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Marie war als Logopädin mehre Wochen für Corona-Patienten zuständig (Symbolfoto). Bild: www.imago-images.de / Mareen Fischinger

watson-Story

Junge Klinikmitarbeiterin: "Wenn ich Corona-Leugner sehe, denke ich an meine Patienten"

marie s.

Mit den steigenden Infektionszahlen werden auch kritische Stimmen vor allem gegen junge Menschen lauter: Politiker und Politikerinnen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, richteten sich in vergangener Zeit regelmäßig an junge Erwachsene und mahnten sie zum Einhalten der Corona-Regeln an.

Dabei sind es gerade auch junge Menschen, die in der Krise helfen. So wie zum Beispiel Logopädin Marie (27). Sie war während der Hochphase der Krise in einem kommunalen Krankenhaus auf Covid-Stationen eingesetzt worden, um Patienten nach der künstlichen Beatmung wieder das Sprechen und Schlucken beizubringen.

Bei watson erzählt sie, wie sie diese Monate erlebt hat und warum sie kein Verständnis für Corona-Leugner hat. Teil 2 der watson-Reihe: Wie junge Menschen durch die Krise helfen.

Corona-Leugner-Demos machen mich wütend

Sie machen mich wütend, diese Menschen. Ich sehe sie in der Bahn, in Geschäften und Cafés und im Supermarkt. Sie tragen ihre Maske unter der Nase und merken es nicht. Ich sehe junge Menschen, die Corona nicht so ernst nehmen, keinen Abstand halten und in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne jeglichen Schutz unterwegs sind. Ich sehe aber auch viele alte Menschen, die Corona für Panikmache halten oder sogar für erfunden und bei Demonstrationen mitlaufen, auf denen weder Abstand gehalten, noch Maske getragen wird. Das macht mich sauer.

"Wenn ich sie sehe, muss ich an die Menschen denken, die auf Intensivstationen beatmet werden."

Viele erinnern mich an meine Patienten, die ich teilweise über Wochen betreut habe. Menschen, die vorher noch voll im Leben standen, teilweise kleine Kinder haben, Freunde und Familie. Menschen, die dann innerhalb kürzester Zeit schwer an Covid-19 erkrankten und teilweise künstlich beatmet werden mussten. Manchen ging es an einem Tag wieder besser, wir dachten schon, man kann sie bald entlassen. Am nächsten Morgen waren sie tot. Wenn ich dann Menschen bei Corona-Leugner-Demos sehe, denke ich daran, dass wir einige Teilnehmer nächste Woche reanimieren und künstlich beatmen müssen.

watsons Reihe: Wie junge Menschen durch die Corona-Krise helfen

Seit Beginn der Pandemie stehen vor allem junge Leute häufig in der Kritik, sich nicht an die Corona-Maßnahmen zu halten. Deswegen gibt watson jungen Erwachsenen eine Stimme – und zeigt, wie sie helfen, die Corona-Zeit zu überstehen.

Teil 1: Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"
Teil 2: Junge Klinikmitarbeiterin: "Wenn ich Corona-Leugner sehe, denke ich an meine Patienten"
Teil 3: Junge Lehrerin über Corona: "Manche Leute haben Angst, sich mit mir zu treffen"

Wir haben große Solidarität erlebt

Ich bin Logopädin in einem kommunalen Krankenhaus in Ostdeutschland. Während der Hochphase der Krise war ich von Ende März bis Ende Mai auf den Covid-Stationen meines Krankenhauses eingesetzt worden. Neben meiner normalen Tätigkeit als Logopädin kümmerte ich mich auf den Stationen zusätzlich um Patienten mit schweren Corona Verläufen, die auch teilweise künstlich beatmet werden mussten. Meine Aufgabe bestand darin, die Koordination von Sprechen, Atmung und Schlucken wiederherzustellen. Mit der Zeit habe ich aber auch andere Aufgaben übernommen – auch solche, die eigentlich zur Pflege gehören.

