Fawn Response: Warum einige Menschen lächelnd auf Attacken reagieren
Menschen reagieren unterschiedlich auf Angriffe. Manche wehren sich ("Fight") oder ergreifen die Flucht ("Flight"), andere erstarren im Schock ("Freeze") – doch scheint es eine vierte, noch kaum erforschte Stressreaktion zu geben: Unterwerfung.
Bei der sogenannten "Fawn Response" (übersetzt "Rehkitz-Reaktion") versuchen Betroffene, Angreifer:innen zu beschwichtigen. Sie reagieren unterwürfig, lächelnd und deeskalierend, um sich vor Schlimmerem zu schützen. Das klingt widersprüchlich, ergibt aber gerade bei ungleichen Kraft- und Machtverhältnissen für die Betroffenen durchaus Sinn.
Was steckt hinter dieser Stressreaktion, auch "Bambi-Effekt" genannt? Watson fasst zusammen.
Was ist die "Fawn Reponse"?
Vor zwanzig Jahren fiel einem Psychotherapeuten in Berkeley (USA) bei Klient:innen ein Verhaltensmuster auf, das sich nicht den drei bekannten Stressreaktionen unterordnen ließ. "Ich habe es als 'fawn response' bezeichnet", notierte Pete Walker 2003. "Als viertes 'f' im 'fight/flight/freeze/fawn'-Repertoire der instinktiven Antworten auf Trauma." Fawning bringt Betroffene dazu, "Ausbeutung und Missbrauch zu akzeptieren". Es sei oft in Abhängigkeitsverhältnissen zu finden.
Psychologin Sophie Lauenroth erklärt gegenüber watson: "Die 'Fawn Response' beschreibt eine Stressreaktion, bei der Menschen versuchen, Sicherheit herzustellen, indem sie andere beschwichtigen, sich anpassen und möglichst konfliktscheu agieren." Betroffene gingen in einen Modus von: "Ich mache es allen recht, damit nichts Schlimmes passiert."
"Menschen wählen dieses Verhalten nicht aktiv, sondern es läuft automatisch ab – ausgelöst durch innere Not", berichtet Lauenroth. Die "Fawn Response" passiert unterbewusst.
Die Studienlage dazu ist noch dünn, das Wissen beruht vorrangig auf Beobachtungen der Traumatherapie. Auch das (akademisch umstrittene) "Stockholm-Syndrom" wird von Fachleuten heute als "Fawn Response" bewertet.
Was ist die Ursache der "Fawn Response"?
Welcher Art von Stressreaktion wir unterliegen, entscheidet sich oft früh, auch beim "Bambi-Effekt". Lauenroth erklärt:
Im Elternhaus sind Flucht- oder Kampf-Strategien unwirksam. Pete Walker: "Leider heben sich viele misshandelnde Eltern ihre härtesten Strafen für 'Widerworte' auf und unterdrücken so den Kampfinstinkt des Kindes." Wenn Protest Schlimmeres nach sich zieht, gewöhnen sich Menschen ein "Nein" regelrecht ab.
Besänftigen sei hingegen eine Strategie, die "tatsächlich schützt", betont Lauenroth. Das Problem sei nur, dass sich dieses Muster fortsetze, "selbst wenn die ursprüngliche Bedrohung längst nicht mehr existiert." Denn nun hätte das Nervensystem gelernt: "Gefahr lässt nach, wenn ich gefalle."
Neigen Frauen häufiger zur "Fawn Response"?
Es ist wissenschaftlich belegt, dass von Mädchen Anpassung erwartet wird, während es als positive männliche Eigenschaft gilt, sich durchzusetzen. Angesichts dessen vermuten Therapeut:innen, dass Fawning besonders bei Frauen auftaucht.
"Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass Frauen anfälliger für solche Muster sind", führt Lauenroth aus:
- Sozialisation: Mädchen werden häufiger dazu erzogen, rücksichtsvoll und angepasst zu sein.
- Stressreaktionen: Frauen zeigen unter Stress häufiger Verhaltensweisen, die auf Beziehungssicherung ausgerichtet sind.
- Erfahrungen mit Grenzverletzungen: Frauen erleben statistisch öfter emotionale oder körperliche Gewalt – da können beschwichtigende Strategien überlebenswichtig sein.
"Das bedeutet nicht, dass Männer nicht fawnen", ergänzt die Therapeutin, "aber gesellschaftliche Rahmenbedingungen machen es bei Frauen wahrscheinlicher."
