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Oft führt Eifersucht zu Verlustangst. Bild: Getty Images

Interview

"Bitte verlass mich nicht": Warum Angst vor dem Ende deiner Beziehung schadet

Eigentlich läuft deine Beziehung wunderbar. Ihr quatscht viel, unterstützt euch gegenseitig und vom Sex brauchen wir nicht anzufangen. Alles toll. Einfach toll. Und trotzdem quält dich Tag für Tag der Gedanke, dass plötzlich alles vorbei sein könnte. Warum das so sein sollte, kannst du dir nicht erklären. Vielleicht hast du etwas Falsches gesagt, vielleicht hat dein Partner oder deine Partnerin sich neu verliebt, vielleicht bildest du dir das Ganze aber auch ein. Doch selbst wenn das alles nur in deinem Kopf geschieht, die Angst, irgendwann allein zu sein, hält sich hartnäckig.

Wir sprachen mit dem Paartherapeuten Josef Aldenhoff darüber, woher die Verlustangst überhaupt kommt, in welcher Verbindung sie mit unserer Kindheit steht und wie sie sich bekämpfen lässt.

"Wichtig ist zu lernen, dass ich keine volle Sicherheit, geschweige denn eine totale Kontrolle, über mein Leben haben kann."

watson: Wie genau funktioniert Verlustangst und ist sie manchmal berechtigt?

Josef Aldenhoff: Bei Verlustangst fürchten wir uns davor, eine geliebte Person im Leben zu verlieren. Das Gefühl kann durchaus berechtigt sein. Etwa weil man mitbekommt, dass die andere Person sich zurückzieht oder krank ist. Andererseits spielt sich Angst immer auch im Kopf ab. Sie ist da, obwohl eine Beziehung vollkommen harmonisch ist. Auch wenn zum Beispiel Eifersucht manchmal begründet sein kann, ist das Kopfkino meistens völlig dysfunktional. Angst ist in der Regel ein Schutzmechanismus, etwa um unser Überleben zu sichern.

Nun scheint die Verlustangst solch einen Zweck aber nicht zu erfüllen. Warum gibt es sie trotzdem?

Für uns Menschen ist eine Beziehung zu anderen Menschen fast alles. Wir sind soziale Wesen und viel sozialer als unsere Vorfahren oder auch als die Primaten, die wir heute kennen. Alle anthropologischen Studien belegen, dass Menschen viel empathischer und kooperativer sind. Wenn man so will, sind wir Beziehungswesen. Entsprechend wichtig sind uns Bindungen, die wir im Laufe des Lebens aufbauen. Je nachdem, wie unsere Kindheit aussah, schätzen wir unsere Bindungen unterschiedlich stark ein.

Inwiefern?

Bereits kurz nach der Geburt suchen Babys einen intensiven Kontakt zur wichtigsten Bezugsperson – meist ist es die Mutter. Daraus entwickelt sich, was Psychologen die "Bindungsstruktur" nennen. Ob und wie ich mich als Erwachsener an eine andere Person binden kann, hängt letztlich davon ab, wie sich meine wichtigsten Bezugspersonen in der frühen Kindheit mir gegenüber verhalten haben. Die ersten vier, fünf Jahre sind entscheidend.

Jetzt muss natürlich nicht alles optimal in der Erziehung ablaufen. Was für Bindungsstrukturen können sich denn genau entwickeln?

Optimal wäre der "sichere Bindungstyp". Kinder wissen, dass die Bezugsperson grundsätzlich verlässlich da ist. Geht sie kurz weg, weint das Kind vielleicht, spielt dann aber weiter. Sobald die Bezugsperson wiederkommt, zeigt es seine Freude. Das ist der Idealfall, von dem es viele Abstufungen gibt: unsicherer, nicht verlässlicher Kontakt verunsichert das Kind stark, weshalb es intensiv versucht, diesen Kontakt sicherzumachen. Manche Kinder kämpfen regelrecht um einen guten Kontakt zur Bezugsperson.

Unser Beziehungsverhalten hat sich also in Abhängigkeit davon entwickelt, wie wir aufgewachsen sind. Jemand, der eine sichere Bezugsperson hatte, wird nicht nervös, sobald die Beziehung ein wenig kriselt oder es eine Zeit lang keinen Kontakt gibt, wie es jetzt bei Corona der Fall war. Je nachdem, wie man aufgestellt ist, hat man mehr oder weniger Angst, eine Beziehung zu verlieren.

