Dichtes Gedränge vor und in den Zügen des Nah- und Fernverkehrs. Auch an Flughäfen sieht die Situation ähnlich aus.
Dichtes Gedränge vor und in den Zügen des Nah- und Fernverkehrs. Auch an Flughäfen sieht die Situation ähnlich aus.Bild: imago images / Ralph Peters
Analyse

Überfüllte Züge und dichtes Gedränge zur Weihnachtsreisezeit: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr und wie soll 3G umgesetzt werden? Das sagen Deutsche Bahn, Airlines und der ÖPNV

17.11.2021, 15:5117.11.2021, 18:45

Ein Bild, das sich aktuell an vielen Bahnhöfen und Flughäfen zeigt: Menschen, die in den Zügen auf dem Boden sitzen und in überfüllten Flugterminals auf ihre Koffer warten. Im Herbst nimmt das Reisen vor allem mit Blick auf Weihnachten wieder stark zu. Angesichts der explodierenden Corona-Infektionszahlen kann das ziemlich beunruhigend sein.

Wie passen eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 319,5 und täglich neue Rekorde an Tageshöchstständen von bis zu 52.826 Neu-Infektionen mit vollen Bahnhöfen und Flughäfen zusammen? Viele Menschen werden sich diese Frage bei der Weihnachtsplanung stellen. Grünen-Chef Robert Habeck und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordern daher nun eine Einführung von 3G-Regeln für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Doch ist das in der Realität umsetzbar? Und herrscht beim Reisen mit der Bahn oder mit dem Flugzeug wirklich so eine hohe Ansteckungsgefahr? watson hat bei Epidemiologe Timo Ulrichs, der Bahn, dem Fahrgast Pro Bahn, dem Bundesverband für deutsche Luftverkehrswirtschaft, verschiedenen Airlines und dem öffentlichen Nahverkehr in deutschen Städten nachgefragt.

Deutsche Bahn unterstützt 3G-Forderung der Ampel

Eine Diskussion um die 3G-Regeln in öffentlichen Verkehrsmitteln wurde bereits im Sommer 2021 diskutiert. Das Gegenargument damals: Die Maßnahmen wären "praktisch nicht durchführbar", wie es in einem Papier des Verkehrs-, Gesund­heits- und Innenressorts hieß. Dies wurde auch von Verkehrsunternehmen unterstützt.

Heute scheint die Situation eine andere: Denn die Deutsche Bahn erklärte gegenüber der "Bild", sie wolle die Politik "bei der geplanten Einführung der 3G-Regeln im öffentlichen Nah- und Fernverkehr" unterstützen. Sie werde alles unternehmen, um in der sich zunehmend zuspitzenden Lage bei der Eindämmung der Corona-Pandemie konstruktiv mitzuwirken. Die Kontrolle der 3G-Regeln müsse außerdem durch die zuständigen Behörden erfolgen.

Watson hat bei der Deutschen Bahn nachgefragt, wie die diskutierten 3G-Maßnahmen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr umgesetzt werden könnten. Dazu wollte sich die DB zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern.

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Polizei weist Zuständigkeit von sich: "Wir sind keine Gesundheitspolizei"

Polizeigewerkschaften sehen die Aufgabe, die Maßnahmen zu kontrollieren, bei den Verkehrsbetrieben und der Bahn selbst: "Wir sind keine Gesundheitspolizei", sagte Andreas Roßkopf, der Vorsitzende des Bezirks Bundespolizei der Gewerkschaft der Polizei dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland". Weiter betonte er:

"3G in Bus und Bahn müssen die DB und die anderen Verkehrsunternehmen mit ihren eigenen Sicherheitsdiensten und Zugbegleitern kontrollieren."

Die örtlichen Verkehrsbetriebe hingegen weisen aber die Verantwortung von sich, die Maßnahmen durchzusetzen, die bereits jetzt gelten – auch ohne 3G. Sie sind der Meinung, dass die Mitarbeitenden des öffentlichen Nahverkehrs nicht dazu befugt seien, das Tragen einer Maske durchzusetzen oder Bußgelder zu verhängen. "Im Falle einer Eskalation" werde die Bundespolizei hinzugerufen, teilt Sabrina Walter, Sprecherin der Hessischen Landesbahn, auf Anfrage von watson mit.

