Leben
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Eine Frau und ein Mann beim Liebesspiel. Viele erwarten immer noch, dass Intimitäten in einer Beziehung nur mit dem Partner oder der Partnerin stattfinden. Bild: E+ / South_agency

Analyse

Sex außerhalb der Beziehung: Warum Frauen es heute häufiger tun

Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Freund, er hätte sowas wie eine neue Freundin. Irgendwie. Bisher nennen sie ihren Status "unkompliziert" und "eine schöne zwischenmenschliche Beziehung".

Exklusivität haben die beiden deswegen auch nicht vereinbart, zumindest bisher noch nicht. Das heißt, wenn er oder sie Lust auf Sex mit jemand anderem haben, dann melden sie das an – oder vielleicht erzählen sie es auch erst hinterher – und das ist dann in Ordnung, sagt mein Kumpel.

"So kann das ja nix werden", kommentierte ein anderer Freund trocken. Denn Beziehung geht nur als Paarbeziehung und selbstverständlich monogam – alles andere ist ja irgendwie keine richtige Liebe.

So sehr wir uns Monogamie wünschen: Sie funktioniert nicht immer

Damit vertritt er die wohl gängige Meinung, die über romantische Liebe in unserer Gesellschaft vorherrscht: Sie funktioniert nur, wenn man lediglich Augen für den eigenen Partner oder die Partnerin hat. Mal nach links oder rechts schielen verletzt das Gebot der Monogamie – egal, wie charmant eine Französin in süßen 90ies-Popsongs "Isch liebe Liebe zu dritt" ins Mikro hauchen mag.

So sehr wir Fremdgehen, Affären oder auch offene Beziehungskonzepte verurteilen: In der Realität klappt das mit der Exklusivität recht häufig gar nicht mal so gut. Auch Paartherapeutin Birgit Neumann-Bieneck sagt im Gespräch mit watson:

"Monogamie hat noch nie richtig funktioniert und gab es eigentlich auch noch nie."

Frauen tun es häufiger

Neumann-Bieneck erklärt weiter, dass früher vor allem Männer immer wieder Außenbeziehungen hatten. "Dass Frauen fremdgegangen sind, kam wohl etwas seltener vor."

Mittlerweile hat sich das geändert: Laut einer repräsentativen Umfrage von Elite-Partner gehen mehr Frauen fremd als Männer. 30 Prozent geben an, ihren Partner bereits betrogen zu haben – bei den Männern sind es 27 Prozent. Möglich ist allerdings auch, dass nicht die Zahlen sich geändert haben, sondern die Offenheit: Schließlich äußern sich Frauen heutzutage generell freier über Sex als noch vor Jahren.

"Ein anderes Phänomen ist, dass Frauen hierzulande leichten Zugang zu Verhütungsmitteln haben", fügt die Paartherapeutin hinzu. Vor Pille, zuverlässigen Kondomen oder Spirale war eine monogame Lebensweise auch ein Schutz vor ungewollter Schwangerschaft für Frauen. "Jetzt können sie leichter bestimmen, wann sie Sex haben wollen und mit wem."

Schnellen Sex findet man praktisch überall

Generell war es laut Neumann-Bieneck noch nie so einfach, einen unverbindlichen Sexpartner zu finden wie heute. Die Versuchung, sich nach anderen Partnern als dem festen umzuschauen, ist also groß: "Wenn jemand Lust hat auf einen erotischen Chat, muss er nur die entsprechende App öffnen."

So einfach es allerdings auch ist, unverfänglichen Sex in Form von Seitensprung oder Affäre zu finden, so sehr wird Untreue dennoch verurteilt. Laut Neumann-Bieneck geben viele Menschen in Umfragen an, sich von ihrem Partner zu trennen, wenn dieser sie betrügen würde. Deswegen würde es für viele wohl auch nicht infrage kommen, eine offene Beziehung zu führen, wie es eben mein Kumpel gerade versucht. Für die meisten Menschen hierzulande gehört Treue zu einer festen Beziehung dazu, auch, wenn sie selbst mal fremdgehen. Paradox, oder? Nicht ganz, denn: "Untreu zu sein ist nicht gleichzusetzen mit dem Sinken moralischer Vorstellungen", sagt auch Psychologin Lisa Fischbach in der Elite-Partner-Umfrage, die beim Unternehmen für den Bereich Forschung und Matchmaking zuständig ist.