"Vertrauen ist immer meine Sache, nicht die des anderen."

Werden Kinder denn geschädigt, wenn sich ihre Beziehungsstruktur grundsätzlich ändert, etwa bei einer Scheidung?

Zum einen kommt es drauf an, in welchem Alter das Kind ist und zum anderen, wie die Eltern damit umgehen. Scheidungen sind ja ein häufiges Phänomen. Und natürlich gibt es da unterschiedliche Varianten. Gibt es einen Rosenkrieg, bei dem die Kinder instrumentalisiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass die Beziehungsstruktur der Kinder in Mitleidenschaft gezogen wird.

Etwa wenn das Kind bei einer Eltern-Partei ist und diese es ausnutzt, um der anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Das ist eine ziemliche Katastrophe, weil das Kind in eine Art Geiselhaft genommen wird. Dann gibt es aber auch Trennungen, bei der beide Parteien das Kind möglichst schützen wollen und sich um regelmäßigen und verlässlichen Kontakt bemühen.

Wenn ich Verlustangst habe, laufe ich Gefahr, zu fest zu klammern, den Partner oder die Partnerin quasi zu erdrücken. Führt das nicht genau zu dem, wovor man sich fürchtet?

Jein. Anfangs hat das häufig den erwünschten Effekt. Wenn ein Partner seine Angst äußert, führt das zunächst oft dazu, dass die andere Seite den Fehler bei sich sucht und mehr Zuwendung gibt. Langfristig kann der Effekt jedoch umschlagen, weil sich rausstellt, dass die Angst gar keinen Bezug zum realen Leben hat.

Was kann ich denn tun, wenn die Angst bleibt, obwohl mein Partner mir versichert, dass alles in Ordnung ist?

Ich muss mich entscheiden, ob ich vertraue oder weiter zweifele. Vertrauen ist immer meine Sache, nicht die des anderen. Natürlich kann ich mich täuschen, denn es gibt keine absolute Sicherheit. Aber mir wird es immer bessergehen, wenn ich mich klar positioniert habe. Manchmal hilft auch Psychotherapie.

"Gerade bei der Eifersucht ist Verlustangst ein zugrundeliegendes Gefühl."

Und wie sähe so ein Therapie aus?

Da würde man schauen, wie die Beziehung konkret aussieht. Verhält sich der Partner problematisch, ist er arbeitsbedingt nicht erreichbar? Dann vergleicht man die Ängste mit der realen Situation. Als nächstes kann man schauen, wie die Kindheit aussah, um darüber eine Erklärung für die Ängste zu finden.

Das Schwierige ist, und das spielt nicht nur bei der Verlustangst eine Rolle, dass es keine hundertprozentige Gewissheit gibt. Wichtig ist zu lernen, dass ich keine volle Sicherheit, geschweige denn eine totale Kontrolle, über mein Leben haben kann. Sobald ich das hinkriege, gewinne ich einiges an Souveränität zurück.

Aber nicht jeder ist krankhaft eifersüchtig. Was kann man denn machen, wenn immer wieder die Angst aufkommt, dass mein Partner mich verlässt?

Ansprechen! Darüber reden. Kontakt mit einem Problem ist immer besser, als vermeiden, weil wegschieben nicht funktioniert. Im Dialog mit dem Partner habe ich immer auch die Chance, der Realität näherzukommen.

In dem Fall wäre es doch ein Ansatz, die Emotionen von den Gedanken zu trennen.

Das Problem dabei ist, dass wir Menschen sehr begabt darin sind, zu denken und uns dabei von unseren Gefühlen oder Wahrnehmungen immer mehr zu entfernen. Was aber gar nicht funktioniert, ist Gefühle durch denken zu verändern. Gerade bei der Eifersucht ist Verlustangst ein zugrundeliegendes Gefühl. Und dann zu probieren, diese Angst durch Gedankenkontrolle zu beeinflussen, klappt nicht. Dafür ist unser Denken nicht gemacht.

Welche Möglichkeiten bleiben dann noch?

Ich kann mich nur auf diese Gefühle einlassen und schauen, wie viel Realität dahintersteckt und wie ich damit leben kann. Menschen mit Verlustangst können lernen, wie viel mehr dieses starke Gefühl mit der Kindheit, als mit der Gegenwart zusammenhängt. Und dass immer ein Rest Ungewissheit bleibt. Wir können nicht in einen anderen Menschen reinschauen und das ist auch gut so.

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