Auch ein Bahn-Sprecher weist die Durchsetzung der Maßnahmen der Bundespolizei zu: "Ordnungspolitische Aufgaben obliegen grundsätzlich der Polizei und den Ordnungsbehörden". Es kann bis zu einem Beförderungsausschluss führen. "Dazu kann die Bundespolizei hinzugezogen werden", sagt er auf Anfrage.

"Zugbegleiter sind keine Hilfpolizisten"

Der Vize-Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, sieht das ähnlich. "Es ist nachvollziehbar, dass es in der sich verschärfenden Corona-Lage solche Maßnahmen gibt. Aber die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sind keine Hilfspolizisten", sagte er dem "RND". Er sieht die Bundespolizei ebenfalls in der Pflicht, die 3G-Regeln zu kontrollieren: "Es kann höchstens stichprobenartige Kontrollen von 3G während der Fahrt geben, diese muss die Bundespolizei durchführen."

Die aktuelle Diskussion wirft die Frage auf: Ist eine Einführung von 3G in Zügen und Flugzeugen überhaupt durchsetzbar?

Gedränge am Hamburger Hauptbahnhof.
Gedränge am Hamburger Hauptbahnhof.Bild: www.imago-images.de / Eibner-Pressefoto

Epidemiologe Ulrichs reicht 3G nicht aus

Der Epidemiologe Timo Ulrichs geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt auf Anfrage von watson sogar die Einführung von 2G-Maßnahmen in öffentlichen Verkehrsmitteln, "weil die Testungen sehr fehlerbehaftet sind". "Noch besser wäre, auf Reisen im Herbst und Winter nach Möglichkeit zu verzichten", so Ulrichs im Hinblick auf die Weihnachtssaison, in der erfahrungsgemäß ein erhöhtes Fahrgastaufkommen erwartet wird.

Ulrichs fordert von den Flug- und Bahngesellschaften, die geplanten 3G-Regelungen möglichst schnell einzuführen und sie vor allem bis 2022 durchzuhalten:

"Neben einem Appell an Geimpfte und noch mehr an Ungeimpfte, die Reisetätigkeit nach Möglichkeit stark einzuschränken, sollten sich Fluggesellschaften und die Bahn überlegen, bereits vor der Weihnachtsreisewelle eine 2G- oder 3G-Regelung einzuführen und dann über die Feiertage und bis ins Neue Jahr durchzuhalten."

Die Deutsche Bahn plant, abgesehen von den diskutierten 3G-Regeln im Nah- und Fernverkehr, für den anstehenden Weihnachtsverkehr als weitere Maßnahme mehr als 50.000 zusätzliche Sitzplätze im Vergleich zum Vorjahr anzubieten, teilt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage mit.

Deutsche Bahn steht "in ständigem Austausch mit Behörden"

"Wir stehen zu Corona weiterhin in ständigem Austausch mit den Ministerien und Behörden von Bund und Ländern", betont die Sprecherin gegenüber watson. "Diesen Verordnungen folgen wir und setzen diese um", sagt sie.

Und auch im öffentlichen Nahverkehr soll, trotz der weiter steigenden Corona-Neuinfektionen, der Schutz der Fahrgäste gewährleistet bleiben. So teilt auf Anfrage von watson ein Sprecher der Deutschen Bahn mit: "Bei den S-Bahn-Zügen lassen wir zu Lüftungszwecken die Türen bei jedem Halt automatisch öffnen." Und weiter:

"Auch in DB Regio-Zügen wird eine ausreichende Luftzirkulation gewährleistet. Diese ergibt sich zum einen durch die zahlreichen Halte im Regional- und S-Bahn-Verkehr und dem damit verbundenen häufigen Öffnen der Türen. Zum anderen erfolgt in den Klimaanlagen eine Frischluftbeimischung."
Fahrgäste in einer U-Bahn der Münchner Verkehrsbetriebe (MVG).
Fahrgäste in einer U-Bahn der Münchner Verkehrsbetriebe (MVG).Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann/SVEN SIMON