Rein pragmatisch gesehen ist es allerdings vielleicht auch ein bisschen viel verlangt vom Partner oder der Partnerin, sich nie, nie, nie nach einer anderen Person zu sehnen – vor allem, wenn man plant, wirklich langfristig zusammenzubleiben. Neumann-Bieneck dazu:

"In der gesamten Menschheitsgeschichte hat es noch nie Beziehungen gegeben, die so lange halten, wie heutzutage."

Weiterhin sagt die Therapeutin zu watson: "Meine Eltern feiern dieses Jahr zum Beispiel ihren 60. Jahrestag – so hoch war früher nicht einmal die Lebenserwartung an sich." Dadurch habe sich das Grundwesen von Partnerschaften verändert: Nach 20, 30 Jahren will man vielleicht einfach nicht mehr mit dem- oder derselben Partner oder Partnerin schlafen. Irgendwie logisch.

Auch wenn's schwerfällt: Sexuelle Bedürfnisse offen kommunizieren hilft

Deswegen wäre es am einfachsten, wenn wir über unsere Bedürfnisse, sich außerhalb der festen Partnerschaft auszuleben, mit dem Freund oder der Freundin reden würden, anstatt solche Anwandlungen direkt zu verurteilen. "Wenn man das Gefühl hat, sich sexuell ausleben zu wollen, sollte man definitiv mit seinem Partner drüber sprechen", bestätigt auch Neumann-Bieneck. Der Vorteil ist: "Manchmal ergibt sich daraus auch, dass die Sexualität in der Partnerschaft neu gedacht wird – ohne, dass sie außerhalb der Beziehung ausgelebt werden muss."

Als Therapeutin ist Neumann-Bieneck der Auffassung, dass die Sexualität eines jeden Menschen Individualrecht ist.

"Dieses Recht sollte in einer Beziehung nicht zwangsweise aufgegeben werden müssen. Das gilt auch, wenn die Geschmäcker und Bedürfnisse ganz unterschiedlich sind. Wenn zum Beispiel ein Partner SM-Spiele besonders mag, man selbst aber gar kein Fan davon ist, sollte man in der Partnerschaft die Frage verhandeln können: Räumt man dem Freund oder der Freundin die Möglichkeit ein, diese Sexpraktik vielleicht mit anderen Menschen auszuleben? Oder muss auf dieses Bedürfnis verzichtet werden? Und wenn ja, was würde das für die Beziehung bedeuten?"

Manchmal kann es auch entlastend sein für die Beziehung, dem Partner oder der Partnerin mehr sexuelle Freiheiten einzuräumen, die man selbst nicht erfüllen kann oder möchte. "Viele Menschen glauben, ihr Partner müsse alles erfüllen, gleichzeitig der beste Freund oder die beste Freundin, Liebhaber oder Liebhaberin, Vater oder Mutter sein", erklärt die Paartherapeutin. "Aber niemand kann alle Rollen gleichwertig in sich vereinen, das würde man von seinen Freunden beispielsweise auch nicht erwarten."

Wenn du eifersüchtig bist: Frage dich, warum

Dass man hin und wieder Eifersucht fühlt, ist übrigens ganz normal. Auch, wenn es besonders unangenehm ist und es uns oft schwerfällt, offen darüber zu reden, hilft es manchmal, mit dem Partner zu verhandeln, wenn man eifersüchtig ist. Egal, ob man in einer monogamen oder offenen Beziehung lebt: "Wenn wir Eifersucht verspüren, sollten wir versuchen, uns zu fragen: Was ist der Grund für dieses Gefühl?", rät auch Neumann-Bieneck.

Auch wenn Monogamie in der Menschheitsgeschichte und gesamtgesellschaftlich nicht immer funktioniert hat: "Es gibt natürlich Paare, die monogam leben", gibt die Paartherapeutin zu bedenken.

"Insofern finde ich das Konzept nicht überholt. Es gibt aber eben auch andere Modelle von Partnerschaft, und die haben genauso ihre Daseinsberechtigung. Das Wichtigste ist, dass die Partner ihre Wünsche miteinander verhandeln können."

Du kannst also genauso gut einen Partner oder eine Partnerin haben und vollkommen glücklich sein in deiner monogamen Beziehung. Und wenn sich deine Bedürfnisse mal ändern sollten, such im Idealfall das offene Gespräch. Das ist allemal fairer und entspannter, als wenn du dich im schlimmsten Fall in ein Netz aus Lügen, Seitensprüngen und Affären verstrickst.

Zum Schluss noch Tipps von der Therapeutin, wie es mit der offenen Beziehung klappen könnte:

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