Metallica absolvieren seit dem Herbst wieder Live-Auftritte.
Metallica absolvieren seit dem Herbst wieder Live-Auftritte.Bild: ap / Amy Harris
watson live dabei

Trotz Omikron-Ausbreitung: Wie ich mit 18.000 Menschen Metallica feierte

05.01.2022, 10:25

Zwei Jahre nach dem Ausbruch des Coronavirus ist ein Ende der Pandemie nicht wirklich absehbar. Im Sommer ein nur zaghaftes Herantasten an das, was einmal Normalität war, im Winter Kontaktbeschränkungen und permanentes Testen kombiniert mit quälender Ungewissheit. Zwar könnte Omikron endlich den Weg in die Endemie ebnen, doch erst einmal bleibt es dabei: Was in drei Monaten ist, kann niemand sicher sagen. Dieser Mangel an sicheren Perspektiven (bezogen auf praktisch alles) ist vielleicht der Faktor, der mir in dieser Situation persönlich am meisten zu schaffen macht. Die Vorfreude auf jeden Urlaub, auf jedes Konzert, wird fast schon automatisch getrübt von der leider zu oft realistischen Befürchtung, letztlich doch wieder alleine zu Hause sitzen zu müssen.

Mir drängte sich in den letzten Monaten daneben unweigerlich noch etwas anderes immer stärker ins Bewusstsein: das Wissen um die Vergänglichkeit von mir und anderen. Die Angst, die besten Momente meines Lebens nicht genug genossen zu haben. Was, wenn sowas nicht mehr kommt?

All das zusammen bewegte mich Ende 2021 zu einem, ja, rückblickend größenwahnsinnigen Unternehmen: Als Omikron bereits mit rasender Geschwindigkeit dabei war, sich in Europa und den USA auszubreiten, flog ich nach San Francisco, um Metallica zu sehen, wo die Band mit zwei Shows ihr 40-jähriges Bestehen feierte. Das funktionierte wirklich – und ich würde die Erfahrung gegen nichts auf der Welt eintauschen.

Der Moment der Entscheidung

Zweifellos hätte das große Jubiläum zeitlich günstiger fallen können. Tickets für beide Konzerte im Chase Center, das 18.000 Zuschauer fasst, gingen dennoch im Sommer in den Verkauf. Vor allem für Fans außerhalb der USA bedeutete die Ankündigung ein Dilemma sondergleichen: Karten sichern, Flüge buchen und riskieren, auf allen Kosten sitzen zu bleiben – oder es einfach bleiben lassen und sich am Ende totärgern, wenn die Gigs doch stattfinden? Wie weit geht man für die größte Rockband der Welt?

Vorne stehen bei einem Metallica-Konzert – ich habe es vermisst.
Vorne stehen bei einem Metallica-Konzert – ich habe es vermisst.Bild: privat

Es war Oktober, als ich mich für Zweiteres entschied. Das Weiße Haus hatte gerade verkündet, die noch unter Donald Trump eingeführten Einreisebeschränkungen für Europäer ab Anfang November aufzuheben. Damit brach ein Damm in meinem Kopf. Ich bekam noch ein Ticket für den Stehplatzbereich direkt vor der Bühne am 19. Dezember und schlug zu, bevor es jemand anderes tun konnte. Der Preis allein dafür umgerechnet: jenseits von 600 Euro. Go big or go home. Nach zwei Jahren Pandemie habe ich mir das verdient, sagte ich mir.

Bis rund zwei Wochen vor dem entscheidenden Tag konnte, nein: wollte, die Vorfreude trotzdem nicht ganz durchschlagen. Zu viele Enttäuschungen an der Veranstaltungsfront hatten die zurückliegenden Monate schon mit sich gebracht. Erst eine Woche vor dem Flug, als noch immer keine Stornierungsmails in meinem Postfach ankamen, dämmerte mir: Scheiße, das passiert wohl wirklich.

