Moderator Frank Plasberg erinnert sich an den Eindruck, den er von Karl Lauterbach hatte.
Moderator Frank Plasberg erinnert sich an den Eindruck, den er von Karl Lauterbach hatte. bild: screenshot ard

Plasberg über Lauterbach bei "Hart aber fair": "Wir haben alle gedacht, er spinnt"

07.12.2021, 12:35

An Mittwoch wird Olaf Scholz zum Bundeskanzler gewählt und vereidigt. Am Montag hat er seine SPD-Ministerinnen und Minister vorgestellt. Eigentlich wäre das wohl das Thema des Tages gewesen, über das Frank Plasberg hätte sprechen sollen in seiner Sendung. Allerdings war das ARD-Programm schon länger thematisch vorgeplant. Vor "Hart aber fair" lief die Reportage "Hirschhausen – Corona ohne Ende?", an die Plasberg mit seinem Thema "Corona und kein Ende: Wie groß ist der ganze Schaden?" thematisch anknüpfte. Allerdings schaffte es der Moderator dann doch noch, einen Bogen zur Personalpolitik der SPD zu schlagen im Gespräch mit folgenden Gästen:

  • Dr. Eckart von Hirschhausen, Mediziner, Autor und Moderator
  • Nelson Müller, Sternekoch und Restaurant-Besitzer
  • Andreas Bovenschulte, SPD, Bremer Bürgermeister und Präsident des Bremer Senats
  • Prof. Dr. Uwe Janssens, Intensivmediziner; Chefarzt Intensivmedizin des St. Antonius Hospitals Eschweiler; ehem. Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
  • Katharina Hamberger, Korrespondentin im Hauptstadtstudio beim "Deutschlandradio"
Der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen hat für seine Reportage Long-Covid-Patienten besucht.
Der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen hat für seine Reportage Long-Covid-Patienten besucht.bild: screenshot ard

Rein statistisch betrifft Long Covid rund 800.000 Menschen. In unterschiedlichster Schwere und Ausprägung. Insgesamt ist noch nicht allzu viel über die langfristige Beeinträchtigung durch die Corona-Erkrankung bekannt. Aber laut Eckart von Hirschhausen gibt es Anzeichen, dass die Beschwerden u.a. an einer Gerinsel-Bildung liegen. Sie entstehen, weil die Viren die innere Schicht der Gefäße angreifen. Die Folgen: Für Patienten werden Treppensteigen oder sogar Essen zur Marathonaufgabe und das für Monate, durchaus auch bei leichtem Corona-Krankheitsverlauf.

Die gute Nachricht: Die Impfung hilft auch gegen Long Covid. Und so hat Hirschhausen in einem Einkaufszentrum in Jena einen ungeimpften Passanten angesprochen und ihn schließlich überzeugt, sich impfen zu lassen. Ging eigentlich ganz einfach. Der Moderator glaubt, dass die niedrige Impfquote auch an mangelnder Information liegt. "Wir haben keinen guten Weg gefunden, mit dieser Welle an Desinformation umzugehen. Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten", sagt er. Allerdings sei diese Impfskepsis keine komplett neue Entwicklung, nur die Vernetzung durch Social Media sorge für mehr Verbreitung von Impfmythen.

"Hätte es damals schon Facebook und Twitter gegeben, hätten wir heute noch Pocken und Polio."
Eckart von Hirschhausen

500.000 Todesfälle seien rechnerisch durch die Impfung schon verhindert worden, Hirschhausen ist mittlerweile für die Impfpflicht, auch wenn die Gegner sich immer darauf berufen, dass jeder allein über seinen Körper entscheiden dürfen sollte: "Ich finde es auch eine Körperverletzung, andere Leute mit seinen ungeschützten Aerosolen zu belästigen."

Corona ist seit knapp zwei Jahren ein Dauerthema, nur selten schafft es ein anderes Thema, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber heute war es einmal wieder so weit: Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz hat seine SPD-Ministerinnen und Minister bekannt gegeben. Besondere Aufmerksamkeit bekam dabei der Posten des Gesundheitsministers, den Karl Lauterbach übernehmen wird. "Nun hat das Coronavirus ja heute seinen Angstgegner bekommen", sagt Frank Plasberg spöttisch und anerkennend zugleich.

