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Amazon-Zweigstelle in Leipzig: Hier streiken heute hunderte Mitarbeiter. Bild: www.imago-images.de / Peter Endig

"Amazon wird sich letztlich beugen müssen" – Ausgerechnet am Black Friday wird bei Amazon gestreikt: Mitarbeiter wollen faire Arbeitsbedingungen, doch der Konzern sieht das anders

Gastronomen, Kulturbetriebe oder auch Dienstleister traf die Corona-Pandemie hart. Manche kämpfen mit sinkenden Umsätzen, andere mussten bereits Insolvenzen anmelden. Wer schon vor der Pandemie gefährdet war, dürfte nun am Ende sein. Sars-Cov-2, ein Brandbeschleuniger für fragile Existenzen. Ein Unternehmen ist jedoch weit davon entfernt, ausgebrannt zu sein: Amazon. Dort wirkte der Brandbeschleuniger vielmehr als Treibstoff, der den Versandhändler in neue Sphären beförderte – sehr zum Leidwesen seiner Mitarbeiter.

Kaum ein anderer profitierte stärker von der Pandemie als Amazon. Bereits im ersten Quartal dieses Jahres stieg Amazons Umsatz von rund 69 auf 75,5 Milliarden Euro. Und der Trend zieht sich durch das Jahr 2020. Logisch: Die Menschen werden angehalten, zu Hause zu bleiben. Zwar haben, im Gegensatz zum ersten Lockdown, Einzelhändler jeglicher Art geöffnet, doch etwas zu bestellen ist einfacher und für die Gesundheit sicherer.

Nun kommen Verkaufsfeiertage wie der Black Friday oder der Cyber Monday hinzu. Bis Weihnachten dürften viele Menschen dem Versandhändler noch jede Menge Geld in die Kassen spülen. Jeff Bezos sprach bereits von "mehr Kunden denn je" und einer "beispiellosen Weihnachtssaison". Auch Amazon-Mitarbeiter bekommen etwas: Überstunden, Überstunden, Überstunden. Gewünscht haben sie sich die wahrscheinlich nicht – wohl aber bessere Arbeitsbedingungen.

Kampf um bessere Verträge

Damit sie diese auch bekommen, rief die Gewerkschaft Verdi sieben deutsche Versandzentren zu Streiks rund um den Black Friday auf. Für Amazon ein leidiges Thema. Seit Jahren streiken die Mitarbeiter immer wieder für einheitliche Tarifverträge. Verdi-Sprecher Orhan Arkman sagt dazu im Gespräch mit watson:

"Tarifverträge bieten den Kolleginnen und Kollegen die Sicherheit, in Fragen des Einkommens und von Maßnahmen zum Schutz ihrer Sicherheit und Gesundheit nicht auf das Wohlwollen von Management und Schichtleitern angewiesen zu sein."

Dass Amazon das ablehnt, spiegele keinerlei Wertschätzung für die tägliche Arbeit der Beschäftigten wider. Dabei wäre die bitter nötig. Amazon macht grundsätzlich Milliardenumsätze aufgrund des Black Fridays, Cyber Mondays und des Weihnachtsgeschäfts. Für die Beschäftigten bedeutet das jedoch mehr Stress und einen höheren Druck. Als Dank kündigte das Unternehmen Sonderzahlungen oder eben Warengutscheine an, die den Aufwand laut Arkman jedoch nicht auffangen können.

Was ist ein Tarifvertrag?

Ein Tarifvertrag regelt die Rechte und Pflichten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Dabei werden viele Fragen zu Arbeitsbedingungen, wie etwa Lohn, Wochenarbeitszeit, Höchstdauer der täglichen Arbeitszeit oder auch die Urlaubsdauer geklärt. Der Tarifvertrag gilt als sogenannte bindende Vereinbarung zwischen der Gewerkschaft und dem Arbeitgeber. Vorteil eines solchen Vertrages ist, dass ausgehandelte Arbeitsbedingungen zwingend gelten. So muss nicht jeder einzelne Arbeitnehmer mit dem Arbeitgeber verhandeln, sondern kann direkt die Bedingungen des Tarifvertrags in Anspruch nehmen. Wird außerdem in einem Arbeitsvertrag etwas Schlechteres als im Tarifvertrag ausgehandelt, gilt letzterer.

Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen befürchten jedoch Repressalien, sobald sie sich an Streiks beteiligen, besonders, wenn sie befristet eingestellt sind. Bei Amazon herrscht eine Angstkultur. Im April wurde etwa ein Mitarbeiter in den USA gekündigt, nachdem er einen Streik wegen unzureichenden Schutzes gegen das Coronavirus am Arbeitsplatz organisiert hatte. In Deutschland wäre das arbeitsrechtlich zwar nicht möglich, einem befristeten Arbeitnehmer den Vertrag nicht zu verlängern hingegen schon.