Schikanen am Flughafen? Von mir aus!

Das Reisen über den großen Teich ist jetzt nochmals bürokratischer geworden, denn die USA verlangen neben einem Visum oder dem ESTA nunmehr den Nachweis über die vollständige Impfung, einen negativen PCR- oder Antigen-Test sowie ein gesondertes Formular, mit dem man versichert, geimpft oder von dem Impferfordernis befreit zu sein (und in letzterem Fall mögliche Quarantäne-Regeln zu beachten). Der Corona-Test darf mittlerweile nicht mehr als 24 Stunden zurückliegen. Der Trip beginnt somit im Grunde nicht erst mit dem Einstieg ins Flugzeug, die Koordination ist ein Kapitel für sich.

Ich flog zunächst von Berlin nach Frankfurt und von dort weiter nach San Francisco. An beiden deutschen Flughäfen wurden sämtliche meiner "Covid-Dokumente" kontrolliert, was mutmaßlich daran lag, dass ich einmal mit Lufthansa und einmal mit United Airlines unterwegs war. Trotzdem hatte dieser bürokratische Aufwand einen Hauch von Schikane. Als ich in Frankfurt wieder in der Schlange stand, beschwerte sich verständlicherweise dann auch eine andere Passagierin bei der Security, sie habe alle Nachweise ja schon beim vorangegangenen Flug vorgelegt. Dennoch reihte auch sie sich letztlich brav ein. Das Glück darüber, überhaupt wieder in die USA zu dürfen, lässt man sich eben nicht so schnell vermiesen.

Die Aufregung stieg bei mir zusätzlich, als ich in Frankfurt am Gate ein paar weitere Leute in Metallica-Shirts entdeckte, die offensichtlich das gleiche Ziel hatten wie ich. Das war einerseits nicht allzu verwunderlich, denn die Band besitzt hierzulande eine massive Fanbase. Unter diesen Voraussetzungen jedoch war es noch einmal etwas anderes. Nein, nicht nur ich bin so verrückt – ein irgendwie wohltuender Gedanke. Wohlgemerkt: In Deutschland war ein Konzert dieser Größenordnung zu diesem Zeitpunkt schon wieder absolut nicht mehr denkbar, erst recht nicht in einer Halle. Aber jetzt gab es endgültig kein Zurück mehr.

Kirk Hammett war natürlich wie immer am besten gekleidet.
Kirk Hammett war natürlich wie immer am besten gekleidet.Bild: privat

Metallica-Fans übernehmen San Francisco

Meine ersten Tage in San Francisco nutzte ich für Sightseeing und als Autist kam es mir sehr gelegen, dass viele Sehenswürdigkeiten in der Stadt gut zu Fuß erreichbar sind. Es gab nur Google Maps und mich. Das erste der zwei Konzerte – das am 17. Dezember – verfolgte ich in meinem Hotelzimmer über den Twitch-Kanal von Amazon und haderte parallel dazu mit mir, weil ich mich nicht stärker um Karten für beide Shows bemüht hatte.

An diesem Abend spielten Metallica zum allerersten Mal in ihrer Karriere "Fixxxer" live, und ich würde lügen, würde ich bestreiten, dass ich darüber erst einmal hinwegkommen musste.

Doch das war jetzt nicht die Zeit für Selbstmitleid. Samstags besuchte ich die Seelöwen am Pier 39 und mein Vorhaben, in der Nacht auf Sonntag mindestens zehn Stunden zu schlafen, scheiterte kolossal. Egal: Am frühen Nachmittag machte ich mich auf den Weg zur Halle und es warteten schon mehr Menschen, als mir lieb waren. Mir bot sich ein eindrucksvolles Bild, denn die Fans kamen aus aller Welt: aus verschiedensten US-Staaten, Kanada, Südamerika, Europa. Einige hatten ihre Landesflaggen mitgebracht. Ich unterhielt mich vor dem Eingang mit zwei jungen Männern von der Ostküste, von denen einer Metallica schon über 20 Mal live gesehen hatte. Da kam ich nicht mit, ich brachte es erst auf fünf Konzerte, und die waren alle in Deutschland gewesen. Dafür war ich dieses Mal ein bisschen weiter gereist.

