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Momentan sieht es in den meisten Kinos in Deutschland noch so aus. Bild: Getty Images

Analyse

Kino und Corona: Warum Betreiber erstmal nicht öffnen wollen

Seit Wochen ist der Vorhang gefallen, die Kinos sind dicht. Kein Abspann, keine dramatische Musik, nur trostloses Schweigen in leeren Sälen. Schon zu lange werfen die Projektoren dort keine Bilder mehr auf die Leinwände. Doch die derzeit tristen Kinos könnten sich bald mit neuem Leben füllen. Zumindest in einigen Bundesländern.

In Hessen dürfen die Kinos sogar bereits seit dem 9. Mai wieder öffnen. Weitere Länder, darunter Nordrhein-Westfalen, wollen Ende des Monats nachziehen. Klingt nach einem Fest für ausgehungerte Filmfans. Aber in Hessen sind von den rund 105 Kinos bisher nur etwa zehn geöffnet. Die meisten bleiben wohl weiterhin geschlossen. Aus mehreren Gründen.

Wenn zu wenig Platz ist

Wie in allen anderen öffentlichen Bereichen gilt es auch in Kinos, das Infektionsrisiko tunlichst zu vermeiden. Zwar hat die hessische Regierung ungefähr definiert, worauf Kinobetreiber künftig achten müssen, doch ganz so einfach umsetzen lassen sich die Vorgaben nicht.

Desinfektionsmittel müssen besorgt und verteilt, Plexiglasscheiben vor den Tresen aufgebaut und die Sitze in den Sälen an die Abstandsregeln angepasst werden. Das alles lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen. Jeder Schritt muss minutiös geplant werden.

Doch egal wie gut ein Konzept am Ende auch aussehen mag, lohnen wird sich eine Wiedereröffnung wohl bei den wenigsten. Grund ist die geringe Auslastung. Deshalb hält etwa Stefan Burger sein Kino im hessischen Langen weiterhin geschlossen. Im Gespräch mit watson sagt er:

"Es rentiert sich einfach nicht, wenn ich nur etwa ein Drittel meiner Sitze belegen kann."

Einnahmen aus Kartenverkäufen können das nicht aufwiegen. Zumal bis zu 50 Prozent der Erträge an den Filmverleih gehen. Aktuell zahlt Burger also nur die Miete für sein Kino. Das bereite ihm wenig Sorgen. Er habe finanziell konservativ geplant und ein gutes Verhältnis zum Vermieter.

Öffnet er aber, kommen unter anderem Ausgaben für Personal und Strom hinzu. Wenn weniger Kunden das Kino betreten, verändern sich die Kosten nicht. Wie auch? Projektoren und Beleuchtung können schließlich kaum auf die Auslastung abgestimmt werden. "Deshalb ist nur verständlich, dass die meisten hessischen Kinos noch geschlossen bleiben. Rein wirtschaftlich gesehen macht eine Öffnung derzeit wenig Sinn", sagt der Geschäftsführer des Film- und Kinobüros Hessen, Erwin Heberling.

Eine Heldenreise?

Außerdem sind die Säle während der Vorführungen meist dunkel. Ob sich alle Besucher an die Abstandsvorgaben halten, lässt sich kaum überprüfen. Schnell könnte sich jemand auf einen falschen Platz setzen und seinem Nachbarn ins Popcorn husten.

Es sind also viele Hürden. Eine reale Heldenreise könnte man meinen. Immerhin durchlaufen die Betreiber einen Prozess, in dem sie über sich hinauswachsen und gestärkt aus der aktuellen Situation hervorkommen können. Zumindest auf den ersten Blick. Denn selbst wenn sie langsam über jedes Hindernis hinwegkraxeln, wartet am Ende ein schier unüberwindbarer Brocken: die Filme.

Wenn es nichts zu zeigen gibt

Auch die Filmindustrie kämpft mit der Corona-Krise. Über 100 Filme, die im Frühling erscheinen sollten, wurden auf den Sommer verschoben – darunter Blockbuster wie "James Bond 007: Keine Zeit zu sterben" oder das "X Men"-Spin-Off "New Mutants".

Besonders problematisch: Da die Kinos geschlossen wurden, sehen Studios nur wenig Sinn darin, ihre Filme demnächst zu veröffentlichen. Kinos haben dadurch aber kein frisches Material, das sie zeigen können.

