SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht "eine dramatische Notlage".
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht "eine dramatische Notlage".bild: screenshot ard

"Maischberger": Lauterbach schließt Lockdown nur unter einer Bedingung aus

11.11.2021, 07:01

Deutschland befindet sich in der vierten Corona-Welle, die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht täglich neue Höchstwerte. Mit 232,1 liegt sie fast um 100 höher als vor genau einem Jahr (139,1). Die Covid-19-Fälle sind mit 39.676 pro Tag sogar mehr als doppelt so hoch wie vor genau einem Jahr (15.332). Und leider sind sogar die Todesfälle pro Tag mit 236 deutlich höher als 2020 (154). Nun haben sich die Ampel-Fraktionen auf einen Gesetzentwurf zur weiteren Bekämpfung der Pandemie geeinigt. Unter anderem soll 3G am Arbeitsplatz gelten, Covid-Tests soll es wieder kostenlos geben. Über die aktuelle Lage diskutiert Sandra Maischberger mit ihren Gästen.

  • Karl Lauterbach (SPD, Gesundheitspolitiker)
  • Christine Aschenberg-Dugnus (FDP, Gesundheitspolitikerin)
  • Jürgen Becker (Kabarettist)
  • Melanie Amann ("Der Spiegel")
  • Helene Bubrowski ("FAZ")
  • Swetlana Tichanowskaja (belarussische Oppositionspolitikerin)

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist einer der dauerhaftesten Warner in der Corona-Pandemie. Viele nervt er immer mal wieder als das personifizierte schlechte Gewissen, weil er auch warnt, wenn es gerade gut läuft. Was noch schlimmer ist: Er behält oft Recht. Aktuell sind die Zahlen bedrohlich und Lauterbach prognostiziert: "Ich glaube, die Welle wird katastrophal werden." Er sagt das so nüchtern, wie es zum Inhalt kaum passt.

Die Delta-Variante sei 6-mal so ansteckend wie die Form des Corona-Virus, mit der wir es vor einem Jahr um diese Zeit zu tun hatten. Und so ist die bisher erreichte Impfquote von 67,3 Prozent der Bundesbürger bei weitem nicht ausreichend. Zwar können auch Geimpfte erkranken, aber meist nicht stark. Die Todesfälle seien "fast durch die Bank weg" Ungeimpfte, weiß Lauterbach aus den Krankenhäusern. Darunter auch jüngere Menschen. "Wir sehen da dramatische Umstände und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Wir sind in einer dramatischen Notlage."

Der Virologe Christian Drosten hatte zuletzt die Befürchtung geäußert, dass die Pandemie weitere 100.000 Todesopfer in Deutschland kosten könne. Doch da ist Lauterbach, der sich sonst fast immer für den pessimistischeren Blick entscheidet, ausnahmsweise anderer Meinung: Er kann sich vorstellen, dass die Impfgegner angesichts von schwerwiegenden Fällen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nachdenklich werden. "Dann werden die Leute vorsichtiger werden, wenn der Gong zu hören ist."

Einen Lockdown schließt er aus – allerdings nur unter einer Bedingung: Dass die 2G-Regelung flächendeckend eingeführt "und streng kontrolliert wird". Das heißt für ihn: Wenn beispielsweise ein Restaurant gegen seine 2G-Kontrollpflicht verstößt, müsse man es als Strafe sechs Wochen schließen. "Wenn wir das nicht umsetzen, bekommen wir das nicht unter Kontrolle." Überraschend gibt Lauterbach auch zu: "Die Impfung kann uns nicht retten." Zumindest nicht allein und nicht jetzt. Es würden derzeit mehr Leute ihren Impfschutz verlieren als nachgeimpft würde, außerdem nicht zu vergessen: Bis zum vollständigen Impfschutz braucht es mindestens sechs Wochen.

Karl Lauterbach im Gespräch mit Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) und Sandra Maischberger (b. li.).
Karl Lauterbach im Gespräch mit Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) und Sandra Maischberger (b. li.).bild: screenshot ard

Die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus handelt mit Lauterbach Gesundheitsthemen der Ampelkoalition aus. Und so sehr die beiden sich bemühen, Harmonie zu demonstrieren, so deutlich werden doch die Unterschiede und Probleme ihrer beiden Parteien. Während Lauterbach zur Vorsicht mahnt, hat FDP-Generalsekretär Volker Wissing am Dienstag einen Tweet abgesetzt, der eher beruhigend klang: "Unser Gesundheitssystem ist stabil, die Grundversorgung der Bürger gesichert (…)." Das gab viel Aufregung und Wissing hat den Tweet bald danach kommentarlos gelöscht.

