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Nina Böhmers Facebook-Posting zur mangelnden Wertschätzung in der Pflege ging im März viral. Bild: Alexandra S. Aderhold

Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"

nina böhmer

Mit den steigenden Infektionszahlen werden auch kritische Stimmen vor allem gegen junge Menschen lauter: Politiker und Politikerinnen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, richteten sich in vergangener Zeit regelmäßig an junge Erwachsene und mahnten sie zum Einhalten der Corona-Regeln an.

Mit dem immer wieder anklingenden Vorwurf, junge Leute würden die Pandemie nicht ernst genug nehmen und stattdessen zu viel feiern, kann sich Nina Böhmer nicht anfreunden. Die 28-jährige Pflegerin wurde im März bekannt wegen ihres Facebook-Postings, in dem sie die mangelnde Wertschätzung in der Pflege anprangerte. Seitdem hat sie ein Buch veröffentlicht: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken".

Bei watson spricht Böhmer über die mangelnden Investitionen ins Gesundheitssystem – die junge Menschen wie sie nun mit ausbaden müssen.

"Anstatt dass jetzt endlich nachhaltig ins Gesundheitssystem investiert wird, wird der Fokus lieber auf junge, angeblich ständig feiernde Menschen gelenkt."

Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder, die ersten Ortschaften in Deutschland gehen in den Lockdown, Sperrstunden und Beherbergungsverbote werden verhängt und teils wieder gekippt: Eigentlich hört man fast nur noch negative Nachrichten. Die Lage in meiner Arbeit hat das, ehrlicherweise, noch nicht wirklich beeinflusst – weder positiv noch negativ: Material und Personal sind immer noch knapp. Stattdessen spüre ich eher, wie sich die Anspannung vor allem gegenüber jungen Menschen während der Corona-Krise immer weiter zuspitzt.

Ich bin 28 Jahre alt und bin Krankenschwester in einer Zeitarbeitsfirma, in den vergangenen Tagen war ich in Psychiatrien und Stationen mit Menschen mit Behinderung beschäftigt. Von den steigenden Corona-Zahlen bekommt man hier nicht so viel mit, wie auf anderen Stationen – bis auf die Tatsache, dass Masken selbst hier nach wie vor knapp sind. Pro Dienst habe ich einen Mund-Nasen-Schutz zur Verfügung.

Eigentlich sollte man ihn alle paar Stunden wechseln, spätestens aber, wenn man mit einer Person zu tun hatte, die eine ansteckenden Krankheit hat – neben Corona gibt es natürlich auch immer noch Influenza, Noro oder krankenhausresistente Keime. Ob das mit den Masken eine Sparmaßnahme ist oder wirklich nicht mehr zur Verfügung stehen, das kann ich nicht sagen.

watsons Reihe: Wie junge Menschen durch die Corona-Krise helfen

Seit Beginn der Pandemie stehen vor allem junge Leute häufig in der Kritik, sich nicht an die Corona-Maßnahmen zu halten. Deswegen gibt watson jungen Erwachsenen eine Stimme – und zeigt, wie sie helfen, die Corona-Zeit zu überstehen.

Teil 1: Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"
Teil 2: Junge Klinikmitarbeiterin: "Wenn ich Corona-Leugner sehe, denke ich an meine Patienten"
Teil 3: Junge Lehrerin über Corona: "Manche Leute haben Angst, sich mit mir zu treffen"

Ich fühle mich von den Anschuldigungen getroffen

Der ständige Personalmangel ist selbstverständlich auch noch ein Thema. Obwohl wir im Frühjahr so viel über die Missstände in der Pflege diskutiert haben, obwohl die Menschen auf den Balkonen standen und für uns klatschten, obwohl die Politiker uns Besserung versprochen haben, sind wir immer noch dünn besetzt und häufig unterbezahlt. Anstatt dass jetzt endlich nachhaltig ins Gesundheitssystem investiert wird, wird der Fokus aktuell auf junge, angeblich ständig feiernde Menschen gelenkt. Man hat das Gefühl, dass ihnen die aktuelle Situation beziehungsweise die hohen Infektionszahlen in die Schuhe geschoben werden, anstatt die Fehler im System zu suchen und zu beheben. Als junge Frau fühle ich mich von den Anschuldigungen natürlich auch betroffen.

