ARCHIV - 08.01.2021, Baden-W

Intensivmediziner geraten durch die dritte Welle an ihre Belastungsgrenze (Symbolbild). Bild: dpa / Sebastian Gollnow

watson-Story

Intensivmediziner beobachtet "deutlich jüngere Corona-Patienten" unter den Schwerkranken

Stefan John

Es klingt besorgniserregend: Laut der Intensivmediziner-Vereinigung Divi landen inzwischen jeden Tag 50 bis 100 neue Covid-19-Patienten auf den deutschen Intensivstationen. Das sind etwa zwei Reisebusse voller todkranker Menschen. Aufgefangen werden diese Menschen von Pflegekräften und Ärzten, die nach einem Jahr Pandemie und mitten in der dritten Welle an ihre Belastungsgrenzen stoßen, wie Stefan John berichtet.

John ist Leiter der Abteilung interdisziplinäre Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg, Standort Süd. Bei watson erzählt der Oberarzt, wie er den Alltag auf der Intensivstation inmitten der dritten Pandemiewelle erlebt, welche Patienten besonders gefährdet sind und warum er die "Leere-Betten-Debatte" für völlig absurd hält.

"Wir behandeln inzwischen deutlich jüngere Corona-Patienten auf der Intensivstation als in den beiden Wellen zuvor, das Alter ist im Schnitt um gut acht bis zehn Jahre gesunken."

Der Arbeitsalltag auf den Intensivstationen ist seit der Pandemie fern jeder Routine. Wir treffen uns jeden Morgen und müssen erneut überlegen, wie viele Betten noch zur Verfügung stehen, wie viele Kollegen krank sind und mit welchen Kapazitäten wir in den Tag starten können. Das ist ein täglicher Kampf und bringt das gesamte Team an die Belastungsgrenze. Ganz salopp gesagt: Wir haben alle keine Lust mehr auf die dritte Welle.

Die Covid-19-Patienten auf der Station werden immer jünger

Eigentlich sollten uns 52 Betten für Intensivpatienten zur Verfügung stehen. Aufgrund mangelnden Personals sind es derzeit aber eher 40, und 14 bis 16 davon sind derzeit von Coronafällen belegt. Wir versuchen, die anderen Betten freizuhalten, um weiterhin auch Patienten mit den ganz klassischen Erkrankungen versorgen zu können. Herzkranke zum Beispiel, deren Anzahl nicht weniger geworden ist.

Doch leider ist das momentan kaum möglich. Denn die Anzahl der Covid-19-Patienten auf unserer Station ist in den vergangenen zwei Wochen deutlich angestiegen. Dieser Anstieg erfolgte leider sehr viel schneller, als wir erwartet hatten. Zusätzlich haben wir den Eindruck, dass auch die Krankheitsverläufe der Patienten sich schneller entwickeln als noch in den ersten beiden Wellen der Pandemie.

Bislang hatten wir Corona-Patienten oft tagelang zur Beobachtung hier, deren Zustand sich nur allmählich verschlechterte. Aber nun kommen Betroffene zum Teil zu Fuß direkt vom Hausarzt auf unsere Station, schon Stunden später müssen sie an die Beatmungsmaschine. Wir kennen die Ursache dieser rasanten Krankheitsverläufe nicht, vielleicht sind Mutationen des Virus Schuld, vielleicht aber auch das Alter der Patienten.

"Ich wundere mich, dass so selten über das Übergewicht der Patienten gesprochen wird, denn es ist ein enormer Risikofaktor, wie wir jeden Tag sehen."

Wir behandeln nämlich inzwischen deutlich jüngere Corona-Patienten auf der Intensivstation als in den beiden Wellen zuvor, das Alter hat sich im Schnitt um gut acht bis zehn Jahre gesenkt. Viele von ihnen litten bereits unter Vorerkrankungen, sehr viele sind adipös. Ich wundere mich, dass so selten über das Übergewicht der Patienten gesprochen wird, denn es ist ein enormer Risikofaktor, wie wir jeden Tag sehen. Außerdem ist auffällig, wie viele der Menschen mit schweren Verläufen aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen zu uns kommen.

Die Versorgung von Covid-19-Patienten ist extrem anstrengend

Die derzeitige Lage stellt unser Team in vielerlei Hinsicht vor große Herausforderungen. Eine der größten ist der Personalmangel, der zwar schon vorher ein Problem war, sich durch Corona aber weiter verstärkt. 2020 fielen viele Pflegekräfte aus, weil sie selbst an Covid-19 erkrankten, nun fallen viele aus, weil ihre Angehörigen Corona haben und sie als Kontaktperson in Quarantäne müssen.

Ganz abgesehen davon sind viele nach einem Jahr Arbeit unter der Pandemie auch sehr erschöpft, wir müssen zunehmend Pflegekräfte aus anderen Bereichen akquirieren, um die Ausfälle aufzufangen. Aber das sind alles keine langfristigen Lösungen. Die Sorge bleibt, dass immer weniger Pflegekräfte verfügbar sein werden.

