Brauche ich jetzt einen Impf-Booster? Die aktuelle Debatte ist diesbezüglich verwirrend.
Brauche ich jetzt einen Impf-Booster? Die aktuelle Debatte ist diesbezüglich verwirrend.
Bild: iStockphoto / Yana Tikhonova
Analyse

Kann ein Antikörpertest zeigen, ob ich einen Booster brauche? Das Wichtigste zur Impf-Auffrischung

30.09.2021, 13:3101.10.2021, 07:37

Obwohl viele deutsche Impfzentren heute geschlossen werden, ist die Debatte um eine dritte Corona-Impfung weiter in vollem Gange: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine generelle Impf-Auffrischung bislang nicht. Ganz im Gegensatz zu Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seinem Ministerium. Sie rufen schon jetzt erste Personengruppen zur Booster-Impfung auf, die sich in Zukunft wohl vor allem an ihren Hausarzt wenden müssen.

Die europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft zudem seit Montag einen Antrag des Impfstoffherstellers Moderna auf Zulassung einer dritten Dosis. Gleichzeitig mahnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reiche Länder erneut davor, Vakzine für Booster-Impfungen zu horten, während große Teile der Weltbevölkerung noch überhaupt nicht geimpft wurden. Kurzum: Die Nachrichten rund um eine Auffrischung des Covid-19-Impfsschutzes sind absolut verwirrend.

Soll man sich nun also um eine dritte Spritze bemühen? Oder ist der Booster völlig überflüssig? Und wem stünde die Auffrischung überhaupt zu? Für watson klären wir die wichtigsten Fragen.

Was spricht für eine dritte Spritze?

Der Charité-Infektiologe Leif Erik Sander hält Booster-Impfungen für Ältere sowie für Menschen aus anderen Risikogruppen medizinisch für sinnvoll. Im August veröffentlichte er entsprechende Zwischenergebnisse seiner Forschungsgruppe. Diese bestätigten laut Sander, dass die Immunantwort von älteren Menschen auf die Impfung deutlich stärker nachlasse als bei jüngeren.

Auch Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der Technischen Universität Dortmund, bestätigt den Nutzen. "Aus immunologischer Sicht ist das sehr sinnvoll. Das Immunsystem verbessert bei jedem Kontakt mit einem Erreger die Immunreaktion auf diesen deutlich", sagte er gegenüber der deutschen Presseagentur. Israelische Studien zeigten bei Senioren jüngst solche Effekte.

Zum Hintergrund: Die Immunantwort auf eine Covid-19-Impfung lässt mit der Zeit nach. Allerdings legen die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nahe, dass sich der Grad dieser Abschwächung von Person zu Person enorm unterscheidet. Während der Immunschutz gesunder Menschen also schon nach nur zwei Impfdosen über Jahre gesichert sein kann, lässt er bei älteren und immunschwachen Personen im Durchschnitt schneller nach.

Was spricht dagegen?

Carsten Watzl sieht die Lage allerdings auch differenziert. Sowohl ethisch als auch virologisch stellten diese Impfungen Probleme dar, urteilte er. "Weltweit herrscht immer noch Impfstoffmangel. Durch diesen sterben mehr Menschen als hierzulande durch eine dritte Impfung gerettet würden."

Damit unterstreicht er den Appell des WHO. Deren Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus hatte sich erst Anfang diesen Monats erneut und mit Nachdruck gegen Auffrischungsimpfungen in 2021 ausgesprochen, solange Millionen Menschen weltweit immer noch keine erste Dosis erhalten haben. Noch kein einziges armes Land hat bislang eine Impfrate von auch nur zehn Prozent erreicht. In vielen afrikanischen Ländern liegt die Impfquote beispielsweise bei unter einem Prozent (Tansania 0,6 Prozent, Nigeria 0,9 Prozent, Niger 0,4 Prozent, Quelle: Our World in Data)

Durch ein Aussetzen dritter Impfungen könnten jedoch Menschen in allen Länder schneller vor Covid-19 geschützt werden, sagte Tedros. "Solange die Firmen und Länder, die das globale Angebot kontrollieren, denken, dass sich die Armen der Welt mit Überresten zufrieden geben sollen, werde ich nicht schweigen", wurde er auf einer Pressekonferenz in Genf deutlich. In einer globalen Pandemie ist es zudem im Interesse aller, dass das Virus auch weltweit eingedämmt wird, damit es nicht weiter mutiert.

