Xavier Naidoo hat erkannt, dass er sich "teilweise auf Irrwegen" befunden habe.
Xavier Naidoo hat erkannt, dass er sich "teilweise auf Irrwegen" befunden habe.Bild: www.imago-images.de / POP-EYE
Analyse

Xavier Naidoo distanziert sich von Verschwörungs-Ideologien: Experte erklärt, wie der Ausstieg aus der Querdenker-Szene gelingen kann

21.04.2022, 17:3225.04.2022, 08:54

Xavier Naidoo hat sich getraut. Und zwar nicht, wieder eine neue Verschwörungsideologie zu verbreiten, sondern das Gegenteil – die komplette Abkehr von seinen bisherigen Ansichten: "Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe", sagt Xavier Naidoo in einem Youtube-Video von dieser Woche. Und gibt zu, er habe sich "teilweise instrumentalisieren lassen".

Xaviers Reue und Erkenntnis seien gut, aber zu spät und zu wenig, kritisieren viele. Dazu kommt, dass dem Sänger nicht nur Verschwörungsideologien, sondern auch antisemitische und rassistische Äußerungen vorgeworfen werden. Viele Investoren, große TV-Sender wie RTL und ProSieben und sein Musik-Label hatten sich deshalb von ihm distanziert. Aus Xaviers Läuterungs-Video geht nicht klar hervor, welche Äußerungen er konkret bereut. Wodurch es fraglich ist, ob er seine Karriere wieder aufnehmen kann.

Ob eine einfache Entschuldigung für Verschwörungsgläubige schon ausreicht, um wieder gesellschaftlich akzeptiert zu werden, hat watson Niklas Vögeding gefragt.

Vögeding arbeitet für die Beratungsstelle Veritas, die Familienangehörige von Verschwörungsgläubigen unterstützt, aber auch Betroffene selbst, wenn sie aussteigen wollen.

"Ich würde die gewagte These aufstellen, dass, wenn Xavier Naidoo nicht persönlich involviert wäre, er seine Ansichten nicht geändert hätte."

Viele abtrünnige Verschwörungsgläubige hat Vögeding in seiner Arbeitspraxis allerdings noch nicht feststellen können. Die Aussteiger-Anfragen sind "noch sehr überschaubar, ehrlich gesagt", sagt er im Gespräch mit watson.

"Es gibt ganz vereinzelt Anfragen von Leuten, die entweder sagen: Ich glaube das nicht mehr, wie kann ich damit umgehen? Oder Leute, die sich ambivalent zeigen. Die sagen: Ich kann den etablierten Medien nicht trauen, aber die Verschwörungstheorie-Bubble tut mir auch nicht gut."

Seiner Erfahrung nach hat Russlands Krieg in der Ukraine auch nicht dazu geführt, dass es mehr Aussteiger gibt, wie im Fall Xavier Naidoos. Wie glaubwürdig dessen Bekenntnisse im Video sind, will Vögeding nicht beurteilen, sagt aber, persönliche Betroffenheit und Leid könnten immer "ein Impuls" für Aussteiger sein. "Ich würde aber die gewagte These aufstellen, dass, wenn Xavier Naidoo nicht persönlich involviert wäre, er seine Ansichten eher nicht geändert hätte."

Querdenker sind anfällig für russische Propaganda

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verstärke im Gegenteil eher bereits vorhandene Verschwörungstendenzen. So gibt es seit Kriegsbeginn mehr Menschen, die Hilfe bei Vögedings Beratungsverein suchen, weil ihre verschwörungsideologischen Angehörigen und Freunde nun auch der russischen Propaganda glauben. Für viele Angehörige sei das aber endgültig eine rote Linie. "Diese Propaganda fällt natürlich auf sehr fruchtbaren Boden bei Leuten, die ohnehin westlichen 'Mainstream-Medien' misstrauen", sagt Vögeding.

Kein Wunder: Der russische Staatssender RT Deutsch ist bei vielen Verschwörungsgläubigen beliebt. RT Deutsch ist bekannt für seine Meinungsmache und, wie im Fall des verschwundenen Russlanddeutschen Mädchens Lisa vor einigen Jahren, für gezielte Desinformation. Das Gerücht, sie sei von Geflüchteten vergewaltigt und verschleppt worden, brachte damals Tausende Russlanddeutsche auf die Straße.

Ziel von RT Deutsch ist dem Bericht des deutschen Verfassungsschutzberichts aus dem Jahr 2020 zufolge die "Diskreditierung der Bundesregierung, die polarisierende Zuspitzung des politischen Diskurses und das Untergraben des Vertrauens in staatliche Stellen".

Trotzdem müsse man unterscheiden zwischen "Desinformation und Propaganda, die von der russischen Regierung ausgeht und einem geschlossenen verschwörungsideologischen Weltbild, in dem man sich umfassend von einer Verschwörung bedroht fühlt", sagt Vögeding.