Über das gesamte Wochenende hinweg war es unmöglich, in San Francisco unterwegs zu sein und (bei überwiegend frühlingshaften Temperaturen) nicht alle fünf Meter jemanden in Metallica-Kluft anzutreffen. Eine freundliche Übernahme der Stadt, ein Hauch von Woodstock. Dieses Fandom ist eine einzige große Familie, das bestätigte sich einmal mehr.

Das Konzert empfahl sich so allerdings auch als potentielles Superspreader-Event besonderen Ausmaßes. Einen negativen Corona-Test verlangte der Veranstalter nämlich nicht, Voraussetzung für den Einlass bei Erwachsenen war nur der Nachweis über die Impfung. Dass sich nicht wenigstens ein einziger symptomlos Infizierter im Publikum befand, ist schwer vorstellbar. Immerhin eine Maskenpflicht gab es übrigens – wenn auch bloß theoretisch.

In meinem Umkreis vor der Bühne stand lediglich ein Mann, der seine Maske konsequent aufbehielt, der Rest gab sich einvernehmlich der Metal-Attitüde hin. Zurechtgewiesen wurde niemand. Schaut man sich Ausschnitte der Show an, käme man nicht auf die Idee, dass eine weltweite Pandemie noch in vollem Gange ist.

Auch Robert Trujillo war in Bestform.
Auch Robert Trujillo war in Bestform.Bild: privat

"That was therapeutic"

Die Bühne lag in der Halle zentral, sodass sich die Fans drum herum formierten und die Band ständig in Bewegung war, damit jeder was vom Kuchen abbekam. Ich schaffte es bis in die zweite Reihe, gleich neben mir hatte sich eine fünfköpfige Gruppe Deutscher formiert. Los ging es mit einem Fehl-Feueralarm unmittelbar bevor Metallica erschienen. "Mich können die nicht verarschen", kommentierte ein Amerikaner das Geschehen neben wir, während auf den Rängen tatsächlich ein paar Wenige Anstalten machten, in Richtung Ausgang zu marschieren. Das Sicherheitspersonal direkt vor meiner Nase blieb jedenfalls ruhig und ich daher auch.

Die Band spielte chronologisch rückwärts einen nahezu perfekten Mix aus Klassikern ("Master of Puppets", "Enter Sandman") und Live-Raritäten ("The End of the Line", "Am I Evil?"). Die Setlist wurde gegenüber dem ersten Jubiläumskonzert komplett neu bestückt, wie schon am 17. Dezember kam jedes Album zur Geltung. Befürchtungen, (die Angst vor) Corona könnte in der Halle einen unsichtbaren Keil zwischen Fans und Band treiben, waren nach wenigen Sekunden vom Tisch. Im Gegenteil erwies sich das Event als denkbar intensivstes Konzerterlebnis nach zwei Jahren Entzug.

Ein erheblicher Teil der Fans hatte weite Strecken zurückgelegt, um jener Band etwas zurückzuzahlen, die selbst die unangenehmsten Lebensphasen zuverlässig erträglicher gemacht hat bzw. das immer noch tut. Metallica war immer für uns da, jetzt waren wir für sie da. So direkt sprach das an diesem Abend niemand aus, aber alle fühlten es – inklusive der Bandmitglieder. Lars Ulrich hätte zwischen den Songs gar nicht explizit betonen müssen, dass dieses Zusammenkommen nicht selbstverständlich ist. Auf Instagram meldete er sich übrigens erst zwei Tage später wieder, weil er angeblich die Zeit brauchte, um von dieser "außerweltlichen Erfahrung" wieder "runterzukommen". Ich bin offen gesagt auch jetzt noch am Verarbeiten.

