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Virologe Hendrik Streeck bei der Pressekonferenz am Donnerstag, in der er die Zwischenergebnisse seiner Corona-Studie aus Heinsberg vorstellte. Bild: www.imago-images.de / Jens Krick via www.imago-images.de

Analyse

Corona-Studie aus Heinsberg macht Hoffnung – doch Virologen erkennen schwere Fehler

Vor wenigen Wochen noch hätten die meisten Menschen Heinsberg nicht einmal grob auf der Deutschlandkarte verorten können. Nun blickt gefühlt die gesamte Bevölkerung auf die knapp 42.000-Seelen-Kreisstadt: Denn hier wird aktuell eine Studie durchgeführt, die weitere Schlüsse zum Coronavirus ergeben könnte.

Geleitet wird die Studie von Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn. Er gilt als der Virologe, der die meisten Corona-Patienten Deutschlands persönlich getroffen hat. Mithilfe der Studie erforschen er und sein Team unter anderem Ansteckungsverläufe und Sterberaten, um schließlich wichtige Antworten für die Politik zu ermitteln: Wie und wann können wir die aktuellen Maßnahmen zur Abflachung der Corona-Pandemie lockern?

Experten wie Drosten und Krause zweifeln an der Richtigkeit der Ergebnisse

Nachdem am Donnerstag erste Zwischenergebnisse der Studie verkündet worden sind, werden nun kritische Stimmen von Experten laut, die warnen, voreilige Schlüsse zu ziehen: Allen voran sind es der renommierte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité und der Infektionsepidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung, die teils schwere methodische Fehler erkennen.

Laut der Zwischenergebnisse aus dem Ort Gangelt im Landkreis Heinsberg zeigt sich, dass etwa 14 Prozent der dortigen Bevölkerung immun gegen das Virus seien. Getestet wurden dafür bisher 500 der 1000 Einwohner aus 400 Haushalten, die sich für die Studie gemeldet haben.

Die positive Nachricht, dass fast jeder siebte Einwohner von Gangelt bereist immun gegen das Coronavirus sei, ließ Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gleich mögliche Lockerungen der strikten Maßnahmen in Aussicht stellen.

Doch genau hier, bei der Immunität gegen das Coronavirus, könnte sich ein Fehler verstecken: Denn es gibt noch keinen Test, der Sars-CoV-2 zuverlässig nachweisen kann.

"Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht."

Christian Drosten kritisierte, dass die Ergebnisse der Heinsberger Studie in einer Pressekonferenz bekannt gegeben wurden.

Laut Experten wie Krause oder Drosten sei das Problem, dass aktuelle Antikörpertests zwar Coronaviren nachweisen können, allerdings auch diejenigen, die es in Deutschland schon seit langem gibt und die für bis zu einem Drittel der Erkältungen hierzulande verantwortlich seien.

"Wir sind jetzt im Moment gerade mal einen Monat nach dem Ende der Erkältungssaison", sagte Drosten nach der Pressekonferenz am Donnerstag laut der "Süddeutschen Zeitung". Wer in den letzten Monaten eine Erkältung hatte, die von einem der vier anderen Coronavirus-Typen ausgelöst worden ist, trägt die Antikörper noch in sich. Ein Antikörpertest würde auch bei diesen harmloseren Erregern positiv ausschlagen, nicht nur beim neuartigen Coronavirus.

Nach Angaben des Helmholtz-Instituts könne Sars-CoV-2 nur mithilfe eines aufwendigen Neutralisationstests nachgewiesen werden. Diese wurden in der Heinsberger Studie von Streecks Team offenbar nicht angewandt. Insofern könnte das Ergebnis, dass 14 Prozent der dortigen Einwohner bereits immun seien, durch andere Erkältungserreger verzerrt sein.

Ergebnisse aus Heinsberg können nicht auf Gesamtgesellschaft übertragen werden

Auch herrschen Unklarheiten zur genauen Zusammensetzung der Stichprobe. So hat Streeck alle Personen eines jeweiligen Haushalts auf das Coronavirus getestet. Will man hier nun Schlüsse zur Ansteckungsrate ziehen, müsse man bei der Umrechnung der Resultate vorsichtig sein. So sagt der Epidemiologe Krause:

"Man darf dann keineswegs alle Ergebnisse aus diesen Haushalten nehmen und in Prozent umrechnen, sondern allenfalls eine Person pro Haushalt."

Bereinigt man die Zahlen vorher nicht, erhält man einen überhöhten Prozentsatz für die Immunität. Denn die Ansteckungsbegebenheiten innerhalb eines Haushalts entsprechen nicht den realen Bedingungen, die sich auf die gesamte Gesellschaft übertragen ließen. Personen, die zusammen leben, stecken sich schneller untereinander an.

Auch der Virologe Alexander Kekulé zeigt sich in seinem Podcast "Kekulés Corona-Kompass" von Donnerstag skeptisch. Er bemängelt vor allem, die Stichprobe in Heinsberg lasse sich generell nicht auf Deutschland übertragen. Wären die ermittelten 14 Prozent, die immun sind, lediglich Personen, "die absolut keine Symptome hätten, dann wäre das ein guter Schätzwert, den man auf andere Regionen auch übertragen könnte."

"Wenn Sie eine Stichprobe an einem Ort machen, in dem es gerade einen akuten Ausbruch gegeben hat, dann kann man das auf keinen Fall auf ganz Deutschland beziehen."

Alexander Kekulé im Podcast "Kekulés Corona-Kompass"

Allerdings betonte auch schon Gunter Hartmann, ein ebenfalls an der Studie beteiligter Forscher, dass die Zahlen nicht auf das gesamte Bundesgebiet übertragbar seien. Die Unklarheiten zur Stichprobe bleiben dennoch bestehen.

Das Coronavirus braucht Zeit, bis wir die richtigen Schlüsse ziehen können

Es ist verständlich, dass die Hoffnung auf Studien wie der in Heinsberg groß sind, ebenso wie das Verlangen, möglichst schnell Handlungsempfehlungen daraus zu ziehen. Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus stellen eine psychische und wirtschaftliche Belastung nicht nur für Deutschland, sondern nahezu die ganze Welt dar.

Dennoch könnten voreilige Schlüsse nun verheerende Konsequenzen mit sich ziehen, wie zum Beispiel ein erneuter sprunghafter Anstieg der Covid-19-Fälle, sollte die bestehenden Maßnahmen zu schnell gelockert werden. Selbst Streeck betonte vergangene Woche bei "Markus Lanz" im ZDF, das Virus brauche Zeit. Denn nur so können wir mit Sicherheit sagen, welche Maßnahmen tatsächlich wirken – und ab wann.

Die Kritik der Experten ist demnach auch als Appell an die Politiker zu verstehen, nicht vorschnell zu handeln. Es sieht aus, als müssten wir uns noch ein wenig gedulden, bis Entwarnung in Hinblick auf die Corona-Pandemie angesagt ist.

(ak)

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