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Viel Zeit zu Hause, kaum Besucher: Neugeborenen kommt der Lockdown oft entgegen. (Symbolbild) Bild: Getty Images

Drei Neu-Mamas erzählen zum Muttertag, wie ihr erstes Jahr mit Kind aussah: "Mein Baby kennt keine Welt ohne Corona"

"Hallo Kleines, willkommen auf der Erde – hier herrscht übrigens gerade eine Pandemie." Keine Mutter freut sich wohl, dass ihr Baby ausgerechnet inmitten von Corona-Maßnahmen das Licht der Welt erblicken muss. Trotzdem wurden im Jahr 2020 auch weiterhin jede Menge Kinder in Deutschland geboren, 773.000 insgesamt laut Statistischem Bundesamt.

Wie ist das für die Mütter, wenn der große Familienbesuch in der Klinik ausfällt? Wenn Krabbelgruppen und Café-Besuche gestrichen sind und sich die Isolation zu Hause nur noch mit Bauklötzen und Brei überbrücken lässt? Zum Muttertag sprechen drei von ihnen bei watson darüber. Sie alle haben 2020 ihre Babys bekommen und dadurch einen ganz besonderen Start ins Leben begleitet.

Magdas Tochter kam am Tag des ersten Lockdowns zur Welt

Magdalena aus Berlin, Pandemie-Mutter

Magda beim Kuscheln mit ihren zwei Kindern. Bild: privat

Magda B. (35) aus Berlin hat schon einen 4-jährigen Sohn, Anton, und gebar im März 2020 ihre Tochter Karla (13 Monate).

"Meine Tochter Karla wurde am 13. März geboren, am Tag des ersten Lockdowns. Ich weiß noch genau, wie seltsam das war: Ich lag zusammen mit dem Neugeborenen im Geburtshaus und blickte zum ersten Mal seit Stunden aufs Handy und plötzlich explodierten dort alle Mutti-Chats auf Whatsapp mit der Nachricht, dass die Kitas nun zu seien. Ich dachte direkt: 'Wie soll das denn funktionieren?' Ich habe bereits einen Sohn und war davon ausgegangen, dass der betreut würde, sodass mein Mann und ich die Kleine in aller Ruhe kennenlernen könnten. Aber daraus wurde aus einem Schlag nichts mehr.

Stattdessen teilten wir uns auf: Der Papa betreute Anton, unseren inzwischen Vierjährigen, und ich erholte mich mit Karla im Bett. Die Verrücktheit der Welt zu diesem Zeitpunkt bekam ich nur aus den Nachrichten und Chat-Gruppen mit. Da war die Rede von ausverkauftem Klopapier und leergefegten Straßen und ich konnte es gar nicht glauben, bis ich es bei meinem ersten Ausflug ins Freie mit eigenen Augen sah.

Insgesamt war diese erste Zeit nach der Geburt wirklich besonders, auch durch die Pandemie. Es war schade, dass mein Mann mit Karla nicht so bonden konnte, weil er eben auf Anton aufpasste. Andererseits erlebten wir auch eine sehr intensive Familienzeit: Im Frühling saßen wir viel zusammen im Garten und haben die Ruhe des Lockdowns genossen. Durch den Wechsel ins Homeoffice war mein Mann das gesamte Jahr zu Hause und hat Karla als Baby viel mehr erleben können, als es mit Anton damals der Fall war.

"Es ist eher für mich als Mutter befremdlich zu sehen, wie sie sich ganz selbstverständlich eine Maske angelt und sie sich vors Gesicht hält, weil es die Großen ja auch so machen."

Anton war in der ganzen Zeit vielleicht drei Monate in der Kita. Für mich war das schade, weil ich die Elternzeit gerne intensiv mit Karla verbracht hätte. Beim ersten Mal hatte ich Krabbelgruppen besucht, war spontan in Restaurants eingekehrt und hatte Freundinnen getroffen, das fiel jetzt alles weg. Stattdessen musste ich mich oft beeilen, Karla zu wickeln, weil Anton gleichzeitig etwas wollte – der schöne, spielerische Teil mit ihr fiel so oft hintenüber, was mir etwas leid tut.