Auf der Bühne jedoch war es James Hetfield gewesen, der für die extra Portion Emotionen sorgte – nicht nur, weil er seine Bandkollegen an einer Stelle "Brüder" nannte. Wer die Dokumentation "Some Kind of Monster" kennt und ansatzweise mitbekommen hat, was die Vier in all den Jahren mit- und gegeneinander durchgestanden haben, sollte eigentlich nicht anders können, als von dieser Versöhnlichkeit tief ergriffen zu sein. Wann immer ich den Vorwurf höre, Metallica hätten in den 90ern "ihre Seele an den Mainstream verkauft", frage ich mein Gegenüber, wie lange seine Band denn eigentlich gehalten und was sie erreicht hat. Metallica sind nicht weniger als ein verdammtes Wunder.

Glücklicherweise führte zum Jubiläum kein Weg an "Bleeding Me" vorbei. In dem Song besingt Hetfield seinen Kampf gegen die Alkoholsucht, erst 2019 hatte er sich zum zweiten Mal in Therapie begeben.

"That was therapeutic" lauteten die Worte, die ihm nach der Darbietung einfielen, und auf die eine oder andere Weise sprach er damit jedem Einzelnen in der Halle aus Seele, denn wir alle haben das gebraucht.
Gitarrenpicks von Kirk Hammett und Rob Trujillo fängt man auch nicht alle Tage.
Gitarrenpicks von Kirk Hammett und Rob Trujillo fängt man auch nicht alle Tage.Bild: privat

Ja, es brauchte auch Glück

Genau einen Tag nach meinem Rückflug machten Nachrichten die Runde, dass zahlreiche Flüge innerhalb der und in die USA gestrichen werden müssen, weil immer mehr Personal sich krankmeldet. Mit etwas Pech also hätte ich erst einmal noch in San Francisco festsitzen können. Zwei Tage vor meinem Rückflug ging ich dazu über, beinahe stündlich zu checken, ob die USA von Deutschland fortan als Hochrisikogebiet oder Virusvariantengebiet eingestuft werden – diese Bewertungen können sich rasch ändern, mit Konsequenzen für Reisende.

Unter Umständen müssen vorab dann noch eine digitale Reiseanmeldung und ein erneuter Test erfolgen, im schlimmsten Fall steht direkt nach der Ankunft in der Heimat eine Quarantäne an. Mir blieb all das erspart, aber es hätte auch anders kommen können. Wer in diesen Tagen verreist, nimmt einiges in Kauf und muss permanent auf dem Laufenden bleiben. Es ist mentaler Stress und hat von vorne bis hinten etwas von russischem Roulette.

Glück hatte ich schließlich jedoch vor allem damit, mich nicht mit Corona infiziert zu haben. Ein Test sechs Tage nach dem Konzert fiel negativ aus, Symptome hatte ich ebenfalls keine – zugegeben zu meiner eigenen Verwunderung. Falls Gott doch existiert, ist er Metallica-Fan, das steht nun fest. War dieser Trip fahrlässig, größenwahnsinnig, unsolidarisch und irgendwie dumm? Ja. Würde ich es wieder tun? Jederzeit.

Dschungelcamp 2022: Daher kennt man Nachrückerin Jasmin Herren

Beim diesjährigen Dschungelcamp sollte Jasmin Herren eigentlich "nur" Ersatzkandidatin sein, nun bekommt sie überraschend doch ihren großen Auftritt bei "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" auf RTL. Christin Okpara schied schon vor dem Einzug in das TV-Camp in Südafrika aus, Grund dafür sind Unstimmigkeiten bei ihrem Impfstatus. Jasmin selbst will die Chance bei Krabbelgetier und ekligen Urwald-Delikatessen zeigen und sich der Öffentlichkeit erstmals seit dem Tod ihres Mannes und Ex-Campers Willi Herren an einem Fernsehformat teilnehmen.

Zur Story