Es wird mit einer hohen Dunkelziffer an Menschen gerechnet, die sich aus Angst vor einer schweren allergischen Reaktion auf Zusätze in Corona-Impfstoffen nicht impfen lassen.
Es wird mit einer hohen Dunkelziffer an Menschen gerechnet, die sich aus Angst vor einer schweren allergischen Reaktion auf Zusätze in Corona-Impfstoffen nicht impfen lassen. Bild: dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert
Analyse

"Viele haben einfach Angst vor einer Allergie" – Experte über den Nutzen von Tests auf eine Impfstoff-Unverträglichkeit

06.02.2022, 16:1907.02.2022, 19:02

"Für mich ist der sicherste und schnellste Weg heraus aus der Pandemie die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht." Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach machte seine Haltung in Bezug auf das weitere Vorgehen in Sachen Corona-Impfungen bei der Debatte im Bundestag um eine allgemeine Impfpflicht deutlich. Impfen ist also der Weg aus der Pandemie – doch was ist, wenn man Angst vor einer Corona-Impfung hat?

Die Ursachen können vielfältig sein: von einer Nadelphobie bis hin zu einer Angst vor Nebenwirkungen der Impfung oder gar einer schweren allergischen Reaktion auf einen Zusatzstoff in den Impfstoffen. Dabei sind Allergien auf Corona-Impfstoffe extrem selten. Dennoch scheint die Angst davor ein großes Thema für viele Menschen zu sein, wie Stefani Röseler, Allergologin und Oberärztin des Allergie-, Asthma- und Anaphylaxiezentrums am Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln, bestätigt.

"Eine Polyethylenglykol-Allergie ist eine sehr sehr seltene Allergie."
Stefani Röseler, Allergologin am Krankenhaus der Augustinerinnen, über Allergien auf Corona-Impfstoffe

"Die Mehrheit der Patienten hat in unserer Telefonsprechstunde Ängste", erzählt Stefani Röseler im Gespräch mit watson. Dies sei das viel größere Problem als das einer tatsächlichen Allergie. "Wir hatten ungefähr 300 Patienten bisher und nur einer davon war auf PEG allergisch", erklärt sie weiter.

Watson hat mit Allergologen und einem Psychiater darüber gesprochen, welchen psychologischen Effekt Allergietests und die Ängste vor einer Allergie auf den Corona-Impfstoff auf die Impfquote in Deutschland haben könnten.

Allergologin und Oberärztin, Stefani Röseler, am Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln.
Allergologin und Oberärztin, Stefani Röseler, am Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln.bild: Krankenhaus der Augustinerinnen

Allergietests könnten Abhilfe schaffen

Sowohl bei den aktuell verwendeten mRNA- als auch bei den Vektorimpfstoffen gibt es einen Zusatzstoff, bei dem Allergien auftreten können: Der Stoff Polyethylenglykol, kurz PEG, wird in mRNA-Impfstoffen verwendet und Polysorbate finden bei Vektorimpfstoffen Anwendung. "Polyethylenglykol ist eine sehr, sehr seltene Allergie", stellt Röseler jedoch klar. Und auch die Allergie auf Polysorbate in Vektorimpfstoffen ist laut Röseler "sehr, sehr selten".

Doch tritt eine solche Allergie trotzdem einmal auf, kann es im schlimmsten Fall zu einem anaphylaktischen Schock kommen. Das Paul-Ehrlich-Institut beziffert die Fälle, in denen eine Anaphylaxie nach einer Corona-Impfung auftrat, auf weniger als einen auf 100.000 Impfungen. Eine solche allergische Überreaktion auf einen der Zusatzstoffe in Corona-Impfstoffen kann sich, laut der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, durch ein plötzliches Auftreten von Hautsymptomen mit Luftnot und/oder Kreislaufreaktionen äußern.