Viel Kritik an Amazon

Auch steht das Unternehmen in der Kritik, seine Mitarbeiter etwa via Wearables, also Armbändern, zu überwachen, worauf eine Studie oder auch die "Vice" aufmerksam machte. Amazon dementierte. Das Arbeitsklima dürfte das kaum beflügeln. Der Versandhändler bemerkte das, produzierte daraufhin einige Werbespots, in denen er sich als guten Arbeitgeber inszeniert. Außerdem konnte die Verdi laut Arkman hierzulande einige Siege einfahren:

"Durch unseren langanhaltenden Arbeitskampf gibt es durchaus viele Verbesserungen für die Beschäftigten, zum Beispiel Lohnerhöhungen, aber mittlerweile auch eine Sonderzahlung. Die US-Zentrale des Konzerns fürchtet aber offenbar, dass eine Anerkennung gewerkschaftlicher Interessenvertretung in Deutschland auch die Kämpfe der Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern befördern würde. Das wird uns nicht davon abhalten, den Kampf bis zur Durchsetzung unserer Forderungen fortzusetzen."

Das dürfte einige Beschäftige anspornen. Wie viele von ihnen letztlich streiken, wird sich noch zeigen. In Leipzig legten bereits 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Versandcenters ihre Arbeit nieder. Laut Arkman rechne die Verdi mit rund 2.500 Streikenden bis Samstag. Zum Black Friday ein Schlag auf Amazons empfindlichste Stelle: dem Portmonee. Ein Volltreffer dürfte das aber nicht werden.

Auch im vergangenen Jahr gab es Streiks zum Black Friday. Auch da ging es um Tarifverträge. Doch selbst wenn die Verdi einige Erfolge feiert, das Hauptziel ist noch nicht erreicht. Es ist nicht einmal klar, ob es überhaupt in der Nähe ist. Freiwillig werde der Konzern sein Geschäftsmodell, das laut Arkman auf Ausbeutung der Beschäftigten basiert, nicht ändern, so der Verdi-Sprecher.

Kein spürbarer Effekt

Die Streiks dürften ohnehin keinen Unterschied machen, Verbraucherinnen und Verbraucher bekommen weiterhin ihre Pakete. Laut einem Amazon-Sprecher haben sie sich schließlich bisher nicht auf Lieferungen ausgewirkt. Bestellungen kommen demnach stets pünktlich an. Doch selbst Verzögerungen dürften Amazons Umsätze kaum schmälern.

Die Waren sind bereits bestellt, das Geld dafür überwiesen. Und als Marktführer wird der Versandhändler selbst bei kleineren Komplikationen erhalten bleiben. Er ist schnell, häufig günstig und in der Regel zuverlässig. Dazu kommt noch, dass er alles anbietet, sogar Lebensmittel. Die Benutzerfreundlichkeit kam ihm stets zugute. Es wird wohl kaum jemand von Seite zu Seite springen, um Bücher, Filme, Videospiele und eine neue Kamera zu kaufen – geschweige denn von Laden zu Laden laufen. Am Black Friday während der Corona-Pandemie ist das noch unwahrscheinlicher.

Wie Arkman sagt, weigerte sich Amazon bisher, Verhandlungen mit Verdi aufzunehmen. Gegenüber watson sagte ein Sprecher, dass Amazon bereits "exzellente Löhne, exzellente Zusatzleistungen und exzellente Karrierechancen" bietet. Zu den Tarifverträgen sagt er jedoch exzellent wenig – nichts, um genau zu sein. Stattdessen betont der Sprecher, dass sie die 16.000 festen und 10.000 Saisonarbeitskräfte darauf konzentrieren, "den Menschen gerecht zu werden, die sich in diesen Zeiten auf uns verlassen". Weiterhin sagt er:

"Wie jeden Tag konzentrieren sich auch heute unsere Teams darauf, die Pakete zum Kunden zu bringen. Auswirkungen auf Kundenlieferungen haben die Aktionen nicht, der allergrößte Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitet ganz normal.

Amazon bietet ein Umfeld in dem man gerne arbeitet, sich einbringen und erfolgreich sein kann. (...) Diese Vorteile und Chancen hat jede und jeder bei Amazon, genauso wie die Möglichkeit zum direkten Austausch mit Führungskräften. Das Lohnpaket samt der Zusatzleistungen und unsere Arbeitsbedingungen bestehen auch im Vergleich mit anderen wichtigen Arbeitgebern in der Region."

Nichtsdestotrotz bleibt Arkman zuversichtlich:

"Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hat in der Vergangenheit schon ganz andere Gegner in die Knie gezwungen, und auch Amazon wird sich dem letztlich beugen müssen."

Bisher sieht es zwar weniger nach Kniefall, sondern eher nach Fußtritt aus, aber wer weiß, wie sich die Situation im Unternehmen noch weiterentwickelt. Ein Wandel wäre jedenfalls nötig.

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