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November 4, 2020, London, United Kingdom: People seen outside an H&M store in Londons Oxford Street on the eve of the second lockdown in London. London United Kingdom - ZUMAs197 20201104_zaa_s197_190 Copyright: xDavexRushenx

In praktisch jeder Innenstadt findet sich eine H&M-Filiale – wirklich nachhaltig ist solche Fast Fashion nicht, aller Umweltziele zum Trotz. Bild: www.imago-images.de / Dave Rushen

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H&M und Zalando setzen auf Nachhaltigkeit – Expertin sieht trotzdem "Katastrophe für die Umwelt"

Ein durchschnittliches Strickkleid mit Rollkragen – erhältlich in den Farben beigemeliert, schwarz und hellgrau – kostet bei H&M 29,99 Euro. "Wadenlanges Kleid aus weichem Strick mit Wollanteil", heißt es dazu auf der Website. Herstellungsort: Myanmar. Zusammensetzung: 63 Prozent Polyacryl, 32 Prozent Polyamid, 5 Prozent Wolle, oder vereinfacht gesagt: 5 Prozent Wolle, 95 Prozent Plastik.

Ein Plastikkleid, produziert am anderen Ende der Welt, verkauft zum Schnäppchenpreis – dass das nicht besonders umweltfreundlich sein kann, ist offensichtlich. Dabei wirbt H&M seit einigen Jahren genau damit: mit seiner angeblich besonders nachhaltigen Conscious-Kollektion, mit der Möglichkeit der Rückgabe gebrauchter Kleidung, mit dem Ziel, bis 2030 alle verwendeten Materialien recyceln oder nachhaltig beziehen zu wollen. "All unsere Produkte werden mit Rücksicht auf die Umwelt und die Menschen, die unsere Kleidungsstücke herstellen, produziert", antwortet H&M gegenüber watson.

Damit ist der schwedische Moderiese nicht allein in der Fast-Fashion-Welt. Zalando kennzeichnet "nachhaltige" Kleidungsstücke inzwischen auf seiner Homepage und wirbt mit der ZIGN-Kollektion, deren Artikel teilweise aus umweltfreundlichen oder recycelten Materialien bestehen sollen. Zara will ab 2025 ausschließlich nachhaltige Mode verkaufen und C&A vertreibt unter #wearthechange nach eigenen Angaben "nachhaltig produzierte Styles".

Es ist offensichtlich: Nachhaltigkeit spielt nicht nur bei der Ernährung und beim Reisen eine Rolle, sondern auch in der Modeindustrie. Trotzdem hängen in Filialen und Onlineshops Tops für 4,99 Euro neben Hosen für 29,99 Euro. Wie kann das sein? Und: Nehmen die Unternehmen ihre Versprechen ernst oder springen sie nur auf den Nachhaltigkeitszug auf, um ihre Produkte besser an die zunehmend kritischen und nachhaltig denkenden Kunden zu bringen?

"Katastrophe für die Umwelt"

Für Textilexpertin Viola Wohlgemuth von Greenpeace ist der Fall klar: Fast Fashion kann niemals nachhaltig sein. "Sie verbindet eine extreme Steigerung der Produktions- und Kaufraten mit einer sehr kurzen Tragzeit", sagt Wohlgemuth gegenüber watson. Seit Zara und H&M Anfang der 2000er-Jahre die Fast Fashion eingeführt haben, hätten sich die Kaufzahlen verdoppelt und die Tragezeiten halbiert – "eine Katastrophe für die Umwelt". Laut dem Umweltbundesamt kauft inzwischen jeder von uns im Durchschnitt 26 Kilo Textilien im Jahr – und gibt dafür etwa 122 Euro im Monat aus. Das hat Folgen: Die Textilindustrie verursacht mehr Emissionen als sämtliche Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zusammen.