Was sie denn davon halte, will Maischberger von Wissings Parteikollegin Aschenburg-Dugnus wissen. "Ich hätte den Tweet nicht gemacht – als nicht-Gesundheitspolitiker hatte er wohl nicht die richtigen Zahlen", versucht se eine halbherzige Verteidigung. Was aber nichts daran ändert, dass die beiden Koalitionsverhandler in den Details noch viel Arbeit vor sich haben. Denn sie sieht 2G nur als "Scheinsicherheit" und eine Impfpflicht war bei der FDP sowieso noch nie Thema.

Strafe fürs Nicht-Impfen: Drei Punkte und 1000 Euro

Kabarettist Jürgen Becker traut sich quasi als einziger eine Impfpflicht zu fordern.
Kabarettist Jürgen Becker traut sich quasi als einziger eine Impfpflicht zu fordern.bild: screenshot ard

Maischbergers Kommentator Jürgen Becker ist der einzige, der sie fordert.

"Ich will eine Impfpflicht für alle, sonst gibt es Mord und Totschlag."

Weil die Impfgegner alle anderen "tyrannisieren" würde die Gesellschaft sonst zerbrechen. Sein halbernster Vorschlag an die Impfgegner: "Man darf Impfgegner sein – nur im Moment geht es leider nicht. Die müssen sich impfen lassen, danach dürfen sie gerne wieder Impfgegner sein." Ob die Polizei Impflinge vorführen solle, fragt Maischberger ungläubig. Aber Becker hat eine durchaus simple Idee:

"Wer sich trotz Regelung nicht impfen lässt, bekommt drei Punkte in Flensburg und 1000 Euro Strafe. Die Impfung ist der einzige Weg raus aus diesem Mist zu kommen. Das ist doch pubertäres Verhalten, das geht so nicht, da muss der Staat eingreifen. Da erwarte ich mal einen Staat, der stark ist."

Eine eventuelle Absage des Karnevals das zweite Jahr in Folge sieht der Kölner als "eine Katastrophe für die psychische Situation des Rheinlandes". Und man hat den Eindruck, dass er das allenfalls halb spaßig meint.

"FAZ"-Journalistin Helene Bubrowski will keine generelle Impfpflicht, aber in Pflege-Jobs könne sie sich das schon vorstellen. Melanie Amann ("Der Spiegel") gibt zwar zu, dass sie mit Becker "den Brass" teile, aber sie hält eine generelle Impfpflicht für keine Gute Idee. "Das gäbe Mord und Totschlag", greift sie Beckers Formulierung auf. Außerdem sei 2G ja auch schon eine Impfflicht durch die Hintertür.

Verschleppt mit Sack über dem Kopf

Die belorussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja fürchtet um ihr Leben.
Die belorussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja fürchtet um ihr Leben.bild: screenshot ard

Zum Ende der Sendung widmet sich Maischberger noch einem ganz anderen Thema: Seit einigen Wochen strömen vermehrt Flüchtlinge über die belarussische Grenze nach Polen in die EU. Der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko verdient sich mit staatlich organisierten Schleusungen zum einen Geld, zum anderen sind sie Druckmittel gegen die EU, die nach der nicht anerkannten Präsidentschaftswahl und den gewaltsam niedergeschlagenen Protesten vom Augst 2020, Sanktionen verhängt hat.

Swetlana Tichanowskaja trat gegen Lukaschenko an und gilt als eigentliche Gewinnerin. Die 39-Jährige musste nach Litauen fliehen und kämpft nun aus dem Exil für die Demokratie in ihrem Land. In Belarus könne man jeden Tag ins Gefängnis kommen, "einfach so mit einem Sack über dem Kopf von der Arbeit oder von zu Hause verschleppt werden". Auch hierzulande hat sie immer Leibwächter. Auch wenn die innenpolitische Lage in Belarus in den hiesigen Nachrichten kaum mehr Thema ist, brodelt es dort. "Der Widerstand bleibt – aber er ist nicht offen, sondern bekämpft das Regime im Untergrund." Und angesichts der Flüchtlingssituation an der Grenze hat sie eine dringende Bitte an die EU:

"Nicht mit dem Verbrecher sprechen, sondern mit den Staaten aus denen die Geflüchteten kommen. Es ist die Zeit, um Stärke zu zeigen. Jetzt ist die Zeit für ernsthafte Lösungen. Alle Migranten sind Geiseln dieses Systems."
Swetlana Tichanowskaja
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