Verkehrsbetrieb in Berlin gibt Entwarnung: "Nicht an der Kapazitätsgrenze"

Im Hinblick auf die Weihnachtszeit schlagen die regionalen Verkehrsbetriebe jedoch noch keinen Alarm. Nils Kremmin, Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), teilt auf Anfrage von watson mit: "Wir haben bei einer Nachfrage von 80 Prozent gegenüber der Vor-Corona-Zeit aktuell noch vergleichsweise viel Platz in unseren Fahrzeugen. Selbst in Ausnahmesituationen, wie den jüngsten Streiks bei der S-Bahn, sind wir nicht an die Kapazitätsgrenze gestoßen."

"Unter den beschriebenen Rahmenbedingungen und bei allen Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung sind wir auch auf die Weihnachtszeit gut vorbereitet."

Kremmin sieht die BVG auf die Weihnachtszeit gut vorbereitet. Ähnlich wie die DB fährt die BVG bei einer Nachfrage von 80 Prozent des Vor-Corona-Niveaus ihr volles Angebot an Verkehrsmitteln auf, erklärte er gegenüber watson. Aktuell gelte die Infektionsschutzverordnung des Landes Berlin, sagte Kremmin weiter. "Zentrales Element: In all unseren Fahrzeugen und Bahnhöfen gilt weiterhin die Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske." Die Maskenpflicht werde, so zumindest der aktuelle Konsens, konsequent umgesetzt und auch von den Fahrgästen angenommen. Kremmin erklärt auf Anfrage von watson weiter:

"Nach allem, was wir wissen und bisherige Studien belegen, sind Busse und Bahnen im Nahverkehr kein Ort mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. Das liegt unter anderem daran, dass wir durch Fenster, Klima- und Lüftungsanlagen sowie das ständige Öffnen der Türen einen regelmäßigen Luftaustausch in den Fahrzeugen haben. Das liegt aber sicher auch an der konsequenten Umsetzung der Maskenpflicht."

Auch die Stadtwerke München (SWM), zu denen die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zählt, spricht von einer Einhaltung der Maskenpflicht unter den Fahrgästen von nahezu 100 Prozent. "Nach unseren Beobachtungen werden die Regeln sehr gut eingehalten", teilte Sprecher Johannes Boos auf Anfrage von watson mit.

HVV sieht Fahrgäste deutlich in der Pflicht

Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) spricht ebenfalls von einer "hohen Maskentragequote". Regelmäßiges Lüften und Hygieneteams in Corona-Zeiten schaffen laut Sprecher Christoph Kreienbaum ein hohes Maß an Sicherheit für die Fahrgäste. Darüber hinaus sagt der HVV-Sprecher: "Es wirkt so, als wären wir gefordert, allen Fahrgästen Sicherheit vor Corona zu bieten. Bei allem Respekt vor uns selbst, halte ich das für eine falsche Erwartungshaltung. Wenn sich Menschen nicht impfen lassen (aus welchen Gründen auch immer) können wir als Verkehrsunternehmen das nicht durch welche Maßnahmen auch immer ausgleichen. Wenn sich Menschen im 5-Minuten-Takt dennoch auf die erste U-Bahn stürzen, als wenn es die letzte U-Bahn an diesem Tag wäre, dann können wir dort auch nur appellieren oder die Medien auffordern, den Menschen einmal den Spiegel vorzuhalten."

Keine Staus auf Bahnsteigen

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn beobachtet eine konsequente Umsetzung der Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Karl-Peter Naumann, Sprecher des Bundesverbands Pro Bahn Hamburg, sagt auf Anfrage von watson: "Die Kunden machen größtenteils mit – es gibt nur ganz wenige Ausnahmen." Die Verkehrsbetriebe würden tun, was sie können, betont Naumann gegenüber watson. Doch vor allem im Hinblick auf die Weihnachtszeit mahnt der Sprecher: "Die Bahnen müssen versuchen, pünktlich zu sein, um Staus auf Bahnsteigen zu vermeiden."