Die Versorgung von Covid-19-Patienten ist beschwerlich. Das Personal muss mit Schutzkleidung und Maske arbeiten, trägt im direkten Kontakt auch ein Visier. Unter diesem Vollschutz ist es warm und beengt, man schwitzt mehr und sieht weniger. Viele Covid-19-Patienten müssen zudem in Bauchlage gebracht werden, was eine enorme körperliche Anstrengung für die Pfleger ist, da viele der Patienten, wie bereits erwähnt, an Übergewicht leiden. Die Arbeitsbelastung des Personals ist also auf gleich mehreren Ebenen höher.

"Mit jedem zusätzlichem Covid-Patienten steht ein Intensivbett weniger für andere Erkrankungen oder auch dringliche Operationen zur Verfügung."

Das ist auch deshalb problematisch, weil durch den erhöhten Arbeitsaufwand weniger Zeit für die Behandlung anderer Patienten bleibt, die unsere Hilfe ebenfalls dringend nötig haben. So müssen viele Operationen seit Wochen und Monaten verschoben werden, weil die Kapazitäten nicht da sind, die Warteliste wird immer länger. Für die Betroffenen ist das enorm belastend. Denn wer gerade einen Hirntumor diagnostiziert bekommen hat, will nicht monatelang auf eine Operation warten. Auch deshalb ist es wichtig, dass möglichst wenige Menschen schwer an Corona erkranken.

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Corona-Intensivstation in der Uniklinik Dresden: Die Mediziner arbeiten mittlerweile deutschlandweit am Limit. Bild: www.imago-images.de / ronaldbonss.com

Die "Leere-Betten-Debatte" ist absurd

Die derzeitige Diskussion um leerstehende Intensivbetten empfinde ich als sehr irritierend. Es klingt oft so, als ob noch alles gut wäre, solange noch nicht jedes Bett mit einem Corona-Patienten belegt ist. Das ist natürlich Unsinn: Erstens sollte es gar nicht so weit kommen, dass man auf der Intensivstation landet, denn dann ist man bereits in Lebensgefahr – etwa 50 Prozent der Corona-Fälle hier überleben die Krankheit nicht. Und zweitens brauchen wir unsere Betten dringend für anderweitig schwer kranke Menschen. Die Wahrheit ist: Mit jedem zusätzlichen Covid-Patienten steht ein Intensivbett weniger für andere Erkrankungen oder auch dringliche Operationen zur Verfügung.

Viele meiner Kollegen fordern daher einen harten Lockdown. Dem schließe ich mich nicht unbedingt an. Ich finde nicht, dass es zur Arbeit eines Intensivmediziners gehört, politische Entscheidungen zu bewerten und ich kann die Wirksamkeit von Maßnahmen auch nicht einschätzen. Aber ich kann auf Probleme hinweisen und meiner Meinung nach ist das größte Problem, dass bereits bestehende Regeln nicht ausreichend eingehalten werden und zu wenig geimpft wird. Ich muss ganz deutlich sagen: Ich hatte hier nicht einen einzigen Geimpften auf der Intensivstation. Die Impfung schützt sehr gut vor schweren Verläufen.

Gerade die Menschen, die gefährdet sind, schwer zu erkranken, müssen schnell geimpft werden. Dazu gehören neben den schon viel diskutierten Risikogruppen eben auch Übergewichtige und Menschen aus schwachen sozioökonomischen Verhältnissen. Ich habe das Gefühl, dass viele dieser Menschen durch die Impfkampagne gar nicht erreicht werden. Geimpft sind meines Erlebens nach eher Menschen aus besseren Verhältnissen. Einige der Patienten hier sind zum Beispiel keine Deutsch-Muttersprachler, es wäre wichtig, diese Leute über ihre Communities zu erreichen, ihnen klar zu erläutern, wie Impfungen funktionieren und welche Gefahren durch Corona bestehen.

"Das Risiko der Nebenwirkungen steht in keinem Verhältnis zu den dramatischen, oft tödlichen Folgen einer Erkrankung, wie ich sie hier erlebe."

Es ist von Bedeutung, dass wir gerade jetzt als Bevölkerung solidarisch sind, das richtet sich auch an Impfverweigerer, für die ich keinerlei Verständnis habe. Corona führt zu schweren Erkrankungen, das lässt sich nicht deutlicher sagen, und selbst Menschen mit leichten Krankheitsverläufen leiden oft noch monatelang unter Spätfolgen. Die Kollegen, die Covid-19 bereits durchlaufen haben, waren die ersten, die sich bei uns impfen ließen, weil sie das nicht noch einmal erleben wollten.

Unabhängig von der Art des Impfstoffs kann ich nur sagen: Das Risiko der Nebenwirkungen steht in keinem Verhältnis zu den dramatischen, oft tödlichen Folgen einer Erkrankung, wie ich sie hier erlebe. Impfen und Einhalten der bestehenden Regeln sind momentan die einzige Möglichkeit, um Menschen vor dem Tod durch Corona zu schützen, unsere Intensivstationen zu entlasten und damit auch anderen schwerkranken Patienten zu helfen.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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