Tipps, wie man selbst mit Freunden oder Familienmitgliedern umgehen kann, die an Verschwörungsideologien glauben, hat Niklas Vögeding watson bereits in diesem Artikel gegeben:

  1. Festlegen, was man selbst beim Verschwörungsgläubigen erreichen will und welche Ziele man hat.
  2. Eingefahrene Kommunikationsmuster herausfinden und auflösen.
  3. Welche psychologischen Motive stecken eigentlich für die Verschwörungsgläubigen dahinter?

Der lange Weg zurück ins alte Leben

Der Ausstieg aus dem verschwörungsideologischen Milieu sei nicht leicht. Er müsse auf zwei Ebenen passieren. Vögeding nennt das "Distanzierung", weil es im verschwörungsideologischen Milieu noch nicht wie in anderen Bereichen die perfekten Begrifflichkeiten gebe, die sich über Jahre ausgebildet haben.

"Einerseits gibt es die soziale Distanzierung, das heißt, sich aus den verschwörungsideologischen Kreisen, aus der verschwörungsideologischen Bubble zu verabschieden." Dazu zählt er beispielsweise den Ausstieg aus Telegram-Gruppen, den Verzicht auf Treffen mit Leuten des alten Verschwörungs-Milieus oder die Einhaltung der Corona-Hygiene-Maßnahmen.

"Es gibt es auch Leute, die vorgaukeln auszusteigen, aber die Idee weiterhin vertreten."

"Das bedeutet umgekehrt auch wieder die Zuwendung zu einem nicht-verschwörungsideologischen Milieu", so Vögeding. Dies könne beispielsweise die Kontaktaufnahme mit Freunden sein. Diesen Schritt zurück ins alte Leben bezeichnet Vögeding als "sehr herausfordernd". Viele Verschwörungsideologen hätten viel geopfert für ihre Ansichten und möglicherweise finanzielle Einbußen durch den Verschwörungsglauben hingenommen oder ihren Job verloren.

Die zweite Ebene beinhalte eine ideologische Distanzierung. Dabei geht es darum, "wirklich die Ideen, die man vertreten und auch oftmals offensiv propagiert hat, kritisch zu hinterfragen und zu verstehen, weshalb man das geglaubt hat", erklärt der Veritas-Berater. Er spricht von einer "ideologischen Abkehr", die dafür nötig ist.

Diese beiden Schritte der Distanzierung von Verschwörungsideologien seien jedoch ein langer Prozess, der nicht von heute auf morgen passieren könne und immer wieder auch Rückschläge beinhalten könne.

Vögeding sagt:

"Wenn man so ein Video wie von Xavier Naidoo sieht, stellt man sich vor, dass sich da plötzlich ein Lichtschalter umlegt. Man kann nicht davon ausgehen, dass verschwörungsgläubige Menschen von jetzt auf gleich lupenrein demokratische, weltoffene und medienvertrauende Menschen werden."

Nimmt die Gesellschaft Querdenker wieder auf?

Vögeding betont, dass Hilfe von außen beim Ausstieg helfen kann – sei es in Form von professioneller Hilfe oder Unterstützung von Freunden und Familie. Ob die verschwörungsgläubige Person allerdings noch Kontakt zulassen wolle, müsse sie selber entscheiden. Schließlich hätten diese Verschwörungsgläubigen oft "erheblichen Schaden in ihrem Umfeld bewirkt".

"Gibt es wieder eine gesellschaftliche Krise, wird dieses Reservoir an Leuten, die bereit sind, daran zu glauben, wieder abgerufen."

Generell braucht es immer "die Bereitschaft des Umfelds, in den Veränderungswillen der Person zu vertrauen, sie darin zu unterstützen und auch zu glauben, dass es tatsächlich ein aufrichtiger Veränderungsprozess ist". Denn "es gibt es auch Leute, die vorgaukeln auszusteigen, aber die Idee weiterhin vertreten".

Der harte Kern bleibt

Studien belegen, dass der Verschwörungsglaube mit dem Ende der Corona-Krise und dem Aufheben der Maßnahmen abebbt. "Aber es gibt einen harten Kern, der wahrscheinlich auch bestehen bleiben wird."

Vögeding erzählt von der Metapher seines Kollegen Miro Dittrich vom CeMAS, der Verschwörungstheorien mit einem Pilz vergleicht:

"Der Pilz wird nur an manchen Stellen, in manchen Jahreszeiten sichtbar – nämlich wenn es gesellschaftliche Krisen gibt. Aber das Unterirdische, das Myzel, was einen Pilz am Leben erhält, das bleibt. Das heißt, gibt es wieder eine gesellschaftliche Krise, wird dieses Reservoir an Leuten, die bereit sind, an Verschwörungserzählungen zu glauben, wieder abgerufen werden können."
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