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In den USA bekommen Impfwillige Freibier geschenkt. Bild: E+ / Vladimir Vladimirov

Freibier, Geld oder ein lebendes Huhn – wie sinnvoll sind Impfbelohnungen?

Luisa-Marie Kauzmann
Luisa-Marie Kauzmann

Im Herbst 2020 war er bereits angekündigt, im Dezember 2021 dann endlich da: der erste Impfstoff (von Biontech) gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Während zu Beginn der Impfsaison der Andrang bezüglich Impfterminen groß war, setzt inzwischen, also ein halbes Jahr später, bereits die Impfmüdigkeit ein.

Um Anreize für Corona-Impfungen zu schaffen, werden die Länder jetzt auf individuelle Weise kreativ: Konzert-Gutscheine, Eier oder Eiscreme winken als Geschenk für Impfwillige. Jedoch bleibt die Frage offen, wie effizient diese Maßnahmen für das Ziel, möglichst viele Menschen durchzuimpfen, tatsächlich sind.

Die Impfmüdigkeit zeigt sich auch darin, dass Impftermine in Deutschland bereits wesentlich einfacher zu ergattern sind, obwohl die Impf-Priorisierung erst seit dem 7. Juni aufgehoben ist und sich jetzt jeder gesunde Erwachsene impfen kann. Jedoch kristallisieren sich nach dem ersten Ansturm auf die Impfungen viele Menschen heraus, die Zweifel am Impfstoff haben oder aus Bequemlichkeit auf die Wirkung der sogenannten "Herdenimmunität" warten.

Gegen Impfmüdigkeit und Delta-Variante – Länder locken nach dem Belohnungsprinzip zum Impftermin

Das Robert Koch-Institut hatte im Rahmen von Corona ein Impf-Ziel von 80 Prozent gesetzt. Seit Ausbruch der ansteckenderen Delta-Variante wurde dieser Prozentsatz nun auf 85 Prozent erhöht. Während die Bundesregierung derzeit über mögliche Sanktionen diskutiert, wenn Impftermine nicht wahrgenommen werden, setzen einige Länder hingegen auf das Belohnungsprinzip: Zur Impfung gibt es ein Geschenk dazu. Die Geschenke fallen je nach Land jedoch sehr unterschiedlich aus – teils sogar kurios.

USA

Die USA haben in jedem Fall das skurrilste und am weitesten gefächerte Angebot. Von Freigetränken über Gratis-Joints oder Kreuzfahrten bis hin zu Waffen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Bundesstaaten, Kommunen und Unternehmen locken die Bürger, um die aktuelle Stagnation der Impfungen zu bekämpfen. In den Städten Ohio, Kalifornien oder New York sind sogar Millionen von US-Dollar für Impfwillige zur Verlosung ausgeschrieben.

Indonesien

In der indonesischen Stadt Cipanas verteilen Ärzte Impfungen an der Haustür. Wer sich bereitwillig impfen lässt und über 45 Jahre alt ist, bekommt nach dem Impfen ein lebendes Huhn dazu geschenkt. Dies teilte der US-amerikanische Sender CNN mit. Die Aufklärung über die Impfung fehlt in Indonesien weitestgehend, sodass die Menschen Angst vor dem unbekannten Impfstoff haben. Insbesondere für arme und ältere Menschen sollen damit Anreize geschaffen werden.

Griechenland

Griechenland setzt auf das Ansprechen der jungen Generation: hier erhalten 18- bis 25-Jährige ab Mitte Juli 150 Euro für ihre Impfung. Direkt aufs Smartphone oder die Kreditkarte. Dieses Guthaben kann für Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Theater- und Kinobesuche oder Hotels und Flugtickets verwendet werden.

China

In der chinesischen Stadt Wuhan, in der alles seinen Anfang nahm, werden die Bürger mit zwei Schachteln Eiern, Hähnchenschenkeln oder Eiscreme zum Impftermin komplimentiert. Die angekündigte Impfquote von 40 Prozent zu Ende Juni wurde damit jedoch nicht erreicht.