Die Tätigkeitsbereiche und Zuständigkeiten haben sich in der Schicksalsgemeinschaft, die sich hier zwischen Pflegern, Ärzten und anderem medizinischen Personal entwickelt hat, verschoben. Wir haben als eingeschworenes Team zusammengearbeitet und uns gegenseitig unterstützt. Trotz der, teilweise sehr belastenden und frustrierenden, Arbeit hatten wir auch eine Menge Spaß zusammen. Die Solidarität, die wir dabei aus der Bevölkerung erfahren haben, war groß und hat gutgetan. Da gab es zum Beispiel die Familie eines Patienten, die uns auch mal Antipasti geliefert hat oder ein Lieferservice, bei dem wir uns asiatische Küche bestellen durften. Einmal spendierte uns ein Patient auch Pizza.

"Ich habe sie auch gebraucht, die Unterstützung."

Denn die Zeit war nicht einfach und ich musste Opfer bringen. Ich habe mich, obwohl das nicht vom Gesundheitsamt verlangt war, für zwei Monate quasi selbstisoliert. Ich hatte Angst, andere anzustecken, nachdem ich gesehen habe, was Corona bei Menschen anrichten kann und wie unvorhersehbar Infektionsketten sein können. Die Angst, andere anstecken zu können, habe ich immer noch. Auch meine Freunde befürchteten das anfangs und manche wollten sich daher gar nicht mehr mit mir treffen, auch wenn das sowieso nur von weitem und mit Maske möglich gewesen wäre.

"Meine Familie habe ich nur noch von Ferne gesehen."

Es war schwer, mehrere Monate beinahe komplett auf seine sozialen Kontakte zu verzichten. Das ging vielen Menschen im Frühjahr so. Ich habe es vermutlich noch intensiver erlebt, weil ich wusste, ich kann sehr wahrscheinlich das Virus bereits in mir tragen. Die wenige Zeit, die ich mit anderen Menschen außerhalb der Arbeit verbracht habe, war mit einer Kollegin, mit der ich abends gerne vor die Tür gegangen bin, um einen Tapetenwechsel zu erleben. Wir haben beide auf der Corona-Station gearbeitet und deshalb war das unbedenklich. Trotzdem drehten sich unsere Gespräche meistens um die Arbeit. Es war nicht leicht abzuschalten. Ich schlief viel aber schlecht, die Schichten waren anstrengend und die Erlebnisse zu verarbeiten schwer. Manche Patienten kann ich immer noch nicht vergessen.

Manche schaffen es nicht mehr aus der Intensivstation heraus

Ein älterer Herr kommt mir immer wieder ins Gedächtnis. Ich kannte ihn bereits von einer der anderen Stationen, wo er mein Patient gewesen war und immer wieder mit seinen weißen Sneakern die Gänge herauf und heruntergegangen war. Ein lebensfroher Mensch, der auch immer mal für einen Spaß zu haben war. Er steckte sich in der Klinik mit Covid an und sein Verlauf verschlechterte sich. Der ältere Herr mit den weißen Sneakern hat es nicht mehr aus der Klinik geschafft. Ich muss auch heute wieder an ihn denken, wenn ich die Bilder von den Corona-Leugner-Demos sehe oder auch Menschen in der U-Bahn oder an der Supermarktkasse, die ihren Mundschutz nicht richtig tragen.

Heute arbeite ich nicht mehr auf den Covid-Stationen. Trotzdem mache ich jeden Freitag einen Abstrich, das gehört mittlerweile zum Klinik- und Arbeitsalltag dazu. Mein Sozialleben habe ich weiterhin beschränkt und schaue, dass ich alle Maßnahmen einhalte, um niemanden anzustecken. Es ist nicht zu viel verlangt, dass alle versuchen, sich so gut wie möglich an die Regeln zu halten. Wir alle wollen wieder mehr Normalität, also tragt Masken und haltet Abstand. Wir wollen keinen wiederbeleben oder künstlich beatmen müssen.

Protokoll: Lukas Weyell

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