Gerade von Frau Merkel bin ich enttäuscht: Sie scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken. Das finde ich unfair.

"Nicht nur Senioren haben ein Recht, geschützt zu werden – auch Unternehmer."

Wenn das Gesundheitssystem top wäre, könnten wir entspannter an die Sache herangehen und müssten nicht über Sperrstunden und Lockdowns reden oder gar welche beschließen. Wir müssen ja auch an die Wirtschaft denken, die Veranstalter und die Gastronomie. Nicht nur Senioren haben ein Recht, geschützt zu werden – auch Unternehmer.

Denn wären die Arztpraxen, Kliniken und Pflegekräfte allesamt gut mit Schutzmaterialien versorgt und gäbe es genügend Personal, um krankheitsbedingte Ausfälle aufzufangen, könnten wir eine bessere gesundheitliche Versorgung von Anfang an gewährleisten. Wer schon beim Hausarzt bei ersten Corona-Symptomen behandelt wird, muss vielleicht gar nicht erst ins Krankenhaus, das würde alle entlasten. Zudem dürfen wir nicht vergessen: Jetzt, in den kalten Jahreszeiten, gehen auch andere aggressive Viren wie das Norovirus herum. Das kann schon mal ganze Stationen lahmlegen, inklusive Pflegekräfte. Dann fehlt es auch an Personal für Corona-Patienten, aber so weit voraus scheint gerade niemand zu denken.

Watson hat die Bundesregierung gefragt, was sie zu dem Vorwurf sagt, junge Menschen würden zu Corona-Sündenböcken gemacht werden. Ein Regierungssprecher antwortet:

"Die Corona-Pandemie trifft uns alle, ob jung oder alt, und sie schränkt uns alle ein. Die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, egal welchen Alters, hält sich an die Regeln und trägt damit dazu bei, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. In den vergangenen Wochen ist klar geworden, dass die stark steigenden Infektionszahlen – unter anderem – auch mit Feiern und Partys zusammenhängen, übrigens nicht nur von jungen Menschen.

Es geht nicht um Schuld, sondern darum, was jeder und jede von uns tun sollte, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Der Appell der Bundeskanzlerin, die AHA-Regeln einzuhalten, die eigenen Kontakte stark zu verringern und die Corona-Warn-App aktiv zu nutzen, richtet sich an alle Menschen in Deutschland."

Sperrstunden betreffen junge Leute nicht nur privat: Auch ihre Jobs sind bedroht

Außerdem treffen Maßnahmen wie Sperrstunden am Ende vor allem die Betreiber und die jungen Menschen: Nicht, weil sie besonders viel weggehen und feiern würden, das ist eine falsche Annahme, denn auch ältere Menschen feiern gerne. Es sind allerdings häufig junge Menschen und Studenten, die in Bars und Clubs arbeiten. Sie drohen, ihre Jobs zu verlieren – weil ihnen angelastet wird, die Pandemietreiber zu sein.

Dabei handeln viele von ihnen extrem verantwortungsbewusst, halten sich an Hygiene- und Abstandsregeln, kümmern sich um ihre kranken Familienmitglieder. Und selbstverständlich gibt es im medizinischen Bereich genügend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in meinem Alter, die ihre Aufgabe extrem ernst nehmen.

"Die Krise darf nicht dazu führen, dass einzelne Personengruppen verantwortlich gemacht werden und obendrein unter ineffizienten Maßnahmen leiden müssen, das wäre Augenwischerei."

Ich bin dafür, das Problem an der Wurzel zu packen, anstatt Sündenböcke zu finden und sie unnötig zu bestrafen. Corona ist eine weltweite Herausforderung, keine Frage. Vor allem ältere Menschen und Risikopatienten sollten dringend geschützt werden. Das können wir aber nur, wenn Pflegekräfte wie ich unterstützt und das Gesundheitssystem in seiner Gesamtheit gefördert wird. Die Krise darf nicht dazu führen, dass einzelne Personengruppen verantwortlich gemacht werden und obendrein unter ineffizienten Maßnahmen leiden müssen, das wäre Augenwischerei.

