Risikogruppen, also ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, sollen in Deutschland bereits ab Herbst eine Auffrischungsimpfung gegen Covid-19 erhalten. (Symbolbild)
Risikogruppen, also ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, sollen in Deutschland bereits ab Herbst eine Auffrischungsimpfung gegen Covid-19 erhalten. (Symbolbild)
Bild: E+ / Aja Koska
Interview

Sind Auffrischungsimpfungen sinnvoll? Ein Epidemiologe gibt Antworten

19.08.2021, 11:0719.08.2021, 17:58

Die Corona-Inzidenzen steigen deutschlandweit erneut. Und die Situation bei den Impfungen gegen Covid-19 entwickelt sich in zwei unterschiedliche Richtungen: Während die Einen, fast 37 Prozent der Bevölkerung (Stand 18. August), noch nicht einmal die erste Corona-Impfdosis bekommen haben, sollen einige Andere bereits zum dritten Mal geimpft werden: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plant ab dem Herbst eine Auffrischungsimpfung, auch Booster-Impfung genannt, für Risikopatienten wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen.

Der Grund für diese Pläne ist jedoch nicht etwa eine nachlassende Wirkung der Impfung. Das sagt Martin Matz, Staatssekretär für Gesundheit des Berliner Senats, der Landesregierung der Hauptstadt. "Die Hauptmotivation für die Auffrischungsimpfung ist hier nicht, dass im Lauf der Zeit die Impfwirkung nachlässt“, sagte Matz am Montag im Gesundheitsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.

Er ergänzte: „Hier geht es darum, Personengruppen ein drittes Mal zu impfen, bei denen die Immunreaktionen auf die Impfung vielleicht nie so besonders gut gewesen ist – und durch die dritte Impfung noch eine bessere Reaktion erzielt werden kann.“

Dass es um eine gewisse Zielgruppe geht, hat nun auch Virologe Christian Drosten betont: Er hält eine allgemeine Auffrischungsimpfung gegen Sars-CoV-2 im Herbst nicht für notwendig. "Die Schutzwirkung der Corona-Vakzinen ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen", sagte er. Das gilt allerdings nicht für Risikopatienten und ältere Menschen, für die er eine sogenannte Booster-Impfung empfiehlt: "Nach einem halben Jahr geht das über die Impfung erworbene Antikörper-Level vor allem bei sehr alten Menschen deutlich runter."

In Seniorenheimen sei eine Auffrischung der Impfung daher denkbar. Dies stünde zahlenmäßig kaum im Konflikt mit der internationalen Knappheit von Impfstoff. "In diesem Herbst kommt es aber darauf an, überhaupt erst einmal die Impflücken bei den über 60-Jährigen zu schließen." Drosten erwartet aber keine Verbreitung einer neuen Virusvariante, die gegen die verfügbaren Impfstoffe resistent ist.

Kritik an Auffrischungsimpfungen

Von der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt laut dem amerikanischen Fernsehsender "CNN" allerdings Kritik an den Plänen für Auffrischungsimpfungen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte dazu am vergangenen Mittwoch:

"Die WHO ruft zu einem Stopp der Auffrischungsimpfungen bis wenigstens Ende September auf, um sicherzustellen, dass wenigstens zehn Prozent der Bevölkerung jedes Landes geimpft sind."

Der WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan ist ebenfalls gegen Drittimpfungen. Er meinte dazu, Menschen eine Auffrischimpfung anzubieten sei so, als gebe man Menschen mit Rettungswesten noch eine weitere Weste dazu, während Millionen andere ohne jeglichen Schutz bleiben müssten. Deutschland plant derzeit, bis Ende des Jahres 30 Millionen Impfdosen der Hersteller AstraZeneca und Johnson & Johnson weltweit zu verteilen.

Auch der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) Thomas Mertens übt gegenüber der Tageszeitung "Welt" scharfe Kritik an den Plänen Spahns. "Alle Politiker sind versucht, sich irgendwie zu einem Thema zu äußern, dass gerade die Menschen interessiert." Dies verunsichere die Menschen, sagt Mertens im Interview. Der vermittelte Zeitdruck bei Auffrischungsimpfungen sei gar nicht gegeben. "Die Politik handelt manchmal auch ohne wissenschaftliche Grundlage. Alles nach dem Motto: Besser einmal zu viel, als einmal zu wenig geimpft", so der Stiko-Vorsitzende.

watson hat mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs darüber gesprochen, ob diese Auffrischungsimpfungen wirklich nötig sind.

watson: Herr Ulrichs, halten Sie diese Auffrischungsimpfungen für sinnvoll?