Nachhaltigere, umweltschonender produzierte Mode bräuchte es also unbedingt. Nur: "Nachhaltig" ist bislang kein geschützter Begriff und kann alles bedeuten – oder eben nichts. Oft ist letzteres der Fall. Galeria Kaufhof etwa wurde es nach einer Klage der Verbraucherzentrale Bundesverband vor zwei Jahren gerichtlich verboten, einen Bügel-BH als "besonders umweltfreundlich und/oder sozialverträglich hergestellt" zu bewerben – ohne zu erläutern, worauf sich diese Aussage bezieht. "Wenn Unternehmen solche irreführenden Werbeaussagen verwenden, betreiben sie Green- und Social-Washing", erläuterte Kathrin Krause, Referentin nachhaltiger Konsum bei der Verbraucherzentrale damals.

"Das ist oft Greenwashing vom Feinsten."

Auch die von H&M gelaunchte Vorzeige-Kollektion ist bei genauem Hinschauen nicht ganz so nachhaltig, wie sie es gerne wäre. Viele der Conscious-Shirts enthalten Plastikfasern, ein "Cardigan mit Zopfmuster" aus der Kollektion für 19,99 Euro enthält gerade einmal 6 Prozent Wolle. Die "Mom High Ankle Jeans" für 29,99 Euro besteht dagegen fast ausschließlich aus Baumwolle – 97 Prozent der Baumwolle bei H&M soll inzwischen aus nachhaltigen Quellen stammen, "das heißt recycelt, biologisch oder durch die Better Cotton Initiative gesourct", teilt das Unternehmen mit.

The online fashion portal Zalando is pictured on a laptop on April 30, 2020 in London. - Farewell suits and high heels and welcome jogging trousers and slippers as consumers adopt a more relaxed approach to fashion during lockdown. (Photo by Ben STANSALL / AFP) (Photo by BEN STANSALL/AFP via Getty Images)

Zalando kennzeichnet nachhaltiger hergestellte Kleidungsstücke inzwischen auf der Website. Bild: AFP / BEN STANSALL

Für Wohlgemuth ist so etwas "oft Greenwashing vom Feinsten: Es wird nur an einzelnen Aspekten rumgedoktert, aber am grundsätzlichen Problem nichts verändert." Denn nur, weil ein nachwachsender Rohstoff verwendet und zunehmend auf den Einsatz von Chemikalien verzichtet wird, ist Kleidung aus Baumwolle noch lange nicht nachhaltig. "Selbst Biobaumwolle braucht viel zu viele Ressourcen", sagt Wohlgemuth. Ein etwas nachhaltiger produzierter Pullover inmitten von Wegwerfmode aus Plastik könne wenig ausrichten. "Wir müssen wegkommen von diesen Massen. Selbst wenn nach den besten Standards produziert wurde, sind diese weiter umweltschädlich." Und: Nur weil die Baumwolle biologisch angebaut wurde, heißt das nicht, dass bei der Weiterverarbeitung der Textilien keine Chemikalien zum Einsatz kommen.

Recycling hilft nicht immer

Ein weiterer Trend in der Fashionbranche ist es deshalb, Materialien zu recyceln und wiederzuverwenden. Zalando verwendet in seiner ZING-Kollektion mindestens 20 Prozent recycelte Materialien. Auch H&M hat Teile, in denen recyceltes Nylon etwa aus alten Fischernetzen benutzt wird. Für Wohlgemuth von Greenpeace ist das nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein:

"70 Prozent der Ware, die auf den Markt kommt, besteht aus synthetischen Fasern, die dann bei jedem Waschen Mikroplastik ins Wasser spülen und zusätzlich oft aus Mischgewebe bestehen und nicht recycelt werden können. Wenn ich gleichzeitig Nachhaltigkeit propagiere und sage, in dem einen Kleidungsstück ist ein bisschen recycelte PET-Flasche oder Fischernetz mit drin, ist das lächerlich."

Der Sinn von Kreislaufwirtschaft, sagt die Expertin, sei es, dass aus einem Kleidungsstück ein neues Kleidungsstück wird. "Und nicht, dass man ein paar Plastikflaschen nach China schickt, dort zerschreddert und Nylonfasern daraus herstellt."

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H&M kennzeichnet auf seiner Website inzwischen, woraus die Textilien bestehen – und wo sie zusammengenäht wurden. bild: screenshot hm.com

So oder so: Der Kleiderberg im Schrank wächst schnell. Bei Kleidern, die nicht mehr kosten als ein Mittagessen, umso mehr. Doch H&M hat auch dafür eine Lösung parat: Gebrauchte und nicht mehr benötigte Kleidung kann in den Filialen zurückgebracht und gegen einen Gutschein eingetauscht werden. Gutes tun und weiter konsumieren, das ist die Message – die den Kaufrausch weiter triggert.

