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Der Regensburger Dom. Bild: imago stock&people/Montage: watson

In Regensburg hielt die Polizei einen Afghanen für einen Terroristen – wegen Kopfhörern

Ein junger Mann liegt am Dienstagmorgen vor dem Regensburger Dom auf dem Boden. Bauch nach unten, Arme und Beine vom Körper weggestreckt. Mit einigem Abstand stehen Polizisten vor ihm, richten ihre Dienstwaffen auf den Mann. Mindestens einer zielt sogar mit einer Maschinenpistole auf ihn.

Was der Mann angestellt hat? Nichts. Trotzdem hatte jemand ihn bei der Polizei als verdächtig gemeldet. 

Oder wie die Polizei anschließend mitteilt:

"Ein Mann mit arabischem Aussehen hielt sich gegen 07:00 Uhr in verdächtiger Weise im Bereich des Domes auf. Aus der Kleidung des Mannes ragten augenscheinlich Drähte, die zu einer Auswölbung an der Kleidung führten."

Sofort seien Einsatzkräfte zum Dom beordert worden, schreibt die Polizei Oberpfalz in einer Pressemitteilung. Auch die Polizisten hielten den Mann für verdächtig. Für so verdächtig sogar, dass sie den Domplatz sofort räumten und absperrten. Den Mann ließen sie mit mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden ausharren, bis sie ihn schließlich kontrollierten.

Kopfhörer statt Bombengürtel

Dabei fanden sie allerdings weder eine Bombe, noch einen anderen verdächtigen oder verbotenen Gegenstand. Stattdessen Kopfhörer ("Drähte") und eine Getränkeflasche, die wohl zur "Auswölbung der Kleidung" geführt hatte. Um zu überprüfen, ob der 20-Jährige sich "mit Absicht" verdächtig verhalten habe, nahm die Polizei ihn dann auch noch in Gewahrsam.

Laut der Mitteilung der Polizei Oberpfalz ist der junge Mann afghanischer Staatsbürger und lebt in Niederbayern.

So sah der Polizeieinsatz aus:

Was hat den Mann verdächtig gemacht?

Im Regensburger Dom fand am frühen Dienstagmorgen eine Messe statt, gefeiert vom Domdekan Prälat Johannes Neumüller. Nur rund 15 Personen nahmen an der Messe teil, ein harter Kern der Gläubigen. An diesem Morgen saß jedoch auch der später überwältigte Afghane im Dom. Er habe "eher unsicher gewirkt", erklärte der Domdekan der "Mittelbayerischen Zeitung". Ob er ein Christ gewesen sei, könne er nicht beurteilen, er vermute jedoch "eher nicht". Verdächtig habe er allerdings auch nicht ausgesehen.

Auf watson-Anfrage wollte ein Sprecher der Polizei Oberpfalz sich nicht dazu äußern, was den Mann außerden "Kabeln und Auswölbungen der Kleidung" verdächtig wirken ließ. "Um keine Nachahmer zu animieren und potentielle Täter nicht zu Briefen", wie er sagte. Dem Onlinemagazin Vice sagte ein Sprecher noch, der Afghane sei alkoholisiert gewesen. Der Mann habe bis zum Ende der Messe im Dom gesessen. Da war die Polizei längst alarmiert und über den "arabisch aussehenden Mann, dem Drähte aus der Kleidung schauen", informiert. Als der 20-Jährige die Kirche verließ, wurde er direkt von den bewaffneten Polizisten überrascht.

Wäre einem blonden Deutschen dasselbe passiert?

Tagtäglich gehen Menschen in Deutschland mit Kopfhörerkabeln unter ihrer Kleidung durch den Tag – und das in allen möglichen Lebenslagen. Verwirrt, betrunken, aufgeregt, oder aggressiv. Terrorverdacht erregen sie alle in der Regel nicht.

Was lässt Kopfhörerkabel also zu verdächtigen Drähten und einen jungen Mann zu einen potentiellen Terroristen werden? 

Die Grüne Jugend Regensburg sieht hier Rassismus im Spiel:

Der Verdacht liegt nahe, dass die Polizei nicht gerufen worden wäre, wenn kein Afghane, sondern ein Deutscher mit blonden Haaren und heller Haut in der morgendlichen Messe gesessen hätte.

Auf Twitter äußerten einige Menschen ihr Unverständnis über den Einsatz.

Der Regensburger Fall ist nicht der erste, in dem Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Aussehens zu Unrecht in den Fokus der Polizei geraten.

Organisationen wie Amnesty International beklagen immer wieder, die Polizei wende Racial Profiling an – würde Menschen also aufgrund ihrer Hautfarbe kontrollieren, und nicht weil wirklich ein Verdacht vorliegt.

Wie schnell jemand aufgrund seines Äußeren für einen Terroristen gehalten werden kann, zeigte sich auch im Dezember 2016. Nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz nahm die Polizei zunächst fälschlicherweise einen pakistanischen Passanten fest, den sie für den Täter hielt. Der Mann war jedoch lediglich auf dem Weg zu einer U-Bahn-Station, als Polizisten ihn stoppten. Der wahre Täter, Anis Amri, wurde erst vier Tage später in Italien aufgefunden und von der Polizei erschossen. 

Vorurteile können gefährlich werden

In Regensburg ging die Verdächtigung nicht von der Polizei aus. Die Beamten reagierten auf die Meldung eines Bürgers – der sie nachgehen müssen. Die Verdächtigung und der anschließende Polizeieinsatz mit Maschinenpistolen werfen jedoch die Frage auf, wie weit verbreitet Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Migranten in Deutschland mittlerweile sind – und welche gravierenden Konsequenzen sie im Zweifelsfall haben können.

In Hessen haben Soldaten erst kürzlich einen Angriff durch Migranten erfunden.

Und in den USA rufen regelmäßig Menschen die Polizei, weil sie ihre schwarzen Mitbürger für verdächtig halten.

(fh)

#MeTwo zeigt den Alltagsrassismus in Deutschland:

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Video: watson/Lia Haubner

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