Viele Anbieter von Menstruations-Apps sind verpflichtet, sensible Daten zur Strafverfolgung an die Behörden weiterzugeben.
Viele Anbieter von Menstruations-Apps sind verpflichtet, sensible Daten zur Strafverfolgung an die Behörden weiterzugeben. Bild: dpa / Annette Riedl

Abtreibungsurteil in den USA: Zyklus-Apps bald Beweismittel?

28.06.2022, 14:00

Seien es verschriebene Medikamente, gebuchte Arzttermine oder die Zyklus-App auf dem Handy – Schwangerschaften und Abtreibungen hinterlassen digitale Spuren. Weil es in weiten Teilen der USA inzwischen strafbar ist, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, warnen Expertinnen und Experten davor, dass diese Spuren bald zur Strafverfolgung genutzt werden könnten.

"Der Unterschied zwischen heute und dem letzten Mal, als Abtreibung in den Vereinigten Staaten illegal war, besteht darin, dass wir in einer Zeit beispielloser digitaler Überwachung leben", schreibt Eva Galperin, Direktorin für Cybersicherheit bei der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation bei Twitter.

Und tatsächlich tracken Millionen Menschen Menstruation und Schwangerschaft über eigens dafür vorgesehene Apps. Behörden könnten die dort hinterlegten Daten vor Gericht nutzen, um so zu belegen, dass jemand schwanger war. Darum finden sich bei Twitter schon zahlreiche Aufrufe, solche Apps zu löschen, um bei einer möglichen Ermittlung nicht belangt werden zu können.

Um die Nutzer zu schützen, fordert Cyberexpertin Eva Galperin die Betreiber der Apps auf, sensible Daten zu löschen. "Habt sie nicht verfügbar, wenn die Datenabfrage [der Behörden, Anm. d. Red.] kommt", schreibt sie bei Twitter in Richtung der Tech-Unternehmen.

App-Anbieter müssen Daten zur Strafverfolgung weitergeben

Aktuell sind viele der Firmen aber verpflichtet, die Weitergabe von Daten zur Strafverfolgung zu ermöglichen. Entsprechende Passagen finden sich zum Beispiel in den Geschäftsbedingungen des Berliner Unternehmens Clue, einem der größten Anbieter von Zyklus-Apps in den USA.

Um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, werden die Unternehmen jetzt kreativ. Die App "Flo Period Tracker", die eigenen Angaben zufolge 43 Millionen Menschen nutzen, hat kürzlich mit dem "anonymen Modus" eine neue Funktion eingerichtet, über die sich die Nutzer angeblich nicht mehr identifizieren lassen.

Das Unternehmen betont zudem auf Instagram, keine sensiblen Daten zu verkaufen. Doch auch in den Geschäftsbedingungen von Flo steht am Dienstag noch, dass man verpflichtet sei, "einige persönliche Daten zu verarbeiten, um die geltenden Gesetze und Vorschriften einzuhalten".

Viele Nutzer hebeln ihren Datenschutz auch selbst aus, nämlich indem sie Drittanbietern wie zum Beispiel Apple Health den Zugriff auf ihre Zyklusdaten erlauben. Ob diese Daten dann an die Behörden weitergegeben werden, hängt davon ab, wo die Server der App-Anbieter stehen. Doch das ist für viele Nutzer kaum zu überblicken.

(nik)

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