Russland

In der russischen Hauptstadt Moskau gibt es zahlreiche Verlosungen, bei welchen der Gewinner oder die Gewinnerin bis zu fünf Autos oder eine Eigentumswohnung erhält, wenn sie sich vorher impfen lässt. Die Idee ging vom amtierenden Bürgermeister aus, da die Impfungen in Russland nur schleppend vorangehen. Einige Regionalregierungen legten die Impfung deshalb in branchenspezifischen Berufsbereichen bereits als Pflicht fest.

Motivationspsychologe findet Belohnungs fürs Impfen sinnvoll

Obgleich Deutschland mit einer Impfbereitschaft, bei der über die Hälfte aller Bundesbürger bereits mindestens einmal geimpft ist, noch relativ weit vorn liegt, ist auch hier eine Verlangsamung der Impfgeschwindigkeit zu erkennen. Die Liste der motivierenden Geschenke durch einzelne Länder liest sich erheiternd. Doch wie effektiv und sinnvoll kann eine solche Belohnungsstrategie sein?

" Wenn ich (...) nur schwer einen Impftermin erhalte und dann auch noch ans andere Ende der Stadt fahren muss, hemmt mich das in meiner Motivation."

Motivationspsychologe und Buchautor Dr. Martin Krengel setzt mehr auf die Symbolhaftigkeit einer Motivation zur Impfung. Im Interview mit watson äußert sich Krengel auf die Frage, ob die Anwendung einer Motivationstechnik beim Impfen generell Sinn mache, recht optimistisch. Menschen würden aus psychologischer Sicht Motive bündeln, welche ihr Handeln auslösen. Diese Motive können laut Krengel förderlicher oder hemmender Natur sein. In der Corona-Politik in Deutschland seien die fördernden Motive weitaus niedriger, was ein Handeln hinsichtlich einer Impfung erschwere.

"Wenn ich zum Beispiel nur schwer einen Impftermin erhalte und dann auch noch ans andere Ende der Stadt fahren muss, hemmt mich das in meiner Motivation", sagt Krengel gegenüber watson. Um die politischen Ziele zu erreichen, sei eine fördernde Motivation im Sinne einer symbolischen Belohnung also keine schlechte Idee. Es sollten so viele positive Anreize, wie möglich geschaffen werden, damit im Sinne der Gesundheit gehandelt werden könne.

Krengel betont, dass wir uns in Deutschland in der privilegierten Lage befänden. Und zwar, weil wir uns freiwillig zur Impfung entscheiden dürften und durch die Medien gut aufgeklärt seien. Ein kleiner symbolhafter Anreiz wie zum Beispiel ein Durstlöscher zum vollbrachten Impfen oder die Bewusstmachung, damit das Risiko für Verwandte gesenkt zu haben, könne nicht verkehrt sein. Damit sei kein materieller Wert an die Impfung geknüpft, sondern vielmehr der Weg zum Ziel erleichtert.

Für Deutschland sind keine Impfanreize vorgesehen

In Deutschland gab es seit Anfang April einige einzelne Aktionen. Bei Edeka Nord konnte man Einkaufsgutscheine, die auf bis zu 50 Euro ausgestellt waren, erhalten, wenn man sich impfen ließ. In einem schwäbischen Pflegeheim wurde von der Geschäftsführung eine Flasche Eierlikör an die jeweilige geimpfte Pflegekraft herausgegeben.

Der Fernsehsender WDR berichtete von US-amerikanische Forschern, die in einer Studie ermittelt haben, dass eine Impfmotivation durch hohe Belohnung ein neues Problem darstellt. Menschen würden bei unterschiedlicher Prämierung der Impfung den Wert der Prämie abwägen und sich danach entscheiden, ob sie sich impfen lassen. Mit diesem Abgleich steigt und sinkt auch der Wert der Impfung automatisch. Was hierbei fehlt, ist jegliche Aufklärung über die Impfung selbst.

Der deutsche Staat plant derzeit keine Prämierung der Impfungen. Denn trotz der abnehmenden Impfgeschwindigkeit gibt es in Deutschland weiterhin zahlreiche Menschen, die vergeblich auf ihren Impftermin warten und auf freie Plätze hoffen. Bleibt die Lage diesbezüglich zwiegespalten, scheint eine Notwendigkeit für großflächige belohnende Maßnahmen erst einmal nicht als notwendig erachtet zu werden.

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