H&M teilt gegenüber watson mit, dass der Partner I:Collect die Kleidungsstücke abholt und zu einer zertifizierten Sortier- und Recyclinganlage bringt, wo die Kleidungsstücke geordnet und bewertet werden und "gemäß der von der EU empfohlenen Abfallhierarchie, die besagt, dass der Wiederverwendung vor dem Recycling Vorrang eingeräumt werden sollte, an die ökologisch und ökonomisch vorteilhafteste nächste Verwendung weitergeleitet wird". Worin diese Verwendung besteht? Unklar. Sicher ist nur, dass ein Großteil der gebrauchten Kleidung – nicht nur von H&M, sondern der Fast-Fashion-Industrie allgemein – von so minderwertiger Qualität ist, dass sie nach ein paar Mal tragen nicht einmal mehr dazu taugt, daraus Putzlappen herzustellen, zumal es viel zu viel davon gibt. Hamburg hat im Sommer deshalb all seine Kleidercontainer abgebaut.

Vernichtungsverbot für Ware gefordert

Ein noch größeres Problem als die Kleidung, die nach kurzer Zeit aussortiert wird – ein Partytop feiert durchschnittlich nur 1,7 Partys – ist allerdings die Ware, die gar nicht erst verkauft wird. Bei 52 Mikrokollektionen, die H&M im Jahr launcht, entstehen Unmengen an überschüssiger Kleidung. Sind Weihnachten und Silvester erstmal rum, interessiert sich eben niemand mehr für paillettenbestickte Kleidchen. Laut H&M wird diese übriggebliebene Ware reduziert verkauft, für die nächste Saison eingelagert oder in seltenen Fällen an Wohltätigkeitsorganisationen gespendet. Zalando erklärt gegenüber watson, nicht verkaufte Artikel über die Zalando Lounge oder Outlets anzubieten und Restposten zu spenden.

Experten gehen allerdings davon aus, dass Überproduktionen massenhaft vernichtet werden – und dass das von den Unternehmen von vorneherein so einkalkuliert wird. "Aus qualitativen, nicht repräsentativen Erhebungen weiß man, dass es hier ein riesiges Problem gibt", sagte Björn Asdecker, Leiter der Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg dazu im Gespräch mit watson. "Zum Beispiel, dass am Ende der Verkaufssaison Dinge einfach in die Entsorgung gegeben werden, damit die Kollektionen sich nicht gegenseitig kannibalisieren."

"Es ändert sich erst etwas, wenn es ökonomisch wehtut, denn Ökologie steht nur in den Werbebroschüren."

Wohlgemuth von Greenpeace fordert deshalb ein Vernichtungsverbot für neuwertige Ware. "Die Händler müssen verpflichtet werden, die übrig gebliebene Ware kostenpflichtig an zertifizierte Stellen abzugeben, die eine Weiternutzung gewährleisten. Es ändert sich erst etwas, wenn es ökonomisch wehtut, denn Ökologie steht nur in den Werbebroschüren"

Auch bei den Sozialstandards hat sich in den vergangenen Jahren wenig getan. Das staatliche Textilsiegel "Grüner Knopf" ist bislang freiwillig, zudem gibt es Ausnahmen für in Europa produzierte Kleidungsstücke. Die Rufe nach einem verbindlichen Lieferkettengesetz, das für alle Produzenten entlang der Lieferkette gilt, werden deshalb immer lauter. Schließlich zählt nicht nur, aus welcher Baumwolle eine Hose zusammengenäht wurde – sondern auch, unter welchen Bedingungen.