Dicht an dicht warten Passagiere an einem Flughafen auf ihre Koffer. Eine Maske wird getragen, der Abstand nicht immer eingehalten.
Dicht an dicht warten Passagiere an einem Flughafen auf ihre Koffer. Eine Maske wird getragen, der Abstand nicht immer eingehalten.Bild: www.imago-images.de / Wang Ying

Lufthansa: "Risiko, sich während Flugreise anzustecken, ist extrem gering"

Angesichts der überfüllten Bahnhöfe und den weiter steigenden Infektionszahlen stellen sich Reisende aktuell auch die Frage, ob Fliegen sogar die sicherere Reise-Möglichkeit darstellt. Bettina Rittberger, eine Sprecherin der Lufthansa Group, teilt dazu auf Anfrage von watson mit, dass "das Risiko, sich während einer Flugreise mit dem Virus anzustecken, extrem gering" sei. "Flugzeuge der Lufthansa Group Airlines sind mit hochaktiven Filtern ausgestattet, die die Kabinenluft von Verunreinigungen wie Staub, Bakterien und Viren säubern", erklärt sie. Dazu, wie die geplanten 3G-Regeln im Flugverkehr umgesetzt werden könnten, wollte sich die Lufthansa Group gegenüber watson zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äußern.

Der Bundesverband für Deutsche Luftwirtschaft (BDL) erklärt auf Anfrage von watson, dass "dort, wo im internationalen Verkehr eine 3G-Pflicht gilt", diese auch kontrolliert werde. "In Deutschland finden hierzu auch stichprobenartig Kontrollen der Bundespolizei statt", sagt Sprecher Ivo Rzegotta.

Auch die Fluggesellschaft Ryanair teilt mit, ihre Flugzeuge seien "mit HEPA-Filtern ausgestattet, die 99 Prozent der in der Luft befindlichen Partikel, einschließlich SARs-CoV-2-Tröpfchen, aus der Kabine entfernen". Zudem würde jedes Flugzeug täglich gereinigt und desinfiziert werden, erklärt Sprecherin Franziska Berblinger auf Nachfrage.

Ulrichs: "Zug ist sicherer als das Flugzeug"

Dennoch schreibt Epidemiologe Timo Ulrichs dem Zugverkehr eine höhere Sicherheit bezüglich der Corona-Ansteckungsrate zu:

"Es hat sich in den vergangenen Pandemiemonaten herausgestellt, dass beide Verkehrsmittel ziemlich sicher sind – auch wenn Ansteckungen nur schwer auf die Situation in Zug oder Flugzeug zurückzuführen sind. Der Zug ist sicherer als das Flugzeug."

Ulrichs begründet dies gegenüber watson zum Beispiel damit, dass in der Bahn durch häufige Halte und Türöffnen ein Luftaustausch stattfinden kann. Außerdem besteht in den Zügen ein größerer gemeinsamer Luftraum sowie eine geringere Verweildauer als bei einer Flugreise. Hinzu kommt, dass bei der Bahn die jeweilige Auslastung angezeigt werden würde und die Fahrten danach von Reisenden besser planbar wären. Einen Nachteil führt der Epidemiologe dennoch an: Es erfolgt nur wenig Luftfilterung in den Zügen.

Kulturgenuss trotz steigender Inzidenzen: Digitale Angebote machen es möglich

Eine Horde Menschen drängelt sich vor dem Eingang der Staatsoper in Berlin. Der Altersdurchschnitt liegt in etwa bei 25 Jahren. Dieser für die altehrwürdige Staatsoper ungewohnt junge Menschenauflauf ist einer Aktion der "Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden e.V." geschuldet: Seit dem 9. Oktober bekamen unter 30-Jährige in der die Staatsoper Unter den Linden für einen Bruchteil des sonstigen Ticketpreises Ballett, Oper und Konzerte geboten. Die sechswöchige Aktion war eine von vielen, die insbesondere die jungen Leute nach einer langen Zeit der Corona-geschuldeten Abstinenz zurück in Kunst- und Kulturstätten bringen sollte.

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