Was sind typische Anzeichen von Fawning?
Wer sich fragt, ob er oder sie zum Fawning neigt, für den hat Lauenroth aufgelistet, was Hinweise sein können:
- starker Drang, anderen zu gefallen oder es allen recht zu machen
- Schwierigkeiten, "Nein" zu sagen oder eigene Bedürfnisse zu äußern
- übermäßige Entschuldigungen, selbst für Kleinigkeiten
- schnelles Beschwichtigen bei Konflikten oder Kritik
- angespanntes Beobachten, ob andere zufrieden sind
- das Gefühl, die eigenen Grenzen nicht klar spüren oder formulieren zu können
- Entscheidungen werden oft an den Wünschen anderer ausgerichtet, nicht an den eigenen
- Menschen berichten häufig, dass sie sich "automatisch kleinmachen", wenn Spannung entsteht.
Warum Selbstdiagnosen problematisch sind
Dieser Text beschäftigt sich mit Symptomen psychischer Krankheiten. Er kann hilfreich sein, da im Alltag oft nicht offen genug darüber gesprochen wird: um das Thema zu enttabuisieren und Menschen dazu zu ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen.Aber dieser Artikel soll nicht zu einer Selbstdiagnose verleiten. Er ersetzt keine professionelle Diagnose und Behandlung. Nur ausgebildete Ärzt:innen oder Therapeut:innen haben auch Kenntnis über weitere Umstände, die das Abgrenzen von Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik ermöglichen.
Ein solches Verhaltensmuster kann "kurzfristig" Konflikte verringern, führt "langfristig aber zu Problemen", sagt die Expertin, darunter:
Kann man Fawning als Verhaltensweise ablegen?
Die gute Nachricht: Solche Muster sind überwindbar. Gegenüber watson erklärt Therapeutin Sophie Lauenroth die wichtigsten Schritte:
- Bewusstwerden: Verstehen, dass es sich um ein erlerntes Schutzverhalten handelt – nicht um persönliches Versagen.
- Nervensystem stabilisieren: Trauma- und körperorientierte Ansätze helfen, nicht mehr automatisch in alte Muster zu rutschen, wenn ein Konflikt auftaucht.
- Grenzen üben: Kleine "Neins", klare Wünsche und realistische Erwartungen formulieren.
- Kontakt zu eigenen Bedürfnissen aufbauen: Achtsamkeit, Reflexion und therapeutische Arbeit helfen.
- Beziehungsmuster hinterfragen: Ungesunde Dynamiken erkennen und – wo möglich – verlassen.
Auch US-Therapeut Pete Walker berichtet von "beachtlichen Erfolgen". Gerade bei Menschen, deren Selbstbestimmungsversuche in der Kindheit beschämt wurden, gelänge es oft, Erfahrungen neuronal neu zu "vernetzen", sodass sie Stück für Stück wieder für ihre Grenzen einstünden.
Gibt es "Fawn Response" bei sexuellen Übergriffen?
Absolut. Doch gerade "bei sexuellen Übergriffen oder Belästigung" werde die Überlebensstrategie oft "grundlegend missverstanden", sagt Lauenroth, "weil viele Menschen davon ausgehen, dass ein 'normales' Reagieren Flucht oder Gegenwehr sein müsse."
Dabei gäbe es keinen "Standard, wie ein Mensch unter extremem Stress" reagiert." Das Nervensystem entscheide in Sekundenbruchteilen – und eine Fawn-Reaktion laufe genauso automatisch ab, wie wegrennen. Die Expertin:
Fawning sei aber nur ein Versuch, Gewalt zu vermeiden, "nicht ein Zeichen von Zustimmung", betont Lauenroth:
Das zu verstehen, ist extrem wichtig. Die Psychologin: "Das Ausbleiben von körperlicher Gegenwehr ist kein Indiz für Zustimmung – es ist eine typische, biologisch erklärbare Schutzreaktion."
Viele Überlebende schämen sich im Nachhinein für ihr freundliches Verhalten. Doch gibt es keinen Grund für Selbstvorwürfe. Auch wenn das Umfeld es nicht immer begreift (Stichwort: Victim Blaming) und Gegenwehr strafrechtlich weiterhin ein Faktor ist – Fawning lässt sich psychologisch erklären, ist sogar "völlig normal", tröstet Lauenroth abschließend.