"Als die Pandemie losging, saß er hier und hat gesagt: 'Das wird bis mindestens 22 dauern.' Wir haben alle gedacht, er spinnt. Jetzt ist er Gesundheitsminister."
Frank Plasberg

Hirschhausen ist zufrieden über Lauterbachs Ernennung: "Ich habe mich für unsere Demokratie gefreut: Dass Kompetenz kein Hindernis ist." Die "Deutschlandradio"-Journalistin Katharina Hamberger ist gespannt, ob Karl Lauterbach die Hoffnungen erfüllen kann. "Es gibt viele Leute, die Erwartungen in ihn setzen. Aber er ist als Minister nicht mehr so frei wie er es als Abgeordneter war."

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) stellt klar: "Selbst Karl Lauterbach kann das Virus nicht wegzaubern." Aber er habe sich "mit fachlicher Expertise und Furor" in die Pandemie begeben. Mit ihm habe man die Chance, "vor die Lage zu kommen", anstatt immer zu spät zu reagieren. Die Aufgabe sei "eine schwierige Aufgabe, auch ein großes Päckchen", und gerade deswegen "eine goldrichtige Entscheidung".

Richtige Entscheidungen hat auch Bovenschulte getroffen. Bremen hat die beste Impfquote der Republik. Geschafft hätten sie es durch eine gut und zentral organisierte Impfkampagne mit Unterstützung der lokalen Wirtschaft, Hilfsorganisationen und der Verwaltung. Sie sind mit Impftrucks in prekäre Quartiere gefahren. Die Frage nach der allgemeinen Impfplicht könne man nicht einfach mit ja oder nein beantworten, findet Bovenschulte. Da gebe es noch viel zu klären, zum Beispiel auch, ob sie die Kinderimpfung einschließe. Aber er rechnet bis Februar mit einer Verständigung: "Das ist ein ehrgeiziger Zeitraum, bis dahin alles auszudiskutieren und auszuarbeiten."

Koch Nelson Müller hat mit dem Weihnachtsgeschäft abgeschlossen.
Koch Nelson Müller hat mit dem Weihnachtsgeschäft abgeschlossen.bild: screenshot ard

Diese Organisiertheit hat Sternekoch Nelson Müller in der Pandemie schmerzlich vermisst. Er nimmt sich sehr zurück mit Schuldzuweisungen, aber er wirkt schon sehr enttäuscht von der Politik, die die von Experten im Sommer vorausmodellierte Pandemie-Entwicklung für den Herbst über den Wahlkampf ignoriert hat. Sich allein auf die Menschen zu verlassen, hält er für fahrlässig. "Ich finde das schwierig mit der Eigenverantwortung. Der Mensch ist, wie er ist." Die Lage für die Gastronomie allgemein und sein Restaurant sei nun sehr schwierig, vor allem, weil es über lange Zeit keine verlässliche Richtungsansage der Politik gegeben habe. Viele Reservierungen seien storniert worden, aus Unsicherheit. "Jetzt, wo es zumindest für die nächsten Wochen geregelt ist, kommen die Leute zurück." Aber wirklich helfen tut das nicht. "Am Ende des Tages ist das Weihnachtsgeschäft kaputt." Darum wird er auch über Weihnachten und Silvester schließen.

Wünscht sich mehr Aufklärung: Intensivmediziner Uwe Janssens.
Wünscht sich mehr Aufklärung: Intensivmediziner Uwe Janssens.bild: screenshot ard

Die Intensivstation bei Uwe Janssens im St. Antonius Hospitals Eschweiler wird hingegen zu Weihnachten wohl ziemlich voll belegt sein. Er sei "traurig" und seine Leute "müde und kaputt". Aber Lauterbachs Ernennung sei ein Lichtblick. Er hat davon bei der Morgenvisite erfahren. "Wir sind froh, dass jetzt mal jemand kommt, der den Leuten mal ehrlich sagt, dass das noch nicht vorbei ist. Wir werden mit SARS-CoV-2 leben müssen."

Wenn es nach Uwe Janssens geht, hätte man viel mehr über die Impfung aufklären und dafür werben müssen. Impfskepsis sei die größte Gefahr in der Pandemie. "Das wussten alle Politiker." Er selbst hat durch Gespräche mit Kollegen erfahren, dass sich 40 Prozent seiner Kollegen zuerst gar nicht impfen lassen wollten und war erstaunt: Junge Frauen hätten etwa befürchtet, nach der Impfung keine Kinder mehr bekommen zu können. Durch Aufklärung in persönlichen Gespräche hätten sie jetzt 97 Prozent Impfquote erreicht. "Das war richtig harte Arbeit." Ähnliches hätte er sich auch von der Politik gewünscht. Seine Idee: "Am besten jeden Tag als Aufklärungsclip vor der Tagesschau."

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