"Wir hatten ungefähr 300 Patienten und davon war nur ein Patient auf Polyethylenglykol allergisch."
Stefani Röseler über die Häufigkeit von Allergien auf Zusätze in Corona-Impfstoffen

Trotz der tatsächlich niedrigen Zahl an Fällen mit schweren Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung, scheinen viele Patienten aufgrund einer vorangegangenen Impfreaktion auf einen anderen Impfstoff auch bei der Corona-Impfung Angst vor einer Nebenwirkung zu haben. Ein Allergietest könnte Abhilfe schaffen.

"Vor allem verängstigte und unsichere Patienten"

In Deutschland gibt es laut dem Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA) 20 Allergologische Zentren, die Covid-Allergietests durchführen. Dort werden Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf eine Impfstoff-Unverträglichkeit mittels herkömmlichem Allergietest, wie dem Pricktest, bei dem unterschiedliche Zusatzstoffe aus den Impfstoffen auf die Haut getropft werden, unter ärztlicher Aufsicht auf eine solche Allergie getestet. Das Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln, an dem Allergologin Stefani Röseler arbeitet, ist eines von diesen Allergietest-Zentren in Deutschland.

"Ich halte es für schwierig, jemanden zu impfen, der Angst hat."
Stefani Röseler mit Blick auf eine allgemeine Impfpflicht

Röseler vermutet in Deutschland eine hohe Dunkelziffer an Menschen, die gar nicht erst zu einem Allergietest gehen, da sie Angst vor einer Diagnose haben. Deshalb müsse es in Deutschland "viel mehr Gesprächsangebote" geben, betont die Allergologin. Eine aktive Kommunikation über die Möglichkeit, sich vor einer Covid-19-Impfung auf mögliche Allergien auf Zusatzstoffe testen zu lassen, könnte demnach die Dunkelziffer verringern und die Angst der Menschen ausräumen.

Deshalb wünscht sich Röseler auch eine umfassende Aufklärung der Patienten. "Man sollte mehr Teams einrichten, die dann bei Ängsten beraten. Das können Neurologen, Infektiologen oder auch Allergologen sein." Denn die Allergologin hält es, vor allem mit Blick auf eine mögliche allgemeine Impfpflicht, "für schwierig, jemanden zu impfen, der Angst hat."

"Wir haben vor allem ängstliche und verunsicherte Patienten."
Stefani Röseler über Patientinnen und Patienten in Allergietest-Zentren

Klar gebe es auch Patientinnen und Patienten, die nur zum Allergietest gehen, in der Hoffnung, anschließend ein Attest zu erhalten, das bescheinigt, sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen zu können. Das sei aber laut Röseler die Minderheit: "Wir bekommen aus Leipzig oder Dresden berichtet, dass dort viele Menschen nur zum Allergietest gehen, um ein Attest zu erhalten statt einer Corona-Impfung, aber im Kölner Raum habe ich das noch nicht erlebt." Sie betont: "Wir haben vor allem ängstliche und verunsicherte Patienten."

Mehrheit lässt sich nach negativem Allergietest gegen Corona impfen

Dass eine bessere Aufklärung zu einer höheren Impfbereitschaft in der Bevölkerung führen könnte, bestätigen auch die Beobachtungen und Daten des bayerischen Chefarztes der Allergologie an der Kreisklinik Wörth an der Donau, Wolfgang Sieber. "Nur ungefähr drei Prozent unserer Patienten wurde bisher positiv auf eine Allergie gegen einen Corona-Impfstoff getestet", erzählt er im Gespräch mit watson. Warum dennoch so viele überhaupt zu einem Allergietest kommen, begründet der Allergologe ebenfalls wie Röseler: "Viele Leute haben einfach Angst, eine Allergie zu haben."

"Ungefähr 90 Prozent der Getesteten hatten keine Allergie und haben sich anschließend impfen lassen."
Allergologe Wolfgang Sieber über Allergietests vor Corona-Impfungen

Wie wichtig bei diesen Patienten eine Aufklärung über die Impfstoffe und ihre Nebenwirkungen ist, zeigt auch eine aktuell laufende Studie Wolfgang Siebers gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Regensburg: "Ungefähr 90 Prozent der Getesteten hatten keine Allergie und haben sich anschließend impfen lassen." Sieber sieht auch gerade deshalb die Allergietests als "eine ganz wichtige psychologische Sache" an.

