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Infektiologin Susanne Herold will, dass auch andere Patienten wieder operiert werden. null / screenshot ard

Ärztin bei "Hart aber fair" zu Corona: "Das nimmt dem Ganzen den Schrecken"

dirk krampitz

Frank Plasberg will in seiner Talkshow "Hart aber fair" erfühlen, "was die Temperatur des Landes ist", sagt er am Montagabend in der ARD. Das Thema lautet: "Das Virus und wir: Wie erleben Menschen unser Land in der Corona-Krise?" Dafür hat er sich eine seltsam durchgewürfelte Runde eingeladen:

"Hart aber fair": Polizist berichtet von Konfrontationen auf der Straße

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken wurde vermutlich eingeladen, weil BAP das Dankeslied "Huh die Jläser, huh die Tasse" für die "Corona-Engel" aufgenommen hat. So nennt Niedecken Krankenschwestern, Polizisten, Kassiererinnen lieber als "Helden". Ihm selbst gehe es derzeit "wunderbar". Er kann sogar seinen frisch geborenen Enkel sehen, denn seine Tochter wohne derzeit bei ihm. Eigentlich hat er nicht viel zu erzählen. Seine größte Sorge: Ob die geplante Tour an seinem 70. Geburtstag, dem 30. März 2021 starten kann. "Das wird holprig", mutmaßt er.

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Wolfgang Niedecken geht es in der Corona-Krise gut. bild: screenshot ard

Zwar ist er ein Risikofall – wegen seines Alters, außerdem hatte er vor einigen Jahren einen Schlagabfall. Angst hat Niedecken aber "eigentlich nicht wirklich". Er gehe nur eine Stunde am Nachmittag mit dem Hund raus, seine Frau gehe einkaufen. "Wir sehen uns alle vor." Neulich habe er im Garten gegrillt mit einer anderen Familie. Mit Abstand, jede Familie sei an ihrem eigenen Tisch gesessen.

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Polizist Martin Feldmannspürt bei den Menschen "innere Unruhe". bild: screenshot ard

Die Temperatur der Bevölkerung hat Martin Feldmann im direkten Kontakt erfühlt. Er ist Polizist in Berlin und muss dafür sorgen, dass die Kontaktverbote eingehalten werden. "Anfangs sind die Maßnahmen mit größtem Verständnis angenommen worden", sagt er. "So langsam versuchen sich die Leute immer mehr rauszunehmen. Ihr Gefühl ist wohl: Ich habe doch wirklich lange genug mitgespielt." Die Menschen hätten mehr "innere Unruhe" und mittlerweile "wird mehr diskutiert", wenn Polizisten ermahnten.

Kassiererin über geklautes Klopapier

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Kassiererin Jolanta Schlippes findet es gerade anstrengend. bild: screenshot ard

Die Kassiererin Jolanta Schlippes findet hingegen: "Die Kunden sind sehr, sehr diszipliniert." Dann erinnert sie sich aber doch daran, dass Toilettenpapier aus Einkaufswagen geklaut wurde und dass die Menschen zu ihr nett, aber untereinander aggressiv seien. Mit den Masken seien die Kunden schwer zu verstehen. "Es ist anstrengend." Sie selbst fühle sich "wie in einem Science Fiction Film". Angst vor Ansteckung hat sie aber nicht. "Da denke ich gar nicht dran."

"Hart aber fair": Infektiologin warnt vor "Kollateralschaden" durch verschobene Eingriffe

Die in fast allen Supermärkten an den Kassen angebrachten Scheiben seien "sicherlich auch ein Schutz" und die Masken "schützen sicherlich in einem gewissen Maß, darum ist es gut, dass wir das haben", stellt auch Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten in Gießen, fest.

Sie bestätigt dann das, was die eine Seite als Erfolg der Politik sieht und die andere als Nachweis, dass die Maßnahmen gegen Corona vollkommen überzogen sind: "Es sind sehr, sehr viele Intensiv-Betten im Moment frei." Es seien viel Kapazitäten geschaffen worden.

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Infektiologin Susanne Herold glaubt, dass sie sich irgendwann mit Corona anstecken wird. bild: screenshot ard

Das komme aber auch daher, dass viele nicht lebenswichtige Operationen auf später verschoben worden seien, um für einen möglichen Corona-Ansturm bereit zu sein. Nun sei es aber auch Zeit, die anderen Operationen wieder mal in Angriff zu nehmen. "Wenn jemand eine Rücken-OP hat, weil er Schmerzen hat, muss dann doch jetzt irgendwann operiert werden können", erklärt sie. "Wir müssen zusehen, dass wir wieder ein Stück weit in unser normales Krankenhausleben kommen."

Auch die Ambulanzen seien auf ein Minimum heruntergefahren worden. Viele Patienten kämen nicht mehr, weil sie Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben.

Ärztin und Infektiologin bei "Hart aber fair": "Das nimmt dem Ganzen auch den Schrecken"

Ob sie Angst vor einer Ansteckung habe im direkten Kontakt mit Corona-Patienten? Sie lächelt. Sie beschäftige sich seit über 15 Jahren mit Atemwegsviren "Ich kenne Viren bis ins molekulare Detail. Das nimmt dem Ganzen auch den Schrecken."

