Viele Lehrer fürchten, ungeimpft zurück in den Präsenzunterricht zu müssen. (Symbolbild)
Viele Lehrer fürchten, ungeimpft zurück in den Präsenzunterricht zu müssen. (Symbolbild)
Bild: www.imago-images.de / Michael Weber IMAGEPOWER
Analyse

Streit um Lehrer-Impfungen: Lehrerpräsident Meidinger zeigt sich "sehr enttäuscht" über Stiko-Empfehlung

16.02.2021, 17:13

Seit Montag können Schulen wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen, wenn die Kultusminister der jeweiligen Länder es so wollen. Zwar kündigten die meisten Bundesländer an, die Schulen bis zum 22. Februar geschlossen zu lassen, doch die schrittweise Öffnung rückt überall näher. Schon jetzt werden Abschlussklassen zumeist im Präsenz- und Wechselunterricht beschult, nach und nach sollen dann auch die Grundschüler wieder an ihren Pulten sitzen.

Vielen Menschen ist das ein Graus: den Lehrerinnen und Lehrern zum Beispiel, die mit einem mulmigen Gefühl in einem Klassenraum voller Kinder unterrichten sollen. Aufgrund dieser Sorgen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigt, zumindest prüfen zu lassen, ob Lehrer in eine frühere Impfgruppe vorgezogen werden könnten. Schließlich wären sie, ähnlich wie Kita-Erzieher und Erzieherinnen, in der Arbeit einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Die Antwort der Ständigen Impfkommission (Stiko) dazu kam am Dienstag: Sie sehe keinen Grund, diese Berufsgruppe grundsätzlich früher zu impfen.

Ungeimpft in den Unterricht

Stiko-Vorstand Thomas Mertens erklärte dazu in der "Rheinischen Post": "Die Stiko hat ihre Empfehlung auf die Auswertung internationaler Daten und auch die Meldedaten aus Deutschland gegründet. Daraus ergibt sich keine Notwendigkeit, die Lehrer jetzt abweichend von der Empfehlung vorzuziehen." Ältere Pädagogen und Lehrkräfte mit besonderen Vorerkrankungen würden schon jetzt priorisiert geimpft. Ob es darüber hinaus weitere Umstufungen geben solle, müsse die Politik entscheiden. "Die Begründung für eine geänderte Vorgehensweise muss dann allerdings auch von diesen politischen Entscheidungsträgern kommen", stellte Mertens klar.

Die Entscheidung ist nicht leicht, denn für andere, ebenfalls Präsenz zeigende Berufsgruppen gibt es ebenfalls keinen Vorrang: Supermarktkassierer, Friseure oder Essens-Lieferanten zu Beispiel. Wo setzt man also die Grenze? "Die Frage der Impfpriorität von Lehrkräften ist eine gesellschaftliche Güterabwägung", sagt Heinz-Peter Meidinger gegenüber watson dazu. Er ist der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und erklärt:

"Wenn es unserer Gesellschaft wichtig ist, Schulen zu sichereren Orten zu machen und möglichst bald verantwortbar für Präsenzunterricht zu öffnen, dann müssten Lehrkräfte möglichst bald geimpft werden."

Die Lehrer seien besorgt und das nicht unbegründet. "An einem Tag Präsenzunterricht trifft eine Lehrkraft locker auf 100 bis 150 Schüler im Nahbereich", sagt Meidinger. Eine aktuelle Simulationsstudie der TU Berlin habe ergeben, dass das Ansteckungsrisiko und der R-Wert in vollen Klassenzimmern ein Mehrfaches dessen betrage, was für Supermärkte, Großraumbüros, Geschäfte, Museen und Kulturveranstaltungen anzusetzen ist.

"Besonders hoch ist dieses Ansteckungsrisiko übrigens in der Oberstufe von Schulen", so der ehemalige Gymnasiallehrer weiter. "Wenn man dann noch weiß, dass einzelne Länder wie etwa Sachsen die Grundschulen für Präsenzunterricht geöffnet haben, auch wenn im jeweiligen Landkreis noch Inzidenzwerte über 100 herrschen, dann weiß man, dass die Sorgen von Lehrkräften absolut berechtigt sind."

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
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Der Verband sei über die Stellungsnahme der Stiko daher "sehr enttäuscht." Allerdings seien ja letztlich die Landesregierungen und Gesundheitsämter für die Impfreihenfolge zuständig, dort bestünde also noch Hoffnung. Besonders durch den Impfstoff Astrazeneca ergäben sich "Spielräume für eine frühe Impfung von Lehrkräften", da dieses Vakzin ohnehin nicht für ältere Menschen geeignet sei. "Nach der derzeitigen Impfpriorität wären Lehrkräfte erst im Sommer dran, das heißt: Für eine Öffnung von Schulen mit Präsenzunterricht kämen Impfungen viel zu spät", so Meidinger weiter. Es gehe auch nicht um die Impfung aller 800 000 Lehrkräfte, sondern nur diejenigen, "die jetzt oder demnächst bei noch hohen Inzidenzwerten volle Gruppen in Präsenz unterrichten oder betreuen müssen."