Was empfiehlt die Stiko?

Die aktuelle Drittimpfungs-Empfehlung der Stiko gilt allein für Menschen mit Immundefekten oder Erkrankungen, bei denen das Immunsystem durch Medikamente herunterreguliert wird, zum Beispiel bei Autoimmundefekten oder nach einer Transplantation. Es soll sogar innerhalb dieser Gruppen noch einmal nach dem Ausmaß der Immunsuppression differenziert werden, dafür wäre ein Antikörpertest vonnöten.

"Zahlreiche Studien belegen, dass PatientInnen mit Immundefizienz oftmals schlechter auf die COVID-19-Impfung ansprechen. Dabei haben sie ein höheres Risiko für einen schwereren COVID-19-Krankheitsverlauf und Tod als Immunkompetente. Personen mit Immundefizienz soll daher etwa 6 Monate nach einer COVID-19-Grundimmunisierung eine zusätzliche Impfstoffdosis eines mRNA-Impfstoffs angeboten werden. Bei den meisten PatientInnen ist diese zusätzliche Impfstoffdosis als Auffrischimpfung („Booster“) zu verstehen. (...) Die STIKO arbeitet derzeit die Evidenz für eine Auffrischimpfung anderer Bevölkerungsgruppen auf. Sie wird dazu in den kommenden Wochen eine Entscheidung treffen."
Aus der Empfehlung der Stiko

Die Impfkommission will mit Unterstützung des Robert Koch-Instituts nun prüfen, wie häufig und wie ausgeprägt Covid-19-Erkrankungen aktuell in höheren Altersgruppen auftreten. Falls es ab einem bestimmten Alter gehäuft zu Impfdurchbrüchen kommen sollte, könnte es später durchaus zu einer allgemeinen Impf-Empfehlung kommen, etwa ab 60, 70 oder 80 Jahren. Die Stiko gibt weiter an, sie arbeite derzeit "die Evidenz für eine Auffrischimpfung anderer Bevölkerungsgruppen auf" und werde "dazu in den kommenden Wochen eine Entscheidung treffen."

Wer kann schon jetzt einen Booster erhalten?

Die Gesundheitsministerkonferenz hat bereits am 2. August beschlossen, welche Personen eine weitere Spritze erhalten könnten und eine halbe Million Bundesbürger haben dieses Angebot auch schon genutzt. Darunter:

  • Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen und weiteren Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen
  • Personen mit einer Immunschwäche oder Immunsuppression (also medikamentös gezügeltem Immunsystem)
  • Menschen, die zu Hause gepflegt werden
  • Menschen ab 80 Jahre
  • Beschäftigte in Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen, zB. Altenpfleger, Krankenpfleger, Ärzte
  • Personen, die aufgrund ihrer Berufstätigkeit ein besonders hohes Risiko haben, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken
  • Personen ab 60 Jahren "nach individueller Abwägung, ärztlicher Beratung und Entscheidung"

Diese pauschale Festsetzung einer Booster-Empfehlung nach Alter und Berufsgruppen wird von vielen Seiten kritisiert. Auch die Stiftung Deutscher Patientenschutz hält nichts davon, wie ihr Vorstand Eugen Brysch gegenüber watson sagt: "Mit dem Vorpreschen macht die Politik einen schweren Fehler. Denn nicht ohne Grund hat die Stiko auf eine generelle Impfempfehlung für Hochbetagte bisher verzichtet."

Auch wenn es natürlich einen Zusammenhang gibt: Nicht das Alter, sondern nur die Antwort des Immunsystems entscheidet über den Impfschutz. "Bevor jetzt also massenhaft alte Menschen erneut geimpft werden, muss vorher endlich der individuelle Immunstatus bekannt sein", erklärt Brysch. "Mit einer Blutuntersuchung lässt sich anhand der T-Zell-Werte ablesen, wie gut ein Mensch gegen SARS-CoV-2 geschützt ist. Erst dann ist klar, ob eine weitere Impfung empfehlenswert ist."