Auf einem Bild war Herold in ihrer Schutzmontur zu sehen. "Wir können uns gut schützen", sagt sie über ihre eigene Erfahrung.

Sie sehe in ihrer Klinik zwar nur die schweren Verläufe, aber sie wisse: Es gebe auch viele schwache Verläufe mit Erkältungssymptomen. "Ich habe nicht so furchtbar viel Angst vor der Erkrankung und es wird höchstwahrscheinlich so sein, dass ich mich irgendwann mal anstecke."

Nach wie vor gilt: Der Großteil der Corona-Erkrankungen verläuft milde. Infizierte mit Vorerkrankungen aber haben ein höheres Risiko, einen schweren Verlauf der Krankheit zu erleben.

Angesichts der Tatsache, dass der Virologe Christian Drosten Morddrohungen bekommen hat, ist es Susanne Herold als Medizinerin viel wichtiger klarzustellen: "Wir beraten nur, wir entscheiden nicht. Entscheiden tun die Politiker." Und sie wirbt für Verständnis, wenn sich Einschätzungen, etwa zum Nutzen von Atemmasken oder Ansteckungswegen, sich verändern. "Der Stand des Wissens ist extrem dynamisch – manchmal ändern sich die Fakten."

Eine Kneipe mit Mundschutz?

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Barbesitzer Helmut Köhnlein kann sich keine Kneipe mit Mundschutz nicht vorstellen. bild: screenshot ard

Dann berichtet der Kölner Barbesitzer Helmut Köhnlein von seinem Corona-Leben. Er hat drei Kinder, zwei geschlossene Kneipen und eine Hypothek abzuzahlen. "Wir haben Umsatz null", sagt er. Der studierte Volkswirt konnte den Kredit für seine Immobilie erstmal aussetzen und will nun einen Antrag auf Grundsicherung stellen. Viel Hoffnung hat er angesichts der aktuellen Lage nicht für seine Bars:

"Das ist völlig ausgeschlossen, dass sich irgendjemand mit einem Mundschutz in die Kneipe setzt. Und die Abstandsregeln auch. Unsere Läden sind voll. Und sie müssen auch voll sein, um unsere Kosten zu decken."

Helmut Köhnlein

Er sagt das seltsam ruhig. Aber wahrscheinlich ist das seine Art.

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Soziologe Martin Schröder untersucht die Auswirkungen von Corona auf die Gesellschaft. bild: screenshot ard

Aber dazu passt der Eindruck, den Soziologe Martin Schröder von der Corona-Situation hat: "Die meisten Menschen kommen ganz gut damit klar." Außerdem: "Die Zufriedenheitsforschung zeigt, dass man sich an fast alles gewöhnt."

Im September könnten dazu auch Daten dazu vorliegen, sagt Schröder. Dann will er Auskunft über die Auswirkungen der Krise geben.

Er könne aus früheren Untersuchungen ableiten, dass die sozialen Folgen durchaus erheblich sind, sagt der Soziologe. Wenn man seine Freunde seltener sehe, als man möchte, habe das einen ähnlich negativen Effekt aufs Gemüt wie Arbeitslosigkeit. Kontrollverlust über das eigene Leben sei sogar doppelt so schlimm wie Arbeitslosigkeit.

Die gute Nachricht allerdings: In Ausnahmesituationen wie zum Beispiel einem Krieg oder dem Kampf gegen ein weltweites Virus sinke die Zahl der Selbstmorde, weil man sich eingebettet als Teil einer Gemeinschaft sehe.

Am Ende kommt die Brisanz

Ein bisschen Brisanz kommt ganz am Ende in die Diskussion, als es um ein viel diskutiertes Zitat von Wolfgang Schäuble geht. "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig", hatte der Bundestagspräsident gesagt und damit eine Diskussion angeschoben.

Wolfgang Niedecken driftet erstmal weg von Schäuble und hat den Verdacht, dass US-Präsident Donald Trump in den USA "absichtlich die Alten sterben lässt" und findet das "widerlich". Soziologe Schröder sieht das differenzierter:

"Es ist nicht historische Normalität, dass dem menschlichen Leben dieser unbedingte Wert gegeben wird. Aber es ist schön, dass wir es können. Das ist ein Luxus, den sich extrem reiche Gesellschaften leisten können. Aber auch nur die."

Martin Schröder

Früher habe man eine halbe Million Soldaten in den Tod laufen lassen, "nur um einen Kilometer Land von den Franzosen zu erobern". Heute habe das Leben bei uns seinen unbedingten Wert, betont Schröder nochmal. Aber er stellt auch klar, dass es weniger deutlich schon die ganze Zeit während er Corona-Krise um die Abwägung zwischen Leben und Tod gehen würde. Denn mit einer strikten Ausgangssperre hätte man auch in Deutschland einige Corona-Opfer verhindern können, ist er sich sicher.

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