Für Karla ist Corona aber Normalität und ich denke nicht, dass es sie in irgendeiner Form belastet. Es ist eher für mich als Mutter befremdlich zu sehen, wie sie sich ganz selbstverständlich eine Maske angelt und sie sich vors Gesicht hält, weil es die Großen ja auch so machen.

Ich habe durch die Kinder den direkten Vergleich, wie sehr die Pandemie die Babyzeit doch verändert. Bei Antons erstem Geburtstag war die Bude voll, bei Karla kam nur ihre Patentante. In Antons Wochenbett saßen meine Freundinnen stundenlang mit Sushi am Bett, bei Karla herrschte angenehme Ruhe. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

Kurioserweise war nicht nur der 13. März für uns ein besonderer Tag, sondern auch der 13. Dezember. An dem Tag wurde nicht nur der zweite Lockdown ausgerufen, sondern Karla musste auch zeitgleich ins Krankenhaus – mit Corona. Sie und ich hatten starken Husten und wurden positiv auf Covid-19 getestet. Obwohl wir uns sehr schnell erholten, mussten wir Weihnachten daher in Quarantäne verbringen. Es waren absurde Wochen, aber irgendwie haben wir das Beste daraus gemacht: Meine Schwester und ich haben unsere Weihnachtsgeschenke über einen Korb am Balkon hoch- und runtergelassen. Dieses liebevolle Miteinander trotz der widrigen Umstände hat mir im letzten Jahr viel gegeben und ich hoffe, wir alle können uns diese kleinen Akte der Solidarität auch unter der Corona-Müdigkeit erhalten.

Mein persönliches Mami-Highlight habe ich hingegen diesen März erlebt. Anton durfte tatsächlich mal in die Kita und es war warm, weswegen ich mich mit einer Freundin am Tempelhofer Feld traf. Da saßen wir mit Sekt, zusammen mit unseren Babys, schauten in die Sonne und ich dachte: 'Ganz genau so hätte dieses Babyjahr viel öfter sein sollen...'"

Jennys Schwiegervater kennt das Kind nur aus Videos

Die schwangere Jenny aus Hamburg. Pandemie-Mütter

Jenny in der Schwangerschaft. Bild: privat

Jenny P. (29) wohnt in Hamburg und brachte im Oktober ihre erste Tochter Feline (6,5 Monate) zur Welt.

"Im März 2020 war ich gerade schwanger geworden. Der anschließende Lockdown kam mir insofern gelegen, als dass ich während der gesamten Schwangerschaft im ruhigen Homeoffice sein und mich mit dem schmerzenden Rücken auf dem Sofa platzieren konnte, wie auch immer es mir passte. Es wäre zwar schön gewesen, Geburtsvorbereitungskurse – wie etwa meinen Hypnobirthing-Kurs – nicht nur online machen zu müssen, aber insgesamt konnte ich diese Zeit durch Corona recht entschleunigt genießen und mich zu Hause ganz dem Nestbau für mein Kind hingeben.

Feline wurde am 20. Oktober, etwa eine Woche vor dem großen Winter-Lockdown, geboren. Um ehrlich zu sein, hätte ich ohne die Nachrichten aus den Medien damals überhaupt nicht mitbekommen, dass die Corona-Maßnahmen verschärft wurden. Für mich hat sich durch die Schließung des öffentlichen Lebens gar nichts verändert, denn Kino und Restaurantbesuche fielen ja sowieso aus – meine kleine Welt spielte sich in unserem Bett mit dem Baby ab.

Ich fand es eher entspannend, dass nicht gleich tausend Besucher vorbeikommen durften. Ich habe eine große Familie, der ich auch sehr nahestehe. Aber anfangs war es mir trotzdem sehr recht, dass nur etwa einmal die Woche jemand kam und dann auch nur kurz blieb. Inzwischen hätte ich gerne etwas mehr Trubel. Besonders traurig finde ich die Tatsache, dass mein Schwiegervater seine Enkelin noch niemals außerhalb von Video-Calls sehen konnte. Er lebt auf Rügen und dürfte hier überhaupt nicht beherbergt werden, weswegen er das halbe Lebensjahr von Feline verpassen musste.