Wolfgang Sieber, Chefarzt der Allergologie, an der Kreisklinik Wörth an der Donau.
Wolfgang Sieber, Chefarzt der Allergologie, an der Kreisklinik Wörth an der Donau. bild: kreisklinik wörth an der donau

Gerade deshalb nimmt sich der Allergologe auch viel Zeit für seine Patienten. Die meisten kämen aufgrund einer Angst vor einer allergischen Reaktion in die Kreisklinik in Wörth an der Donau. Bei ihnen wird dann ein Allergietest durchgeführt. Nur wenige der Patientinnen und Patienten erhoffen sich durch diesen Test ein Attest. Das sei ohnehin schwierig, denn: "Nur wenn man eine eindeutige Indikation hat, gegen alle auf dem Markt vorhandenen Corona-Impfstoffe allergisch zu sein, bekommt man ein Attest", erklärt Sieber.

"Die Regierung müsste hier viel besser aufklären."
Wolfgang Sieber zum Beratungsangebot über Allergiestests

Der bayerische Allergologe gibt sich hier besonders Mühe, die Bedenken auszuräumen: "Manchmal sitze ich eine halbe Stunde mit diesen Patienten zusammen, weil man sich auch um deren Ängste kümmern muss und sie nicht als Querdenker abtun darf." Im Anschluss an das Gespräch würden sich dann sogar viele von ihnen, die sich eigentlich von ihrem Besuch im allergologischen Zentrum nur ein Attest erhofft hatten, gegen Corona impfen. Siebers Appell: "Die Regierung müsste hier viel besser aufklären."

Aufklärung und Vertrauen der Schlüssel für eine höhere Impfbereitschaft

"Irrationale Ängste spielen bei einem gewissen Prozentsatz der Nicht-Geimpften eine Rolle", bestätigt Andreas Wahl-Kordon im Gespräch mit watson. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald. Dabei gehe es nicht nur um Ängste vor einer möglichen Allergie, sondern auch um eine irrationale Angst vor der Impfung generell.

Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Schwarzwald
Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Schwarzwaldbild: Felix Groteloh

Doch wie entsteht eine solche irrationale Angst vor Corona, der Impfung oder einer Allergie auf diese Impfung, wo doch die Zahlen belegen, dass schwere Impfreaktionen bei mRNA- und Vektorimpfstoffen selten sind? "Angsterkrankungen entstehen oft aufgrund von irrationalen Annahmen. Die Frage ist immer, wie geht man mit einer Angst umgeht – oft gelingt es den Betroffenen nicht mehr, eine rationale Ebene einzuziehen", erklärt Wahl-Kordon.

"Irrationale Ängste spielen bei einem gewissen Prozentsatz der Nicht-Geimpften eine Rolle."
Psychiater Andreas Wahl-Kordon über Angst vor einer Allergie auf Impfstoffe

Zudem spiele auch Vertrauen eine Rolle. "Viele Menschen wissen in der Corona-Pandemie nicht mehr, wem sie noch vertrauen können." Deshalb sei es wichtig, "Betroffene mit ihrer Angst zu begleiten, damit sie den Schritt gehen, sich für eine Impfung zu entscheiden". Fakten würden dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen, betont der Psychiater.

Damit leisten die Allergologen in den Allergietestzentren einen wichtigen Beitrag, die Betroffenen mit ihren Ängsten zu begleiten und sie über die Corona-Impfungen aufzuklären.

Wahl-Kordon bestätigt: "Es ist wichtig, frühzeitig über Impfungen aufzuklären und vor allem niederschwellige Angebote zu schaffen, denn damit erreicht man im Zweifel auch Menschen mit Ängsten."

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