Second Hand ist immer nachhaltiger als neu kaufen

H&M macht online inzwischen sichtbar, wo ein Kleidungsstück genäht wurde – besagtes Strickkleid mit Rollkragen beispielsweise wurde bei Jui Sheng Knitted Wear Co. Co. , LTD in Yangon produziert, zwischen 2000 und 2500 Arbeiter sind dort beschäftigt. "Jeder unserer Zulieferer muss unseren Code of Conduct, das sogenannte Sustainability Commitment unterzeichnet haben, in dem unsere Anforderungen in Hinblick auf den Schutz der Umwelt und soziale Gerechtigkeit aufgeführt sind, bevor wir überhaupt eine Geschäftsbeziehung eingehen", sagt H&M dazu.

FRA - ILLUSTRATION MARCHE AUX PUCES DE SAINT OUEN A woman hunt at the flea market in Saint Ouen, France, February 2019. Paris ILE-DE-FRANCE - IDF FRANCE PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xMathieuxMenardx HLMMENARD844839

Second Hand zu shoppen, ist inzwischen ein Lifestyle. Das haben auch die großen Ketten erkannt. Bild: www.imago-images.de / Mathieu Menard

In einem Lieferkettengesetz sehe man "ein wichtiges Potenzial darin, diese freiwillige Arbeit in einen gesetzlichen Rahmen zu bringen. Dabei unterstützen wir aber einen einheitlichen Ansatz auf EU-Ebene, um sicherzustellen, dass die einzelnen Komponenten eines solchen Rahmens zwischen mehreren Ländern synchronisiert werden können." Auch Zalando befürwortet einen internationalen Ansatz: "Unserer Auffassung nach erreichen rein nationale Ansätze immer nur einen kleinen Teil der beteiligten Unternehmen. Nur mithilfe internationaler Lösungen können demnach langfristig nachhaltige Lieferketten umgesetzt werden."

"Wir sharen Musik, Autos, Video, warum nicht auch Kleider?"

Ein internationales Lieferkettengesetz auf EU-Ebene ist bislang aber nicht absehbar – dabei besteht noch immer viel Handlungsbedarf. "Sozialverträgliche Arbeitsbedingungen sind trotz der 2013 eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh leider eher die Ausnahme als die Regel", schreibt dazu die Verbraucherzentrale auf ihrer Homepage.

Eine neu gekaufte Bluse wurde also wahrscheinlich unter miesen Bedingungen produziert, der Umwelt schadet sie in jedem Fall. Das nachhaltigste Kleidungsstück ist deshalb immer das, das nicht neu hergestellt wird. Alle Alternativen zum Neukauf sind deshalb grundsätzlich erst einmal gut, sagt Wohlgemuth, beispielsweise die Second-Hand-Geschäftsmodelle von About you und Zalando – unter dem Namen "pre-owned" vertreibt Zalando seit September neuwertige, gebrauchte Kleidung. H&M hat noch keine eigene Second-Hand-Plattform, hält aber 70 Prozent der Anteile am Re-Commerce Anbieter "Sellpy". "Natürlich muss man jetzt schauen: Sorgt das dafür, dass die Menschen mehr Second Hand kaufen? Oder eher, dass sie mehr neu kaufen und dann weiterverscherbeln?"

Corona führte zu Umdenken

Dass immer mehr große Ketten auf den Second-Hand-Zug aufspringen, hat ihrer Meinung nach wenig mit Altruismus zu tun – sondern mit der Tatsache, dass es inzwischen einen Markt für gebrauchte Kleidung gibt. Denn die Kunden wissen um die Probleme der Fast Fashion, zudem ist Tauschen, Leihen und Gebraucht-kaufen zunehmend ein Lifestyle. "Wir sharen Musik, Autos, Videos, warum nicht auch Kleider?" fragt Wohlgemuth. Allerdings müssten die Alternativen zum Neukauf sexy und erfahrbar sein. Und die Mieten in der Innenstadt kann sich H&M eben eher leisten als der Second-Hand-Shop.

Corona, sagt Wohlgemuth, habe da viel geändert. Wenn fast ausschließlich online geshoppt wird, hätten es kleinere Apps leichter, die Leihen oder Tauschen ermöglichen – und das wiederum setzt die großen Ketten unter Druck. Der Flipping Point könnte erreicht sein. Denn wenn es sich finanziell lohnt, könnte auch das Strickkleid von H&M irgendwann nicht mehr neu aus der Fabrik in Myanmar kommen – sondern Second oder Third Hand verkauft werden.

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