"Für mich hat sich durch die Schließung des öffentlichen Lebens gar nichts verändert, denn Kino und Restaurantbesuche fielen ja sowieso aus."

Ich hatte mir die Elternzeit ursprünglich anders vorgestellt. Ich dachte, ich könnte die Babyzeit genießen, vielleicht in Cafés gehen oder meine Freundinnen treffen, von denen viele ebenfalls gerade ein Baby bekamen. So ist es oft ein wenig einsam und mir fehlt der Austausch mit Erwachsenen. Seitdem mein Mann wieder zur Arbeit geht, bin ich größtenteils alleine.

Ich hoffe, dass sich die Lage bald entspannt und Feline wie geplant im Oktober zu einer Tagesmutter gehen kann. Gleichzeitig befürchte ich, dass sie der Umgang mit so vielen anderen Kindern auf einen Schlag etwas überfordern wird, nachdem sie ja nun im ersten Lebensjahr kaum Gelegenheit hatte, um andere Kinder in Krabbel- oder Spielgruppen kennenzulernen. Die soziale Interaktion wird ihr ganz unbekannt sein, auch größere Menschengruppen kennt sie ja gar nicht.

Es tut mir leid, dass Felines erster Eindruck von der Welt so stark durch Corona geprägt ist. Jedes Mal, wenn ich mir meine Maske aufsetze, weil ich zum Beispiel in die Post muss, starrt sie mich völlig entgeistert an, als wolle sie sagen: Wer zum Teufel bist du?!

Insgesamt wünsche ich mir, dass die Politik während der Krise mehr auf die Kinder und ihre Bedürfnisse eingeht. Die ständige Schließung von ihren Lebenswelten, den Kitas und Schulen also, halte ich für problematisch, nicht nur für arbeitende Eltern, sondern auch für die Kinder selbst. Ich spüre jedenfalls zunehmend, dass Feline langsam mehr braucht als immer nur mich und hoffe, dass sie dann zumindest im Herbst noch eine andere, ihr ganz eigene Welt kennenlernen darf."

Jana genoß die intensive Zeit zu Hause mit ihrem Baby sehr

Jana aus Hamburg mit ihrer Tochter Paulina (1)

Jana mit ihrer einjährigen Tochter beim Spaziergang. Bild: privat

Jana L. ist 31 Jahre alt und kommt aus Schleswig-Holstein. Ihre Tochter wurde im April 2020 geboren und ist jetzt ein Jahr alt.

"Als die Pandemie ausbrach, war ich im achten Monat schwanger. Ich hatte im Vorfeld natürlich von dem Virus aus China gehört, sah darin für mich aber keine direkte Gefahr. Bis dahin ging ich auch noch zum Schwangerschaftsyoga und ins Büro, doch mit dem ersten Lockdown brach das alles weg: Kurse wurden abgesagt und mir wurde geraten, den Arbeitsplatz ins Homeoffice zu verlegen.

Ab diesem Moment schlug meine Wahrnehmung von Corona in echte Angst um. Ich habe Treffen mit Freundinnen abgesagt, ging kaum noch raus. Diese Panik war zum Einen der damaligen Ungewissheit geschuldet, zum Anderen waren aber auch die Hormone schuld. Ich hatte plötzlich eine irrationale Angst, dass das Baby oder ich krank werden könnte und dass ich das Baby dann nicht sehen dürfte, dass ich alleine im Kreißsaal liegen würde und so weiter – mein Kopfkino spulte einen ziemlichen Horrorfilm ab. Ich lag nachts manchmal Stunden wach.

Am Ende war es dann halb so schlimm. Wir hatten Glück und mein Mann konnte in dem Krankenhaus, in dem meine Tochter etwas zu früh geboren wurde, rund um die Uhr bei uns sein. Ich hatte sogar das Gefühl, dass die Schwestern uns den Aufenthalt, gerade weil die Situation so angespannt war, so angenehm wie möglich gestalten wollten. Eine Maskenpflicht gab es nur auf den Fluren. Andere Besucher durften natürlich nicht kommen, aber dadurch hatten wir in den zehn Tagen auf Station alle Ruhe, um unsere Kleine aufzupäppeln.

