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Junge Menschen sollen in Berlin nicht mehr mit Astrazeneca geimpft werden. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Sanja Radin

Analyse

Erneuter Impfstopp mit Astrazeneca: Epidemiologe erklärt, in welchen Fällen junge Menschen dennoch geimpft werden sollten

Die Gesundheitsminister haben am Dienstag beschlossen, keine Menschen unter 60 mehr mit dem Vakzin von Astrazeneca impfen zu lassen. Grund dafür ist das Risiko von Thrombosen, die im Zusammenhang mit der Impfung vermutet, bislang aber noch nicht bestätigt werden konnten. Beobachtet wurden die Thrombosen vor allem bei jüngeren Frauen.

Zuerst hatten Berlin, München und Brandenburg beschlossen, Astrazeneca bei unter 60-Jährigen auszusetzen. Auch der Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen hat die Impfung jüngerer Frauen mit Astrazeneca ausgesetzt, bis zwei Thrombose-Fälle abschließend untersucht worden sind: Eine 47-Jährige hatte wenige Tage nach der Impfung eine Sinusvenenthrombose im Hirn entwickelt und ist daran verstorben. Eine weitere Patientin befindet sich noch in Behandlung.

Impfung mit Astrazeneca wurde schon einmal gestoppt

Erst vor wenigen Wochen wurde ein bundesweiter Impfstopp mit dem Mittel von Astrazeneca verordnet, der nach wenigen Tagen allerdings wieder aufgehoben wurde: Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hatte den Sachverhalt innerhalb weniger Tage geprüft und das Vakzin von Astrazeneca als sicher eingestuft, ebenso wie die Ständige Impfkommission (Stiko). Die EMA begründete ihre Entscheidung am 18. März wie folgt:

"Die Vorteile des Impfstoffs bei der Bekämpfung der immer noch weit verbreiteten Bedrohung durch Covid-19 (die selbst zu Gerinnungsproblemen führt und tödlich sein kann) überwiegen weiterhin das Risiko von Nebenwirkungen."

Der Impfstopp in zwei Großstädten für Menschen unter 60 gilt zunächst als Vorsichtsmaßnahme. Dennoch könnte die Entscheidung der Krankenhäuser eine nicht unbedeutende Strahlkraft haben – und zusätzliche Verunsicherung gegenüber dem Impfstopp schüren. Experten müssen nun abwägen: Was wiegt schwerer, das Risiko einer Thrombose – oder einer Ansteckung mit dem Coronavirus?

Zunächst galt der Impfstopp in Berlin lediglich für Frauen unter 55. "Vorsorglich junge Frauen nicht zu impfen wegen des Thromboserisikos, ist grundsätzlich nachvollziehbar", sagt Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule. Der Epidemiologe meint allerdings, dass man "in Einzelfällen bei einem hohen Risiko von Covid-19 nochmal prüfen" sollte, ob es nicht doch sinnvoller wäre, mit Astrazeneca zu impfen, sollte kein anderes Vakzin vorhanden sein. "Denn hier überwiegt der Nutzen das Risiko", schätzt Ulrichs die Lage ein.

Der Epidemiologe verweist zudem auf den Impferfolg in Großbritannien: Dort werden auch jüngere Frauen mit dem Mittel von Astrazeneca weiter geimpft. Bereits 44,4 Prozent der Bevölkerung, also 30,2 Millionen Menschen, haben dort bereits ihre erste Impfung erhalten, zu großen Teilen von Astrazeneca.

Was die Nebenwirkungen nach einer Impfung mit Astrazeneca insgesamt angeht, sagt Ulrichs:

"Das Risiko ist sehr, sehr niedrig und rechtfertigt nicht eine Änderung der aktuell gültigen Impfempfehlungen."

Das Risiko, schwerwiegend an Covid-19 zu erkranken, sei höher als das einer Hirnvenenthrombose.

Die Zahlen zeigen: Frauen erleiden häufiger eine Thrombose nach der Impfung als Männer

Laut einer Hochrechnung des "Spiegel" wurden bislang 1,78 Millionen Frauen unter 70 in Deutschland mit Astrazeneca geimpft, gleichzeitig wurden 29 Sinusvenenthrombosen in dieser Gruppe beobachtet. Das entspricht einem Fall auf 61.400 Geimpfte. Bei Männern ist es lediglich ein Fall pro 432.000 Geimpfte. Das Risiko scheint also deutlich geringer, sofern tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Impfung und einer Thrombose besteht.

Zu einem endgültigen Ergebnis, wie riskant Astrazeneca für jüngere Frauen ist, sind die Experten noch nicht gekommen. Für zahlreiche Berliner und Berlinerinnen, die bereits einmal mit Astrazeneca geimpft worden sind, wird der zweite Impftermin allerdings zunächst ausfallen. "Die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff vorzunehmen, sollte keine Probleme bereiten und einen umfassenden Impfschutz sicherstellen", meint Ulrichs.

"Allerdings liegen dazu keine ausreichenden Daten vor, und deshalb wird es zurzeit nicht empfohlen", gibt der Epidemiologe zu bedenken.

"Grundsätzlich gilt, wir sollten umgehend alles verimpfen, was wir haben, auch Astrazeneca."

Ob allerdings weiterhin bedenkenlos an Menschen jedes biologischen Geschlechts und fast jedes Alters verimpft werden kann, wird sich noch zeigen.

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