelwerk des ESC heißt es allerdings, dass "Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur" auf der Bühne verboten seien. Die Moderatoren des Wettbewerbs reagierten darauf mit ernster Miene. Das Publikum hingegen feierte das Statement und bekundete neben anderen Künstlern große Solidarität für das Land.

Die Veranstalter zeigten Verständnis für die Äußerung und somit für den Regelbruch. Ein Sprecher der Europäischen Rundfunkunion EBU sagte auf dpa-Anfrage: "Wir verstehen die starken Gefühle, wenn es dieser Tage um die Ukraine geht, und betrachten die Äußerungen des Kalush Orchestra und anderer Künstler zur Unterstützung des ukrainischen Volks eher als humanitäre Geste und weniger als politisch."

Die Gewinner vom 66. ESC freuten sich über ihren Triumph.
Die Gewinner vom 66. ESC freuten sich über ihren Triumph.Bild: Luca Bruno/AP/dpa

Nach dem Sieg sagte Sänger Psjuk noch: "Wir haben eine zeitweise Genehmigung, hier zu sein, und in zwei Tagen werden wir in der Ukraine sein. Es ist schwer zu sagen, was wir tun werden. Wie jeder Ukrainer sind wir bereit zu kämpfen und bis zum Ende zu gehen."

Ob die Ukraine nur wegen der Solidarität gewonnen hat - und ob das ein Problem wäre, wurde auf Twitter diskutiert. Manche fanden das unfair, andere regten sich über die auf, die die Bedeutung einer solchen Situation nicht verstehen.

Immer wieder wurden ukrainische Fahnen geschwenkt und Transparente mit Herzen hochgehalten. Bisher ist unklar, ob die Ukraine den ESC überhaupt im nächsten Jahr austragen kann. Derzeit wäre es ausgeschlossen, weil in dem Land Kriegsrecht herrscht. Das bedeutet, dass Großveranstaltungen untersagt sind, ein Ende des Krieges ist zudem noch nicht in Sicht.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, ist hier während einer Videobotschaft am Dienstag zu sehen.
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, ist hier während einer Videobotschaft am Dienstag zu sehen.Bild: Uncredited/Ukrainian Presidential Press Office/AP/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will hingegen den größten Musikwettbewerb der Welt in seinem Land stattfinden lassen. Er schrieb noch in der Nacht zu Sonntag auf Telegram: "Im nächsten Jahr empfängt die Ukraine den Eurovision! Zum dritten Mal in unserer Geschichte." Die Ukraine holte sich bereits 2004 und 2016 den Sieg. Diesmal bekamen sie insgesamt zusammen mit dem Voting der TV-Zuschauer 631 Punkte, wodurch der britische Sänger Sam Ryder mit 466 Punkten auf dem zweiten Platz landete.

Ganz hinten hingegen: Malik Harris mit seinem Song "Rockstars" – ihm waren schon im Vorfeld wenig Chancen ausgerechnet worden. Die Verantwortung dafür wird bei Twitter aber nicht ihm gegeben, sondern dem NDR, der hinter dem Auswahlverfahren steht.

Deutschland holte sich im Gegensatz dazu nur den letzten der 25 Plätze. Für Malik Harris' Song "Rockstars" gab es von der Fach-Jury keinen Punkt, vom Publikum nur sechs. Der Künstler freute sich in jedem Fall über den Sieg der Ukraine. Im Gespräch mit Barbara Schöneberger meinte er danach in der ARD: "Es war ein totaler abgefahrener Abend. Ich bin wirklich sehr, sehr froh, dass die Ukraine gewonnen hat, weil ich mir das so gewünscht habe. Ich weiß, dass man nicht allzu viele Punkte geholt hat am Ende, aber es war wirklich ein schöner Abend."

Malik Harris hatte Spaß auf der großen ESC-Bühne.
Malik Harris hatte Spaß auf der großen ESC-Bühne.Bild: Jens Büttner/dpa

Ihm sei des Öfteren mit Blick auf seinen Auftritt gesagt worden, dass er kein Statement für die Ukraine abgeben könne. Der 24-Jährige klebte dennoch die ukrainische Flagge mit der Aufschrift "Peace" auf seine Gitarre. "Ich bin sehr froh, das gemacht zu haben. Das fühlt sich sehr, sehr gut an", so der deutsche ESC-Künstler. Zum Schluss merkte er an: "Es ist eine große Party, Eurovision ist ein Fest. Jeder, der hier Punkte holt, wird einfach nur gefeiert. Es ist schön, zu zeigen, dass Musik vereint."

(iger)

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
"GNTM"-Kandidatin spricht über "besondere" Verbindung zu Heidi Klum

Lieselotte war die wohl umstrittenste Kandidatin der zurückliegenden "GNTM"-Staffel. Zwar mangelte es dem Best-Ager-Model bei Shootings häufig an der nötigen Abgebrühtheit, doch Chef-Jurorin Heidi Klum schickte sie von Runde zu Runde weiter, weshalb wiederum der Unmut bei den Zuschauern immer größer wurde. Am Ende war für die 67-Jährige im Halbfinale Endstadion.

Zur Story