"Im ganzen ersten Lebensjahr hatte mein Baby durch die Maßnahmen den Luxus, ihre Mama und ihren Papa permanent zu Hause zur Verfügung zu haben."

Als wir nach Hause kamen, standen unsere Eltern schon bereit, die darauf brannten, das Kind zu knuddeln – doch für mich fühlte sich das wegen Corona einfach falsch an. Ich wollte, dass alle Abstand halten und Maske tragen. Die ersten Wochen kam uns der Lockdown deshalb zunächst fast schon entgegen. Wir haben das Haus kaum verlassen, eigentlich waren wir nur im Bett zum Kuscheln und Kennenlernen. Außer der Hebamme war niemand da. Ich weiß, dass das besonders für meine Mutter sehr schlimm war, immerhin ist die Kleine ihr erstes und bislang einziges Enkelkind – und das tut mir so leid für sie.

Bis heute glaube ich aber, dass die Corona-Zeit für die Allerkleinsten fast schon von Vorteil ist. Im ganzen ersten Lebensjahr hatte mein Baby durch die Maßnahmen den Luxus, ihre Mama und ihren Papa permanent zu Hause zur Verfügung zu haben. Mein Mann ging nach der Elternzeit ins Homeoffice über und ich hatte sowieso noch frei. Ohne Corona wäre ich sicher zu Baby-Kursen gegangen und hätte Freunde getroffen, aber so habe ich mich stundenlang einfach nur neben meine Tochter gesetzt und ihr beim Spielen zugeschaut. Ich glaube, sie hätte es sich nicht einmal anders gewünscht, wenn sie die Wahl gehabt hätte.

Für uns Erwachsene war es härter. Mit dem Partner ständig aufeinander zu hocken, hat zwar seine Vorteile, weil ich meinem Mann das Kind auch mal schnell auf den Schoß setzen konnte, wenn ich duschen ging. Aber andererseits schafft viel Nähe viel Reibungsfläche. Wir geraten viel häufiger aneinander als vorher. Er arbeitet bei uns im Schlafzimmer, das ist schon etwas beengt auf die Dauer. Ihm fehlen seine Freunde außerdem sehr, ich glaube, er hätte gerne mal ein wenig Input außerhalb von Frau und Kind.

Mein Baby kennt keine Welt ohne Corona. Wenn wir einkaufen gehen, sieht sie immer nur ein paar Augen über einem Stück Stoff und strahlt die Leute trotzdem an. Sie scheint das sehr viel weniger zu stören als mich. Ich hätte sie zum Beispiel gerne schon taufen lassen, weil mein Pastor bald in Rente geht. Aber der Gedanke, am Taufbecken nicht in lachende Gesichter, sondern eine Armee von Masken zu schauen, hat mich davon abgehalten. Das wäre zu traurig gewesen.

"Ich hoffe, dass meine Tochter nicht für immer in einer Welt mit Corona aufwachsen muss, mit Angst vor Ansteckung und reduzierter Herzlichkeit."

Ich bin froh, dass sie noch so klein ist. Ein älteres Kind, vielleicht sogar ein Schulkind, hätte sicher mehr unter dieser Isolation gelitten. Ich hoffe einfach, dass Corona Ende diesen Jahres vorbeigeht, so dass die Kita für sie im September normal losgehen kann. Jetzt langsam erwacht ihr Interesse an anderen Kindern, das merkt man sofort, wenn meine Freundin mit ihrem Baby da ist. Sie hat fast zeitgleich ebenfalls eine Tochter bekommen und ist der einzige feste Kontakt, der uns besucht. Auch zum ersten Geburtstag war sie da und damit war dann kein anderer Haushalt mehr erlaubt.

Ich hoffe, dass meine Tochter nicht für immer in einer Welt mit Corona aufwachsen muss, mit Angst vor Ansteckung und reduzierter Herzlichkeit. Die Welt, die sie danach kennenlernen wird, wird für sie völlig neu sein: Sie wird von Oma und Opa jederzeit abgeknutscht und umarmt werden können, hochgeworfen und gedrückt. Sie wird Leute frei lächeln sehen und mit anderen Kindern spielen – und auch ich werde sehr viel unbeschwerter sein. Ich denke, darauf kann sie sich schon freuen."

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