Timo Ulrichs: Ja, sehr! Wir sehen bei den Älteren Impfdurchbrüche und haben gleichzeitig keine Ahnung, wie lange der Immunschutz nach Impfung hält. Grundsätzlich ist bei Älteren das Immunsystem durch das Alter geschwächt. Deshalb wäre es sinnvoll, nachzuimpfen.

"Wir sehen bei den Älteren Impfdurchbrüche und haben gleichzeitig keine Ahnung, wie lange der Immunschutz nach Impfung hält."

Wäre sie auch für Nicht-Risikogruppen sinnvoll?

Nein, hier sollten wir erstmal abwarten, wie lange der Immunschutz hält – da kann man getrost von mehreren Jahren ausgehen.

Mit welchem Impfstoff wird jetzt aufgefrischt und müsste überhaupt jeder Impfstoff aufgefrischt werden?

Es wird zurzeit eher mit den mRNA-Impfstoffen (Biontech, Moderna; CureVac; Anm. d. Red) geplant, also kein AstraZeneca-Impfstoff mehr.

Wie oft ist in Zukunft eine Auffrischungsimpfung erforderlich, gerade im Hinblick auf neue Mutationen?

Sollten neue Virusvarianten auftauchen, die nicht mehr durch die aktuell zugelassenen Impfstoffe mit abgedeckt werden, ist keine Auffrischimpfung notwendig, sondern eine Nachimpfung mit einem aktualisierten Impfstoff – das geht bei mRNA-Impfstoffen schnell, hier Anpassungen vorzunehmen.

"Es ist sehr wichtig, überall zu impfen, um dem Virus keinen Raum zu geben, in großen Mengen zu zirkulieren."

Wird künftig jedes Jahr ein neuer Corona-Impfstoff entwickelt werden, ähnliche wie der Grippe-Impfstoff?

Davon ist eher nicht auszugehen, weil sich das Coronavirus nicht so schnell verändert wie jährlich das Grippevirus.

Die WHO kritisiert die Drittimpfung für wohlhabende Länder und findet es sinnvoll, zuerst in allen Ländern wenigstens zehn Prozent der Bevölkerung zu impfen. Wie sehen Sie das?

Genau so! Es ist sehr wichtig, überall zu impfen, um dem Virus keinen Raum zu geben, in großen Mengen zu zirkulieren. Denn dann ist auch das Risiko für die Entstehung neuer Varianten niedriger. Weltweit zügig zu impfen, ist also auch im Interesse der reichen Länder wie Deutschland.

Könnten Sie vielleicht nochmal erläutern, warum Sie für die Auffrischungsimpfungen sind – aber auch der Kritik der WHO zustimmen, die sagt, man solle mit den Auffrischungsimpfungen noch warten?

Auffrischimpfungen können für die Älteren sinnvoll sein. Ihr Immunsystem lässt in seiner Leistungsfähigkeit im Alter nach, und da könnte eine weitere Boosterung einen zusätzlichen Schutz erzeugen. Für alle anderen Altersgruppen ist eine Auffrischungsimpfung nicht erforderlich. Vielmehr sollten die übriggebliebenen Impfstoffdosen schnellstmöglich den armen Ländern zur Verfügung gestellt werden, damit dort geimpft werden kann, am besten über die globale Initiative Covax.

"Es gibt noch genügend Impfstoff. Aber zunächst sollten alle Erwachsenen mit zwei Dosen geimpft werden."

Kann eine dritte Dosis Impfstoff Risiken bergen?

Nein, nicht mehr als die vorangegangenen zwei Dosen.

Ist denn überhaupt ausreichend Impfstoff für Auffrischimpfungen verfügbar?

Ja, es gibt noch genügend Impfstoff. Aber zunächst sollten alle Erwachsenen mit zwei Dosen geimpft werden.

Derzeit empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Auffrischungsimpfungen noch nicht. Rechnen Sie damit, dass noch grünes Licht geben wird?

Ja, ich denke, für die Älteren wäre das zu erwarten.

(mit Material der dpa)

Virologe Drosten: Warum eine Erkältung immun gegen Corona machen könnte

Eine tolle Nachricht: Einige Virologen gehen inzwischen davon aus, dass es Menschen gibt, die unbemerkt immun gegen Covid-19 wurden, weil sie in der Vergangenheit eine (vergleichsweise harmlose) Corona-Erkältung durchlaufen haben. Im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" erklärt Christian Drosten, was es mit dieser neuen Theorie auf sich hat.

"Es ist durchaus so, dass wir damit rechnen, dass es möglicherweise eine unbemerkte Hintergrunds-Immunität gibt – durch die Erkältungscoronaviren. Denn die …

Artikel lesen
Link zum Artikel