Bund und Länder hätten diese wissenschaftlich gesicherte Immunabfrage in den vergangenen anderthalb Pandemiejahren installieren können, versäumten es jedoch, kritisiert er. "Dabei wäre ein flächendeckendes Labor-System vorhanden." Der Vorteil einer individuellen Immunabfrage liegt auf der Hand: Man würde tatsächlich nur die Menschen "boostern", deren Immunschutz noch nicht ausreiche. Brysch: "Es ist fatal, dass sich die Politik bei der Impfempfehlung zu sehr auf die Aussagen der Pharmaindustrie stützt."

Wie kann ich herausfinden, ob mein Immunschutz ausreicht?

Ob die Corona-Impfung wie gewünscht angeschlagen hat und der Körper sich immunisiert hat, bleibt für viele Impflinge eine offene Frage. Diese muss aber beantwortet werden, bevor man wisse, ob eine Drittimpfung nötig ist. "Im Zweifel kann jeder Betroffene über den Hausarzt seinen Immunstatus feststellen lassen. Jedoch muss er das privat bezahlen und es bringt ihm praktisch wenig", so Patientenschützer Brysch gegenüber watson. Die Kosten für einen solchen Test, der durch ein Labor ausgewertet wird, liegen bei 50 bis 70 Euro.

"Bevor jetzt also massenhaft alte Menschen erneut geimpft werden, muss vorher endlich der individuelle Immunstatus bekannt sein."
Eugen Brysch gegenüber watson

Das Problem: Selbst beim Vorliegen der Labor-Ergebnisse "fehlen Leitlinien des RKI zur Interpretation der T-Zell-Immunität", wie Brysch bemängelt. Diese Leitlinien müssten endlich erstellt werden, um festzulegen, ab welchem Wert genau eine Auffrischung Sinn ergibt. Nicht nur für den Einzelnen, auch für die unabhängige Forschung könnte die Erfassung dieser Werte ein großer Gewinn sein. Brysch: "So entstünde auch ein lernendes System über den Immunstatus verschiedener Gruppen jenseits der Daten der Impfstoffhersteller."

Wo erhält man den Booster überhaupt, wenn die Impfzentren zu sind?

Da am Donnerstag bundesweit zahlreiche Impfzentren schließen, werden sich Impflinge in Zukunft wohl vor allem bei ihrem Hausarzt melden müssen. Diese sehen sich zumindest gut vorbereitet, weitere Corona-Impfungen sicherzustellen, wie der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärt: "Für die ausstehenden Impfungen, zu denen wir dringend weitere Menschen ermuntern müssen, ebenso wie für die nun fälligen Auffrischungsimpfungen sehen wir uns in den Hausarztpraxen allerdings gut gerüstet."

Übrigens: Im Ausland sind die Booster-Kampagnen zum Teil schon in vollem Gange. In den USA hat Präsident Joe Biden am Freitag verkündet, rund 20 Millionen Erwachsene hätten ab sofort Anrecht auf eine Drittimpfung. "Holen Sie sich den Booster", sagte der Präsident im Weißen Haus. In Israel läuft die Auffrischungs-Kampagne schon länger, dort ist jeder fünfte Einwohner schon zum dritten Mal gegen Corona geimpft.

(mit Material der dpa)

Virologe Drosten: Warum eine Erkältung immun gegen Corona machen könnte

Eine tolle Nachricht: Einige Virologen gehen inzwischen davon aus, dass es Menschen gibt, die unbemerkt immun gegen Covid-19 wurden, weil sie in der Vergangenheit eine (vergleichsweise harmlose) Corona-Erkältung durchlaufen haben. Im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" erklärt Christian Drosten, was es mit dieser neuen Theorie auf sich hat.

"Es ist durchaus so, dass wir damit rechnen, dass es möglicherweise eine unbemerkte Hintergrunds-Immunität gibt – durch die Erkältungscoronaviren. Denn die …

Artikel lesen
Link zum Artikel