Schnelltest statt Impfungen?

Franziska Giffey (SPD) sieht noch einen weiteren Weg, um die Schulen langsam zu öffnen: die Anwendung von Schnelltests. Das erklärte die Familienministerin am Montag beim Besuch einer Kita in Potsdam. Dort nutzen die Beschäftigten zweimal die Woche einen Corona-Spucktest. Giffey sagte dazu, das sei etwas, "das eine Lösung sein kann, um die Zeit bis zum Impfen zu überbrücken." Schnelltests könnten dazu führen, dass man "in Kitas und Schulen auch mehr Kinder wieder in den Regelbetrieb bringen und gleichzeitig das Personal schützen kann", so ihre Meinung zum Potsdamer Test-Modell.

Giffey (re.) begutachtete das Schnelltest-Modell in der Kita "Abenteuerland" in Potsdam.
Giffey (re.) begutachtete das Schnelltest-Modell in der Kita "Abenteuerland" in Potsdam.
Bild: dpa / Soeren Stache

Die langen Schließungen hätten schon jetzt gravierende Auswirkungen auf die Kinder, beklagte sie weiter: "Wir sehen Einsamkeit, wir sehen depressive Verstimmungen, Bewegungsmangel und Bildungslücken", so Giffey. Tatsächlich hatte die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf erst vergangene Woche alarmierende Studienergebnis zum Thema Kinderpsyche und Corona vorgelegt. Das Fazit: Vier von fünf der über 1000 befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Corona-Pandemie belastet, fast jedes dritte Kind litt unter psychischen Auffälligkeiten.

Die Familienministerin:

"Wir wollen daher einen Dreischritt gehen aus stufenweiser Öffnung, dem Testen und dem perspektivisch schnelleren Impfen. Dies könne Kindern, Eltern und Erziehern eine echte Perspektive bieten."

Schnelltests findet auch Heinz-Peter Meidinger nicht schlecht. Er sagt, um die Schulen wieder zu öffnen, brauche es allerdings "tägliche oder mindestens zweimal wöchentliche Schnell-Selbsttestungen für Kinder und Lehrkräfte nach dem Vorbild Österreichs. Die sind allerdings bis dato in Deutschland noch nicht einmal zugelassen, geschweige denn in ausreichender Zahl vorhanden."

Außerdem fordert der Lehrerverband einen an das regionale Infektionsgeschehen gekoppelten Hygienestufenplan, der klar regelt, bei welchen Inzidenzen welcher Unterrichtsbetrieb möglich ist, eine qualifizierte Maskenpflicht auch in Unterrichtsräumen für alle Altersstufen und eben die schnellstmögliche Impfung der Lehrkräfte, "damit ein sicherer Schulbetrieb möglich ist".

Sorgen vor dritter Welle

Ein Stufenplan, tröpfchenweise Impfungen und mehr Schnelltests: Für viele Eltern, Lehrer und Schüler sieht das nach einem zu wackeligen Konstrukt aus. Über die Initiative "Sichere Bildung Jetzt!" wenden sich einige von ihnen daher in einem Video an die Kultusminister, viele von ihnen haben Familienmitglieder aus Risikogruppen. "In Anbetracht der Mutationen finden wir es unverantwortlich, dass in vielen Bundesländern die Präsenzpflicht wieder eingesetzt wird", sagt dort zum Beispiel Undine Balk, selbst Mutter dreier Schulkinder aus Brandenburg.

Die Initiative fordert "in der aktuellen Situation ein sofortiges Aussetzen der Präsenzpflicht, die Umsetzung der No-Covid Strategie, ein qualifiziertes Notbetreuungsangebot, sowie mittelfristig wirksamen Infektionsschutz in allen Kitas, Schulen und anderen Bildungs- und Betreuungseinrichtung."

Aufruf der Lehrer, Eltern und Schüler

Auf watson-Nachfrage stellen sie sich hinter die Forderungen der Lehrer. Es sei problematisch, eine Berufsgruppe derart niedrig in der Impfreihenfolge zu priorisieren, die im Präsenzunterricht täglich zu mehreren Dutzend Kontakten gezwungen würde, sagen sie in einem Statement. Das gilt allerdings ebenso für die Kinder und ihre Eltern: "Bis nicht alle Beteiligten, inklusive Lehrer und Lehrerinnen, Pädagogen und Pädagoginnen, Pfleger und Pflegerinnen, Eltern und Kinder ein wirksames Impfangebot erhalten können, ist das in keinster Weise zumutbar."

"Ein Festhalten an einer Präsenzpflicht und ausgeübter Druck auf die im Bildungssystem Beschäftigten sind absolut fatal", so ihr Fazit. Sie befürchten: Wenn die Schulen wieder öffnen, ohne dass die Beteiligten geimpft sind, würde sich das Szenario nach den Sommerferien 2020 einfach wiederholen – und wir wären mitten in einer dritten Welle.

(mit Material von afp und dpa)

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