"Viele warten aktuell auf den Kinostart von Christopher Nolans neuem Film 'Tenet'. Nolan hat bewusst nicht verschoben, um Kinos zu unterstützen."

Stefan Burger

Dennoch braucht auch Burger eine weltweite Abdeckung. Und wenn die Kinos nicht überall aufmachen, bleibt das aus. Nolans Film allein kann hier nicht die Lösung sein, ein einheitlicher Öffnungstermin für alle Kinos schon. Laut Hauptverband Deutscher Filmtheater sollte der Betrieb bis spätestens Juli bundesweit wieder aufgenommen werden, um drohende Insolvenzen abzuwenden. Das Problem mit dem Hygienekonzept und der damit verbundenen geringeren Auslastung wird dadurch aber nicht verschwinden.

Altes Material soll Abhilfe leisten

Die wenigen geöffneten Kinos müssen also zunächst mit Zollstock die Abstände zwischen den Plätzen ausmessen und mit den Gästen, die teilweise in Gruppen kommen, Tetris spielen, nur um ihnen dann Filme zu zeigen, die bereits vor Monaten herauskamen. Viel Auswahl gibt es da nicht. Aktuell bleiben ihnen noch die "Känguru Chroniken". Die erschienen kurz vor dem Shutdown. Wer mag, kann den Film also in Hessen oder in einem Autokino nachholen.

Wenn die Gäste fernbleiben

Regeln für den Besuch und keine neuen Filme sind nicht die besten Voraussetzungen, um Kunden anzulocken. Leider sorgt die Corona-Krise für ein weiteres Problem: Wir bleiben zwangsläufig zu Hause, ergo greifen wir vermehrt auf Streamingdienste zurück. Aus Langeweile.

Außerdem veröffentlichte Universal Studios bereits seinen Animationsfilm "Trolls World Tour" online. Das entpuppte sich als Erfolg, weshalb das Filmstudio auch nach der Corona-Krise plant, Filme zeitgleich Kinos zur Verfügung zu stellen und als Stream anzubieten. Damit würde die Exklusivität der Kinos wegfallen.

Könnte das nicht so weitergehen, bis wir schlussendlich keine Kinos mehr brauchen? Nein, sagt Stefan Burger.

"Ich glaube, es wird eher einen positiven Effekt haben. Auch damals, als die ersten Videokassetten erschienen, erklärte man das Kino für tot. Trotzdem gab es gute Besucherzahlen. Ich selbst habe so viele Serien gesehen, sie kommen mir zu den Ohren wieder heraus. Wenn man ein tolles Produkt hat, werden die Leute das auch nutzen."

Das funktioniere über Kundennähe, die gerade kleine Kinos auszeichnet. Hier ein Gespräch über das Programm, da eine Diskussion über einen schlechten Film. All das vermittelt den Menschen ein positives Gefühl. Service ist also alles. Durch ihn bauen die Menschen eine Verbindung zu den Betreibern auf.

Wie stark die ausfallen kann, zeigt Burger. Er eröffnete sein Kino im Dezember vergangenen Jahres. In den drei Monaten, die er geöffnet hatte, traf er Besucherinnen und Besucher, die sich darüber freuten, endlich ein gemütliches Kino in ihrer Umgebung zu haben. Sich suchten das Gespräch, und er war da. Heute bekomme er viele Zuschriften, die ihm Mut machen sollen. "In meinem Briefkasten lag vor kurzem auch ein 20-Euro-Schein, auf dem 'Durchhalten' geschrieben stand."

Immer noch ein Stückchen Kultur

Natürlich wird die Corona-Phase einige Schäden mit sich bringen. Viele Kinobetreiber werden vielleicht keine Absprachen mit ihrem Vermieter treffen können oder genug auf der hohen Kante haben. Aber das Kino selbst wird wohl kaum daran zugrunde gehen. Es ist schließlich mehr als nur ein großes Wohnzimmer. "Kino bringt viele Leute zusammen. Es hat als Kulturort eine besondere Bedeutung", sagt Erwin Heberling.

Der Popcorngeruch in der Luft, die großen Säle mit den majestätischen Kinosesseln, die Diskussionen nach einem Film – das alles sorgt für Erinnerungen, die viele bereits mit nostalgischen Gefühlen verbinden dürften. So gemütlich es auch vor dem Fernseher sein kann, ein Filmabend vor der Glotze bleibt wohl kaum so in Erinnerung wie ein erstes Date im Kino.

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