Noch ist die Situation unter Kontrolle: Der große Corona-Ansturm auf die Krankenhäuser hat noch nicht stattgefunden. Wir haben zwar genügend Intensivbetten, aber leider nicht genug Fachkräfte. Trotzdem die Lage ist noch überschaubar. Aber es ist ein fragiles System. Daran sind nicht einzelne Schuld.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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    Alle Leser-Kommentare
  • Phipsi Hipster69 28.10.2020 11:27
    Highlight Highlight Ich habe vollen Respekt vor unseren Medizinern und was sie leisten müssen in dieser Zeit. Durch meine Erfahrung mit anderen Ländern würde ich unser Gesundheitssystem als positiv betrachten. Ein Beispiel: In einer Millionenstadt in Russland wurden heute Covid19-Patienten vom Notdienst zum Gesundheitsamt gefahren um zu zeigen, dass es kein Platz mehr in den Krankenhäusern gibt. Leute müssen Tage lang auf einen Rettungswagen warten und werden dann im Treppenhaus behandelt. Und wenn alles dann vorbei ist gibt es nicht mehr genug Platz für die Leichen. Ich bin glücklich mit unserem System.
  • Wotan 28.10.2020 08:53
    Highlight Highlight Ich kann nur feststellen, dass es die Jungen sind, die sich rücksichtsvoll benehmen., besser als die Alten, die meinen, weil sie hinter ihrem Rollator herschleichen, müsse man sie bevorzugt behandeln, selbst wenn sie Abstände und Masken für überflüssig halten.
    Allerdings bin ich im Regelfall nach 23.00 Uhr nicht mehr auf der Straße. Doch waren wir nicht alle mal jung und wollten leben. Auch damals schon gab es Grippeepidemien, aber niemand kam auf die Idee, uns jungen Menschen deshalb einen Teil unserer Jugend und unseres Lebengefühls zu stehlen.
  • jodelady 27.10.2020 17:32
    Highlight Highlight Als hier in Hamburg die Krankenhäuser und Altenheime privatisiert wurden, haben viele Mitarbeiter wegen schlechterer Arbeitsbedingungen bereits gekündigt. Vorher beim Staat Angestellte aus Pflegeberufen konnten auch bleiben- allerdings nicht für die Pflege, sondern in verschiedenen Bereichen. Z.B. in Asylantenheimen und der Obdachlosenhilfe. Durch die Übernahme der Gesundheitsinstitutionen wurden anschließend wegen Einsparungen auch noch viele Pflegekräfte entlassen (tw. rausgegrault) Und heute, wo sie gebraucht werden wird gejammert und die Zeitarbeitsfirmen haben Hochkonjunktur! Schande!
  • Goldesel 27.10.2020 10:18
    Highlight Highlight "Pro Dienst habe ich einen Mund-Nasen-Schutz zur Verfügung."
    Was ist denn mit den 24 Millionen Masken, die von der Bundesregierung bestellt wurden, jetzt aber nicht genommen geschweige denn bezahlt werden? Und die Firma, die die Masken nun liefern wollte, bleibt drauf sitzen und ist pleite.
  • Dorian 27.10.2020 09:13
    Highlight Highlight Wenn das Gesundheitssystem top wäre, könnten wir entspannter an die Sache herangehen und müssten nicht über Sperrstunden und Lockdowns reden oder gar welche beschließen - Wenn aber die hirnlosen Demonstranten und Maskenverweigerer sich an die Regeln halten würden, müssten wir auch nicht über Sperrstunden und Lockdowns reden. Mal die ganze Sache von dieser Seite aus sehen!!

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Nina Böhmer hat die ganze Sendung nicht gesehen. Das muss sie vielleicht auch nicht, schließlich arbeitet die 29-Jährige selbst …

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